Leslau, Wolf

Geb. 14.11.1906 in Krzepice, Polen, gest. 18.11.2006 in Fullerton (California)/USA.

 

L. wuchs in extrem armen Verhältnissen in einer jüdischen Familie auf (die Eltern starben früh). Er war zionistisch organisiert und wollte auch nach Palästina auswandern, erhielt aber kein Visum (aus Gesundheitsgründen). Nach dem Abitur (1926?) in Częstochowa (dt. Tschenstochau) entzog er sich der Einberufung und ging nach Wien, wodurch er staatenlos wurde. Sprachlich dürfte seine jiddische Familiensprache als Schleuse gedient haben - Deutsch war in diesem jüdischen Milieu ohnehin Bildungssprache (später veröffentlichte er gelegentlich noch auf Jiddisch).[1] In Wien studierte er am »Hebräischen Pädagogium«, in dem Hebräisch Unterrichtssprache war (seine Hebräisch-Kenntnisse erlaubten es ihm später auch, in dieser Sprache zu publizieren), aber dann auch an der Universität, wo er 1929 einen ersten Studienabschluß in der Semitistik absolvierte (bei V. Christian).

Um das Studium der vergleichenden Semitistik zu vertiefen, vor allem aber auch unter dem Eindruck des wachsenden Antisemitismus, ging L. 1931 mit seiner Wiener Lebensgefährtin Charlotte Halpern nach Paris – wo er diese auch heiraten konnte (was in Wien mit einem Staatenlosen ein Problem gewesen wäre). Im Gegensatz zu dieser konnte L. allerdings kein Französisch (schriftlich korrespondierte er noch mehrere Jahre hindurch mit seinem Pariser Lehrer Marcel Cohen auf Deutsch). In Paris lebte das Ehepaar L. unter extrem schwierigen materiellen Bedingungen; zeitweise waren beide mit Kindergartenarbeit beschäftigt; L. war länger krank. Bemühungen um eine französische Staatsbürgerschaft scheiterten, obwohl L. den Wehrdienst absolvieren wollte. Unterstützt wurde er von M. Cohen, bei dem er sich systematisch in die Semitistik einarbeitete, mit Schwerpunkt bei den südarabischen Sprachen. Bereits in Wien hatte er Gecez (die liturgische Sprache der äthiopischen Kirche, die heute nicht mehr gesprochen wird) gelernt. Unter M. Cohens Einfluß beschäftigte er sich mit den heute gesprochenen Varietäten, auf der Basis der Arbeit mit Gewährsleuten, die in Paris lebten.

Bereits 1933 hielt er in der Forschungsgruppe von M. Cohen einen Vortrag zum Mahri (im Süden der arabischen Halbinsel gesprochen): »Explications et rapprochements à propos de quelques éléments du vocabulaire mehri«.[2] 1934 machte er die Licence-ès-Lettres; 1938 erhielt er ein Diplom an der École des Hautes Études mit seiner Untersuchung zum »Lexique soqotri (Sudarabique moderne)«.[3] Er erstellte ein Glossar auf der Basis bereits publizierter Texte, deren Formen er im vergleichenden semitischen Horizont etymologisch bestimmte. Die Einleitung bietet einen phonologischen und einen grammatischen Abriß der Sprache.[4] Zu seinem Verhältnis zu M. Cohen s. auch »Études Éthiopiennes: Quelques Souvenirs personnels«.[5]

Bei seinen folgenden Publikationen stand zunehmend sein späteres Hauptarbeitsgebiet, die äthiopischen Sprachen, im Vordergrund. Er publizierte dazu auf Französisch, daneben aber auch noch auf Deutsch.[6] Erst 1937 verbesserte sich die Arbeitssituation durch ein Stipendium. Im Oktober 1939 wurde er als (feindlicher) Auslän­der interniert, zunächst in Vernet (Pyrenäen); seine Frau lebte in der Zeit seiner Internierung mit ihrem Kind bei M. Cohen. Trotz zahlreicher Interventio­nen von Fachkollegen gelang es nicht, seine Freilassung zu errei­chen.[7] Auch unter den extrem schwierigen Lebens­bedingungen des Lagers setzte L. seine wissenschaftliche Arbeit fort – und publizierte weiter. So erschien 1941 eine Monographie zu einer nordäthiopischen Sprache auf der Basis seiner Arbeit mit einem Informanten in Frankreich: »Documents tigrigna (éthiopien septentrional). Grammaire et textes«[8] – im Vorwort mit dem Vermerk, daß er den Text »kriegsbedingt« nicht mehr mit Marcel Cohen habe durcharbeiten können. Durch eine Intervention seines Ver­legers kam er 1941 schließlich in das »privilegierte« Lager von Mil­les (bei Aix-en-Provence, s. dazu Fontaine 1989), aus dem er fliehen konnte, bevor die Deutschen das Lager übernahmen. Wieder mit Unterstützung durch M. Cohen bemühte er sich um die Einreise in die USA. Cohen hatte verschiedene US-Universitäten auf ihn aufmerksam gemacht, und so erhielt er aufgrund seiner spezifischen Qualifikationen im Mai 1942 ein Visum für sich und seine Frau und Kind und konnte mit der Unterstützung von Hilfsorganisationen für Vertriebene im Juni 1942 in die USA einreisen.

Die wissenschaftliche Integration in den USA war im Gegensatz zur materiellen Absicherung für L. relativ problemlos. Er unterrichtete zunächst in verschiedenen frankophonen Exil-Institutionen in New York: dem belgischen Institut de Philologie et d' Histoire Orientales et Sla­ves, dann der französischen École Libre des Hautes Études, zuletzt an einer weiteren Emigranteninstitution, der New School for Social Research sowie dem Asia Institute. Er war aktiv im New Yorker Linguistenkreis (als dessen Sekretär er zeitweise fungierte), in dessen Zeitschrift Word er regelmäßig publizierte. Hier erschienen mehrere Studien zu verschiedenen Varietäten in Äthiopien aufgrund der Analyse bereits publizierter Quellen: »Four Modern South Arabic languages«.[9] Über die eher traditionelle Fragestellung der Rekonstruktion der dialektalen Gliederung hinaus kamen für ihn arealtypologische Verhältnisse in den Blick, so etwa in: »The influence of Cushitic on the Semitic languages of Ethiopia: a problem of substratum«,[10] wo er in der Linie der Substratdiskussion des 19. Jhdts. die Ausgliederungsproblematik diskutiert (eine seiner Hauptautoritäten in der Argumentation ist Schuchardt). Die Analyse führt er auf den verschiedenen sprachlichen Ebenen durch: von der Phonologie über die Morphologie zur Syntax bis hin zum Lexikon. Er publizierte gleich in den unterschiedlichsten Zeitschriften und war so in den verschiedensten Kontexten präsent, was seine Laufbahn von der der meisten Einwanderer unterscheidet.[11]

Bei der Linguistic Society of America publizierte er eine Studie über eine damals für ausgestorben gehaltene äthiopische Sprache: »The position of Gafat in Ethiopic«.[12] Damit nahm er ein weiteres Problemfeld in den Blick, das ihn durchgehend beschäftigen sollte: die Kontaktsituation zwischen den dominierten Sprachen und der dominierenden Hochsprache (dem Amharischen als der »nationalen« Verkehrssprache und dem Gecez als der liturgischen Sprache der [christlichen] Kirche). Im Journal der American Oriental Society publizierte er »The verb in Tigré (North-Ethiopic): dialect of Mensa«;[13] in verschiedenen spezifisch jüdischen Organen publizierte er über sprachliche Fragen der jüdischen Diaspora: »Jiddish-arabishe dialektn«[14] (auf jiddisch!) sowie eine spezielle Fallstudie: »Hebrew elements in the Judeo-Arabic dialect of Fez«.[15] In diesen Arbeiten ging er in der Form von Sekundäranalysen Fragen des Sprachkontakts nach. Auf diese Weise wurde er rasch zu einem bekannten Vertreter der US-amerikanischen Wissenschaftsszene, der die Möglichkeit bekam, regelmäßige Feldforschungsaufenthalte in Äthiopien durchzuführen: seit 1946 hat er in etwa zweijährigem Turnus jeweils immer mehrere Monate dort verbracht.[16]

Er behielt die engen Kontakte zu M. Cohen bei, der vergeblich versuchte, ihn wieder nach Paris zurückzuholen. Allerdings habilitierte er sich dort (Doctorat-ès-Lettres), entsprechend der französischen Regel mit zwei Habilitationsschriften. Die eine war eine monographische Darstellung des Gafat, von dem er schließlich doch einige Gewährsleute hatte auftreiben können, die ihm eine deskriptive Beschreibung und auch die Lösung der noch offenen Ausgliederungsprobleme erlaubten: »Étude descriptive et comparative du gafat (éthiopien méridional)«.[17] Die andere Arbeit war volkskundlich ausgerichtet: »Coutumes et croyances des falachas (juifs d’Abyssinie)«.[18] Auch dieser Gegenstand beschäftigte ihn seit den ersten Jahren in den USA. Dafür hatte er wohl auch einen Forschungsauftrag von der jüdischen Gemeinschaft in den USA bekommen, s. von ihm schon »Falasha Anthology«[19] mit historischen, vor allem auch religionshistorischen Kommentaren zu den dort übersetzten Texten. Die jüdische Minderheit der Falascha in Äthiopien, deren problematische Situation als schwarze Einwanderer in Israel inzwischen weltweit, vor allem in den USA, eine massenmediale Aufmerksamkeit gefunden hat, ist eines seiner lebenslangen Arbeitsschwerpunkte, in dem sich wohl nicht von ungefähr seine Situation als Verfolgter und zur Emigration gezwungener Jude spiegelt. Dazu hatte er bereits seit seiner ersten Reise 1946/1947 regelmäßig publiziert, s. auch »The Black Jews of Ethiopia«[20] und auch »To the defense of the Falashas«,[21] indem er sich gegen eine seiner Meinung nach herablassende Darstellung dieser Bevölkerungsgruppe verwahrt.

1951 bekam er eine semitistische Professur an der jü­dischen Brandeis Univ. (Westham, Massachusetts), die ihn allerdings auf eine judaistische Ausbildung festlegte. 1957 wechselte er auf eine Professur für Hebräisch und Semitische Sprachwissenschaft an der University of California in Los Angeles, wo er die Abteilung für vorderasiatische Sprachen aufbaute und bis zu seiner Emeritierung 1976 leitete. Obwohl in seinem umfassenden Werk auch Studien zu den verschie­denen altsemitischen Sprachen (etwa dem Akkadischen) nicht feh­len, liegt der Schwerpunkt seiner Arbeiten bei der deskriptiven Un­tersuchung gegenwärtiger Sprachen. Aber auch bei seinen Dialektstudien (s.u.) bemüht er sich immer um eine etymologische Rekonstruktion im vergleichend-semitischen Rahmen. Eine entsprechend eigenständige Untersuchung hat er mit »Hebrew Cognates in Amharic«[22] vorgelegt, in der er bei 500 Wurzeln ein gemeinsames lexikalisches Erbe findet, damit aber indirekt die große Eigenständigkeit der äthiopischen Sprachen zeigt.

Diese nicht-philologische Ori­entierung dürfte auch seine wissenschaftliche Integration in die US-Linguistik relativ problemlos gemacht haben. Was er in der Arbeit mit Informanten in Paris begonnen hatte, setzte er seitdem in seinen Feldforschungsreisen fort. Sein langfristiges Ziel war es, die sprachlichen Varietäten in Äthiopien gewissermaßen flächendeckend aufzunehmen, auch da, wo sie nur noch in »Trümmern« greifbar sind (s.o. seine Arbeit zum Gafat). Zunächst hatte er dabei nur die semitischen Sprachen im Blick, die er auch recht systematisch abarbeitete, später mit einem Schwerpunkt bei den Varietäten des Gurage, das in der Region südlich von Adis Abeba gesprochen wird.

Über die methodischen Probleme der vielfältigen Kontaktsituationen, die ihn von Anfang an beschäftigten, kam er aber auch zur Analyse der wichtigsten Kontaktsprachenfamilie, dem Kuschitischen, das er schon früh als Substratfaktor in Rechnung gestellt hatte (s.o.). Bei der etymologischen Aufbereitung seiner verschiedenen semitisch-äthiopischen Wörterbücher war er genötigt gewesen, den zahlreichen kuschitischen Elementen nachzugehen, wozu er seit Beginn der 50er Jahre auch eigene Sprachaufnahmen in den entsprechenden Sprachgemeinschaften gemacht hatte, s. auch seine etymologischen Ergänzungen zu dem etymologischen Wörterbuch einer kuschitischen Varietät, dem Burği, von H. J. Sasse (1982).[23] Er legte schließlich selbst eine eigene deskriptive Studie vor, sein »Dictionary of Moča (Southwestern Ethiopia)«,[24] das eine relativ aufwendige phonologische Darstellung enthält, da es sich hier im Gegensatz zu den semitischen Sprachen um eine Tonsprache handelt.

Für die semitischen Sprachen hat er sein flächendeckendes Programm für Äthiopien mit erstaunlicher Konsequenz verwirklicht, wobei er sich von Anfang an der politischen Unterstützung zu vergewissern wußte, angefangen bei der persönlichen Förderung durch den Kaiser Haile Selassie.[25] Dazu gelang es ihm, die Bedeutung der wissenschaftlichen Erforschung der dialektalen Varietäten für den Ausbau der Nationalsprache Amharisch genauso wie für die liturgische Sprache des Gecez deutlich zu machen, so besonders bei einer Gastprofessur in Addis Abeba, s. seine dabei 1954 gehaltene Antrittsvorlesung »The Scientific Investigation of the Ethiopic Languages«.[26] Bei seinen Beschreibungen arbeitete er gewissermaßen systematisch die verschiedenen Ebenen ab: zunächst erhob er den Wortschatz, den er dann auch zu den meisten Varietäten in Wörterbüchern dokumentierte. Dieses Material lieferte ihm die Grundlage für eine phonologische Analyse, die er dann in morphologischer Hinsicht, mit dem Schwerpunkt beim Verb, erweiterte und monographisch darstellte. Gestützt waren seine Erhebungen auf Geschichten, freie Erzählungen, z.T. auch auf Lieder (hier machte er später auch Tonaufzeichnungen), die die Grundlage für syntaktische Studien sind, die z.T. in die grammatischen Darstellungen integriert sind, aber auch zu Einzelstudien führten (seine Bibliographie führt schon bis zum Jahr 1991 insgesamt 300 Titel auf, davon 30 selbständige Publikationen und fünf Aufsatzsammlungen). In einem ziemlich einzigartigen Kraftakt hat er sein Arbeitsvorhaben bis in sein 100. Lebensjahr umgesetzt: in kurzen zeitlichen Abständen erschien zuletzt noch eine Dialektstudie nach den anderen, wobei er oft seine Anfang der 50er Jahre gemachten Aufnahmen in einem einheitlichen Muster von der Phonologie über die Morphologie und Syntax bis zum Lexikon darstellte, entsprechend den zugrunde gelegten freien Texten mit einer sorgfältigen Behandlung der Variation. Dabei bestimmt er systematischer die interdialektale Variation, die der Feststellung des dialektalen Status die nötige historische Tiefe gibt, z.B. »Zway Ethiopic documents«.[27]

Vor allem bei der Syntax wird seine methodische Prämisse deutlich, die Analyse auf die kulturell artikulierte Sprachpraxis auszurichten. Die Klassifikation (in den verschiedenen Darstellungen strikt analog durchgeführt) geht von der Artikulation semantischer Verhältnisse aus, orientiert an Übersetzungsäquivalenzen, die er bei seinen mehrsprachigen Gewährsleuten erhebt. Aus dem gleichen Grund hat in der Morphologie für ihn die Struktur des Verbalsystems Priorität, als Artikulation des Kopfes propositionaler Strukturen, s. »The Verb in Mäsqan«,[28] hier für eine konservative dialektale Varietät des Gurage. Zu seiner Festschrift 1996 steuerte er selbst eine vergleichende Dialektstudie zu einer West-Gurage-Varietät bei: »Čaha and Ennemor: an analysis of two Gurage dialects«.[29]

Bei den Sprachen, deren Gemeinschaften eine entsprechende »Vitalität« zeigen, untersuchte und dokumentierte er auch den literaten Ausbau mit Textsammlungen, die die Kontinuität zu seinem europäischen Ausbildungshintergrund deutlich machten, der auf einen philologischen Gegenstand ausgerichtet war. Dieser Hintergrund wird auch da deutlich, wo er kulturgeschichtlich kontrollierte etymologische Studien in der Tradition von Wörter und Sachen vorlegte, s. etwa seine Untersuchung zu einer an Metaphorik reichen Wortfamilie: »The rainbow in the Hamito-Semitic languages«.[30]

Ohnehin stand die Anlage seiner Untersuchungen einer »systemischen« Idealisierung von Sprache entgegen: trotz der Fokussierung auf die semitischen Sprachen in einer letztlich auch genetischen Perspektive waren in seinen ethnographisch basierten Untersuchungen die Kontaktverhältnisse immer präsent, die solche Idealisierungen nur analytisch zulassen. Das gilt nicht nur für die »externen« Sprachkontakte, vor allen Dingen auch zu den kuschitischen Sprachen bei den von ihm untersuchten südlichen Varietäten, s. »The Verb in Harari (South Ethiopic)«,[31] sondern besonders auch für die »internen« Kontakte, die ihn durchgehend beschäftigen: das Verhältnis zum Amharischen, das bei den vor allem jüngeren Gewährsleuten im Vordergrund steht und die dialektalen Formen z.T. überformt, dann aber auch die Verhältnisse zu eventuell dominanteren Nachbardialekten, schließlich aber auch die innersemitischen Kontakteinflüsse, vor allem durch das Arabische, nicht nur bei Muslimen das Schriftarabische, sondern auch die in unterschiedlicher Weise einflußreichen neuarabischen Varietäten. Dem hat er in den einzelnen Varietäten eigene Untersuchungen gewidmet, s. auch zusammenfassend (beschränkt auf die phonologischen Verhältnisse) in: »The phonetic treatment of the Arabic loanwords in Ethiopic«.[32] Hierher gehört auch, mit gewissermaßen umgekehrter Blickrichtung, die Analyse von sekundären Sprachpraktiken: Argots, Geheimsprachen, berufsspezifische Fachsprachen u. dgl., s. »Ethiopian Argots«.[33]

Seinem politischen Selbstverständnis entsprach es, daß er bei diesen Untersuchungen die Perspektive der Untersuchten berücksichtigte und daß für ihn das Ziel, damit diesen Gemeinschaften zu nützen, im Vordergrund stand. Dazu gehört, daß er sich bemühte, seine Informanten selbst zu qualifizieren. Im Vorwort zu Bd. 1 des genannten Gurage-Lexikons beschreibt er die Notwendigkeit, die Informanten selbst in der analytischen Metasprache zu unterweisen. Eine ganze Reihe seiner Arbeiten hat er gemeinsam mit seinen äthiopischen Mitarbeitern publiziert. Eines seiner großen Publikationsunternehmen ist seine Reihe »Ethiopians Speak«,[34] in der er gemeinsam mit den äthiopischen Sprechern deren Erzählungen aufbereitet und ediert (die Erzählungen aus den verschiedenen Sprachgruppen geben mit den Kommentierungen eine systematische Darstellung der jewei­ligen regionalen Lebensform). Für eine ganze Reihe dieser Sprachen bedeutete das zugleich, daß sie hier erstmalig eine literate Darstellungsform erhielten. Dadurch vermied er die koloniali­stische Falle der wissenschaftlichen Ausbeutung seiner Informanten – eine ganze Reihe von diesen hat er auch an seiner Universität wissenschaftlich (weiter-)ausgebildet. Entsprechend publizierte er die gesammelten Texte aus den verschiedenen Gemeinschaften in äthiopischer Schrift (die er »phonemisch« interpretierte), in Verbindung mit einer latinisierten Umschrift, die mit grammatischen Kommentaren verbunden war, sowie einer englischen Übersetzung, die spezifische Interpretationsprobleme erläuterte, s. die ausführliche Einleitung zu dem Band zu einer Gurage-Varietät: »Ethiopians Speak: Studies in Cultural Background. Vol. II. Chaha«.[35]

So war für ihn der Bogen von akademischen Arbeitszielen zu praktischen Aufgaben offensichtlich nie ein Problem, wie nicht nur sein praktisches Engagement in Äthiopien und bei der Ausbildung äthiopischer Nachwuchswissenschaftler in den USA zeigt, sondern auch seine Beteiligung an Ausbildungsprogrammen für Peace Corps–Freiwillige, bei denen er seit 1964 die sprachliche Vorbereitung für den Einsatz in Äthiopien übernahm. Aus den dafür verfertigten praktischen Unterrichtsmaterialien ist schließlich eine systematische Grammatik der modernen Nationalsprache Amharisch hervorgegangen, deren Beispiele er auch ganz selbstverständlich außer in Umschrift in äthiopischer Schrift präsentiert: »Reference Grammar of Amharic«.[36] Ergänzend dazu ist der »Amharic Cultural Reader«,[37] in dem er (mit Th. L. Kane) Texte bietet, die äthiopische Studierende für diesen Zweck verfaßt hatten (in amharischer Schrift mit beigegebener englischer Übersetzung) – als Demonstration, daß die Sprecher der Sprache auch deren Subjekte sind. Zugleich war dieser Band als landeskundliche Ergänzung zum Sprachkurs angelegt.

L. hat in mehreren Berichten die konkreten Umstände seiner Feldforschungsarbeit in Äthiopien plastisch dargestellt – neben den alltäglichen Strapazen vor allem auch den Respekt nicht nur vor der lokalen Kultur, sondern auch vor dem gesellschaftlichen Kontext einer sich ändernden Gesellschaft, die von dem Sprachfor­scher verlangt, sich in den Spannungen von Modernisierung und traditionellen Widerständen zu definieren.[38] In seinem praktischen Enga­gement für die dynamischen Bildungsprozesse, das sich nicht zu­letzt in zahlrei­chen Sprachführern, kleineren Lexika und auch der Ausbildung einheimischer Sprachwissenschaftler doku­mentiert, hat er die bequeme kontemplative Haltung zu dem kul­turell Bunten überwunden: die für ihn »wertfrei« als Dokumente der semitischen und kuschitischen Sprachgeschichte wichtigen Dialek­trelikte gilt es gleichzeitig zu valorisieren als Potentiale für die Beteiligung am natio­nalen kulturellen Prozeß (der auf die Na­tionalsprache Amharisch festgelegt ist); so hat er es offensicht­lich auch verstanden, die politischen Behörden nicht nur zur Un­terstützung seiner Arbeit zu gewinnen, sondern diese für die sprachpoli­tischen Probleme insgesamt zu sensibilisieren (insbes. auch für die Arbeit mit den nicht stan­dardsprachlichen Dialekten!), s. dazu von ihm »A year of research in Ethiopia«;[39] »Report on a second trip to Ethiopia«;[40] »Local participation in language rese­arch«.[41] 1965 wurde ihm von der äthiopischen Regierung der Haile Selassie Preis verliehen.

Über die deskriptive Arbeit zu den einzelnen Varietäten hinaus bemühte er sich um eine Systematisierung der sprachlichen Verhältnisse in Äthiopien, die er genetisch im Sinne eines Stammbaumes rekonstruierte, in der Rückprojektion auf ein »Uräthiopisch«, s. die verschiedenen Studien dazu mit phonologischem und morphologischem Fokus in: »50 Years«. Ihren Niederschlag haben diese Arbeiten schließlich in nur monomental zu nennenden vergleichenden Werken gefunden, etwa in dem dreibändigen »Etymological dictionary of Gurage (Ethiopic)«,[42] das in Bd. 1 einen kultur- und sozialgeschichtlichen Abriß zu dieser Sprachgemein­schaft enthält, in Bd. 3 eine systematische vergleichend-histori­sche Phonologie dieser Dialektfamilie mit einer internen Rekon­struktion im semitisch(-arabischen) Kontext. Das Material ist für die erfaßten zwölf Dialekte mehrfach aufgeschlüsselt: in Bd. 1 für jeden Dialekt gesondert; in Bd. 2 mit onomasiologisch geordneten Englisch-Gurage Synopsen; in Bd. 3 etymologisch.

Besonders seine sprachpraktischen Handbücher (etwa zur Nationalsprache Amharisch) zeigen seine unphilologische Haltung: systematisch berücksichtigt er die vielfachen Spracheinflüsse, nicht nur innerhalb der semiti­schen Sprachen (vor allem durch das Arabische) sowie die kuschitischen und omotischen Sprachen, sondern auch durch die verschiedenen Kolonialsprachen (Italienisch, Englisch usw.). Diese Orientierung auf die areallinguistischen Bezüge hinderte ihn daran, in die idealisierenden Fehler der historisch-genetischen Sprachwissenschaft zu verfallen – nicht umsonst war schon bei seinen frühen Arbeiten Hugo Schuchardt für ihn eine zentrale wissenschaftliche Bezugsgröße (s.o.).[43]

Theoretisch-methodologische Fragen haben für ihn einen instrumentellen Status: wo es der Gegenstand erforderte, konnten sie systematisch in den Vordergrund rücken, wie etwa bei seiner Argot-Studie von 1964, bei der er die Reflexion auf Sprachstrukturen von den Sprechern explizit auch nutzt, oder bei der Analyse der Tonverhältnisse im Moča (s.o.). Insofern konnte er durchaus auch die Bearbeitung von Kapiteln in methodisch ausgerichteten Handbüchern übernehmen, etwa zur äthiopischen Phonologie im »Chaha (Gurage)« und »Amharic«[44]. Dabei operiert er mit einem relativ konservativen Phonologieverständnis mit dem Fokus auf der Variation der Formen in den beschriebenen Varietäten. Einen ähnlich autoritativen Status hat er in der Lexikographie, ein Beitrag »Lexicography of the Semitic languages of Ethiopia« von ihm ist für das Handbuch »Wörterbuchforschung« vorgesehen.[45]

Der Horizont seiner Arbeiten reichte ohnehin über das rigide praktizierte sprachwissenschaftliche Handwerk hinaus, wie seine kultur-anthropologischen Studien zeigen; dabei wurden insbes. die schon genannten schwarzen jüdischen Fallaschas eines seiner Hauptarbeitsgebiete (wie er ja auch zu anderen jüdischen Gemeinden in der semitischen Diaspora, etwa im Maghrib, publiziert hat). Einige volkskundliche Textsammlungen hat er gemeinsam mit seiner Frau Charlotte L. herausgegeben, mit der er seit seiner Wiener Studienzeit zusammen gelebt hat.[46]

Q: L. erhielt im Abstand von zehn Jahren insgesamt vier Festschriften, die auch bio-bibliographische Teile enthalten: S. Segert/A. J. E. Bodrogligeti (Hgg.), »Ethiopian Studies to Wolf Les­lau«, Wiesbaden: Harrassowitz 1983 (dort M. Rodinson, S. 38-66 zum Lebenslauf und S. 3-37 Bibliographie); A. S. Kaye (Hg.), »Semitic Studies«, 2 Bde., Wiesbaden: Harrassowitz 1991 (Bibliographie S. 21*-34*; ergänzende Bibliographie zur FS von 1983: 35*-66*); G. Hudson (Hg.), »Essays on Gurage Language and Culture«, Wiesbaden: Harrassowitz 1996 (Bibliographie zu L.s Gurage-Arbeiten bis 1997, S. 5-16); der ihm zum 100. Geburtstag gewidmete Band 9/2006 der Zeitschrift Aethiopica (mit einer Würdigung von M. S. Devens, S. 220-221). Weitere Hinweise von W. L. selbst (schriftlich) sowie von S. Uhlig, s. von diesem auch den Über­blicksartikel »Das Comparative Dictionary of Gecez – eine Frucht aus Forschung und Lebenswerk Wolf Leslaus«, Wiesbaden: Harrassowitz 1991. Systematische Hinweise zu L.s Werk u.a. seiner Bedeutung für die Semitistik auch in den Rezensionen von W. W. Müller in Z. Dt. Morgenländ. Ges. 117/1967: 179-180; 410-412; E/J 2006. Nachrufe: E. A. Silver (ein enger Verwandter, der ein sehr persönliches Bild zeichnet), in: http://www.umich.edu/~aos/WolfLeslau.html abgerufen am 10. Juni 2013; G. Hudson in Linguist List 17.3470 v. 24.11.2006 (http://linguistlist.org/issues/17/17-3470.html, Febr. 2009); Walta Information Center: http://www.waltainfo.com/Analysis/2006/Nov/21050.htm (Febr. 2009); A. Kaye, »W. L.«, in: Language 83/2007: 870-875.



[1] Deshalb berücksichtige ich ihn hier auch als »deutschsprachig«.

[2] In : GLECS (= Comptes rendus du groupe linguistique d’études chamito-sémitique) 1/1933: 35.

[3] Paris: Klincksieck 1938. Das Soqotri, gesprochen auf der Insel Soqotra (vor Somalia gelegen), ist eine Varietät des Mahri.

[4] Bemerkenswert im Vorwort ist nicht nur der Dank an M. Cohen, sondern auch der an seinen Wiener Lehrer Viktor Christian, der später eine herausgehobene Stelle in der NS-Hierarchie hatte, dem er sich aber offensichtlich zeitlebens zu Dank verpflichtet fühlte.

[5] In: W.L., »Fifty Years of Research«, Wiesbaden Harrassowitz 1988: 1-4 – dieser Sammelband wird im folgenden mit »50 Years« zitiert.

[6] Z.B. die Ausarbeitung eines Detailproblems seiner Soqotri-Studie »Der š-Laut in den modernen südarabischen Sprachen«, in: Wiener Z. f. d. Kunde d. Morgenlandes 44/1937: 211-219.

[7] Sein Mentor M. Cohen bekam allerdings als aktives Mitglied der KPF zunehmend selbst Schwierigkeiten und mußte nach der deutschen Okkupation in den Untergrund gehen – der politisch anscheinend eher indifferente L. wurde in einer Art Sippenhaft davon mitbetroffen (s. die Hinweise in dem Bericht von M. Rodinson).

[8] Paris: Klincksieck 1941.

[9] In: Word 3/1947: 180-203.

[10] In: Word 1/1945: 59-82.

[11] Hall 1975: 57 be­richtet von seiner Teilnahme an dem inneren Kreis der deskriptiven US-Linguisten, dem Yale University Linguistic Club.

[12] In: Lg. 20/1944: 56-65.

[13] In: J. American Orient. Soc. 65/1945: 1-26; 164-203.

[14] In: Yivo Bletter 26/1945: 58-78.

[15] In: Jewish Quarterly Review 36/1945-1946: 61-78.

[16] Zu der ersten Reise 1946/1947 s. den auch anekdotisch aufschlußreichen Bericht »A Year of Research in Ethiopia«, in: »50 Years«: 95-108. Später hat er auch einen Band mit seinen eigenen Fotografien bei Forschungsreisen 1946-1970 zu jüdischen Gemeinschaften in Äthiopien publiziert (m. C. Berman), »The Jews of Ethiopia«, Los Angeles: Millhouse Publishers 2001.

[17] Paris: Klincksieck 1956.

[18] Paris: Institut d’Ethnologie 1957.

[19] New Haven: Yale Univ. Pr. 1951.

[20] In: Commentary 7/1949: 216-224.

[21] In: Judaism (Organ des American Jewish Congress) 6/1957: 142-147.

[22] Wiesbaden: Harrassowitz 1969.

[23] »Observations on Sasse’s Vocabulary of Burği«, in: Afrika und Übersee 71/1988: 177-203.

[24] Berkeley: Univ. California Pr. 1995.

[25] In politischer Hinsicht legte er eine bemerkenswerte Indifferenz an den Tag: er arrangierte sich auch mit dem revolutionären Regime nach 1991, das ihm ebenfalls Ehrungen zu Teil werden ließ.

[26] Leiden: Brill 1956.

[27] Wiesbaden: Harrassowitz 1999.

[28] Wiesbaden: Harrassowitz 2004.

[29] G. Hudson 1996 (Q): 111-122.

[30] In: Orbis 5/1956: 478-483.

[31] Berkeley: Univ. California Pr. 1958; gesprochen in der Provinz Hararghe (Hauptstadt Harer).

[32] In: Word 13/1957: 100-123.

[33] Den Haag: Mouton 1964.

[34] Seit 1965, Bd. 5/1983.

[35] Berkeley: Univ. California Pr. 1966.

[36] Wiesbaden: Harrassowitz 1995.

[37] Wiesbaden: Harrassowitz 2001.

[38] S. dazu »Local participation in Language research«, in: »50 Years«, S. 101-115.

[39] In: Word 4/1948: 212-225.

[40] In: Word 8/1952: 72-79.

[41] In: »National Con­ference on the Teaching of African Langua­ges and Area Studies«, Washington D.C. 1960 (vervielfältigt): 40-46.

[42] Wiesbaden: Harrassowitz 1979 – annähernd 3000 Seiten.

[43] In methodisch orientierten neueren Darstellungen zur Sprachkontaktforschung figuriert L. daher auch als Autorität für den von ihm erschlossenen »Äthiopischen Sprachbund«, s. etwa S. G. Thomason/T. Kaufman, »Language Contact, Creolization and Genetic Linguistics«, Berkeley: Univ. California Pr. 1988.

[44] In: A. S. Kaye/P. T. Daniels (Hgg.), »Phonologies of Asia and Africa«, Winona Lake/Ind.: Eisenbrauns 1997: 373-430.

[45] In: H. E. Wiegand u.a. (Hgg.), »Wörterbuchforschung«, Teilbd. 1, Berlin: de Gruyter 1998. Die Seitenzählung (2448-2455) in der bibliographischen Angabe der FS 1991 läßt vermuten, daß der Artikel in Bd. 2 erscheinen wird.

[46] S. dazu auch (zusammen mit Charlotte L.) »African Proverbs«, New York: Peter Pauper 1962.