Koppers, Wilhelm

Geb. 8.2.1886 in Menzelen/Xanten, gest. 23.1.1961 in Wien.

 

Mit 15 Jahren trat K. in ein Missionshaus in seiner Heimat ein (in die »Gesellschaft des Göttlichen Wortes« in Steyl/Venlo). Nach dem Abitur dort absolvierte er die entsprechende Ausbildung in Mödling/Wien, wo er 1911 zum Priester geweiht wurde. Während des Studiums dort hörte er bei Pater W. Schmidt, der seinen Interessen eine ethnologische Ausrichtung gab. Dazu studierte er vergleichende Sprachwissenschaft (Indogermanistik mit Schwerpunkt bei der Indologie und Semitistik). Nach einem Studienaufenthalt in Rom wurde er enger Mitarbeiter von Schmidt, von dessen theoretischen Vorgaben, insbesondere der Kulturkreislehre, er sich lebenslang nur schwer lösen konnte; in Ansätzen distanzierte er sich davon erst nach Schmidts Tod.[1]

Seit 1913 war er in der Redaktion des Anthropos und übernahm im Auftrag von Schmidt die Ausarbeitung wirtschaftsgeschichtlicher Fragen für eine Gesamtdarstellung der Ethnologie. Daraus ging auch seine Dissertation über »Die ethnologische Wirtschaftsforschung« hervor, mit der er 1917 in Wien promovierte. Diese Arbeitsteilung mit dem Forschungsfeld von Schmidt blieb für sein weiteres Werk bestimmend, insbesondere auch für seine ethnologische Feldforschung. 1922 beteiligte er sich an einer Expedition nach Feuerland zu den Yamana, deren heute ausgestorbene Sprache er auch lernte, sodaß er bei einer Darstellung der Expeditionsergebnisse, vor allem bei deren religiösen Praktiken, auch die sprachlichen Ausdrucksformen zitieren und erläutern konnte – ohne aber der Sprache selbst einen eigenen Raum in der Darstellung zu geben.[2]

Anders als Schmidt, der seine Forschungen außerhalb der Universität betrieb, verlegte K. seine Arbeit in die Wiener Universität. Er bildete zwar weiterhin Missionare an der Mödlinger Ausbildungsstätte aus, unterrichtete dazu auch sprachwissenschaftliche Methodik, insbesondere Phonetik, sein Arbeitsschwerpunkt blieb aber die Wirtschaftsethnographie. Für diese wurde er auch im engeren Sinne 1924 an der Universität Wien habilitiert.[3] 1928 wurde er dort zum außerordentlichen Professor ernannt, 1935 zum ordentlichen Professor. In Verbindung damit baute er das Institut für Völkerkunde auf. Dazu gehörte ein ausgedehnter Lehrbetrieb, u.a. mit der Betreuung von über 100 Promotionen, bei denen sich aber nach den Angaben bei Henninger (Q) zeigt, daß sprachwissenschaftliche Themen für die von ihm angeregten Arbeiten keine prominente Rolle spielten.

Völkerkunde war für K. ausdrücklich ein kulturgeschichtlicher Forschungsbereich, der seine Schwerpunkte einerseits bei der Religionsgeschichte hatte, andererseits bei wirtschaftsgeschichtlichen Fragen (bei ihm selbst vor allem in der Haustierforschung). Allerdings vertrat er das Fach auch hier in einem umfassenden Sinne, wie auch der Titel der von ihm herausgegebenen Schriften des Wiener Institutes deutlich macht, die »Wiener Beiträge zur Kulturgeschichte und Linguistik«; entsprechend war er auch aktiv in eher sprachwissenschaftlich ausgerichteten Vereinigungen wie z.B. der »Wiener Sprachgesellschaft«, wo ihn vor allem die Möglichkeit interessierte, die »Urgeschichte« zu rekonstruieren.

Von dieser Position aus bezog er auch Stellung zu damals prominent in der vergleichenden Sprachwissenschaft diskutierten Fragen, so besonders zu der sogenannten Indogermanenfrage, bei der er eine dezidierte Gegenposition zu der im Umfeld der Nationalsozialisten favorisierten »nordischen« These einnahm, s. besonders das von ihm herausgegebene umfangreiche Sammelwerk (annähernd 800 Seiten) »Die Indogermanen- und Germanenfrage. Neue Wege zu ihrer Lösung«,[4] im Vorwort von K. selbst direkt als Gegenschrift zu der von Arntz herausgegebenen Hirt-Festschrift annonciert. K.s eigener Beitrag dazu stammte aus seiner Haustierforschung: »Pferdeopfer und Pferdekult der Indogermanen« (S. 279-412). Grundlage für K.s Position in dieser Sache waren seine Untersuchungen zu den Steppenvölkern, zu denen seiner Auffassung nach die »Urindogermanen« gehörten, genauso wie die »Urtürken«, zu denen er ebenfalls publizierte.

Nach dem »Anschluß« im März 1938 wurde er zunächst beurlaubt, zeitweise auch interniert und schließlich im März 1938 aus politischen Gründen (als Anhänger der Schuschnigg-Regierung und Gegner des Nationalsozialismus) entlassen. Mit Unterstützung der Rockefeller-Foundation unternahm er daraufhin im Auftrag der Missionsgesellschaft eine Forschungsreise nach Zentralindien (Madhya Pradesh) zu den Bhil (»Bogen-Menschen«), deren Lebensform er ausführlich mit den Möglichkeiten aller verfügbaren dokumentarischen Verfahren darstellte, vor allem der Fotografie.[5] Für ihn handelt es sich um ein sozial und kulturell zu den innerindischen Stämmen gehörendes Volk. Daß es anders als es die Lebensweise vorgibt, in sprachlicher Hinsicht nicht zu diesen gehört, keine drawidische oder Munda-Sprache spricht, sondern eine indo-arische, spielt für ihn, wie sprachliche Fragen überhaupt, auch in diesem Buch keine sonderliche Rolle.[6]

Im Anschluß an diese Expedition war er von 1940 bis 1945 am Anthropos-Institut in Posieux-Froideville (Fribourg, Schweiz) tätig, wohin Pater Schmidt das Institut inzwischen verlagert hatte. Dort arbeitete er nicht nur die Ergebnisse seiner Indienexpedition aus, sondern unternahm darüber hinaus eine ziemlich ausgedehnte Publikationstätigkeit. Zu dieser gehörten auch populärwissenschaftliche Schriften, die er mit einigem Erfolg auch später fortführte. 1945 wurde er nach Wien zurückberufen, wo er auch nach seiner Emeritierung 1957 an »seinem Institut« bis kurz vor seinem Tod weiterarbeitete.

 

Q: BHE; Kürschner 1961; DBE 2005; Weibel/Stadler 1993; Nachrufe von H. Henninger, in: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft Wien 91/1961: 1-14; A. Brugmann, in: Anthropos 56/1961: 721-736; Kowall; Archiv Univ. Wien.

 


 

[1] S. dazu die autobiographischen Aussagen bei Henninger (Q), außerdem Brugmann (Q).

[2] »Unter Feuerland-Indianern: Eine Forschungsreise zu den südlichsten Bewohnern der Erde mit M. Gusinde«, Stuttgart: Strecker und Schröder 1924.

[3] Die Venia lautete »Völkerkunde mit besonderer Berücksichtigung der Wirtschaftsgeschichte der Naturvölker«. In der Philosophischen Fakultät gab es, wie die Unterlagen zu seinem Habilitationsverfahren zeigen, offensichtlich auch Bedenken gegen seine Arbeitsweise, wie sie in der Darstellung seines Feuerlandbuches deutlich waren, das er als Habilitationsschrift eingereicht hatte.

[4] Salzburg: Pustet 1936 [erschienen 1937].

[5] »Bowmen of Mid-India«, zuerst Wien 1948; eine zweibändige englische Übersetzung und Neubearbeitung durch L. Jungblut erschien in Wien: Acta Ethnologica et Linguistica 1976.

[6] Der Bearbeiter Jungblut gibt der Neuauflage ein systematisches (auch sprachliches) Register bei, z.B. mit terminologischen Glossen, das die Dokumentation auswertet.