Marcuse, Herbert

Geb. 19.7.1898 in Berlin, gest. 29.7.1979 in Starnberg.

 

Studium der Philosophie und Germanistik in Freiburg/Br., Promotion 1922 (Dissertation: »Der deutsche Künstlerroman«).[1] M. war als Student politisch in der Sozialdemokratie aktiv, 1918/1919 auch Mitglied eines Arbeiter- und Soldatenrates in Berlin. 1923-1927 war er in Berlin im Buchhandel und Verlagswesen tätig. 1928-1932 erneut Studium der Philosophie in Freiburg (bei Husserl und Heidegger) mit dem Ziel der Habilitation. 1932 war die Habilitationsschrift (über die He­gelsche Geschichtsphilosophie) zwar fertig (er veröffentlichte sie auch), aber er gab das Habilitationsprojekt auf, das er bei Heidegger geplante hatte, für das er außer fachlichen vor allem auch politische Schwierigkeiten sah. Er wurde Mitar­beiter an Horkheimers Institut für Sozialforschung in dessen Zweigstelle in Genf. Von dort 1934 Weitermigration mit dem Insti­tut nach New York; und Mitarbeit an dessen Pro­jekten (mit einer Anbindung an die Columbia University in New York), 1937 wurde er aber noch in den Listen der »Notgemeinschaft« aufgeführt.

1940 markierte für ihn (wie wohl auch für die anderen Mitglieder des Instituts) eine Wende: M. nahm die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an und publizierte seitdem nur noch auf Englisch. Seit 1943 und noch nach dem Krieg war er für Regierungs­instanzen tätig (OSS,[2] Außenministerium). Während des Kriegs waren er und seine Mitarbeiter beim OSS mit der Analyse der deutschen Medien (bzw. Propaganda) befaßt, nach 1945 dann auch für das Außenministerium mit der Frage nach den Möglichkeiten und Schranken der Entnazifizierung. In diesem Rahmen reiste er 1946 nach Deutschland, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Die Konstellationen des Kalten Kriegs verschoben dann die politischen Vorgaben und damit auch M.s Forschungsgebiet: er sollte jetzt Analysen zur Sowjetunion bzw. des Sowjetmarxismus vornehmen. Die politische Wende des McCarthysmus beendete seine Tätigkeit für Regierungsinstanzen; seine Forschungen verfolgte er noch mit Stipendien der Rockefeller Stiftung weiter. Seit 1951 lehrte er wieder an verschiedenen US-Universitäten (Columbia, Harvard), wobei die Sowjetunion bzw. der Sowjetmarxismus sein Arbeitsgebiet ausmachte. 1958 Professur an der Brandeis Univ., 1965 an der Univ. California in San Diego. Dabei wurde zunehmend die Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse für ihn zum zentralen Forschungsgegenstand, in der er einen gesellschaftstheoretischen Ansatzpunkt suchte (und fand). Seit 1964 war er wiederholt zu Vorträgen in Europa, zunächst im fachwissenschaftlichen Horizont der Soziologie (z.B. auf dem Deutschen Soziologentag 1964 in Heidelberg), aber zunehmend auch darüber hinaus rezipiert, im Horizont der sich formierenden Studentenbewegung, für die er in Frankfurt und Paris, nicht anders als in den USA, zu einer Schlüsselfigur wurde.

In diesem Kontext hat er auch die Einflußmöglichkeiten der Emigranten in den USA reflektiert, die für ihn letztlich nur gege­ben waren, wenn sie gewissermaßen gleichsinnig mit dort schon ange­legten Entwicklungen waren (wie z.B. bei der empirischen Sozial­forschung), aber aussichtslos, wenn sie in der Tradition histo­risch-dialektischer Reflexion standen (isolierte Erfolge in Ni­schen wie bei Spitzer, Auerbach oder Cassirer ausgenommen), s. »Der Einfluß deutscher Emigration auf das amerikanische Geistesleben: Philosophie und Soziologie«.[3] Auf sein umfangreiches philosophisch-sozialwissenschaftliches Werk, das versucht, eine »undogmatische« Marxlektüre mit psychoanalytischen Ansätzen zu verbinden, um so eine »politische« Kulturtheorie zu entwickeln, soll hier nicht weiter eingegangen werden.[4]

Hier findet er vor allem Berücksichtigung, weil er mit seinen späteren Schriften entscheidend zum Auf­kommen einer »kritischen Sprachwissenschaft« Ende der 60er Jahre beigetragen hat. Das gilt vor allem für sein wirkungsträchtiges Buch »Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortge­schrittenen Industriegesellschaft«.[5] Die Analyse der integrativen Mechanismen der gesellschaftlichen Reproduktion, die in liberal-toleranten Formen traditionelle Formen des Widerstandes neutralisieren, schloß explizit die Sprache mit ein. Die For­men der Ritualisierung des Lebens (sein Schlüsselbegriff) zeigte er sogar besonders eindrücklich an sprachlichen Erscheinungen auf (s. das Kapitel 4 »Die Absperrung des Universums der Rede«, in der dt. Ausgabe von 1968: 103-138), wobei in der Perspektive dieser Kritik spätkapitalistische Verhältnisse (Werbung, Massenmedien), Stalinismus und Faschismus in einem Fluchtpunkt zusammenlaufen.[6]

Mit dieser Art Sprachkritik schrieb M. Topoi des zivilisati­onskritischen Diskurses des 19. Jahrhunderts fort, der auch von den »Neuerern« in den sprachkritischen Projekten der 20er Jahre artikuliert worden war (s. Klemperer, Vossler u.a.). Bei M. finden sich keine Ansätze zu einer sprachwissenschaftlichen methodischen Refle­xion; vielmehr bleiben die Prämissen seines Vorgehens ungeklärt: er ver­suchte, soziale Haltungen, Denkformen direkt an sprachlichen Formen abzulesen (obwohl die Pointe seiner Überlegungen ja gerade in der Intransparenz sozialer Lebensformen für die darin vollzogenen ge­sellschaftlichen Prozesse liegt!) – und bot so dem sich institu­tionell äußernden Unwillen gegenüber den »massenfeindlichen« An­forderungen der akademischen Institution, insbesondere auch in der Sprachwissenschaft, ein Ventil: reihenweise entstanden damals »sprachkritische« Seminar- und Examensarbeiten, die M.s Kri­tik nachvollzogen – und so die Auseinandersetzung mit dem methodi­schen Kern der Sprachwissenschaft umgingen.

Verfolgt man die Entwicklung dieser Argumentation in M.s Werk, so wird deutlich, daß die sprachanalytischen Fragen sich für ihn offensichtlich auch erst gewissermaßen von außen durch die politische Konstellation seiner Exiltätigkeit ergeben haben. Die Expertisen, die er in der OSS für die amerikanische Gegenpropaganda verfaßte, nötigten ihn zu einer Kritik an den Sprachanalysen, die nicht zuletzt auch in literarisch orientierten Exilkreisen im Schwange waren, die in der nationalsozialistischen Sprache eine Korruption der deutschen Sprachtradition sahen. In einer solchen Kritik sah er nur eine sinnlose Spiegelung der Inszenierungsform des nationalsozialistischen Regimes, die von dessen Funktionsweise ablenkt und insofern keine Ansatzpunkte für die Gegenpropaganda und erst recht nicht für die spätere Reedukation nach Kriegsende bieten sollte. Das gilt insbesondere für die seiner Meinung nach in dieser Hinsicht sinnlosen formalen Analysen von Reden nationalsozialistischer Figuren. Eine Reihe dieser Arbeiten von ihm sind jetzt zugänglich, publiziert unter dem Titel »Feindanalysen. Über die Deutschen«.[7] Dem gegenüber forderte er eine Sprachanalyse, die in Sprachstilen Denkhaltungen faßt und so durchsichtig macht, wie die Menschen in Deutschland bei der faschistischen Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse mitspielten.

Notwendiger Ansatzpunkt dabei war für ihn allerdings, daß die so reproduzierten Verhältnisse solche eines Kapitalismus sind, der dem Großkapital maximale Verwertungsmöglichkeiten bietet. Wenn die Menschen dabei mitspielten, dann eben nicht, weil sie an die Inszenierungen des Nationalsozialismus glaubten, sondern weil dieser ihnen einen Ausweg aus den traumatisch erfahrenen Verelendungen am Ende der Weimarer Republik geboten hat. Nicht anders als Kris bei seinen Propagandaanalysen ging auch M. von einer grundlegenden Skepsis der Menschen gegenüber derartigen politischen Inszenierungsformen aus. Für die Gegenpropaganda verlangte er daher, die Menschen da anzusprechen, wo sie in ihrem alltäglichen Realismus die Verhältnisse sehen, also bei den Erwartungen und Hoffnungen auf die Bewältigung ihrer Alltagsnöte. In diesem Sinne sollte die Gegenpropaganda den Deutschen das US-amerikanische Modell als vorteilhafter gegenüber dem nationalsozialistischen zeigen, ohne dabei allerdings – wie er betonte – in Idealisierungen zu verfallen, die die in den USA fehlende Sozialversicherung, den Rassismus gegenüber den Schwarzen und dgl. verschweigen. In gewisser Weise ist ihm in dieser Hinsicht dann auch die Nachkriegspolitik gefolgt – allerdings nicht bei der Aufklärung der politisch-ökonomischen Zusammenhänge.

M.s systematisches Mißtrauen gegenüber einer formalen Sprachanalyse ließ ihn (kongruent mit seinem Freiburger Lehrer Heidegger) gelegentlich die gängigen Topoi zivilisationskritischer Sprachkritik abspulen, so z.B. wenn er eine Homologie der technischen Funktionsweise der Gesellschaft und des zunehmenden Nominalstils in der deutschen Sprache sieht (»Feindanalysen«, S. 33), womit er einiges von dem angestoßen hat, was dann im Rahmen »kritischer« Seminararbeiten nach 1968 üblich wurde. Hier wird bei seinen späteren Arbeiten im Übrigen auch eine Art Wechselverhältnis deutlich: M.s Überlegungen verdanken sich in dieser Hinsicht mindestens ebenso sehr der ad hoc entfalteten Kritik studentischen Protestverhaltens, wie dieses Anregungen von M. erhielt. Das gilt explizit so für seine direkt als In­tervention in die »Bewegung« gedachte Schrift »Versuch über die Befreiung«,[8] die ihre Reflexion auf die systemsprengende Kraft einer »Neuen Sensibilität« in den Artikulationsformen der Protestbewe­gung stützte, gerade auch was die Suche nach einer »Neuen Sprache« (S. 55) anbetrifft, die die Zwänge integrativer sprachlicher Ritua­lisierungen sprengt – und eben auch die Entwicklung einer »Politi­schen Linguistik« (S. 110), die den Mechanismen der herr­schenden Sprachpolitik Widerstand entgegensetzt. Eine Quelle für diese Art Sprachkritik war für M. sicherlich der darin artiku­lierte Kulturschock eines Immigranten in den USA, wie er es auch indirekt in sei­nem o.g. Vortrag über die Emigration (gehalten 1964 in Frankfurt!) zum Ausdruck brachte.

So wie die frühen Arbeiten keinerlei sonderliche Thematisierung der Sprache zeigen (abgesehen von li­teraturwissenschaftlich üblichen globalen Stilcharakterisierungen der Autoren in seiner gattungsgeschichtlich angelegten Disserta­tion), so sprang er auch spä­ter mit Vorliebe von globalen Aussagen über sprachliche Verhältnisse der Gesellschaft zu speziellen Beispielen der literarischen Ästhetik, etwa wenn er für die systemsprengende Veränderung der etablierten Syntax Texte der Surrealisten anführt, s. den »Versuch«, S. 67ff. Die frühen Aufsätze[9] befaßten sich entsprechend dem Habilitationsprojekt mit geschichtsphilosophi­schen Themen – und selbst da, wo er sich ausführlich mit der zeit­genössischen Soziologie auseinandersetzte, etwa mit Freyer, fehlen sprachliche Probleme. So ist er ein Beispiel für die von der Emigration/Immigration erzwungene Sensibilisierung für Sprachpro­bleme, ohne aber im engeren Sinne in einer Verbindung zur sprachwissenschaftlichen Forschung zu stehen.[10]

Bei den politischen Bewegungen in den 1960er Jahren hatte M. eine Schlüsselrolle, wobei sich gerade auch die aktionistischen Gruppen auf ihn beriefen. Dadurch wurde er zur Zielscheibe der einsetzenden politischen Reaktion. In den USA führte das dazu, daß 1965 sein Vertrag an der Universität Brandeis nicht mehr verlängert wurde. Zeitweise mußte er sich sogar versteckt halten, weil er massiven Drohungen von rechten Gruppierungen (u.a. dem Ku-Klux-Klan) ausgesetzt war. In den 1970er Jahren setzte er sich intensiv mit der feministischen Bewegung auseinander. Seine späten Arbeiten waren dann wieder auf ästhetische Fragen ausgerichtet, gewissermaßen im Anschluß an seine frühen Arbeiten. Hier sah er den Raum des Widerstands gegen die kapitalistische Formierung der gesellschaftlichen Kräfte. 1979 kehrte er nach Europa zurück und nahm noch eine Forschungsstelle am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg (bei J. Habermas) wahr. 2003 hat der Berliner Senat für ihn auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof ein Ehrengrab eingerichtet.

 

 

Q: LdS (1937): unplaced; DBE 2005; Th. M. MacKey, »Herbert Marcuse: July 19, 1898-July 29, 1979«, 2005 (http://www.marcuse.org/herbert/biog/Mackey2001.htm, abgerufen am 10. Juni 2013). Zu M. gibt es eine reichhaltige Literatur im Um­feld der kritischen Theorie, Hinweise etwa bei van Reijen/Schmid-Noerr 1988. An der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt/M. befindet sich das Herbert-Marcuse-Archiv mit M.s Nachlaß. Ein Versuch, M.s Rolle in der politischen und wissenschaftlichen Diskussion seit der Studentenbewegung zu bestimmen, findet sich (ausgehend von einer Tagung 1989) in P. E. Jansen (Hg.), »Befreiung denken – ein politischer Imperativ«, Offenbach: Verlag 2000 1989 (dort mehrere Interviews mit M. und auch sein Briefwechsel mit Heidegger 1947-1948).



[1] Wiederabgedruckt in der Werkausgabe »H. M., Schriften« Bd. I, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1978.

[2] Office of Strategic Services, eine Abteilung des amerikanischen Geheimdienstes. Vorher war er bei einer anderen Abteilung, dem Office of War Information (OWI). Zur Arbeit dieser Abteilungen und zu M.s zentraler Rolle dabei, s. Söllner (1982).

 

[3] In: Jb. Amerikastudien 10/1965: 27-33.

[4] S. dazu u.a. R. Wiggershaus, »Die Frankfurter Schule. Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung«, München: Hanser 1986, bes. S. 113-122.

[5] Zuerst in den USA 1964; 1. deutsche Auf­lage: Neuwied im Mai 1967 – im August 1968 bereits die 6. Auflage mit insge­samt 25.000 Exemplaren.

[6] Für eine explizitere Auseinandersetzung mit den Prämissen der M.schen Sprachkritik kann ich auf mein Buch verweisen: »Als der Geist der Ge­meinschaft eine Sprache fand. Sprache im Nationalsozialismus«, Opladen: Westdeutscher Verlag 1984 (S. 245-250).

[7] Hg. von P. E. Jansen, Lüneburg: zu Klampen 1998. Eine vollständige Ausgabe dieser Schriften, hg. von D. Kellner, erscheint seit 1998 in London (Routledge), auf 6 Bände geplant.

[8] 1969 sowohl englisch wie dt. Übersetzung, Frankfurt: Suhrkamp.

[9] S. jetzt in der Werkausgabe Frankfurt: Suhrkamp Bd. I, 1978.

[10] S. Heilbut 1983, zu M. bes. S. 455-463.

 

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 22. Januar 2015 um 11:07 Uhr