Mezger, Fritz

Geb. 15.10.1893 in Ilsfeld bei Heilbronn, gest. 9.6.1979 in King of Prussia, Pennsylvania/USA (bei Philadelphia).[1]

 

Nach dem Abitur 1911 studierte M. »Neuphilologie« und vergleichende Sprachwissenschaft in Tübingen, mit Auslandssemestern in Frankreich (Paris), England und der Schweiz. Von 1914-1918 nahm er am Weltkrieg teil (mehrfach verwundet), danach setzte er sein Studium in München und Berlin fort, wo er 1921 promovierte. Die Dissertation »Angelsächsische Völker- und Ländernamen«[2] stellt die toponymischen Belege im Altenglischen zusammen und analysiert formal die Formenvariation im chronologischen Verlauf, die orthographische Variation bezogen auf die lautgeschichtlich rekonstruierbaren Formen, mit ausführlicher Kontrolle durch die eventuellen lateinischen Schreibvorbilder. Seine Tätigkeit unmittelbar nach der Promotion war nicht zu ermitteln: seit 1927 lehrte er in Bryn Mawr (also vermutlich wohl in Verbindung mit Prokosch), seit 1928 als full professor bis zu seiner Emeritierung. Er starb 1979 an den Folgen eines Autounfalls.

Sein Arbeitsschwerpunkt war die vergleichende germanische Sprachwissenschaft, deren Horizont er systematisch erweiterte, zunächst im Indoeuropäischen, wo er entsprechend der damaligen Orientierung der neueren Diskussion (vor allen Dingen in den USA) zunächst zu den anatolischen Sprachen arbeitete. Seit 1930 war er bereits Mitglied der Linguistic Society of America. Eine erste Studie zu Wortbildungsproblemen im Hethitischen publizierte er 1939: »Hittite ḫa-aš-ša ḫa-an-za-aš-ša«.[3] Er publizierte eine Fülle von etymologischen Detailstudien, zumeist ausgehend von germanischen Belegen, vor allen Dingen im Altenglischen, Gotischen und Altnordischen, dann aber auch im Hethitischen und Lateinischen, z.B. »A semantic and stylistic study of Eddic brek, súsbreki«;[4] »Some Indo-European Formatives«.[5] Im Vordergrund stand dabei die formale Analyse, also die Etymologie im junggrammatischen Sinne, die er allerdings systematisch im Sinne einer Wortgeschichte kontrollierte: die Formanalyse stellte er in Wortfeldzusammenhänge mit Einschluß etwa von polarisierten Wortfeldern mit der Bildung von Antonymen, und die Bedeutung rekonstruierte er aus systematisch ausgewerteten Kollokationen und ihren Beschränkungen in der Textüberlieferung. Ein Beispiel dafür ist seine Rekonstruktion in: »Heth. huumant- ›jeder, ganz, all‹, gr. πᾶς, πᾶσα, πᾶν ›jeder, ganz, all‹, ai śáśvant- ›jeder der Reihe nach, vollständig, ganz‹«.[6]

Insofern verstand er seine Arbeitsweise ausdrücklich auch als kulturwissenschaftlich, wie er es als Abschluß einer eingehenden Studie zu einem bis heute nicht ganz geklärten Wortfeld von Urteil- und Fehdebezeichnung in den altgermanischen Sprachen programmatisch formuliert: »Danach ist die Sprachwissenschaft nur zu einem geringen Teil das Studium der Phoneme, der kleinsten Einheiten des Ausdrucks und ihrer Verteilung. Ihre Hauptaufgabe ist vielmehr die, allem dem nachzuspüren, was der menschliche Geist denkt, fühlt und will, die geistigen Gebilde zu erschließen in ihrem Aufbau und ihren Wirkungstendenzen, soweit dies alles sprachlich zugänglich ist [...] Die Sprachwissenschaft ist beschlossen in der Kulturwissenschaft«.[7]

Rein formale Analysen sind bei ihm selten, wie z.B. seine Rekonstruktion der Ablautverhältnisse in der 6. Klasse der germanischen starken Verben: »The verbal type faran in Germanic«.[8] Vielmehr erweiterte er später seine Arbeiten in einem kulturgeschichtlichen Sinne auch über den engeren sprachwissenschaftlichen Horizont hinaus und publizierte z.B. auch rechtsvergleichende Studien wie »The origin of a specific rule on adultery in the Germanic Laws«.[9] So stellte er auch bei seinen etymologischen Studien die Analyse von »Formwörtern« in derartige semantische Felder, wie z.B. seine Etymologie des Stammes der Reflexivpronomina in das Feld von Verwandtschaftsbezeichnungen: »Ie. se-, swe- and derivatives«.[10] In den letzten Jahren arbeitete er an einem Projekt der systematischen Darstellung solcher wortgeschichtlicher Zusammenhänge, die er ausdrücklich als begriffsgeschichtliche aufzubereiten forderte, s. dazu seinen Forschungsbericht auf dem 7. Internationalen Linguistenkongreß 1952 in London: »Systems of Linguistic Expression, Conceptual Dictionaries, and Dictionaries of Usage«[11] – in Auseinandersetzung mit den damals geführten Diskussionen um eine onomasiologische Aufbereitung des Wortschatzes, insbesondere auch bei von Wartburg. Zuletzt arbeitete er an einem großen Projekt eines vergleichenden germanischen Rechtswörterbuchs als Dokumentation der »Geschichte unseres Rechtsdenkens« (s. Neumann, Q), das er wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen in den letzten Jahren nicht abschließen konnte.[12] Eine Art Fallstudie dazu, am Beispiel des Wortfeldes von eigen (wozu Eigentum erst als späte, ungermanische Wort- und Begriffsbildung gehört), hatte er 1956 vorgelegt: »Zur linguistischen Rechtsgeschichte«.[13]

Seine Bindung an Deutschland dokumentierte sich vielfältig: er publizierte bis zuletzt auch auf Deutsch, bereits 1948 fungierte er als Mitherausgeber der wieder neu erscheinenden Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung, und, bemerkenswert unorthodox für einen US-Amerikaner, beteiligte er sich 1956 an der 500-Jahr-Feier der Universität Greifswald, wo er den vorgenannten rechtsgeschichtlichen Vortrag hielt.

Q: V; Kürschner 1970; Nachruf: G. Neumann, in: Z. vgl. Sprachforsch. 93/1979: 177; Schriftenverzeichnis in: Z. vgl. Sprachforsch. 97/1984: 291- 296.



[1] Zum Zeitpunkt und Ort des Todes, s. http://trees.ancestry.com/view/Military.aspx?tid=9063518&pid=-853490229&vid=236b7bf9-117f-461d-a180-c36185223a40 (abgerufen am 19. Juli 2013).

[2] Berlin: Mayer u. Müller 1921.

[3] In: Lg. 15/1939: 188-189.

[4] In: J. Engl. Germ. Ph. 42/1943: 236-239.

[5] In: Word 2/1946: 229-240 (vor allem zu adverbialen Bildungen und Tochtersprachen).

[6] In: Z. vgl. Sprachwiss.77/1961: 82-85.

[7] In: »Zur Frühgeschichte von ›Urteil‹«, in: »Gedenkschrift Paul Kretschmer« [»MNHMHΣ XAPIN«], Wiesbaden 1957, Bd. 2: 62-68, hier S. 68.

[8] In: Lg. 18/1942: 223-225.

[9] In: J. Amer. Orient. Soc. 68/1948: 145-148.

[10] In: Word 4/1948: 98-105.

[11] In: »Proceedings of the Seventh International Congress of Linguists, London, 1-6 September 1952«, London: F. Norman 1956: 77-85.

[12] Siehe auch die Hinweise dazu, in: P. Ilko, »Die Nominalkomposita der altsächsischen Bibeldichtung«, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1968, S. 17 – die postume Ausgabe dieses Werks betreute er im übrigen mit, s. seine etymologischen Nachträge dort S. 459-465.

[13] In: Wiss. Z. Ernst-Moritz-Arndt-Univ. Greifswald. Gesellschafts- u. spr.wiss. Reihe 3,6/1956-1957: 217-221.