Modrze, Annelise

Geb. 2.12.1901 in Kattowitz (Oberschlesien), gest. 14.8.1938 in Berlin.

 

1921 Reifeprüfung (Realgymnasium) in Hannover. Danach Stu­dium in den Fächern Deutsch, Philosophie und Geschichte in Heidel­berg und Breslau. 1924 Ergänzungsprüfung zum Abitur des humanisti­schen Gymnasiums in Breslau und Fortsetzung des Studiums in klas­sischer Philologie, Philosophie und Archäologie. 1930 promovierte M. in Breslau und machte dort auch noch das Staatsexamen für Latein und Griechisch. In dieser Zeit unterrichtete sie bereits an der dortigen Frauenberufsschule. Die Dissertation betreute R. Hoenigswald in Breslau, dem sie sie auch wid­mete: »Zum Problem der Schrift. Ein Beitrag zu ihrer Entzifferung«.[1]

Die Arbeit bemüht sich im Rahmen der neukantianischen Philosophie (vor allem ausgehend von R. Hoenigswald, aber auch gestützt auf Cassirer und Stenzel), eine semiotische Grundlage für die Schriftanalyse zu finden. Durchaus im Vorgriff auf neuere Arbeiten der phänomenologisch orientierten Schrifttheorie (insbes. von Derrida), in denen sie durchweg nicht berücksichtigt wird, entwickelt sie den Begriff der Artikulation als grundlegend für die Zeichen(praxis) – ausgehend von der Zeichentheorie der grie­chischen Philosophie (bzw. dem Begriff der Gliederung der Er­fahrung, dem peras).[2] In diesem Sinn ist Schrift nicht Abbildung von Gesprochenem, sondern Repräsentation von dessen Gliede­rung im Raum und in der Gleichzeitigkeit (S. 28) – in gewisser Weise also fundamentaler als die kommunikative Aktivität des Sprechens (S. 21ff.).

In einem Durch­gang durch die Geschichte der Schriftenentwicklung zeigt sie, wie ein unzureichender Schriftbegriff, die Vorstellung von globalen Symbolen als »Urzeichen«, und die fehlende funktionale (sic! – z.B. S. 13) Betrachtung der sprachlichen Fundierung der Schriftsysteme bzw. ihrer Praxis die Entzifferung behindert haben. In Auseinander­setzung mit psychologischen Arbeiten zur Schriftproblematik betont sie, daß diese nur kognitive Randbedingungen fassen, nicht aber die Schriftpraxis selbst, die als historische im Prozeß der Ent­faltung von Schriftmöglichkeiten zu begreifen ist, bestimmt durch die zu verschrif­tenden Sprachen – Reflexion auf Schrift ist notwen­digerweise Reflexion auf Schriften, Schrifttheorie ist Teil einer Theorie kultureller Praxis (S. 18, 39-40).

1931 begann sie eine bibliothekarische Ausbildung in Breslau, die sie 1932 an der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin fortsetzte und im September 1933 abschloß. In dieser Zeit hat sie im Bereich der Bibliothekskunde/Paläographie noch zwei Beiträge verfaßt, von denen einer 1934 erschienen ist.[3] 1932 veröffentlichte sie einen philosophischen Aufsatz über Poseidonios »Zur Ethik und Psychologie des Poseidonios bei Seneca im 92. Brief«[4] und arbeitete an der Realenzyklopädie für die klassische Altertumswissenschaft (»Pauly-Wissowa«) mit,[5] für die sie etwa 50 kleinere prosopographische Artikel verfaßte.

Konfrontiert mit der rassistischen Diskriminierung (sie war wie ihre Eltern protestantisch),[6] bemühte sie sich früh um die Emigration. Sie wandte sich an das englische Hilfskomitee für Displaced Scholars, in dessen Listen sie auch aufgeführt wird. Von diesem unterstützt (vermittelt auch über ihren Bruder, der bereits in England war) erhielt sie eine Stelle als Forschungsassistentin an der Bodleyan Bibliothek in Oxford (betreut mit paläographischen Aufgaben). Sie hatte offensichtlich große gesundheitliche Probleme. 1935 gab sie die Stelle in Oxford auf (ihr Vertrag lief noch bis 1936) und kehrte zu ihren Eltern nach Berlin zurück. Dort ist sie im Sommer 1938 verstorben. Als Ausdruck ihrer persönlichen Haltung sei aus ihrem Abschiedsbrief an den Direktor der Preußischen Staatsbibliothek vom 20.10.1933 zitiert: »Ob ich Deutsche bleiben darf, weiß ich nicht – der deutschen Wissenschaft und ihren Vertretern werde ich mich immer verbunden fühlen«.

Q: V (später auch in ausführlicher englischer Fassung in Oxford); LdS: temporary; Jahrbuch der Deutschen Bibliothek 25/1934: 229; Werner Schochow, »Annelise Modrze – unvollendet und vergessen«, in: ders: »Die Berliner Staatsbibliothek und ihr Umfeld«, Frankfurt/M.: Klostermann 2005: 345-362; Archiv der Preußischen Staatsbibliothek (Auskunft Frau Ziesche), dort Unterlagen im Archiv Schochow; Hinweise von H. Hoenigswald.



[1] Breslau: Freund 1930.

[2] gr. »Grenze« – im philosophischen Sprachgebrauch: Bestimmtes im Gegensatz zum apeiron, dem Unbestimmten.

[3] Sie erwähnt sie in ihren englischen Bewerbungsunterlagen, und auch der Direktor der Preußischen Staatsbibliothek, Emil Jacobs, nimmt auf sie in seinem detaillierten Gutachten/Empfehlungsschreiben vom 4.10.1934 Bezug, s. dazu Schochow (Q): 353.

 

[4] In: Philologus 87/1932: 300-333.

[5] Hg. von W. Kroll 1914-1937.

[6] Die Eltern wurden 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert, wo die Mutter starb, der Vater überleben konnte.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, 19. Juli 2013 um 13:53 Uhr