Lewent, Kurt

Geb. 13.3.1880 in Berlin, gest. 13.6.1964 in New York.

 

L. lernte nach dem »Einjährigen« 1895 zunächst einen kaufmännischen Beruf, den er aber »aus Gesundheitsgründen« (Vita) wieder aufgab. Seit 1899 war er Gasthörer an der Berliner Universität, nach dem externen Abitur 1901 dann auch regulär immatrikuliert für Germanistik und Romanistik. 1905 promovierte er mit einer Dissertation über »Das altprovenzalische Kreuzlied«.[1] Diese Arbeit ist zwar literaturgeschichtlich angelegt, mit einer Edition bis dahin noch ungedruckter Kreuzliedtexte, einer literaturgeschichtlichen Interpretation der Texte in zeitgeschichtlichem Kontext und schließlich einer ausführlichen Analyse des Textaufbaus; sie enthält aber auch einen philologisch detaillierten Kommentar zu schwierigen Textpassagen, die er für eine Rekonstruktion der Textgenese auswertet.

Nach der Promotion legte er vermutlich noch das Staatsexamen ab, jedenfalls war er seit 1906 als Studienrat in Berlin tätig, nachdem er vorher noch ein Jahr als Austauschlehrer in Reims unterrichtet hatte. Einem Hinweis im Archiv für das Studium der neueren Sprachen 148/1925: 235-236, Anm. 4, ist zu entnehmen, daß er im Ersten Weltkrieg als Zensor in einem Lager für französische Kriegsgefangene tätig war (s. dazu w.u.). Seit Mitte der 20er Jahre hatte er einen Lehrauftrag für Altfranzösisch und Altprovenzalisch an der Universität Berlin. Da er vor 1914 schon verbeamtet war, wurde an ihm die rassistische Verfolgung erst 1935 »amtlich« exekutiert. Er wurde in der Schule entlassen, der Lehrauftrag an der Universität wurde ihm entzogen und er wurde auch aus dem Neuphilologenverband ausgeschlossen. Bereits vorher hatte er schon an der jüdischen Privatschule von L. Goldschmidt unterrichtet, die er nach deren Flucht nach England 1939 auch bis zu ihrer Schließung 1939 leitete. In dieser Zeit arbeitete L. wissenschaftlich weiter und publizierte auch noch in Italien.[2]

1941 emigrierte er über Sibirien in die USA, wo er in New York lebte und zunächst in einem Anwaltsbüro arbeitete. Später lehrte er an der Columbia University mit einem Lehrauftrag für Altprovenzalisch. Unterstützung fand er bei Spitzer. Das Trauma des Faschismus (vor allem wohl auch das opportunistische Verhalten seiner Fachkolle­gen) hat er nie überwunden – und seit 1941 nie wieder auf deutsch publiziert.[3] Kahane berichtete (pers. Mitteilung), daß L. sich sehr iso­liert gefühlt und darunter gelitten hat, in einem Milieu zu leben, das sich nicht für ihn und seine Arbeit interessierte (trotz der für die US-Verhältnisse noch relativ »europäisch« ori­entierten Columbia University).

L. war Schüler von Adolf Tobler, dessen Arbeitsweise und The­men er vor allem im Bereich des Altokzitanischen, gelegentlich auch des Französischen fortführte: neben Textedition und philolo­gischer Exegese (vor allem der Troubadourdichtung, aber z.B. auch des Flamenca-Romans) waren es Syntax und Stilanalyse sowie Wortschatzprobleme (Etymologien), die ihn in über 100 Arbeiten be­schäftigten (s. die kommentierte Bibliographie von B. J. Woodbridge).[4] In extremer philologischer Akribie, die jenseits aller sprachwissenschaftlichen Methodende­batten steht, setzte er sich mit literaturwissenschaftlichen Pro­blemen auseinander (etwa um vorschnelle Interpretationen des tro­bar clus aufzubrechen, wie z.B. seine mustergültig gemeinte Edi­tion eines Gedichtes von Guilhem Peire Cazals).[5] Auch seine Rezensionen bestehen zum großen Teil aus der akribischen Diskussion philologischer Details, wie z.B. »Zu einer neuen provenzalischen Cobla und einem Liede des Gaucelm Faidit«[6] (zu einer Arbeit von de Bartholomaeis) oder »Der törichte Ehemann, die ›Schicksalsironie‹ und ein neues Buch über die ›Flamenca‹«[7] (zu einem Buch von Millardet).

Während er nach seiner Emigration nur noch über altprovenzalische literarische Gegenstände publizierte (entsprechend seinem Lehrauftrag an der Columbia University), arbeitete er vorher auch noch zum Französischen, vor allen Dingen im Anschluß an die Arbeiten seines Lehrers Tobler. Dabei wandte er sich ausdrücklich gegen »kulturkundliche« Ausdeutungen von Sachverhalten, die für ihn rein sprachstrukturell zu erklären waren, wie z.B. die Proprialisierung von guerre »Krieg« in artikellosem Gebrauch wie avant-guerre/après-guerre im zeitgenössischen Kontext unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg (»Avant-guerre ›vor dem Krieg‹«).[8] Relativ systematisch angelegt ist seine Studie zum Infinitiv mit nominativischem Subjektausdruck, den er nicht nur aus dem älteren Französischen belegt und in den Kontext zu den entsprechenden weiterhin gebräuchlichen Konstruktionen in den südromanischen Sprachen stellt, sondern den er auch noch als Archaismus in der juristischen Sprache des neueren Französischen findet, daneben aber auch in der »volkstümlichen« Sprache, die er aus den Kriegsgefangenenbriefen aus dem Ersten Weltkrieg kannte. Für ihn ist diese Konstruktion durch den Eingriff der normativen Grammatik seit dem 17. Jhd. verdrängt worden. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion über infinite Ausdrucksformen des Ausbaus propositionaler Konstituenten behält diese Arbeit ihre Bedeutung (»Ein Kapitel aus der Geschichte des französischen Infinitivs«).[9]

Q: DBE; Christmann/Hausmann 1989; V; Archiv der Humboldt-Universität; Hinweise von H. Kahane.



[1] In: Rom. F. 21/1908: 321-448.

[2] Walk 1988 und Hausmann 2000: 253-254.

[3] S. dazu den Nachruf von Y. Malkiel in Rom. Ph. 20/1967: 389-390.

[4] In: Rom. Ph. 20/1967: 391-403.

[5] In der Festschrift von Leo Spitzer (1958): 275-295.

[6] In: Neuph. Mitt. 38/1937: 81-85.

[7] In: Arch. Romanicum 23/1939: 52-61.

[8] In: Neuere Sprachen 37/1929: 207-218.

[9] In: Arch. St. neueren Spr. 148/1925: 221-245.