Maas, Paul

Geb. 18.11.1880 in Frankfurt/M., gest. 15.7.1964 in Oxford.

 

Nach dem Abitur in Freiburg/Br. 1898 studierte M. klassische und byzantinische Philologie zunächst in Berlin, dann in München. Er promovierte 1903 in München mit einer Dissertation zum Lateinischen (»Studien zum poetischen Plural bei den Römern«)[1] – wo er den nur in poetischen Texten zu findenden singularischen Gebrauch von Pluralformen wie tua colla »dein Hals« gegen die zeitgenössisch beliebten psychologisierenden Erklärungen rein formal analysiert: bedingt durch metrischen Zwang, was die Variation in den Texten erklärt, und auch durch Interferenzen durch griechische Vorlagen. Damit war sein Hauptarbeitsgebiet, die Metrik, vorgezeichnet. In der Münchener Zeit hatte er sich schwerpunktmäßig in das byzantinische Griechische eingearbeitet und dazu auch bereits in der Fachöffentlichkeit beachtete Beiträge publiziert.

Dazu gehört eine metrische Studie »Der byzantinische Zwölfsilber«.[2] Seinen Plan, auf der Grundlage dieser Vorarbeiten eine systematische Darstellung der byzantinischen Metrik zu erstellen, hat er später nicht mehr realisieren können. Aus dieser Zeit stammt auch ein Arbeitsvorhaben, das ihm von seinem Münchener Lehrer Krumbacher übertragen worden war und das ihn sein ganzes Leben begleitet hat: die Edition der unter dem Namen »Romanos« überlieferten Schriften, s. schon »Die Chronologie der Hymnen des Romanos«.[3] Die Ausgabe hatte er wohl im Manuskript schon Anfang der 30er Jahre fertig, konnte das Manuskript aber auf der Flucht aus Deutschland nicht mitnehmen. Erst in Oxford hat er sie später, als er ganz andere Arbeitsschwerpunkte hatte, gemeinsam mit dem griechischen Byzantinisten C. A. Trypanis fertigstellen können.[4]

Wilamowitz, der M. bereits als Studenten schätzen gelernt hatte, holte ihn nach Berlin, wo er 1910 über das Byzantinische habilitierte, dann aber (mit der Unterstützung von Wilamowitz und Norden) in der ganzen Breite der klassischen Philologie lehrte; dabei wird es eine Rolle gespielt haben, daß byzantinistische Lehrveranstaltungen selbst an einem so großen Seminar wie dem in Berlin nur eine marginale Rolle spielten und meist nach der Ankündigung nicht zustande kamen. Im Ersten Weltkrieg leistete M. seinen Kriegsdienst in einer Lazarett-Einheit in Istanbul.[5] Seine deutschnationale Einstellung zeigt sich auch in seiner Unterzeichnung der Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches 1914 (die von Wilamowitz initiiert worden war). 1920 wurde er in Berlin Extraordinarius für Klassische Philologie, 1930 ordentlicher Professor in Königsberg.

Als bekennender Jude war er zunächst noch durch seinen Frontkämpferstatus geschützt, wurde dann aber Ende 1934 aus rassistischen Gründen entlassen. In seinem Fall kam es zu einer der wenigen Solidaritätsaktionen von Fachkollegen, die allerdings politisch folgenlos blieb.[6] Auch die Studierenden hielten zu ihm, so daß er sogar zunächst noch private Lehrveranstaltungen in seiner Wohnung durchführte. Die soziale Sicherheit, die er so in Königsberg erfuhr, sorgte dafür, daß er sich offensichtlich nicht bedroht fühlte, obwohl in seiner unmittelbaren Umgebung die Repressionen zu spüren waren (so z.B. bei seinem Mitarbeiter Grumach, der 1933 sofort entlassen wurde). Er genoß es offensichtlich, sich ganz der Wissenschaft zu widmen, und reiste ausgiebig zu internationalen Tagungen, wo ihm eine große Wertschätzung entgegengebracht wurde.

Seine Wahrnehmung änderte sich erst durch die Novemberpogrome 1938, als er für eine Woche inhaftiert wurde und die Gestapo ihn mit dem Druck auf Auswanderung drangsalierte. Hinzu kamen auch die sich verschlechternden Arbeits- und Lebensbedingungen. Trotzdem bedurfte es noch des Druckes deutscher und englischer Freunde, daß er dann eine der letzten Möglichkeiten zur Ausreise vor Kriegsbeginn am 26.8.1939 in Hamburg nutzte (Hilfestellung leistete dabei vor allem Bruno Snell). In England fand er bei dem Universitätsverlag Clarendon Press in Oxford zunächst eine ökonomisch allerdings außerordentlich schlecht gestellte Anstellung im Lektorat. Dort wurde er sukzessive in größere forschungsintensive Arbeiten einbezogen, hatte enge Beziehungen zu den Fachkollegen an der Universität, an der er allerdings keine akademische Anstellung fand. 1959 verlieh ihm die Universität Oxford den Ehrendoktor. Seine Familie konnte 1939 nicht mit ihm emigrieren. Seine Frau, eine Dänin, zog später mit den Kindern nach Dänemark, von wo sie nach der deutschen Besetzung nach Schweden weiter floh. Die Familie kam erst 1952 in Oxford wieder zusammen. Weitere Familienangehörige überlebten z.T. im Reich (u.a. eine Tochter in Berlin), andere kamen in der Schoah um.

M.s Hauptarbeitsgebiet war die Textkritik, wo er eine Fülle von kleineren, oft extrem lakonisch redigierten Beiträgen zu Einzelproblemen verfaßte. Die einzige monographische Arbeit, die er obendrein auch nicht alleine fertigstellte, ist die erwähnte Romanos-Ausgabe. Aus den verstreuten Schriften, die aufgrund der von ihm selbst redigierten Teilbibliographie[7] in seinem Nachruf bis 1950 schon auf über 10 000 Seiten hochgerechnet werden, hat sein Schüler Buchwald einen Band »Kleiner Schriften« zusammengestellt (s. Q), die durch Ergänzungen aus dem Nachlaß erweitert sind. M.s fachlich zentrale Rolle wird nicht zuletzt durch seine Mitarbeit an Gercke/Nordens »Einleitung in die Altertumswissenschaft« deutlich, für die er u.a. auch einen kleineren Band »Textkritik« verfaßte (1927), in dem er für die Tradition kritischer Ausgaben eintrat, gegen den um die Jahrhundertwende üblich werdenden Positivismus der Dokumentation der Überlieferung. Er plädiert dort für spekulative Konjekturen, da diese es erlauben, Hypothesen zu formulieren, die zu einer produktiven philologischen bzw. sprachwissenschaftlichen Überprüfung zwingen, im Gegensatz zum Festhalten an den überlieferten Quellen. Damit stellte er sich allerdings gegen Praktiker, die es bei der Reproduktion der »Kontaminationen« in der Überlieferung beließen; ihnen warf er intellektuelle Trägheit vor – was Anlaß für eine Reihe fachlicher Kontroversen war (für Einzelheiten s. Mensching 1987, Q).

Da er in seiner Arbeit vorwiegend direkt mit Quellen arbeitete, standen für ihn auch paläographische Fragen im Vordergrund, wozu er ebenfalls einen Beitrag für die »Einleitung« verfaßte: »Griechische Paläographie«.[8] Der Beitrag ist im wesentlichen eine forschungsgeschichtliche Bestandsaufnahme, bei der er aber herausstellt, daß paläographische Fragestellungen unbedingt eines sprachwissenschaftlich-philologischen Korrelats bedürfen (von ihm erläutert an orthographischen Fragen: der Wortausgrenzung, grammatisch genutzten ellipographischen Markierungen u. dgl.).

Ein weiteres Hauptarbeitsgebiet blieb seit der Dissertation die Metrik, wo er später wohl nur noch zum Griechischen publizierte. Seine zahlreichen metrischen Einzelstudien sind immer wieder unterfüttert durch detaillierte textphilologische und sprachgeschichtliche Detailanalysen, bei denen er den Bogen von Rekonstruktionen der homerischen Überlieferung bis zu Ausspracheproblemen des Neugriechischen schlägt. Der Extrakt dieser Arbeiten war seine Handbuchdarstellung »Griechische Metrik«,[9] die bis heute ein Standardwerk geblieben ist und wegen ihrer formalen Stringenz gerühmt wird (die Literaturwissenschaftler schon mal an mathematischen Formalismus erinnert und daher auch gefürchtet ist). Wie wenig er Konjekturen schätzte, die nicht hinreichend sprach- und überlieferungsgeschichtlich überprüft sind, zeigt seine scharfe Rezension von E. Fraenkel »Iktus und Akzent im lateinischen Sprechvers« (1928)[10] – was ihrer späteren engen (offensichtlich auch freundschaftlichen) Zusammenarbeit in Oxford nicht im Wege gestanden hat. Er unterschied strikt zwischen Quantitäten- und Akzentverhältnissen und fundierte seine metrischen Analysen auf Silbenstrukturen (und nicht Wortstrukturen wie in den traditionellen Darstellungen). Dabei zeigte er auch die zeitlich versetzten Entwicklungen im Griechischen und Lateinisch-Romanischen. Seine Analysen halten auch neueren sprachwissenschaftlichen Einsichten stand.

An diese seine Hauptarbeitsgebiete angelagert sind weitere Arbeitsfelder, zu denen er ziemlich breit publiziert hat. Dazu gehört vor allem die Lexikologie, wo er bereits vor dem Ersten Weltkrieg an der Neubearbeitung des großen griechischen Wörterbuchs von Passow mitarbeitete, was er dann später in Oxford bei der Neubearbeitung des Wörterbuchs von Liddell-Scott fortsetzte – sein eigenes Exemplar mit seinen handschriftlichen Ergänzungen nahm er auf der Flucht im Handgepäck mit, was ihn zwang, andere Manuskripte (u.a. die Romanos-Ausgabe) zurückzulassen. In Oxford übernahm er die Bearbeitung der Addenda et Corrigenda zum Liddell-Scott, wobei es wahrscheinlich auch ihm zu verdanken ist, daß dabei weitere deutsche Fachkollegen mitarbeiteten (wie insbesondere Latte).[11] Das 1968 erschienene Supplement führt ihn noch als Mitarbeiter auf.

Obwohl seine Lebensumstände in England z.T. sehr schwierig gewesen sein müssen (u.a. wurde er 1940 für einige Zeit interniert), arrangierte er sich mit ihnen offensichtlich problemlos, weil ihm immer eine Fortführung seiner Arbeit möglich gewesen ist. Für einen Hochschullehrer, der gerade auch Lehraufgaben mit großem Erfolg und großer Begeisterung wahrgenommen hat, mußte die Reduktion auf Lektoratsarbeiten im Oxforder Verlag eine Einschränkung gewesen sein, die er aber offensichtlich nicht als solche erfuhr, da er auf diese Weise intensiv mit von ihm hochgeschätzten Kollegen zusammen arbeiten konnte. So hat er zwar anscheinend mit dem Gedanken gespielt, nach dem Krieg nach Deutschland auf eine Hochschullehrerstelle zurückzukehren, praktisch aber ein solches Vorhaben ausgeschlossen. Allerdings nahm er wiederholt Einladungen zu Gastvorträgen an (zuerst bei seinem Freund und Kollegen Snell in Hamburg). Zwar publizierte er in den Kriegsjahren vorübergehend auch auf Englisch, später aber wieder ausschließlich auf Deutsch. Dazu paßt auch, daß er 1951 die Wiederherstellung seiner deutschen Staatsbürgerschaft betrieb, die ihm wie allen Exilierten 1941 aberkannt worden war.

Sein Verhältnis zum Gastland England wird auch anekdotisch dadurch deutlich, daß er gelegentlich englische Themen behandelte, die von seinem Arbeitsgebiet ferner lagen, aber in Anlehnung an philologische Fragestellungen, die ihm bei textlichen Emendierungen noch einen Anknüpfungspunkt gaben, so etwa zu Milton »›Hid in‹ Lycidas, 1 69«,[12] bei der religiösen Überlieferung wie in »Notes on the Book of Common Prayer«,[13] oder, zwar ohne solche Anknüpfungen, aber immerhin mit Bezug zu seinem metrischen Hauptarbeitsgebiet zu einer Shakespearestelle (»Two passages in Richard III«).[14] Am Ende seines Lebens konnte er eine Fülle von Ehrungen entgegennehmen, zu denen u.a. das Bundesverdienstkreuz gehörte.

Q: V; LdS: unplaced; BHE; DBE 2005; Walk 1988; Nachruf von H. Lloyd-Jones, in: Gnomon 37/1965: 219-221. Bibliographie in »A selected list of the writings of P. M., 1901-1950«, Oxford: Clarendon 1951; sowie ergänzt in: W. Buchwald (Hg.), »Paul Maas: Kleine Schriften«, München: Beck 1973; E. Mensching, »Über einen verfolgten Altphilologen: Paul Maas (1880-1964)«, Berlin: Techn. Univ. 1987; W. A. Schroeder, »Maas, Paul (1880-1964)«, in Teuchos (http://beta.teuchos.uni-hamburg.de/TeuchosWebUI/prosopography/tx-container-prosopography;jsessionid=3B631906BD55703A6913B3C98BDF53CE?#, abgerufen am 10. Juni 2013).



[1] Teildruck Leipzig: Teubner 1903, auch in: Archiv für lateinische Lexikographie und Grammatik 12/1903: 479-550. Diese Dissertation wurde als Preisschrift der Universität München ausgezeichnet.

[2] In: Byz. Z. 12/1903: 278-323.

[3] In: Byz. Z. 15/1906: 1-44.

[4] Publiziert Oxford Bd. 1/1963, Bd. 2/1970. Biographische Zusammenhänge, die nicht anders nachgewiesen werden, nach Mensching (Q).

[5] Reflexe seiner Erfahrungen in dieser Zeit, die wohl auch seine spätere Beschäftigung mit dem Neugriechischen bestimmten, finden sich gelegentlich in kleineren Schriften, so z.B. in seiner Rezension von A. Heisenberg, »Dialekt und Umgangssprache im Neugriechischen« (1918), in: Deutsche Literaturzeitung Jg. 1920, H. 31/32: Sp. 502-504.

[6] S. Mensching (Q) und auch Wegeler 1996: 165.

[7] S. »A selected list of the writings of P. M., 1901-1950« von Lloyd-Jones (Q).

[8] A. Gercke/E. Norden (Hgg.), »Einleitung in die Altertumswissenschaft«, Teil 1, H. 9, Leipzig: Teubner 1924: ²1927: 69-81.

[9] A. Gercke/E. Norden (Hgg.), »Einleitung in die Altertumswissenschaft«, Teil 1, H. 7, Leipzig: Teubner 1923: 1-32.

[10] In: Deutsche Literaturz. Jg. 1929: Sp. 2244-2247.

[11] H. G. Liddell/E. Scott, »A Greek-English Lexicon«, Neuausgabe, Oxford: Clarendon 1940 (Nachdruck 1961): XIV.

[12] In: Rev. Engl. St. 19/1943: 397-398.

[13] In: J. Theological St. 47/1946: 203-208. Er war auch an der Edition dieses kanonischen Texts der anglikanischen Kirche beteiligt (erste Ausgabe 1549).

[14] In: Rev. Engl. St. 18/1942: 315-317.