Lessing, Ferdinand Diedrich

Geb. 26.2.1882 in Essen, gest. 31.12.1961 in Berkeley (Kalifor­nien).

 

Nach dem Abitur in Lingen/Ems studierte L. 1902-1905 Orientalistik und Jura in Berlin; während dieser Zeit war er bereits (Hilfs-)Bibliothekar am Seminar f. Orientalische Sprachen.[1] Das Studium schloß er 1905 mit einer Diplomprüfung (Dolmetscherprü­fung?) für Russisch und Chinesisch ab; danach war er bis 1907 am Berliner Museum für Völkerkunde tätig. 1907 ging er nach China. Von 1907 bis 1919 war er Dozent für deutsche Sprache und interna­tionales Recht an der Deutsch-Chinesischen Hochschule in Tsing­tau, danach bis 1921 Professor für Deutsch und Sanskrit an der Universität Peking, anschließend bis 1925 Dozent für Deutsch an der Medizinischen Hochschule in Mukden (damals zu Japan gehörig; heute Shenyang/Ost-China).[2] In dieser Zeit redigierte er (gemeinsam mit W. Othmer) aufgrund seiner praktischen Erfahrungen einen um­fangreichen »Lehrgang der nordchinesischen Umgangssprache«,[3] der dem Nebeneinander von mündlicher und Schriftkultur in China Rechnung trägt: neben einer systematischen Einführung in die Schrift (mit etymologischen Analysen der Zeichen) auf der Basis der Umschrift steht eine Darstellung der »gebildeten Umgangs­sprache« (guan1-hua) auf der Basis des Mandarin (Peking), mit ei­nem systematischen Abriß der Phonetik (insbesondere der Töne), kontrastiv der »gewöhnlichen Sprache« (su2-hua) und lokalen Dia­lektformen gegenübergestellt.

1925 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er am Orientalischen Semi­nar in Berlin als »planmäßiger Lehrer für Chinesisch« eingestellt worden war. Die theoretisch-methodische Auswertung seiner Arbeit am »Lehrgang« legte er 1926 in Berlin als Dissertation vor: »Vergleich der wichtigsten Formwörter (hsü-dsi) der chinesischen Umgangssprache (guo-yü) und der Schriftsprache. Ein Versuch«.[4] Die Arbeit enthält einen systematischen grammatischen Abriß, der die Differenzen im Sprachbau von Umgangs- und Schriftsprache her­ausarbeitet, mit dem Versuch der Bestimmung der sozialen Indizierung der Formen (etwa S. 6: Literatursprache als »Kastensprache«). Die Analyse ordnet er in typologische Überlegungen ein, die die »innere Sprachform« ei­ner »objektiven Sprache« wie des Chinesischen mit der einer Subjekt­sprache wie der des Deutschen kontrastiert. In der Auseinandersetzung mit sprachtypologischen Ansätzen gewinnt er auch seine analyti­schen Kategorien – in Abgrenzung von naiv-normativen Darstellun­gen, die eine grammatische Struktur an Flexionskategorien binden. Nach der Promotion wurde er zum Professor ernannt.

1927-1938 war er daneben als Kurator am Museum für Völkerkunde tätig.[5] Für die weitere Ausrichtung seiner Arbeit wurde die Zusammenarbeit mit Sven Hedin (1865-1952) ausschlaggebend, der ihn 1929 für seine Zentralasienexpedition (1927-1935) als Buddhismus-Experten hinzuzog und mit dem er von 1930-1932 gemeinsam in China arbeitete bzw. für diesen er dort Untersuchungen vornahm, mit dem Schwerpunkt beim Tibetischen.[6] Der Spätbuddhismus (Lamaismus) blieb auch später sein Hauptarbeitsgebiet (neben dem Mongolischen).

1935 emigrierte er in die USA, wo er in Berke­ley zunächst eine Gastprofessur hatte, aber mit der Leitung des orientalistischen Instituts beauftragt war, später auf einer regulären Professur. Bei L. handelt es sich wohl um eine »reguläre« Emigration im Sinne des Fortgangs der wissenschaftlichen Karriere ohne politischen oder Verfolgungshin­tergrund.[7] Zunächst hatte er noch einen Lehrauftrag für Chinesisch, Mongolisch und Buddhismus (sic!) an der Berliner Universität, zu dem er zeitweise nach Berlin kam. 1938 beantragte er seine Entlassung, so daß der bereits vorgesehene Lehrauftrag für das WS 1938/1939 nicht mehr zustande kam.

L. arbeitete in der ganzen Breite des sprachlich heterogenen Raums Chinas, und zwar jeweils sowohl über die klassische Überlieferung wie über die modernen Umgangssprachen, das letztere vor allem auch in Sprachkursen (sowohl in den frühen Jahren in Berlin wie später in Berkeley), bei denen er Unterrichtsmaterialien für Chinesisch, Tibetisch, Mandžu und Mongolisch erstellte. Viele seiner Ausarbeitungen sind nur im Nachlaß vorhanden, z.B. ein großes Manuskript über Sanskrit-Elemente im Tibetischen. Ein Schwerpunkt war bei ihm der Buddhismus, den er auch durch teilnehmende Beobachtungen in Klöstern studierte, in China und dann vor allem in der Mongolei (zu einem geplanten mehrbändigen Werk über das Mönchtum [Lamas] sind nur Vorstudien erschienen). Bei einem großen Teil von L.s Publikationen stehen sprachliche Fragen in Verbindung mit größeren kulturge­schichtlichen Aspekten, so etwa in »Über die Symbolsprache in der chinesischen Kunst«,[8] wo er Homologien in verschiedenen Bereichen der symbolischen Repräsentation herausarbeitet, die in kulturellen Praktiken verankert sind (z.B. kann die Darstellung von Bambus die Wiederkehr symbolisieren, gebunden an dessen Benutzung bei Neujahrs­ritualen in China). In dieser Weise entwickelte er die kulturgeschichtliche Symbolgenese von 1052 chinesi­schen Wörtern bzw. Schriftzeichen.

Kulturgeschichtliche Fragestellungen bestimmten zumeist auch seine kleineren Studien, die in Verbindung mit seiner Arbeit am Museum entstanden, sowie die zahlreichen Übersetzungen aus den o.g. Sprachen. Für seine Tätigkeit in Berkeley wurde das Mongolische Arbeitsschwerpunkt; für dieses baute er ein Studien- und Forschungszentrum auf, aus dem ein großes Wörterbuchprojekt hervorging, das er erst nach seiner Emeritierung 1952 abschließen konnte.[9] Zunächst war es auf das Klassische Mongolische ausgerichtet, ausgehend von seinen Arbeiten zum Buddhismus, mit auch etymologisch aufgearbeiteten Zusammenhängen zwischen Mongolisch, Tibetisch und Sanskrit. Mit mongolischen Gewährsleuten stellte er es auf das moderne Mongolische um, mit einer Kompilation vorliegender Wörterbücher, aber auch der Auswertung moderner Quellen, insbes. von Zeitungen. Sein ursprüngliches Projekt spiegelt sich noch im Anhang (S. 1159-1192) über spezielle buddhistische Termini.[10]

Q: V; BHE; DBE 2005; H. Walravens: »F. L. (1882-1961). Material zu Leben und Werk«, Melle: Wagner Edition 2006 (mit Bibliographie, 29-49); vorher schon in ders. in: Oriens Extremus 22/1975: 49-58 (s. 57-58 L.s Vita); Archiv der Humboldt-Univ. Berlin. Nachruf in der Gedenkschrift, hgg. von P. A. Boodberg u.a., »Univ. of California: In Memoriam, April 1963«, Berkeley: Univ. of California Press: 58-61 (auch separat http://texts.cdlib.org/view?docId=hb0580022s&doc.view=frames&chunk.id=div00016&toc.depth=1&toc.id=, abgerufen am 18. Juli 2013). Als FS (faktisch als Gedenkschrift) ist ihm der Band Ethnos 27/1962 gewidmet.



[1] S. Mitt. Sem. Orient. Spr. 8/1905, Seminarchronik II.

[2] Sein Nachfolger dort war W. Fuchs.

[3] Tsi­ngtau: W. Schmidt, 2 Bde., 1912 – ein dritter Band war geplant.

[4] Berlin: Reichsdruckerei 1926.

[5] 1930-1932 war er in Berlin für die Forschungen in China beurlaubt, ebenso ab 1935 für die Gastprofessur in den USA.

[6] Zur Würdigung seiner Leistung bei dieser Expedition s. den Nachruf von G. Montell in dem L. zum Gedenken gewidmeten Band der schwedischen Zeitschrift Ethnos 27/1962: 5-6.

[7] So auch H. Walravens (brieflich).

[8] In: Sinica 9-10/1934-1935 und separat Frankfurt: China-Institut o.J.

[9] »Mongolian-English Dictionary«, Bloomington/Ind.: Indiana UP 1960, 3 A. 1995.

[10] Dazu hat er selbst auch noch weitere Forschungsreisen in die Mongolei/China unternommen, zuletzt 1947-1948. Ein anschauliches Bild seines Selbstverständnisses bei diesem Projekt gibt der Bericht von O. Linder »Lunch mit Buddha«, in: Aufbau 18 (2)/1952: 19.