Menges, Karl H.

Geb. 22.4.1908 in Frankfurt/M., gest. 20.9.1999 in Wien.

 

Bereits als Schüler lebte M. seine sprachlichen Interessen aus: er brachte er sich selbst Russisch und Türkisch bei und war später in einer beeindruckenden Anzahl von Sprachen (und Schriftsystemen) polyglott. 1926 machte er in Frankfurt Abitur, begann danach dort das Studium, zu dessen Fortsetzung in orientalistischen Fächern er zunächst nach München, später nach Berlin wechselte (breit außer Slawistik, der Turkologie, der vergleichenden indoeuropäischen Sprachwissenschaft, der Semitistik, aber auch in Geographie und Ethnologie). Daß er in Berlin mit dem Hauptfach Slawistik bei Vasmer 1932 promovierte, hatte letztlich pragmatische Gründe, die sein dortiger Lehrer in der Turkologie, W. Bang-Kaup, ausdrücklich unterstützte: von seinen Studiengebieten versprach allein das Russische einen Broterwerb, wie es sich später auf seinen Migrationsstationen auch bestätigen sollte.

Für die Quellenstudien zu seiner Dissertation (s.u.) erhielt er 1928 ein Stipendium für einen Forschungs- und Studienaufenthalt in Moskau. Dabei schuf er die persönlichen und administrativen Voraussetzungen für zwei Studienreisen 1928/1929 in die turksprachigen Gebiete im Süden der UdSSR, insbesondere in Usbekistan (er nahm wohl an einer sowjetischen Forschungsexpedition teil).[1] Ergebnis davon waren kleinere Studien zu ethnologischen und sprachpolitischen Fragen der dort untersuchten Gemeinschaften.[2]

Insofern lag die Dissertation quer zu seinen damaligen Interessen: »Die Sprache der altrussi­schen Übersetzung des Studion-Typikon. Handschrift der Moskauer Synodalbibliothek Nr. 330 (380)«[3] bietet eine genaue philologische Beschreibung der Handschrift im Sinne einer »junggrammatischen« Analyse ihrer Sprachform, von der Lautlehre bis zu einem Abriß der Syntax. Er erweiterte seinen slawistischen Horizont systematisch, vor allem zu den südslawischen Sprachen: 1932 unternahm er eine Reise auf den Balkan, wo er sich vor allem mit Serbokroatisch befaßte, das auch später noch eines seiner Arbeitsgebiete blieb.1933-1936 war er wissenschaftlicher Hilfsarbeiter an der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin (zunächst als Mitarbeiter des Turkologen Bang, nach dessen Tod bei dem Indologen Lüders).[4] Nach Bangs Tod 1934 vertrat er (gemeinsam mit A. von Gabain) diesen auch in Lehrveranstaltungen zu den Turksprachen an der Universität. Seine turkologische Habilitation (s.u.) sollte die formale Voraussetzung schaffen, um ihm die Nachfolge Bangs auf der Professur zu ermöglichen.

Für die Akademie hatte er 1934/1935 eine weitere Forschungsreise in den turksprachigen Süden der Sowjetunion unternehmen sollen, auf deren Grundlage er wohl auch habilitieren wollte. Diesmal erhielt er allerdings die Forschungsgenehmigung nicht,[5] und es blieb bei einer erneuten Reise 1934 nach Moskau, die er aber dennoch zu einem (nicht genehmigten) Abstecher in den turksprachigen Süden nutzte. An die Stelle der ethnographischen Forschung trat daher ein Publikationsvorhaben zum Nachlaß des russischen Turkologen Katanov, der in den 1890er Jahren in dieser Region umfangreiche Sprachaufnahmen gemacht hatte. Der erste Band erschien 1933.[6] Die Druckvorlage für den zweiten Band war 1936 bereits fertig; zur Publikation s.u.

Als »Rußlandspezialist« hatte er wissen­schaftliche Kontakte zum Frankfurter Institut für Sozialforschung und auch zu antifa­schistischen Kreisen (beides kam zusammen bei seinem engen Freund Wittfogel). Das vertrug sich für ihn mit der Situation an der Akademie, die er als sehr offen für kritische Diskussionen darstellte. Als er für Widerstands­kreise Kurierdienste übernahm, wurde er 1936 festgenommen. Vor dem Hochverratsprozeß konnte er fliehen – seiner ei­genen Darstellung nach aufgrund des relativen Wohlwollens bzw. Re­spektes, das er bei den in das Verfahren einbe­zogenen SD-Offizie­ren (anders als bei der »professionellen« Ge­stapo) hatte. Dadurch scheiterte seine Habilitation.

Sein Habilitationsverfahren war im Juli 1936 eröffnet worden. Als Habilitationsschrift hatte er eine Vorfassung seiner später in den USA veröffentlichten Qaraqalpaq-Grammatik eingereicht: »Qaraqalpaq Gram­mar. Part one: Phonology«,[7] die auf seinen Feldforschungen im Jahre 1929 beruht. Was in der sowje­tischen Politik als verschiedene Sprachen/Völker auch politisch-administrativ getrennt und in der damaligen Alpha­betisierungs- und muttersprachlichen Schulpolitik unterschiedlich entwickelt wird: das Kasachische in Kasachstan gegenüber dem Qaraqalpaqischen in Kirgisien, faßt er als einheitliche Sprache mit nur dialektaler Binnengliederung, wie es auch in der heutigen Turkologie durchweg angesetzt wird. Wie schon in seiner früheren Arbeit zum Usbekischen (s.o. 1933) trennt er die etymologische Rückprojektion (bereits hier in einem »altaistischen Horizont«) von späteren kulturellen Zusammenhängen, insbesondere von dem Grad der Iranisierung dieser Turkvölker. Die Begutachtung war offensichtlich schon positiv abgeschlossen – nur Vasmer hatte Bedenken wegen der zu deskriptiven Orientierung. Wegen M.s Flucht kam das Verfahren nicht zum Abschluß; M. selbst zog 1937 seinen Antrag vom Ausland aus zurück, um seine Unterlagen (vor allem wohl die Habilitationsschrift) zurückzubekommen, was nach einem langwierigem Verfahren auch erfolgte.[8]

In den folgenden Jahren kam es um den Abschluß der Publikation der Katanov-Materialien, zu der bei seiner Flucht schon die Fahnen vorlagen, zu einer recht aufschlußreichen Auseinandersetzung: die Akademie wollte den Druck abschließen und versuchte sogar, M. wieder aus der Türkei zurückzuholen, wo er sich damals aufhielt. M. selbst stellte noch 1939 schriftlich von der Türkei aus den Antrag auf Beendigung der Publikation und ließ sogar seine Frau bei einem vorübergehenden Deutschlandaufenthalt 1941 mit der Akademie darüber verhandeln. Widerstände dagegen kamen vor allem von der Botschaft aus Ankara und von der dortigen Auslands-NSDAP. Dagegen ist die Stellungnahme der Gestapo zu diesem Vorgang vom 4.1.1939 bemerkenswert differenziert, in der M. weniger eine politische Haltung als vielmehr persönliche Motive, insbesondere seine Freundschaft zu dem »Kommunisten« Wittfogel unterstellt wird. Schließlich wurde der Band gedruckt, indem Ms. Name vom Titelblatt getilgt wurde.[9] M. erfuhr von diesem Vorgang erst nach dem Krieg von seinem Freund und Kollegen Steinitz, der 1976 einen Nachdruck beider Ausgaben (mit einem neuen Vorwort von M.und seiner Bibliographie) veranlaßte bzw. unterstützte.[10] Während Band 1 auch ein Glossar (mit ethnologischer Aufbereitung) zu diesen Texten enthielt, fehlt dieses in dem Druck von 1943. Von M. wurde es 1955 separat publiziert.[11]

Nach seiner Flucht lebte M. 1937 von der materiellen Unterstüt­zung des damals in die Schweiz emigrierten ehemaligen Frankfurter Instituts für Sozi­alforschung, zunächst in Prag, wo er im Linguistenzirkel aktiv war, u.a. mit einem Vortrag (am 10.5.1937) zu den turkestanischen Sprachen und gleich auch zu altaistischen Themen veröffentlichte. Noch nach seiner Ausreise im Dezember des gleichen Jahres wurde er förmlich als Mitglied des Cercle Linguistique de Prague aufgenommen (s. dazu Ehlers 2005, bes. S. 444-5). Über die Vermittlung des türkischen Botschafters in Prag hatte er ein Visum für die Türkei erhalten, wo er 1937-1940 an der Universität Ankara als Slawist (für russische Sprache und Literatur) lehrte (auf türkisch!).[12] Als für ihn 1940 absehbar war, daß die Türkei in den Weltkrieg einbezogen werden würde (die entspre­chende Not­standspolitik wurde dort 1940 eingeleitet), bemühte er sich um die Weitermigration. Die außenpo­litischen Verträge der Türkei mit der Sowjetunion machten damals noch eine Ausreise un­problematisch; so reiste er 1940 zunächst nach Moskau, von wo er noch im gleichen Jahr mit einem Besuchervisum für die Colum­bia-Universität (New York) reich­lich abenteuerlich durch die Sowjetunion nach Japan, von da über Brasilien in die USA einrei­sen konnte. Er konnte diese Ausreise nur alleine bewerkstelligen, ohne seine Frau (ebenfalls eine deutsche Emigrantin), die er in der Türkei geheiratet hatte, und ihren Sohn, der 1939 in Ankara geboren wurde. Diese reisten 1941 nach Portugal aus; der Sohn konnte schließlich 1944 in die USA einreisen (wo er später als strikt antikommunistischer Politikberater in der Reagan-Regierung Karriere machte), seine Frau erhielt erst 1946 ein Visum. Vermittelt wurde M.s Einreise durch das emigrierte Institut für Sozi­alforschung, insbes. Karl Wittfogel, der ihn als Mitarbeiter für die nicht-chinesischen Fragen an seinem Chinese History-Project ein­stellte[13] und ihn auch als Mitarbeiter in seiner »History of Chinese Society, Liao (907-1125)«, New York 1949,[14] nennt.

An der Columbia Universität wurde M. nach ei­ner einjährigen Gastprofessur als Associate Professor angestellt, zunächst für East European Languages. M. vertrat hier vor allem die Slawistik: in der ganzen Breite von Altkirchenslawisch über Russisch bis Serbokroatisch. Seit 1941 lehrte er wieder Turksprachen, 1943/1944 gab er auch Türkischkurse im Rahmen des von der US-Armee veranstalteten Programms von Intensivsprachkursen. 1947 erhielt er eine erweiterte Venia (Slavic and Altaic), die auch die altaischen Sprachen umfaßte, 1956 umgewandelt in eine ordentliche Professur (tenure) für Altaische Philologie.[15] Gleich nach dem Weltkrieg betrieb er eine ausgedehnte Forschungs- und Lehraktivität an verschiedenen Universitäten mit Gastprofessuren u.a. in der BRD, der Sowjetunion, Skandinavien, dem Iran. Nach der Emeritierung (1976) lebte (und lehrte) er in Wien (fest seit 1977).

M. gehörte zu den nonkonformistischen Emigranten, der aufgrund seiner unbestrittenen herausragenden Qualifikation[16] allerdings anders als die Mehrzahl seiner Kollegen in der US-Wissenschaftsszene selbstbewußt und gelegentlich auch aggressiv auf­trat. Schon in seiner Studienzeit hatte er sich in Berlin bei Ernst Lewy (gegen dessen eher aufgeschlos­sene Haltung) kritisch mit dem Strukturalismus auseinandergesetzt. Er selbst erinnert noch die (offensichtlich auch später fortgeführten) Debatten darum mit W. Steinitz, der dem Strukturalismus gegenüber sehr viel offener war;[17] vgl. aber auch seine selbstverständliche Mitarbeit im Prager Linguistenkreis wärend seines Aufenthaltes dort. M. war nach seinem Selbstverständnis ein Vergleichender Sprachwissenschaftler der junggrammatischen Schule (er bezog sich öfters em­phatisch auf Brug­mann), der allerdings auf einem Gebiet arbeitete, das ihm vorrangig (synchrone!) deskriptive Arbeit abverlangte, für die er ein beeindruckend ausgedehntes Feldforschungspensum absol­viert hat – in ethnologischer Orientierung, die ihm außer zur grammatischen Be­schreibung zu zahlreichen volkskundlich-kulturan­thropologischen Studien diente.

Auch bei seinen späteren zusammenfassenden Werken ist das indogermanistische Vorbild einer vergleichenden Grammatik deutlich. Das gilt so z.B. für »The Turkic languages and peoples«,[18] das er bereits 1962 in den USA mit einem Vertrag des American Council Learned Soc. im Manuskript abgeschlossen hatte. Bemerkenswert ist hier seine Emphase auf den Gegenstand der gesprochenen Sprache – gegen die philologisch-literaturwissenschaftliche Dominanz der »Literatursprachen«, die er als sekundär und durch normative Gesichtspunkte bestimmte hybride Konstrukte ablehnt – was aber nicht ausschließt, daß er dort einen ausführlichen Abriß der unterschiedlichen Verschriftungstraditionen (und orthographischen Konventionen) liefert (S. 67-71). Hier kommen auch sprachtypologische Fragen zum Zuge, so etwa zum Umbau der Turksprachen unter persischem Einfluß bei der Subjunktion (mit der entlehnten Subjunktionspartikel ki, S. 181-286); in der Neuauflage 1955 geht er in diesem Sinne auf die Arbeiten von L. Johanson ein (S. X).

In den späteren Jahren weitete er den Horizont der berücksichtigten Sprachen immer wieder als Analyse von sprachlichen Arealen aus: dem Kaukasus mit turksprachlichen und iranischen und armenischen Sprachformen (insbesondere auch Mischsprachen wie Ossetisch), im Osten dann Mongolisch, Tungusisch und auch weitere sibirische Sprachen auf der einen Seite, Japanisch und Koreanisch auf der anderen Seite, schließlich auch Drawidisch.[19] In diesen Zusammenhang gehört auch seine Mitarbeit an einem größeren Forschungsprojekt zum Kaukasus an der Columbia Universität, aus dem u.a. ein Nachschlagewerk über die kaukasischen Völker und Sprachen hervorgegangen ist, für das er die Artikel zum Mongolischen verfaßte (ein anderer Mitarbeiter an diesem Unternehmen war B. Geiger).[20]

Während er so Sprachkontakte analysierte (so insbesondere zu den indogermanischen Sprachen: Iranisch, gelegentlich auch mit Hinweisen zum Tocharischen, vor allen Dingen aber auch zum Chinesischen), steht bei ihm die genetische Rekonstruktion im Vordergrund bis hin zur Rekonstruktion der jeweiligen »Urheimat«; zu den östlichen Horizonten s. etwa »Tungusen und Ljao«.[21]

Die fehlende »Tiefe« der historischen Überlieferung »kompensiert« er durch eine stupende Kenntnis auch entlegener Sprachen, die er vor dem Hintergrund kultureller Verbindungen für die Rekonstruktion heran­zieht, wodurch er zu einem der wichtigsten Vertreter der nostrati­schen Sprachauffassung wurde. Er würdigte denn auch wiederholt deren »Begründer« Illič-Svityč (s. etwa »Nostratic Linguistics«),[22] schließt diese Sichtweise aber an ältere deutsche Traditionen an, vor allem an H. Winkler, also an die Tradition, in der auch E. Lewy stand. Hier bezog er in den letzten Jahren immer entschiedener eine geradezu dogmatische Position,[23] die ihn zu einer engeren Bindung mit »nostratischen« Wahlverwandten führte.[24] Systematisch hat er seine nostratische Position in »Morphologische Beiträge«[25] entwickelt: einerseits mit strikt genetisch ausgerichteten etymologischen Analysen (hier den [späteren] Kasussuffixen -i Genitiv und -m Akkusativ), andererseits mit der Identifizierung eines strukturellen Bauprinzips hinter dem Umbau in diesen Sprachen, das im Sinne von Sapir als »drift« angesprochen werden kann; im Sinne von E. Lewy (auf den er hier auch wiederholt anspielt) aber auch als Charakterisierung dieser Sprachfamilie. Die Prärekonstruktion geht hier über ein Ur-Indogermanisch und Ur-Uralisch zu einem umfassenden Ur-Altaisch (mit Tungusisch, Japanisch und Koreanisch als Zweigen) und nicht zuletzt auch Semitisch. Sprachkontakte können dabei zu Verzerrungen führen, so etwa durch den engen Kontakt von i.e. Kentum-Sprachen mit Uralisch, was sich für ihn in der Indogermanisierung Nord-/Mitteleuropa spiegelt.

M.s nostratische Argumentation läßt sich auf einer methodischen Ebene problemlos im Sinne der neueren typologischen Diskussion reformulieren: ausführlich diskutiert er als nostratischen (vor allem altaischen) Zug die Differentmarkierung syntaktischer Funktionen, die vor allem mit Mitteln der Syntax (Wortstellung) einen morphologisch unmarkierten Defaultfall spezifiziert, demgegenüber nur »markierte« Fälle auch morphologisch charakterisiert werden (belebtes/definites Objekt; unbelebtes/indefinites Subjekt u. dgl.). Seine diachrone Argumentation nutzt eine differenzierte Variante des Grammatikalisierungsschemas: die Herausbildung grammatischer Paradigmen (hier der Deklination) als Systematisierung heterogener Markierungen (lexikalische Differenzierung mit späteren Spuren im Suppletivismus; Agglutinationen heterogener »Partikel« u. dgl.), zunächst parasitisch zu syntaktischen Konstruktionsmustern (z.B. der festen Abfolge DETERMINANS << DETERMINATUM); dann mit dem Obligatorisch-Werden der morphologischen Markierung der Freisetzung der Syntax für andere Zwecke (pragmatisch gesteuerte Wortstellung), sowie ggf. das Anstoßen eines Entwicklungszyklus durch den Abbau der Flexion (wie in den neueren i.e. Sprachen: Englisch, Farsi u.a.).

Im Ge­gensatz zur junggrammatischen Tradition bildeten für M. immer kulturhistorische Fragen den Horizont, so wie er die genetische Re­konstruktion immer auch mit Fragen von Lehnbeziehungen (»Wanderwör­ter«) kontrastierte. In diesem Sinne hat er eine ganze Reihe kleinerer Studien vorgelegt, oft auch in Festschriften für Schicksalsgenossen, häufig aus dem Feld der Balkanphilo­logie wie z.B. »Schwierige slawisch-orientalische Lehnbeziehungen«[26] – nicht zufällig in kritischer Auseinandersetzung mit etymologischen Vorschlägen seines Lehrers Vasmer; oder »Ujgurisch vajdury ›Bergkristall, Beryll‹, sein Ursprung und seine Verbreitung«,[27] wo er den Bogen von deutsch Brille bis zu mongolischen und drawidischen Wortformen spannt und etymologische von kulturellen Kontakteinflüssen trennt; in »Ety­mologika«[28] entwickelt er altaische Bezüge des ger­manischen Wortes Ziege u.a. Auch seine Über­blicksdarstellungen enthalten umfangreiche ethnologisch-historische Ab­schnitte (s. z.B. »The Turkic languages and peoples«, s.o.).

Innerhalb der Turkologie bzw. Altaistik zeichnet seine Arbeiten die stringente Kontrolle der »Ausgliederungsargu­mente« an der grammatischen Struktur der untersuchten Sprachen aus[29] – womit er sich gegen die »Finalisierung« sprachlicher Argumente für politische Zwecke richtete (in der na­tionalistischen Türkei nicht weniger als gegenüber der Sprachpoli­tik in der So­wjetunion, s. Poppe [Anm. 16] für diese Einschätzung seiner Arbeit). So trat er bedingungslos libertär für die kulturelle Selbstbestimmung gegen alle Art staatlicher Zwänge ein. Seine Verbindung von wissenschaftlichen und politischen Einstellungen machte er in persönlichen Äußerungen gerne recht drastisch deutlich – was er mit dem Stolz auf die Karriere seines Sohnes als politischer Rechtsaußen in der Reagan-Administration verband.

Sein traditioneller kulturhistorischer Ansatz markierte eine deutliche Front­stellung zu den deskriptiven Strukturalisten: wie bei vielen sei­ner Altersgenossen und Mitemigranten dominiert in seinen Arbeiten die Lexikologie, vor allem auch die Etymologie/Wortgeschichte, die am direktesten auf kulturelle Einflüsse hin interpretierbar ist.

Das gilt weniger für die wohl eher von den Umständen oktroyierten slawistischen Arbeiten wie z.B. die Überar­beitung eines Kurses an der Columbia University »Introduction to Old Church Slavic«[30] – eine zwar explizit in die junggrammatische Tradition (Brugmann, Leskien u.a.) gestellte Darstellung, die aber in der phonographi­schen Interpretation der Entwicklung der Graphien doch den »moder­nen« Sprachwissenschaftler zeigt; es gilt umso mehr für seine »The Orien­tal Elements in the Vocabulary of the Oldest Russian Epos ›The Igor' Tale‹«.[31] Diese Arbeit erschließt den nicht-indoeuropäischen Be­standteil des Wortschatzes in einer etymologisch-kulturhistori­schen Studie, wo­bei er den historischen Kampf der Russen mit den Mongolen und Turkvölkern (hier bes. den Quman)[32] als eine Sprachkon­takt-Konstel­lation erweist. Im Manuskript hatte er schon 1971 sein großes »Etymologisches Wörterbuch der türkischen und anderen orientalischen Elemente im Serbokroatischen« abgeschlossenen, das im Nachlaß liegt (s. Knüppel, Q).

Obwohl seine späteren Arbeiten zu den sibirischen Sprachen einen systematischen »deskriptiven« Anspruch haben, waren sie für ihn letztlich doch immer nur instrumental für die Bestimmung von historischen Zusammenhängen: genetischen ebenso wie kulturellen Kontaktbeziehungen. Das gilt gerade auch da, wo er systematischer Texte auswertet und syntaktische Probleme behandelt, wie z.B. in seiner ersten Publikation im US-linguistischen Kontext: »The function and origin of the Tungus tense in -ra and some related questions of Tungus grammar«,[33] die trotz seiner Bemerkungen über die problematische Rede von Tempus in diesen Sprachen nur eine rein formal-etymologische Analyse liefert (zur Genese des Verbalparadigmas aus nominalen Formen). Ähnlich ist es in seinen späteren großen Handbuchdarstellungen, z.B. »Sibirische Türksprachen«[34] und »Tungusologie« in dem gleichen Handbuch.[35] In Verbindung mit diesen Überblicksdarstellungen stehen auch detailliertere Arbeiten, die wie seine ersten Akademieuntersuchungen in einer merkwürdig versetzten philologischen Praxis der mündlichen Überlieferung gelten: so bearbeitete er 1976/1977 den Nachlaß eines russischen Sprachforschers zu einer sibirischen Sprachgemeinschaft, den er dann mit einem entsprechenden Kommentar herausgibt: »Drei Schamanengesänge der Ewenki-Tongusen Nord-Sibiriens«,[36] im Kommentar neben ethnologischen Bemerkungen zum Schamanismus vor allen Dingen auf die dialektale Zuordnung dieser Überlieferung orientiert, die sich bei diesen syntaktisch wenig verknüpften Texten vor allem auf den Bereich der Phonologie stützt.

 

In Gesprächen betonte er den Gegensatz seiner Arbeit zu der US-amerikanischen Szene, womit er auf die deskriptiven Strukturalisten der 40er und 50er Jahre zielte.[37] Polemisch hat er diesen Gegensatz auch in einer Charakterisierung der US-amerikanischen Forschungslandschaft nach dem Krieg charakterisiert: »Die Anfänge der Turkologie in den USA – aufgrund meiner eigenen Erfahrungen dargestellt«;[38] dieser Gegensatz bestand wohl kaum zu der dort be­triebenen »Normalwissenschaft«, weder zur vergleichenden Sprachwissenschaft junggrammatischer Prägung,[39] und zu an­thropologisch orientierten Sprachwissenschaftlern (in der Nachfolge Sapirs, etwa die Pike-Schule). In der Sache sind seine materialreichen Arbeiten in den USA nie befremdlich gewesen; auf der Darstellungsebene ist die Diskrepanz aber drastisch. M. war geprägt von dem wissenschaftlichen Habitus der geisteswissenschaft­lichen Diskussionen im Vorkriegsdeutschland: durch eine ganzheit­liche kulturhistorische Orientierung, die letztlich in einem psychologischen Verständnis der kulturellen Praxis verankert ist. Damit stand er quer zu dem szi­entifischen Diskurs der USA seit Ende der 20er Jahre, der auf die Operationalisierung aller wis­senschaftlichen Begrifflichkeit und damit auf eine weitgehende methodolo­gisch begründete Arbeitsteiligkeit in der Forschung zielte.[40]

M. hatte aufgrund seiner turkologisch-altaischen Fachautorität Zugang zu den inneren Kreisen der US-amerikanischen Lingui­stenszene (so etwa dem Yale University Linguistic Club, wo er nicht nur mit Bloomfield zusammenkam, sondern auch mit einer ande­ren nonkonformistischen orientalistischen Koryphäe: Albrecht Goetze). In Gesprächen beschrieb er sehr lebhaft den für ihn irritieren­den Aspekt der damals geführten Debatten (vor allem mit Leuten wie Bloomfield, die ihrer fachlichen Herkunft nach nicht dogmatisch abgeschottet waren): Auf der informellen Ebene der Verständigung über Gegenstände und Probleme gab es eigentlich keinen Dissens – was irritierte, war die rigide Grenzziehung bei dem, was als wissenschaftliche Argu­mentation zugelassen war. Wer sich dem nicht unterwarf, mußte mit Schwierigkeiten rechnen; wer zudem noch wie M. öffentlich po­lemisierend dagegen anging, hatte im Kontext der zunehmenden Dog­matisierung der Linguistic Society of America (und zugleich der Politisierung der wissenschaftlichen Diskussionen nach dem Kriegs­eintritt der USA und den auf den akademischen Markt durchschlagen­den ökonomischen Restriktionen) mit persönlichen Gegnerschaften zu rechnen, die (wie bei M.) bis zur Denunziation gingen; das spielte sich zugleich im Kontext einer ohnehin rigiden polizeilichen Überwachung derer ab, die nur einen prekären Aufenthaltsstatus hatten (und jederzeit als enemy alien angesehen werden konnten). Wenn M. farbig von sei­nen damaligen Konflikten erzählte, wurde deutlich, wie Mitimmigranten von weniger robuster Konstitution unter diesen Verhältnissen ge­litten haben müssen.

Zwar ist M. nie direkt sprach- bzw. grammatiktheoretisch hervorgetreten, so daß er anders als etwa Nehring oder Spitzer nicht in einen offenen Frontenkrieg verwickelt wurde; aber es ist signifikant, daß er seine im engeren Sinne linguistischen Ar­beitszusammenhänge bei dem »oppositionellen«, weil europäisch ori­entierten und zunächst vorwiegend von Immigranten bestimmten Word-Zirkel fand (schon die genannte »Igor«-Studie erschien 1951 als Beiheft zu Word – mit einem Vorwort eines anderen Immigranten, Ro­man Jakobson, der erst später seine überragende Position in den USA erhielt). Bei seiner Argumentation stützte er sich denn vorwiegend auch auf andere, die ebenso quer zu den eingefahrenen Bahnen des akademischen Betriebs standen, etwa (außer E. Lewy) auf B. Laufer oder Tur-Sinai (H. Torczyner) in der Morphologie-Studie (1960, s.o.).

M. war ein Repräsentant der Nonkonformisten, die die in ge­wisser Hinsicht »vorstrukturale« deutsche Sprachwissenschaft be­trieben und lebenslang weiterbetrieben, aber er hat sich in diesen Auseinanderset­zungen doch seinen Platz in der US-Szene geschaffen. Während seiner aktiven Zeit war die Remigra­tion war für ihn keine Frage, und von den USA sprach er (gerade auch bei bissiger Kritik) in der »Wir«-Form: »bei uns« (wofür bei ihm auch die politische Rolle seines Sohnes stand, s.o.). So läßt er sich nicht ohne weiteres als »deutscher« Wissenschaftler reklamieren – auch wenn er bis zu seinem Tod seinen prononcierten hessischen Akzent im Deutschen wie im Englischen hatte. Charakteristisch für ihn ist seine vielfältige internationale Tätigkeit als Gastdozent bzw.Vortragender, außer in Europa und den USA in der (ehemaligen) Sowjetunion, in Indonesien, Japan und Korea.

Q: V; LdS (1937): unplaced; BHE; L. Zeil, »Von der Slawistik zur Turkologie«, in: Z. Slawistik 24/1979: 238-247; Hanisch 2001; DBE 2005; Ellinger. Nachrufe: G. Doerfer, in: Turkic Languages 4/2000: 151-152; Archiv der Akademie der Wissenschaften Berlin. Ausführliche Bibliographien finden sich in den Anmerkungen des erwähnten Aufsatzes von K. A. Wittfogel, »China und die osteurasi­sche Kavallerie-Revolution. Sozial-historische Erkenntnisse, ge­wonnen in Begegnungen mit Karl Heinrich Menges«, in: Ural-altaische Jb. 49/1977: 5-68; ebenso (bis 1975) in dem Nachdruck der »Volkskundliche[n] Texte« (1976), s.o.; sowie von St. E. Hegaard, »K. H. M. Bibliographie«, Wiesbaden: Harrassowitz 1979 (mit einer Biographie und einem Bericht über seine Lehrtätigkeit); diese sind jetzt überholt durch M. Knüppel, »Schriftenverzeichnis K. H. M.«, (= Neue Beihefte zur Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes Bd. 1), Wien: Lit-Verlag 2006 (mit Biographie, S. 7-43). Die Festschrift (G. Décsy/Chr. D. Dimov-Bogoev [Hgg.], »Eurasia Nostratica«, 2 Bde., Wiesbaden: Harrassowitz 1977) enthält kein Personalschrifttum. Mehrfache Gespräche und Korrespondenz mit M.



[1] Hilfestellung auf den politischen Kanälen leistete dabei sein Freund Wittfogel. Details zu solchen biographischen Zusammenhängen bei Knüppel (Q)

[2] S. dazu von ihm »Drei özbekische Texte«, in: Der Islam 21/1933: 141-194.

[3] Gräfenhainichen: Schulze 1935.

[4] S. dazu Stern, Bd. III/1979: 338.

[5] Nicht für die sowjetischen Gebiete; für China bekam er die Genehmigung wohl.

[6] »Volkskundliche Texte aus Ost-Türkistan aus dem Nachlaß von N. Th. Katanov«, Berlin: Akademie der Wissenschaften 1933.

[7] Morningside Heights, N.Y.: King's Crown Press 1947.

[8] S. dazu Zeil (Q). Im Archiv der Humboldt-Universität bzw. der Akademie sind keine Unterlagen über dieses Verfahren zu finden.

[9] »Volkskundliche Texte aus Ost-Türkistan II. Aus dem Nachlaß von N. Th. Katanov«, Berlin: Akademie der Wissenschaften 1943.

[10] Leipzig: Zentralantiquariat 1976.

[11] »Glossar zu den volkskundlichen Texten aus Ost-Türkistan II«, Wiesbaden: Steiner 1955.

[12] Zu seiner prekären Situation in der Türkei s. auch den Scurla-Bericht, S. 105. Zunächst mußte er dort auch Deutsch-Kurse geben.

[13] Dazu und insbes. zu M.s Bedeutung für die Revision der traditionellen Chinesischen Historiographie, nach der die Erobererdynastien assimiliert worden sind, s. Wittfogels ausführlichen (auto-)biographischen Beitrag »China und die osteurasische Kavallerie-Revolution« (Q) sowie hier bei Wittfogel.

[14] Siehe auch M.s Nachruf auf Wittfogel in: Central Asiatic Journal 33/1989: 1-7, der indirekt auch seine Arbeit dort darstellte.

[15] Wie sehr dieses Lehr- und Forschungsgebiet an die Person M. gebunden war, zeigte sich bei seiner Emeritierung 1976, mit der es eingestellt wurde.

[16] S. etwa seine Würdigung bei Nicholas Poppe, »Introduction to Altaic Linguistics«, Wiesbaden: Harrassowitz 1975: 117-119.

[17] Für ihre freundschaftliche Verbundenheit spricht nicht nur der schon erwähnte Nachdruck seiner »Texte« in der DDR, Steinitz trägt auch zur Festschrift für M. 1977 bei.

[18] Wiesbaden: Harrassowitz 1968, 21995.

[19] Die Grundlage dafür waren vor allem auch Forschungsreisen in den Iran, nach Südindien, Korea und Japan, die er mit Mitteln der Columbia Univ., aber auch von Stiftungen (Ford, Rockefeller u.a. ) durchführen konnte.

[20] B. Geiger u.a., »Peoples and Languages of the Caucasus«, Den Haag: Mouton 1959.

[21] Ab­h. Kunde d. Morgenlandes 38/1969, Heft 1; mit dem gleichen Titel auch in G. L. Ulmen (Hg.), »Society and Hi­story. FS K. A. Wittfogel«, Mouton 1978: 359-384.

[22] In: Anthropos 84/1989: 569-573. Wladislaw Markowič Illič-Svityč (1934-1966) begründete die »nostratische« Prärekonstruktion der Sprachfamilien im eurasischen Großraum (zu lat. nostrās »unser Landsmann«). Dieser Ansatz ist bis heute heftig umstritten, da er nach der Mehrheitsauffassung nur darauf zielt zu zeigen, welche Sprachvergleiche/-gruppierungen möglich sind, nicht aber welche notwendig sind, d.h. weder auf der lautlich-formalen, noch auf der semantischen Seite hinreichend restriktive Filter gegenüber assoziativen Verknüpfungen einsetzt. Zu diesem Ansatz s. etwa B. A. Serébrennikow, »Allgemeine Sprachwissenschaft«, dt. München: Fink, Bd. 3/1976: 74-77 (russ. 11973). Kritisch dazu z.B. H. B. Rosén (2001: 79-91), s. bei diesem.

[23] Was ihn dann u.a. zu einem Dissens mit seinem Schüler Doerfer führte, s. auch dessen Nachruf 2000.

[24] S. in diesem Sinne die von ihm gemeinsam mit N. Naumann hg. FS für R. Miller (»Language and Literature – Japanese and the other Altaic-Languages«, Wiesbaden: Harrassowitz 1999).

[25] Wiesbaden: Harrassowitz 1960.

[26] In: O. Pritsak (Hg.), »Gedenkband Julius von Farkas«, Wiesbaden: Harrassowitz 1959: 177-190 und 503.

[27] In: I. Baldauf u.a. (Hgg.), »Armağan. FS A. Tietze«, Prag: Enigma 1994: 161-167.

[28] In: »W. B. Henning Memorial Volume«, London: Lund Humphries 1970: 307-325.

[29] Insofern in Übereinstimmung mit der neueren Sprachwissenschaft, bei der die sprachimmanente Betrachtungsweise kein »strukturali­stisches« Mono­pol ist.

[30] New York: Columbia University 1953 (verviel­fältigt).

[31] Supplement 1 zu Word, erschienen mit Bd. 7/1951.

[32] Die Quman-Kipčak-Verbände bilden die historisch greifbaren Vorgänger der Turkvölker, mit denen er sich empirisch wohl am intensivsten befaßt hat, den Kazachen (Qaralqapaqen), s.o.

[33] In: Lg. 19/1943: 237-251.

[34] In: B. Spuler (Hg.), »Handbuch der Orientalistik«, Bd. I, 5.1, Leiden: Brill 1963: 72-138.

[35] Bd. I.5/1968: 21-256. Insofern ist er für die jüngeren Forscher in diesem Gebiet eine zwar geschätzte Autorität, die für etymologische Einzelfragen genutzt wird, aber ansonsten in einer ganz anderen wissenschaftlichen Welt angesiedelt als der, in der heute typologisch orientiert die Strukturen dieser Sprachen erarbeitet werden (Hinweis von A. Malchukov). Die vergleichend arbeitenden Forscher in diesem sehr verzweigten Gebiet stießen und stoßen sich dagegen mehr an der schroffen Art, in der er ungemein dogmatisch seine nostratische Position vertrat (Hinweis von L. Johanson).

[36] Opladen: Westdeutscher Verlag 1993.

[37] Für die Bernhard Blochs Herausgeberschaft von Language symbolisch stehen kann.

[38] In: A. von Gabain/W. Veenker (Hgg.), »Türkische Sprachen und Literaturen«, Wiesbaden: Harrassowitz 1991: 287-300.

[39] Die im übrigen vor allem in Sapirs Fußstapfen auch von Strukturalisten wie Bloomfield u.a. zur Rekonstruktion der Verwandtschaftsverhältnisse der amerindischen Sprachen genutzt wurde.

[40] M. beschimpfte das als »Vulgär-Materialismus« und die generativistische Fortsetzung als formal-leere Spielereien, s. Knüppel (Q) für Zitate.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 05. März 2015 um 13:32 Uhr