Leo, Ulrich Paul Ludwig

Geb. 28.5.1890 in Göttingen, gest. 4.7.1964 in Toronto/Kanada.

 

Nach dem Abitur 1908 in Göttingen Studium der klass. Philologie und Romanistik in Berlin, Königsberg und Göttingen, zeitweise krankheitsbedingt unterbrochen. Auch der Studienabschluß stand un­ter den Vorzeichen seiner prekären Gesundheit. Unter Kriegsbedingungen machte er 1914 in Göttingen die »Notprüfung als Doctor« (Vita), und auch die Dissertation, die er ambitioniert E. Norden (und nicht seinem Betreuer Stimmig) widmet, bleibt in recht weit­schweifigen Paraphrasen hinter dem Anspruch zurück: »Die erste Branche des Roman de Renart nach Stil, Aufbau, Quellen und Ein­fluß. Erster Abschnitt: die Anthropomorphismen im Roman de Renart unter Berücksichtigung der Branche I«:[1] Zwar enthält die Arbeit viel Material vor allem zum Wortschatz, sie wird aber analytisch der Aufgabe einer Stilanalyse nicht gerecht und verbleibt im Literaturgeschichtlichen.

1914-1917 nahm er als Freiwilliger am Krieg teil und wurde verwundet. 1917-1919 Tätigkeit am »Thesaurus Linguae Latinae« in München und dort Verbindung zu Vossler. Er absolvierte eine Bibliothekarslaufbahn: 1921 Dipl. Prü­fung, 1921/1922 tätig an der Preußischen Staatsbibliothek, 1922 Volontariat in Marburg, 1925 bibliothekarische Fachprüfung (zugleich mit dem Staatsexamen), danach bis 1927 Bibliothekar in Marburg, 1927 in Greifswald, seit 1928 in Frank­furt.

In dieser Zeit veröffentlichte er weitere stilanalytische Ar­beiten, orientierte sich dabei vor allem an Spitzer, um die sprachliche Form der Texte zu rekonstruieren, die er zugleich litera­turgeschichtlich in eine Analyse der so reartikulierten Gattungs­tradition einbettet, so etwa »Fogazzaros Stil und der symbolistische Lebensroman. Studien zur Kunstform des Romans«.[2] Mit dieser Arbeit habilitierte er 1931 in Frankfurt für romanische Philologie mit bes. Berücksichtigung des Italienischen. 1933 wurde er aus rassisti­schen Gründen zunächst vom Dienst suspendiert, dann als Frontkämp­fer bis 1935 wieder eingestellt (in Hinblick auf seine rassisti­sche Stigmatisierung liest man in seiner Vita bei seiner Disserta­tion: »Ich bin Preuße und evangelisch«). Daraufhin emigrierte er nach England, wo er zunächst am »Du Cange«, dem Wörterbuchunternehmen für das mittelalterliche Latein, mitarbeitete. 1938 migrierte er weiter nach Venezuela, wo er Archivtätigkeiten wahrnahm und nebenher außer seinen fachlichen Studien im engeren Sinne auch breiter journalistisch tätig war.[3] 1945 erhielt er eine Professur in Iowa /USA, 1948 an der Univ. Toronto (Lehrauftrag für Italianistik und Hispanistik). 1959 trat er in den Ruhestand, während dessen er mehrfach Gastprofessuren in der BRD annahm (Bonn und FU Berlin). 1963 wurde er von der Univ. Frankfurt rehabili­tiert, indem er noch zum ordentlichen (emeritierten) Professor ernannt wurde.

In seinem späteren Werk hat er seine wissenschaftliche Position systematisch ausge­baut, häufig programmatisch dargestellt und in materialreichen Studien ins Werk gesetzt. Bewußt situiert er sich in der hermeneu­tischen Tradition der Literaturwissenschaft, bemüht sich aber auf methodischem Gebiet um eine Objektivierung der Interpretation, in­dem er die spezifische Form des literarischen Kunstwerks als sol­che immanent auch mit sprachwissenschaftlichen Verfahren her­auspräpariert, die die formale Einheit des jeweils untersuch­ten Werkes aufzeigen sollen. Hier setzt er sich ausführlich auch mit Versuchen bei E. Lewy und Spitzer auseinander, die Sprachbiogra­phie als analytische Figur für eine solche Analyse zu fassen (so z.B. in »Historie und Stilmonographie. Grundsätzliches zur Stil­forschung«):[4] Insofern richtete er sich explizit gegen die geistesgeschichtliche Tradition (der er auch Vossler zurechnet), aber er setzte sich auch von einer rein sprachwissenschaftlichen Stilanalyse (etwa im Sinne von Bally) ab, die seiner Auffassung nach das spezifisch Künstlerische nicht fassen kann.

Die expliziteste Auseinandersetzung mit der sprachwissenschaftlichen Methodik findet sich in seinem Habilitationsvortrag von 1931, in dem er im Sinne der damals üblichen Anforderungen an einen Literaturwissenschaftler bei einer philologischen Habilitation einen sprachwissenschaftlichen Gegenstand behandeln mußte: »Dialektgeographie und romanistische Sprachwissenschaft«.[5] Der recht informierte Überblick, der sich allerdings auch schon auf entsprechende Darstellungen von Spitzer, Gamillscheg u.a. stützen konnte, dient ihm zu einer kritischen Auseinandersetzung in der Tradition von Vossler mit den Neuansätzen der deskriptiven Sprachwissenschaft, für die ihm Gilliéron (der Schöpfer des französischen Sprachatlasses) Modell steht. Bei diesem diagnostiziert er einen »Mathematizismus« (S. 214), der blind für die historische Dimension der Sprache ist, die in seiner Sicht in der deutschen Tradition der Sprachgeographie in der Nachfolge von Schuchardt, in der Romanistik von Jaberg und Jud gewissermaßen gerettet wird: gegen die Auflösung des nur historisch zu fassenden Begriffs der Sprache bzw. des Dialekts durch das dynamische Konzept einer Sprachlandschaft. Nur als kurios kann man es allerdings bezeichnen, daß er dabei ausgerechnet den deutschen Sprachatlas, dessen methodische Unzulänglichkeiten bis heute den Abschluß der Publikation behindern, »mit Stolz« als weiterweisendes Modell präsentiert (S. 226) – derartige nationalistische Obertöne stimmen auch zu anderen Entgleisungen, so wenn er seine positive Würdigung der Leistungen der neueren Sprachgeographie mit der Erfahrung von Frontsoldaten im Gegensatz zur Etappe vergleicht (S. 224).[6]

Ohne diese Obertöne, mit einer extensiven Auseinandersetzung mit der neueren (strukturalen) Sprachwissenschaft, hat er seine Position später systematischer entwickelt, kompakt dargestellt in »Stilforschung und dichterische Einheit«,[7] wo er recht prägnant die relative Autonomie der sprachlichen Form gegenüber dem Autor herausstellt, der auch nicht Herr im Haus seiner Sprache ist, vgl. dazu auch seine Monographien »Torquato Tasso. Studien zur Vorgeschichte des Secentismo«[8] und »Sehen und Wirklichkeit bei Dante, mit einem Nachtrag über das Problem der Literaturgeschichte«.[9] Vor allem das inhomogene Werk Dantes bringt ihn dazu, die differenzierende Rolle der »gattungsgebundenen« formalen Stilzwänge in der Spannung zur dichterischen Gestaltung herauszustellen, s. noch »Ueber die ›Vita Nuova‹«.[10] In diesen Arbeiten wird einerseits seine Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Milieu seiner Emigrationsstationen in Süd- und Nordamerika deutlich, andererseits aber auch seine intellektuell weiter bestehende Verwurzelung in Deutschland (s.o. zu den Gastprofessuren in Bonn und Berlin). Eine Würdigung der philologischen Methode L.s findet sich in Schalks Einleitung zu der von ihm hg. Sammlung kleiner Schriften: »U. L.: Romanistische Aufsätze aus drei Jahr­zehnten«,[11] S. xii-xxii.

Q: V; LdS: unplaced; Christmann/Hausmann 1989: 299-301; J. Erfurt: Geschichte des Instituts für Romanische Sprachen und Literaturen, Universität Frankfurt/M. 2002 (http://www.romanistik.uni-frankfurt.de/information/geschichte/ , Febr. 2009); Schriftenverzeichnis in den von Schalk 1966 hg. »Kleinen Schriften«, S. 400-410; sowie bei Heuer/Wolf.



[1] Göttingen: Kaestner 1917 – Teildruck.

[2] Hei­delberg: Winter 1928 – für seine Ansprüche ist der emphatische Be­zug auf Heidegger im Vorwort bezeichnend.

[3] S. dazu mit Auszügen zu seinen Briefen Hausmann 2000: 258-261.

[4] Zuerst 1931, Nachdruck in den »Kleinen Schriften« s.u., S. 1-30.

[5] In: Arch. St. Neueren Spr. 162/1932: 203-226.

[6] Zu seinem Patriotismus, s. auch bei Hausmann 2000, (S. 112).

[7] München: Hueber 1966.

[8] Bern: Francke 1951.

[9] Frankfurt: Klostermann 1957.

[10] In: W. de Sua/G. Rizzo (Hgg.), »A. Dante Symposion«, Chapel Hill: Univ. North Carolina Pr. 1965: 35-44.

[11] Köln usw.: Böhlau 1966.