Löwe, Richard

Geb.  25.12.1863 Wanzleben bei Magdeburg, gestorben 1940 (Umstände unklar).[1]

 

L. kam aus einer jüdischen (rabbinischen) Familie. Studium der vergl. Sprachwissenschaft mit Schwerpunkt beim Germanischen. Promotion dort 1889 mit einer Arbeit zu seinem heimischen Mundartgebiet (dem Magdeburgischen), die vor allem auch Sprachkontaktfragen und soziale Differenzierungen (Stadt / Land) behandelt. [2]  Abgesehen von einer gelegentlichen Tätigkeit in der Berliner Erwachsenbildung (an der privaten „Humboldt-Akademie“) lebte er als Privatgelehrter, überwiegend in Berlin.

Sein publiziertes Werk ist recht umfangreich, vor allem in verstreuten Aufsätzen, die auch in zentralen sprachwissenschaftlichen bzw. germanistischen Zeitschriften erschienen (Indogermanische Forschungen, Zeitschrift für deutsches Alterthum u.a.), wobei immer wieder Kontaktszenarien im Zentrum stehen, mit der Spannung von kulturellen und sprachlich-formalen (genetischen) Zusammenhängen, mehrfach zu den Verhältnissen auf dem Balkan. Zt. in direkter Verbindung mit seinem Bruder Heinrich Loewe publizierte er auch zum Judendeutschen (Jiddischen), z.B. "Die jüdisch-deutsche Sprache", [3], wo er ausgehend von einer Besprechung der Dissertation von Gerzon  (1902, s. bei diesem) das Jiddische als jüdische Sprache charakterisiert, die gewissermaßen an die Stelle der genuinen Nationalsprache Hebräisch tritt, die nur noch sakral genutzt wird. Daß es sich (wie auch Gerzonzeigte)  dabei aber um eine genuin deutsche Varietät handelt, steht im Vordergrund: Ergebnis der Ausgleichsprozesse nach der Vertreibung nach Osteuropa, die außer den dominanten ostmitteldeutechen / bairischen Zügen keine dialektal kleinräumige Zuordnng zulassen. Dabei argumentierte er mit der strukturellen Dynamik des Sprachkontakts (im Rückbezug auf seine eigene Dissertatoin), forderte vor allem aber die Erforschung der spezifischen Neubildungen, die das Jiddische charakterisieren.

In der damaligen Germanistik war er eine unbestrittene Autorität, wie nicht zuletzt seine „Germanische Sprachwissenschaft“ dokumentiert. [4] In kompakter Form entwickelte er dort die formalen Aspekte der Ausgliederung der germanischen Einzelsprachen (bis hin in ihre dialektale Differenzierung), vergleichend hergeleitet aus dem rekonstruierten Indogermanischen, sehr differenziert im phonetischen Teil (einschl. der Satzphonetik), aber ohne Syntax. Über die detailliere Zusammenstellung der Fakten hinaus streut er psychologisierende Erklärungen ein: zur Rolle der Kindersprache beim Sprachwandel u. dgl., während das Sprachsystem in seiner Argumentation keine sonderlliche Rolle spielt. So erläutert er u.a. ausführlich die Ablautprobleme, wobei er bei der Dehnstufe angesichts der für ihn disparaten Beleglage eine "lautsymbolische" Erklärung bemüht, vor allem in Hinblick auf die "in der Volkssprache überaus häufigen Übertreibungen", die sich für ihn in den Belegen niederschlagen (4. A., Bd. 1: 60).[5]

 

Q:  NDB (U. Pretzel); Magdeburger Biogr. Lexikon (H.Nowak). J. Riecke, dem ich den Hinweis auf L. verdanke, bereitet eine ausführliche Darstellung zu ihm vor.


[1]  Hinweis von J. Riecke nach Unterlagen in Israel.

[2] Darauf bezogene Aufsätze von ihm nimmt denn auch Uriel Weinreich in seinen Forschungsüberblick (1953) auf.

[3] In: Ost und West 4/1904: Sp. 655 - 664. Ost und West war eine explizit jüdische Kulturzeitschrift.

[4] Leipzig: Göschen 1905, 2. A. 1911, 3. A. 1918, 4. A. in zwei Bänden 1924 - 1933.

{5] Mit dieser Absage an eine strukturelle Erklärung hat er immerhin auch in die Handbuchliteratur Eingang gefunden, s. O. Szemerényi, Einführung in die vergleichende Sprachwissenschaft, Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft, 4. A. 1990: 125. S. dort für einschlägige Forschung zu diesen Fragen.