Kuttner, Max

Geb. 4.12.1862 in Berlin,[1] gest. 28.5.1931 in Berlin.[2]

 

K. gehört nicht zu den Verfolgten. Er ist im Katalog nur aufgenommen, weil er in der einschlägigen Literatur erscheint (z.B. bei Christmann/Hausmann 1989).

1882 machte K. in Berlin das Abitur und studierte dort Romanistik und Anglistik. Das Studium schloß er 1889 mit der Promotion ab. K. war Gymnasiallehrer in Berlin, zuletzt als Direktor einer Schule. Zeitweise hatte er einen (stundenweise bezahlten) Lehrauftrag am Romanischen Seminar der Berliner Universität. Ihm wurde der Professorentitel verliehen: so firmierte er als Herausgeber der »Neuphilologischen Handbibliothek für die westeuropäischen Kulturen und Sprachen«[3] als »Prof. Dr. Max K., Berlin« (z.B. auf dem Titelblatt seiner eigenen dort erschienenen Werke).

K.s Dissertation »Das Naturgefühl der Altfranzosen und sein Einfluß auf ihre Dichtung«[4] ist geistesgeschichtlich orientiert und versammelt kursorisch literarische Belege mit Naturbeschreibungen. Auch da, wo im engeren Sinne sprachanalytische Fragen behandelt werden wie beim Bedeutungswandel, ist wenig von methodischer Kontrolle zu spüren. Später betreute er den Nachlaß seines Doktorvaters Adolf Tobler, dessen Kleine Schriften er auch ins Französische übersetzte.[5] Dadurch machte er syntaktische Fragen zu seinem Arbeitsfeld, s. seine Monographie »Prinzipien der Wortstellung im Französischen. Zur französischen Negation«.[6] Dabei handelt es sich um die Ausarbeitung eines Vortrages 1906 vor der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen, zu deren aktivsten Mitgliedern er gehörte, der auch regelmäßig in deren Archiv publizierte. Methodisch i. S. der damals vorherrschenden psychologisierenden Analyseweise zeichnet er die Entwicklungen vom Altfranzösischen zum Neufranzösischen auf der Basis literarischer Belege nach.

Vor diesem methodischen Hintergrund nahm er dezidiert Stellung gegen die kulturkundlichen Strömungen der 20er Jahre, die nach seiner Auffassung methodisch unzureichend kontrollierte Daten »völkerkundlich« ausdeuten, so in seiner detaillierten Rezension zu Strohmeier »Der Stil der französischen Sprache«.[7] In diesem Sinne legte er sich insbesondere auch mit der Vossler-Schule an, allerdings mit sehr viel vorsichtigeren Formulierungen, so in seiner Rezension zu Spitzers »Stilstudien« (1928), wo er diesem eine fehlende Methodik, dagegen aber durchaus interessante Einsichten bei Einzelanalysen zugesteht.[8] Daneben verfolgte er selbst auch seine geistesgeschichtlichen Interessen aus der Dissertation weiter, so z.B. in einem Aufsatz über die literarischen Verwendungen des Argots vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart.[9] Ein gewisses Gegenstück dazu ist seine Beschäftigung mit der Soldatensprache während des Ersten Weltkriegs, als K. von einer dezidiert patriotischen Position aus in die damaligen polemischen Auseinandersetzungen zwischen französischen und deutschen Intellektuellen eingriff, so vor allem in seiner Replik »Deutsche Verbrechen? Wider Joseph Bédier, Les crimes allemands d'après des témoignages allemands«, bei der er anhand faksimilierter Auszüge Briefe und Tagebücher von französischen Soldaten analysiert.[10] Mit formalen Detailanalysen (zum Sprachlichen und auch zur Schriftform) versucht er sogar, Bédier Fälschungen nachzuweisen. Bemerkenswert sind rassistische Untertöne, wenn er z.B. die marokkanischen Soldaten auf der französischen Seite als »Wilde« bezeichnet (vgl. auch den ähnlichen Tonfall bei Boas). Vor diesem Hintergrund hat er sich später auch mit den entsprechenden Arbeiten von Spitzer auseinandergesetzt.

Q: V; Nachruf von Th. Engwer, in: »M. K. Gedächtnisfeier der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen vom 13. Oktober 1931« (o.O., o.J.), dort S. 3-23; Christmann/Hausmann 1989; Archiv der Humboldt-Universität.



[1] Nach anderen Quellen: in Thorn (T[h]orun) bei Bromberg (Polen).

[2] Todesdatum lt. einem Vermerk der Humboldt-Universität. Christmann/Hausmann (1989) geben für seinen Tod an: »nach 1942 (?)«.

[3] Bielefeld: Velhagen & Klasing.

[4] Berlin: George und Fiedler 1889.

[5] Adolf Tobler, »Mélanges de grammaire française«, Paris: Picard 1905 (gemeinsam mit L. Sudre).

[6] Bielefeld: Velhagen & Klasing 1929.

[7] 2. Aufl. 1924. In: »Kulturkunde durch Stilistik«, in: A. f. d. St. neuerer Spr. u. Lit. 154/1928: 44-66.

[8] »›Stilstudien‹ und Studienstil«, in: A. f. d. St. neuerer Spr. u. Lit. 155/1929: 229-240.

[9] In: »Von der Geltung des Argot« in der Festschrift für Wechssler »Philologisch-philosophische Studien«, Berlin 1929: 346-356.

[10] Bielefeld: Velhagen & Klasing 1915. Bédier war ähnlich verfahren, s. dessen von K. im Titel zitierte Schrift (Paris: Armand Colin 1915).