Klemperer, Viktor

Geb. 9.10.1881 in Landsberg (Warthe), gest. 11.2.1960 in Dresden.

 

Wie seine Brüder wurde auch K., dessen Vater Rabbiner war, getauft, um Karriere machen zu können. Nach dem Abitur 1902 in Landsberg studierte er Germanistik und Romanistik in Berlin und München, mit Auslandsaufenthalten in Genf, Paris und Rom. Während der Studienzeit war er von 1906-1912 journalistisch tätig (er schrieb vor allem über zeitgenössische Literatur im Feuilleton). Der Versuch, in München in der Romanistik zu promovieren, scheiterte: bei Tobler wurde er wegen unzureichender Altfranzösisch-Kenntnisse nicht ins Seminar aufgenommen und auch, als Tobler seinen Interessen entgegen kam und ihm ein relativ »neuzeitliches« Promotionsthema vorschlug (»Voltaires Ansicht von den Sprachen«), fühlte er sich dem nicht gewachsen.[1]

So promovierte er 1912 in München in der Germanistik mit einer Dissertation zur zeitgenössischen deutschen Literatur (über Friedrich Spielhagen), die auch den dortigen Romanisten Vossler interessierte, der ihn als Habilitanden für romanische Literaturgeschichte akzeptierte. Den für eine Habilitation damals erforderlichen sprachwissenschaftlichen Nachweis erbrachte er mit einem Vortrag über »Italienische Elemente im französischen Wortschatz zur Zeit der Renaissance«,[2] den er selbst als Referat aus Handbuchquellen qualifiziert (dort S. 671) und der auch erhebliche Unsicherheiten in der sprachwissenschaftlichen Begrifflichkeit zeigt, z.B. durch die Verwechslung von Buchstaben und Lauten. Seit dieser Zeit arbeitete er an einem großen Vorhaben zur literaturgeschichtlichen Darstellung des 18. Jahrhunderts in Frankreich. Allerdings mußte er die Alte Abteilung in der Romanistik mitbetreuen, was ihm offensichtlich denkbar schlecht gelang. Daraus ist ein Lehrbuch hervorgegangen: seine »Einführung in das Mittelfranzösische«,[3] das allenfalls als literarische Anthologie brauchbar ist, in sprachgeschichtlicher Hinsicht aber peinliche Unsicherheiten zeigt; so hält er dort eine grammatische Darstellung für überflüssig, weil das Mittelfranzösische keine normative Grammatik kenne (S. 6).[4]

Durch Vosslers Vermittlung ging er 1914 zunächst als Lektor nach Neapel, meldete sich bei Kriegsbeginn aber entsprechend seiner ausgesprochen national-konservativen Einstellung als Kriegsfreiwilliger. Von 1916-1918 war er bei der Wehrmacht als Zensor in Litauen eingesetzt. 1918 sollte er an der unter deutscher Kriegsverwaltung stehenden Universität Gent eine Dozentur erhalten, die er aber durch den für Deutschland ungünstigen Kriegsausgang nicht mehr antreten konnte. Er ging also wieder als Privatdozent nach München zurück und finanzierte sein Leben zunächst durch feuilletonistisches Schreiben. Immerhin hatte ihm sein Kriegseinsatz einen politischen Bonus verschafft, der dazu beigetragen haben dürfte, daß er 1920 eine Professur an der TH Dresden erhielt.

Seit seinem 16. Lebensjahr schrieb K. geradezu zwanghaft ein Tagebuch, das er in den späteren Jahren, auch in der NS- Zeit, systematisch als Protokoll eines Jahrhundertzeugen für die postume Veröffentlichung verfaßte. Tatsächlich hat er damit ein einzigartiges Dokument hinterlassen, das von weitaus größerer Bedeutung als seine wissenschaftlichen Leistungen ist.[5] Die frühen Jahre zeigen geradezu beklemmend die Anpassungsanstrengungen eines »assimilierten« Juden; die Weimarer Zeit zeigt die Schwierigkeiten eines Juden, sich im akademischen Betrieb zu behaupten; die Tagebücher aus der Zeit des Nationalsozialismus zeigen K. als Verfolgten, der, durch das Zusammenleben mit seiner »arischen« Frau geschützt, den widersprüchlichen Alltag im Faschismus aus der Sicht von unten durch- und überlebte, wie dieser sonst wohl nirgends dokumentiert ist. Der dokumentarische Rang dieser Tagebücher wird nicht zuletzt daran greifbar, daß K. sich selbst dort schonungslos als einen alles in allem unsympathischen Zeitgenossen schildert. 

K. war seinem wissenschaftlichen Selbstverständnis nach Literaturwissenschaftler, der aber auch auf diesem Feld Probleme mit der Alten Abteilung hatte und entschiedener Modernist war.[6] Sein Arbeitsschwerpunkt war das französische 18. Jahrhundert, an dessen Darstellung er seit dem Ersten Weltkrieg arbeitete und zu dem er während der Zeit des Nationalsozialismus Material sammelte (s.u.). In seinem literaturwissenschaftlichen Werk dominieren die Bemühungen, einen persönlichen Stil der Autoren und ein im zeitgenössischen Material sichtbares Profil herauszuarbeiten, so schon in seiner Frühschrift zu Montesquieu (1914/1915 – die Habilitationsschrift) und zu Corneille (1933). Ansonsten versammelte er in einem ungeheuren Arbeitseifer eine Fülle von Material, das er auf Sachbuchniveau zusammenstellte, insbesondere in seiner fünfbändigen Literaturgeschichte der neueren französischen Literatur (1931).

Auf diese literaturwissenschaftliche Arbeit übertrug er seine journalistische Neugier auf die Änderungen der Lebensverhältnisse, denen schon seine Feuilletons vor dem Ersten Weltkrieg gewidmet waren, z.B. zum Kino als Ort der »Demokratisierung« (bei ihm durchaus mit kulturkritischem Akzent als Nivellierung der Kultur gesehen),[7] wie er hier auch seine lebenslange Leidenschaft für das Autofahren entdeckte. Zu seiner Faszination von der Moderne gehört auch der Sport, zu dem er bereits in den 20er Jahren mit vielfältigen Aufzeichnungen ein Projekt zur Sportsprache avisierte; er sprach ausdrücklich von einer »sprachlichen Studie« zum modernen Sport, s. »Weimar«: Eintragung vom 1.9.1926.

Mit dieser kulturanalytischen Einstellung fand er wenig Resonanz bei den Fachgenossen;[8] selbst sein Förderer Vossler kritisierte die fehlende methodische Kontrolle bei seinem Erstlingswerk über Montesquieu (1914-1915),[9] mit dem er ihn dennoch habilitierte. In gewisser Weise (vor allem seinem Selbstverständnis nach!) radikalisierte K. so Vosslers Versuch, Literatur von der Sprache her zu analysieren, war aber nicht wie dieser auf die hochkulturellen Höhepunkte fixiert, sondern explorierte systematisch das sprachlich vorgeformte Material, mit dem Literatur gestaltet wird (für ihn nicht anders als für Vossler macht das den Unterschied zu den bildenden Künsten, deren Material in dieser Hinsicht kulturell indifferent ist). Von daher gehörte für ihn die Analyse der Trivialliteratur als notwendiger Schritt zu einer zeitgenössischen Rekonstruktion hochkultureller literarischer Leistungen, was Vossler heftig kritisierte und K. zu einer Antwort provozierte, in der er sich gewissermaßen als der bessere Vosslerianer darstellte.[10] Später sah er in dem Werk von Schicksalsgenossen wie Auerbach ein vergleichbares Unternehmen, bei diesem durch die Arbeitsbedingungen im Exil abgezwungen.[11]

Praktisch machten sich bei ihm seine professionell erworbenen journalistischen Techniken geltend: er faßte große Informationsmengen zusammen, strukturierte sie und brachte sie auf einen faßlichen Punkt. Das ist so in seiner 1931 erschienenen 5-bändigen Literaturgeschichte nicht anders der Fall als in dem, was er wohl als sein Hauptwerk ansah: »Die Geschichte der französischen Literatur im 18. Jhd.«. Den ersten Band (»Das Jahrhundert Voltaires«) hatte er bereits 1936 im Manuskript fertiggestellt, er erschien aber erst 1954; die Arbeit am zweiten Band (»Das Jahrhundert Rousseaus«) mußte er in den 30er Jahren unterbrechen; er erschien erst 1966 postum. Diese Arbeiten kann man als strukturierende Leistungen sehen, die einen modernen Zugang zur Literaturgeschichte zeigen, wie es bei den jüngeren Bemühungen romanistischer Literaturwissenschaftler der Fall ist, man kann darin aber auch journalistische Machwerke sehen, die schwatzhaft eine Fülle von anekdotischen Details versammeln und breit Ereignisverläufe nacherzählen – so haben es wohl seine Fachgenossen überwiegend gesehen, allen voran Vossler.

Seine professionell nicht eingeengte Einstellung mag ihm geholfen haben, in Dresden das ganze romanistische Fach ohne sonderliche institutionelle Unterstützung vertreten zu müssen, angefangen beim Fremdsprachenunterricht, neben dem Französischen auch Italienisch und Spanisch.[12] Auch von daher erklärt sich sein Engagement in der pädagogisch ausgerichteten Bewegung der Neuphilologie in den 20er Jahren, wobei er einen spannungsgeladenen Disput mit Lerch betrieb, den er aufgrund seiner eigenen unzureichenden philologischen Ausbildung mit schlechtem Gewissen beneidete und dessen Förderung durch Vossler er eifersüchtig verfolgte.[13] Gemeinsam gaben sie 1922 die Festschrift für Vossler heraus,[14] und seit 1925 das für das Vossler-Umfeld gedachte Jahrbuch für Philologie, ab Band II/1927-1928 mit dem entsprechend angepaßten Titel Idealistische Philologie, wobei K. in den Vorworten mehrfach penetrant seine eigene Meinung gegenüber Lerch reklamiert (s. besonders Band III/1927: 2). Tatsächlich entwickelte sich die Zeitschrift immer mehr zum Zentralorgan der kulturkundlichen Richtung, die sich auf die »positivistischen« Gegner, allen voran auf Gamillscheg und dessen Schule, einschoß, der das »Organ für das Geistige« abgehe (so K. in Band III/1927: 76-77).

K. entwickelte dabei ein kulturanalytisches Forschungsprogramm, das die sprachlichen Voraussetzungen für die Literatur zu bestimmen sucht, wobei er allerdings wenig erfolgreich versuchte, sich mit der Rekonstruktion gesellschaftlicher Typisierungen von völkerpsychologischen Vorurteilen abzugrenzen (auch hier wieder in einer Antikritik, vor allem auch gegenüber Lerch).[15] Dieses Programm entwickelte er auch in seinen hochschuldidaktischen Implikationen, entsprechend seiner Tätigkeit an der TH Dresden.[16] Seine eigenen Beiträge im Jahrbuch rennen mehr oder weniger den Kritiken hinterher und versuchen die Vorwürfe methodischer Fehler und des Dreschens von Stereotypen auszuräumen,[17] wobei es ihm auch in diesem Zusammenhang nicht gelingt, in seiner Argumentation ohne Stereotypen wie »der Franzose«, »der Deutsche« auszukommen (z.B. Jb. 3: 140). Geradezu makaber lesen sich die wechselseitigen Schuldzuweisungen im Umgang mit solchen Stereotypen bei K. und Lerch, der K. in einem Zeitungsartikel (in Anlehnung an eine ähnliche Argumentation bei Vossler) »wildgewordene Zoologie« vorwarf, die den Unterschied zwischen Nation und Rasse nicht kennt.[18]

Bis 1935 war K. zunächst noch als Weltkrieg-I-Veteran vor der rassistischen Säuberung des Beamtenapparates geschützt, wurde dann aber entlassen. Da er mit einer »Arierin« verheiratet war und zusammenlebte, konnte er die weitere Eskalation der rassistischen Verfolgung überleben, die ihn zunehmend auf eine gesellschaftliche Paria-Existenz reduzierte, in der er, immer weiter abgesperrt vom Zugang zu den wissenschaftlichen Ressourcen (Bibliotheken), versuchte, sein literaturgeschichtliches Projekt weiterzuführen. Von 1940 bis 1945 wurde er mit einer Reihe anderer verbleibender Schicksalsgenossen in Dresdener Judenhäusern interniert, ab 1943 verbunden mit Zwangsarbeit in Dresdener Betrieben. Das Chaos nach dem Bombenangriff im Februar 1945 nutzte das Ehepaar K. zur Flucht, bei der sie sich in das damals schon befreite München durchschlugen.

Zum 1. November 1947 wurde K. von der sowjetischen Administration wieder in seine Professur an der TH Dresden eingesetzt, von wo er zu weiteren Universitäten der SBZ/DDR wechselte: 1947 an die Universität Greifswald, 1948 nach Halle, 1951 bis zur Emeritierung 1955 an die Humboldt Universität Berlin.

Nicht zuletzt die Absperrung des akademischen Arbeitsbereichs und die Reduzierung auf die Bewältigung des Überlebens machten für K. nach 1933 das Tagebuchschreiben zu seinem dominanten Anliegen, verbunden mit dem Bewußtsein, hier eine gesellschaftliche Aufgabe zu übernehmen. Dabei erlaubte ihm seine auf literaturwissenschaftlichem Feld eingenommene kulturanalytische Einstellung die Überwindung der zeitgenössisch (und dominant bis heute!) üblichen sprachkritischen Einstellungen zur Sprache im Nationalsozialismus: deren diagnostisch interessanter Punkt liegt für ihn nicht bei den auffälligen Wörtern, sondern bei dem unauffälligen Material der diskursiven Politik, das im Alltag gestaltet wird – nicht anders als wie die künstlerische Praxis der Literatur im alltäglich vorgeformten Sprachmaterial gestaltet wird. Die nationalsozialistische Politik zeigt im sprachlichen Feld die von der Modernisierung geprägte Sprachkultur der Massengesellschaft, die K. in der Verlängerung seiner elitären früheren Einstellung weiterhin diagnostizierte.[19]

Auf diese Weise kann er auf der einen Seite die nach 1940 eskalierenden Repressionen genauso protokollieren wie die lokalen Alltagsformen, in denen er auf der zwischenmenschlichen Ebene Sympathiebekundungen, aber auch antisemitische Verhaltensweisen erfährt, in denen er das Mitspielen in diskursiver Form bei der Formierung der nationalsozialistischen Gesellschaft diagnostiziert, die auf die Schoah zusteuert. Diagnostisch besonders dramatisch war für ihn dabei das sprachliche Verhalten seiner jüdischen Leidensgenossen, bei denen er die gleichen diskursiven Elemente des Mitspielens registriert. Auf einer grundsätzlichen Ebene hält er fest an einem Gegenentwurf von deutscher Kultur, der in der Zeit des Nationalsozialismus unkontrolliert den Entwicklungen der Massenkultur preisgegeben wird, wobei er den Nationalsozialismus als die Freisetzung von »Tierischem« deutet (»NS-Zeit« I: 411 und öfters).

Zwangsläufig ist er besonders sensibilisiert für die Entwicklungen bei seinen jüdischen Leidensgenossen, von denen 1940 noch etwa 1000 in Dresden lebten. Der Zionismus ist für ihn ein undeutscher Verrat am kulturellen Erbe, nicht anders als der Faschismus, und er protokolliert beklemmend genau die Schwierigkeiten eines assimilierten Juden in dieser Zeit, der auf der einen Seite wegen seines christlichen Bekenntnisses von den jüdischen Gemeinschaften ausgeschlossen wird, an denen er aus sozialen Gründen aber teilnehmen muß und zu einer für ihn unerträglichen Mimikri gezwungen ist, der auf der anderen Seite aber als Jude bei den christlichen Gemeinschaften, auch bei der bekennenden Kirche, »auf Vorbehalte« stößt (»NS-Zeit« I: 520).[20]

Bis zuletzt empfand er sich als deutscher Wissenschaftler und konnte sich eine Emigration nicht vorstellen, es sei denn als Möglichkeit, international Karriere zu machen, wozu er aber realistisch keine Voraussetzungen sah – was er in einer nervigen Art eifersüchtig auf die ihm, im Gegensatz etwa zu Spitzer oder Auerbach, fehlenden Beziehungen zurückführte. Das Beklemmendste an diesen Tagebüchern ist seine Dokumentation der Verarbeitung der Schoah bei der jüdischen Gemeinschaft, die auch die eindeutigen Nachrichten aus den besetzten Ostgebieten noch bis 1942 umdeutet, um sie zu verdrängen, und sich erst ab 1942 auf die Realität einstellt – mit dem Anwachsen von Freitoden, deren Trivialisierung im Alltagsdiskurs er beklemmend dokumentiert.

Die Publikation vor allem der Tagebücher aus der NS-Zeit wurde zu einem Medienereignis ersten Ranges, in der BRD nicht anders als bei den Übersetzungen im Ausland, wo in den USA eine breite Rezeption einsetzte, in jüngster Zeit auch in Reaktion auf die medial entsprechend breit ausgeschlachteten pauschalisierenden Vorwürfe von Goldhagen.[21] Die Tagebücher wurden seriell verlesen, in öffentlichen Lesungen nicht anders als im Rundfunk, inzwischen hat das Fernsehen auch eine Verfilmung gesendet (Südwestfunk 2001), und ein Jugendpreis wurde nach K. benannt. Bestimmend für diese Rezeption ist ein Zwang zur Idealisierung, der aus dem Opfer K. auch eine Idealgestalt auf den unterschiedlichen Ebenen der Rezeption macht.[22]

Bereits in den 30er Jahren kristallisierte sich für K. aus seinen Tagebucheintragungen das Projekt einer monographischen Darstellung zur Sprache im Nationalsozialismus heraus, für das er den Titel Lingua Tertii Imperii fand, mit dem er einen Beitrag zur Reedukation nach Kriegsende leisten wollte. Tatsächlich figurierte dieses Buch seit seiner Erstpublikation 1947 in der SBZ und später in der DDR prominent im offiziellen Antifaschismusdiskurs, hatte ansonsten aber einen ambivalenten Status.[23] Im Westen erfolgte die Rezeption entsprechend der Konstellation des Kalten Krieges: abgesehen von isolierten Reaktionen wie einer Rezension von E. Lerch 1948 (s. bei diesem) galt K. als stigmatisierter Repräsentant des DDR-Regimes.[24] Allenfalls in Frankreich hatte die Rezeption von K.s Buch eine gewisse Bedeutung im sprachwissenschaftlichen Umfeld, die auch dazu führte, daß schon früh Auszüge französisch übersetzt publiziert wurden; inzwischen liegt nicht nur eine vollständige Übersetzung vor, sondern auch eine der Tagebücher; vor allem gibt es auch eine ausgedehnte französische Diskussion darum.[25]

Erst in jüngerer Zeit hat eine systematische Beschäftigung mit K.s Buch eingesetzt in Verbindung mit einer diskursanalytischen Wende in der empirischen (vor allem soziolinguistisch orientierten) Sprachwissenschaft.[26] Dieser Kontext rechtfertigt es auch, K., der sich von seinem Selbstverständnis her ausdrücklich als Literaturwissenschaftler verstand, hier unter die Sprachforscher zu rechnen. Seine disziplinäre Abgrenzung, die sein ganzes Werk durchzieht, vor allem auch die Tagebücher und seine Briefe (die erst in Teilen veröffentlicht sind),[27] spiegeln allerdings sein traumatisiertes Verständnis junggrammatischer Sprachwissenschaft (s.o.) – und seine Konkurrenz zu Lerch innerhalb der Vossler-Gefolgschaft.

Bei seinem Buch 1947 sind zwei Ebenen zu trennen, die sich im Horizont des jetzt nachzulesenden Tagebuchs[28] deutlich abzeichnen: vordergründig handelt es sich um das Ergebnis der Aktivität eines Verfolgten, der sich nicht auf die Rolle des Opfers reduzieren läßt, sondern seine detaillierten Beobachtungen, die ihm durch den Druck, Überlebensmöglichkeiten zu finden, aufgezwungen werden, auf die alltäglichen Reproduktionsmechanismen der Herrschaft des Nationalsozialismus hin befragt. Als konkretes Buchprojekt mit einer spracherzieherischen Zielsetzung hat es einen systematischen Aufbau, dessen Prämissen quer zu dem akademisch etablierten Sprachverständnis liegen, weshalb es nach wie vor als Kristallisationspunkt für theoretisch ambitionierte Arbeiten der diskursanalytischen Sprachwissenschaft dienen kann.

Bei K. werden ex negativo die Probleme der Professionalisierung der Sprachwissenschaft deutlich: seine diagnostische Sensibilität für die diskursiven Verhältnisse in der Zeit des Nationalsozialismus steht im Widerspruch zu seinem analytischen Dilettantismus, der keine systematische Modellierung erlaubt. Sein Analyseversuch hat so direkte Entsprechungen bei den biographisch-politisch bedingten Versuchen zur Sprachanalyse im Exil bei einer Reihe der hier aufgenommenen Sprachforscher außerhalb der Sprachforschung im engeren Sinne (s. z.B. Kris, Marcuse, Paechter, s. bes. auch bei Mautner zur "unmittelbaren Sprachbetrachtung"). Diese Versuche markieren in gewisser Weise ein Defizit der formalen neueren Sprachwissenschaft, die diesen Gegenstandsbereich, weil er sich einer formalen Modellierung entzieht, aus dem Horizont der Sprachwissenschaft ausklammert. Das rechtfertigt die relativ ausführliche Darstellung im Folgenden, die modellartig die schwierige Grenzziehung zwischen Sprachforschung und Sprachwissenschaft deutlich machen kann.

Gerade weil K. nicht Material für eine sprachliche Untersuchung auswertet, sondern nach seinem Motto: »Du hörst in den Alltag!« (S. 287)[29] eine Phänomenologie der politischen Durchdringung des Alltags zu geben versucht, bei der es für ihn durchgängig unmöglich ist, die sprachlichen Verhältnisse gegenüber ihrer gesellschaftlichen Einbettung zu isolieren, ist diese Arbeit für die Analyse des faschistischen Diskurs so aufschlußreich. Entsprechend weit ist denn auch die Bandbreite der Beobachtungen im sprachlichen Bereich.

Insofern wird er seiner Gegenstandsbestimmung, der lingua tertii imperii (»LTI« – der »Sprache des Dritten Reiches«) als einer »totalitären Sprache« (S. 261), gerecht: die Analyse der faschistischen Durchdringung des Alltags ist bei ihm nicht auf Erscheinungen beschränkt, die sich faschistisch deklarieren. Er analysiert Familienanzeigen (S. 124ff.), berufs»ständische« Texte (aus pharmazeutischen Zeitschriften, S. 262ff.), Poststempel (die emphatische Etikettierung in den Ortsangaben, z.B. »Cleve, Werkstatt der guten Kinderschuhe«, S. 86) u. dgl. mehr. Seine Analyse eines derartig heterogenen Materials macht deutlich, daß der Faschismus nicht an der sprachlichen Form abgelesen werden kann, daß diese oft auf recht vertrackte Weise (über Reaktionsbildungen) mit den gesellschaftlichen bzw. politischen Verhältnissen vermittelt ist. Der faschistische Diskurs schlägt bei den untersuchten fachlichen Texten auch als Stilblüten und unfreiwillige Komik zu Buche (vgl. S. 263), aber in Übereinstimmung mit der emphatischen Modernisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse genauso in Amerikanismen, die die Öffentlichkeit vom Kintopp bis zum Pressewesen mit seinem »superlativischen« Sprachstil (vgl. S. 281) prägen.

K. spürt dem gerade nicht in »ideologischen« Rechtfertigungen nach, sondern in den für die alltägliche Reproduktion der Verhältnisse maßgeblicheren Volksetymologien. So kann K. den faschistischen Diskurs bzw. die Reproduktionsweisen der Verhältnisse da aufspüren, wo sie sich als das scheinbare Gegenteil zeigen: in Äußerungen des Dissenses, in der Hoffnung auf das Andere, in Witzen über die Verhältnisse, die doch nur ein Mitmachen überspielen (vgl. S. 38); sogar im direkten Schimpfen auf den Nationalsozialismus (vgl. S. 286), nicht anders als im emphatischen Rückzug auf das religiöse Reservat im Rückgriff auf die Bibel äußert sich eine irrationale Kollusion mit der faschistischen Herrschaftsform (vgl. etwa S. 278). 

In diesem Maße sensibilisiert für die Reproduktionsformen des Faschismus, analysiert K. Sprachformen als Teil der faschistischen Inszenierung von Herrschaft – und auf dieser Ebene seiner Argumentation wird ihm »LTI« bzw. »nazistische Sprache« zur Metapher für diese Inszenierung schlechthin. Aber das schlechte philologische Gewissen läßt ihn immer wieder die Frage stellen, ob seine Beobachtungen in ein Buch über Sprache hineingehören (vgl. z.B. S. 36 – so passim). Die außerordentliche Breite seiner Beobachtungen kontrastierte mit seiner sich selbst zugeschriebenen philologischen Aufgabenstellung. Als Literaturwissenschaftler hatte er eine besonders enge Vorstellung von Philologie/Sprachwissenschaft: der Schritt vom »Literarischen zum spezifisch Sprachlichen« ist für ihn einer vom »Zusammenhang eines Textes« zum »Einzelwort« (S. 152); und so spricht er denn auch gelegentlich von seinem Vorhaben als einem »Lexikon« (S. 36) – es scheint, daß er seinem Selbstverständnis nach fürchtete, durch literaturwissenschaftlichen »Dilettantismus« seinem Vorhaben nicht Genüge zu tun.

Diese Spannung in seiner Arbeit wird gerade an den Stellen deutlich, wo er versucht, seinen Gegenstand, die »LTI«, begrifflich zu fassen: seinem philologischen Ideal kommt er da am nächsten, wo er ein spezifisches Sondervokabular erfaßt, etwa neue Termini aus einem politischen Atlas des »Großdeutschen Reiches« (S. 275); wo er es also mit einem Vokabular zu tun hat, das kontextfrei als »nationalsozialistisch« identifizierbar oder zumindest doch durch das nationalsozialistische System indiziert ist (S. 266). Die »eigentliche LTI« ist die Sprache der Partei (S. 220). Diesem »Jargon« spürt er bis in seine Expansion in den Alltag nach. Eine besondere Beachtung erfährt bei ihm (verständlicherweise!) die »Judensprache« der »LTI«, die sich im gesellschaftlich zwar eingeschränkten, dafür dann eben sprachlich um so eindeutigeren Umgang zwischen Gestapo und rassistisch Verfolgten etabliert.

Bei der Registrierung solcher Erscheinungen wird ihm sein Problem deutlich: als sprachliche Formen sind sie keineswegs auf diesen »Jargon« eingeschränkt. Der eindeutige Fall, daß es sich um neue Bezeichnungen für eine neue faschistische Einrichtung handelt, ist die Ausnahme – selbst in diesem Sinne zentrale Termini wie »Konzentrationslager (»KZ«)« oder »Emigrant« haben ja eine längere Sprachgeschichte (S. 41). Die Eindeutigkeit des »Jargons« kann durch die Stereotypisierung der Sprachpraxis gewährleistet sein, in der er vorkommt: z.B. bei »gleichgeschalteten Wörtern«, die vorher durchaus neutral waren, wie »ewig« oder »hinführen« (S. 264-265). So überschreitet er zwangsläufig seine fiktive methodische Vorgabe der Untersuchung von Einzelwörtern: die Vereindeutigung ist in der Regel auch bei seinen Beispielen an einen spezifischen sprachlichen Kontext gebunden, durch den die eindeutige Referenz auf ein Faktum aus den faschistischen Verhältnissen sichergestellt ist – wobei er diese Vereindeutigung als Ergebnis einer »Sprachregelung« begreift (S. 278).

Als besonders gravierend notiert er die sprachliche »Prostituierung« heiliger Bereiche (S. 267), den Gebrauch von Wendungen aus der Sprache des Evangeliums, aber auch des Stils des Alten Testaments (S. 118) – wie er überhaupt die Instrumentalisierung religiöser Ausdrucksformen durchgängig als konstitutiv für die faschistische Inszenierung ansieht. Solchen Bemühungen in der philologischen Tradition, dem Gegenstand durch die Identifizierung von Formelementen beizukommen, stehen analytische Betrachtungen gegenüber, die gerade die systematische Uneindeutigkeit der sprachlichen Inszenierung hervorheben. Zwar lassen sich für den Faschismus charakteristische Ausdrucksformen benennen, etwa übertreibende Wendungen, der Gebrauch von Superlativen u. dgl. als Merkmale der angestrebten »Dynamisierung« der gesellschaftlichen Verhältnisse (S. 230) – aber diese sind doch nicht notwendig mit ihm verknüpft. Spezifisch für ihn ist vielmehr die von K. passim notierte (scheinbare) Inkonsistenz seiner »Sprachregelungen«.

Seine Phänomenologie der sprachlichen Ausdrucksformen führt ihn so zwangsläufig von diesen fort. In der Polarität von Transparenz/Analysierbarkeit des Diskurses auf der einen Seite und Intransparenz/Unanalysierbarkeit auf der anderen bezieht er auch recht entlegene Phänomene ein – etwa den aufdringlichen Gebrauch »ironischer Anführungszeichen« (S. 77); er sucht die Identität des Untersuchungsgegenstandes nicht mehr in der beobachtbaren Form selbst, sondern in ihrer gesellschaftlichen Funktion relativ zu einer impliziten Folie möglicher Formen, zu den Potentialen der in der Sprache materialisierten intellektuellen Traditionen, deren Auflösung bzw. Neutralisierung hier erfolgen soll (und erfolgt). Damit überschreitet K. in seiner analytischen Praxis die Grenzen seines philologischen Selbstverständnisses. Er registriert immer wieder, daß eine simple Erfassung der Wörter im beobachtbaren sprachlichen Verkehr nicht ausreicht (S. 54), daß erst recht die philologische Suche nach dem Erfinder/Erstbenutzer eines Wortes bzw. Wortsinns in die Irre führen muß (S. 176); daß die erforderliche Untersuchung vielmehr auf die gesellschaftliche Verallgemeinerung bzw. Durchdringung der Sprachpraxis zu zielen hat. Andererseits versteht er dann aber diese wiederum als durch eine Sprachlenkung bestimmt (S. 278). 

Anders als die meisten »Sprachkritiker« nach ihm beließ er es daher auch nicht bei einer oberflächlichen Phänomenologie, sondern er versuchte, die Veränderungen der Sprachpraxis, die auf die gesellschaftliche Modernisierung reagieren, von Formen der spezifischen faschistischen Vergesellschaftung zu trennen. Das gilt so insbesondere für seine Auseinandersetzung mit Formen der Bürokratisierung, die auch in neueren Arbeiten zu diesem Gegenstand oft im Vordergrund steht. Wo eine spezifische Ausdrucksform transparent für die sie bedingenden Mechanismen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung bzw. die spezifische Verwaltungspraxis bleibt, erscheinen ihm auch oberflächlich anstößige Metaphern wie das Menschenmaterial als Korrelat zu der notwendig objektivierenden Verwaltungspraxis und insofern harmlos (S. 153-154).

Diese Differenzierung wird für ihn wichtig, da auf der rein formalen Ebene Analogien in der Sprachpraxis beim Neuaufbau des »Vierten Reiches« sich aufdrängen (S. 160). Zwar sieht er darin z.T. durchaus auch Fortwirkungen der nationalsozialistischen Durchdringung der Alltagssprache (so bei »aufziehen«, »kämpferisch« u.a., S. 46); aber er verwahrt sich gegen die Anfechtungen einer Nivellierung der Faschismusanalyse, erst recht gegen eine Totalitarismuskonzeption: der gesellschaftliche Inhalt einer Praxis ist ihm in diesem Zusammenhang eben nicht eindeutig durch die Form bestimmt (vgl. S. 161); es ist belanglos, daß Freiheit und Sklaverei in den gleichen Metaphern gefaßt werden können.[30]

Liest man K.s Buch in einem Zug, ist der Widerspruch zwischen dem, was er tut, und dem, was er vorgibt zu tun, frappierend: die Fixierung auf die philologische Tradition, auf deren enges Gegenstandsverständnis, ist keineswegs hinreichend durch K.s professionelle Position als Literaturwissenschaftler erklärt, der nur durch den unmöglich gemachten Zugang zu den Bibliotheken sich in der Alltagsbeobachtung eine Ersatzbeschäftigung gesucht habe. Vielmehr findet er gerade in der rigide eingeschränkten philologischen Haltung eine Überlebenstechnik: er benutzt die rein instrumentelle und so scheinbar emotionsfreie philologische Attitüde als Abwehrmechanismus, der es ihm erlaubt, den Blick auf die unerträgliche, dabei aber unvermeidliche alltägliche faschistische Realität zu richten – und diese gleichzeitig als indifferenten Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung gewissermaßen zu bannen. Daß es sich um eine magische Lösung seines Konfliktes handelt, zeigt der Reichtum seiner Beobachtungen, die nicht in das Prokrustesbett seiner philologischen Attitüde passen – die ihm aber durch das so eingenommene imaginäre Verhältnis zu den ihm aufgezwungenen gesellschaftlichen Verhältnissen erträglich werden. K. selbst war sich darüber auch im klaren. Mehrfach bezeichnet er sein philologisches Unternehmen als eine »Balancierstange« (S. 17, 216, 287); sie hält ihn aufrecht im alltäglichen Druck (S. 15) – »die Philologie [...] ist [ihm] Selbstbewahrung« (S. 42).

Diese Flucht in einen Abwehrmechanismus gegen die erfahrenen gesellschaftlichen Zumutungen spiegelt sich bei seinen Erklärungsmodellen. Faschistische Sprache ist da gleichbedeutend mit »Lüge« und Verschleierung (S. 50, 94); ihre Wirkung erfolgt rein mechanisch, sodaß sie unvermeidlich ist (vgl. S. 226). Vor allem dient ihm eine Vorstellung aus der organischen Pathologie zum magischen Bannen der Verhältnisse: es handelt sich um eine »Sprachkrankheit« (S. 45, 225). Der Nachdruck auf dieser Vorstellung erklärt sich aus dem Skandal, der K. – abgesehen von der physischen Bedrohung und den Folgen – am meisten zu schaffen macht: wie er es sieht, wirkt die »LTI« auch auf Nicht-Faschisten, sogar auf die Opfer, die Juden. Ist die Wirkungsweise aber die eines quasi physiologisch wirkenden Stoffes, stellt sich die Frage der Schuld bei den Betroffenen nicht – das Erklärungsmodell spricht die Opfer von moralischer Schuld frei. Daß es sich um einen solchen Abwehrmechanismus handelt, ist umso verständlicher, als K. sich selbst nicht von den Wirkungen ausnimmt: immer wieder registriert er betroffen bei sich selbst formale Übereinstimmungen mit der »LTI« (S. 45, 274), auch noch nach der Befreiung vom Faschismus (S. 107).

Die entkulpabilisierende Denkfigur von der »Ansteckung durch die vergiftende Sprache« erlaubte es ihm, seine deutschnationale Haltung durchzuhalten: dadurch bestand für ihn auch im Faschismus das deutsche Volk (mit seiner Sprache) unbeschadet weiter (s. Fritzsche, 2011, Anm. 22, für eine pointierte Analyse). Auf der Folie dieser Denkfigur versteht sich aber auch sein Vorwurf gegenüber allen, die Spuren entsprechender sprachlicher Symptome zeigen – und das trifft vor allem auf seine jüdischen Leidensgefährten zu, die er solcher »nazistischer Denkinfizierung« überführt (vgl. bes. S. 194-195, 197, 201). Sein begriffliches Modell zwingt K., jede beobachtbare Praxis aufgrund der in ihr registrierten Ausdrucksweisen auf einer Skala ± nazistisch abzutragen. Projiziert auf die Dimension: Mitmachen gegenüber Widerstand, mag das nicht falsch sein, aber es liefert keinen Aufschluß über den Sinn, den die Menschen ihrem Handeln abgewinnen.

Die philologische Tradition, in der K. sich bewegt, abstrahiert bei der Analyse der sprachlichen Form von der Sprachpraxis, von dem praktischen Verhältnis, das die Menschen darin artikulieren. In der Rede, in den dabei benutzten sprachlichen Formen, ist eine bestimmte Praxis nur insoweit eingeschrieben, als sie bereits früher (in anderen Kontexten) praktizierte Sprache repräsentiert. Hier ist K. in seinem analytischen Bemühen hilflos, wie ich es ausführlicher in Maas (1984) analysiert habe.[31] Das markiert die Labilität jeder Sprachpraxis – und anders als bei seinen modellartigen Aussagen zielt darauf auch K.s wesentlich reichere analytische Praxis. In dieser Hinsicht sind die ausführlichen Tagebücher, aus denen er in »LTI« ja nur Auszüge verwendet, aufschlußreicher.[32] Hier wird deutlich, wie K. gewissermaßen gezwungen ist, die konzeptuellen Grenzen seiner »philologischen« Sichtweise in der spezifischen Vosslerschen Ausprägung zu überschreiten – sie allerdings theoretisch-methodisch nicht einholen kann.

Sprache drückt nicht einfach bestehende Verhältnisse aus, ist nicht ihr Reflex – sie stellt Potentiale bereit, die notwendig sind, um die bestehenden Verhältnisse umzugestalten. Die faschistische Herrschaftsform berührte oft genug den Alltag der Menschen gar nicht, die unter ihr lebten – insoweit diese wenig Grund sahen, sich um die Angelegenheit »der da oben«, um »die Politik im allgemeinen« (S. 263) zu kümmern. Anders war es bei jedem Versuch, aus der Reproduktion der Verhältnisse auszubrechen, zu ihrer reflektierten Bearbeitung zu kommen: damit war in jedem Fall eine Konfliktlinie zu dem faschistischen Herrschaftssystem angezeigt; und darauf, bzw. auf die dazu vorausgesetzten sprachlichen Potentiale, zielt nun auch der faschistische Diskurs, die »LTI«, wie K. auch zeigt (vgl. S. 29).

Dabei greift er zurück auf ein Sprachverständnis, das letztlich in der Tradition der Aufklärung steht und in den Polen: Intellekt (analytisch, rational) vs. Gefühl (Glaube, Fanatismus usw.) operiert (vgl. S. 114). Die »LTI« ist nicht definierbar über die Form des in ihr vorkommenden Sprachmaterials, sondern nur über ihre Funktion: ihren (versuchten) Eingriff in das Verhältnis, das die Subjekte zu den Verhältnissen eingehen; sie ist gewissermaßen keine »Sprache«, sondern ein Störgeräusch, das die sprachlichen Potentiale neutralisiert. Diese Einsicht ist über den größten Teil des Buches nur als negativer Zweifel an der Reichweite des »philologischen« Vorgehens präsent: so wenn K. die formale Ambivalenz von Ausdruckselementen feststellt (»expressionistische« Elemente können in die »LTI« ebenso wie in ihre Gegnerschaft eingehen, vgl. S. 72) oder sich immer wieder die Frage stellt, ob mit seinem »Lexikon« das »Wissen und Denken, der Geistes- oder Seelenzustand eines Volkes« erfaßt werden kann (S. 55).

Auf dieser Folie erhält das Verhalten der Intellektuellen im Faschismus eine besondere Bedeutung – nicht nur (aber wohl auch: nicht zuletzt) weil K. damit seine eigene Betroffenheit bearbeitet: der »Verrat der Gebildeten« (S. 269) berührt ihn am meisten; er zeigt die beschämenden Ausdrucksformen korrumpierten Denkens auf, in denen diese ihre Ängste kaschieren bzw. ihrem opportunistischen Verhalten einen Schein von Rationalität geben – und damit eben überhaupt erst so etwas wie einen artikulierten intellektuellen Diskurs des Faschismus produzieren (helfen) (s. S. 43). Das von K. mehrfach behandelte Fremdwortproblem liefert ihm einen Schlüssel zu diesem Verhältnis. Formal setzt er bei der Fortsetzung kirchlicher Traditionen an, die mit ihrer lateinischen Liturgie schon »das Denken übertönte« (S. 255). Die moderne Erscheinungsform des gleichen Herrschaftsmechanismus beruht auf der für die bürgerliche Vergesellschaftung konstitutiven Volksschule: das praktische Substrat für die Wirkungsweise des faschistischen Diskurses sieht K. im »schlechten Gewissen der ungebildeten Schichten« (S. 256), an das gerade der massive Fremdwortgebrauch appelliert. K.s Buch ist – wenn man die Distanz zu dem damit Beschworenen aufbringt – eine faszinierende Lektüre, gerade in seiner Widersprüchlichkeit. An ihm, an den dort schon aufgezeigten analytischen Perspektiven, müssen sich alle späteren Auseinandersetzungen mit dem Thema messen lassen, die jetzt nicht mehr in der Zwickmühle von Analyse und Abwehrmechanismus stehen.

Selbst wenn heute, anders als in der zeitgenössischen Disziplin, in der romanistischen Literaturwissenschaft der Versuch unternommen wird, K.s fachspezifische Arbeiten besser zu würdigen, so ist doch deutlich, daß seine Bedeutung weniger durch diese als durch sein großes autobiographisches Tagebuchprojekt definiert ist. Sein exzessives Tagebuchschreiben ist, wie er es in außerordentlich drastischer Weise auch bei sich selbst registriert, Ausdruck seiner ausgesprochenen Eitelkeit, die alles, was ihn als Person betrifft, auch der Überlieferung für wichtig erachtet. Auf diese Art und Weise hat er schon in den frühen Abschnitten seines Gesamtwerkes eine Fülle an Beobachtungen zusammengetragen, die die Widersprüche im Leben eines getauften Juden recht plastisch nachvollziehbar machen, der versucht, wissenschaftlich Karriere zu machen. Zugleich sind diese Werke eine Fundgrube für personale Verbindungen, vor allem innerhalb der Romanistik, wo aller mögliche Tratsch Niederschlag findet (besonders ergiebig etwa zu seinem engen Mitstreiter in der Vossler-Schule, Eugen Lerch, aber etwa auch zu den gefürchteten Rivalen, die fachlich einen ganz anderen Zuschnitt hatten als er selbst, wie z.B. Leo Spitzer). Dieses Tagebuch wurde eher zufällig zu einem dramatischen Dokument der Zeit des Faschismus, dessen Alltag es aus der Beobachtungsperspektive eines Verfolgten und nur durch glückliche Zufälle im Chaos des »Zusammenbruchs« Entkommenden nachzeichnet.

Nicht minder dramatisch aber ist der letzte Abschnitt seines Tagebuchs, der sein Leben in der SBZ bzw. in der DDR nachzeichnet. Mit großer Beklemmung kann man nachlesen, wie er sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu einer überzeugten Anhängerschaft der sowjetisch bestimmten neuen Gesellschaftsform zwang, deren katastrophale Alltagswirklichkeit er bis hin zu den Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten auch in seiner engsten Verwandtschaft und Bekanntschaft registrierte. Der von ihm zugleich weiterhin registrierte ungebrochene Antisemitismus, die nostalgischen Rückbezüge auf die großdeutsche Zeit in seiner Umgebung, machten es für ihn deutlich, daß er nur auf Kredit des sowjetischen Besatzungsregimes weiterlebte. Das hindert ihn aber nicht, genau so penibel die Alltagspraktiken der neuen Gesellschaftsform nachzuzeichnen, in der er erschreckt die Kontinuität zu dem vorausgehenden Regime registrierte.

Die Kapitulation des nationalsozialistischen Regimes erlebte K. als Befreiung; und so reagierte er gewissermaßen zwangsläufig darauf 1945 mit dem Eintritt in die KPD – wie er auch in Reaktion auf die Verhaltensweisen der Kirchen nach 1933 im gleichen Jahr aus der evangelischen Kirche austrat.[33] Er engagierte sich im »Kulturbund« und betrieb ausgedehnte Volksbildungsaktivitäten, in deren Rahmen er Leitungsaufgaben der Volkshochschule in Sachsen übernahm, vor allen Dingen aber extensiv als Redner auftrat – offensichtlich mit großem rhetorischem Erfolg, wie alle Stellungnahmen zu ihm hervorheben. Dieses praktische Engagement nötigte ihm ein intellektuelles Opfer ab, das zu einer Spannung in seiner persönlichen Haltung führt, die die Tagebucheinträge durchzieht. Das durch die Umstände ihm abgenötigte Verhalten steht z.T. einfach neben den bewahrten älteren Haltungen, zu denen insbesondere auch seine bewahrte deutschnationale Grundposition gehört. Bestimmend bleibt für ihn die Sorge vor dem Wiederaufkommen des Faschismus und damit vor der erneuten antisemitischen Verfolgung. Der Aufstand vom 17. Juni 1953 machte ihm Angst: er fürchtete, daß in der Folge eine politische Entwicklung eintreten könnte, die zum Abzug der russischen Panzer führen und ihn damit der Garanten für seine persönliche Sicherheit berauben könnte (s. »DDR« II: 390).

In seiner »LTI«-Analyse hatte er die Reproduktion der faschistischen Verhältnisse durch ein fragloses Mitmachen im Alltag analysiert – der Gegenpol war die Vernunft, verortet bei dem Intellektuellen als einem, der Gebrauch von der Vernunft macht. Das bestimmte sein Verständnis vom Aufbau eines anderen Deutschlands: »Wir müssen ein Volk der Intellektuellen werden« – intellektuell verstanden als menschli­ches Potential, unabhängig von der professionellen Tätigkeit (s. »Die Rolle des Intellektuellen in der Gesellschaft«)[34] – ein Plädoyer für »schroffe und intransigente Strenge« gegen alle, die im Faschismus zu Verrätern an der Ver­nunft, zu »Überläufern« geworden waren, gleich ob mit oder ohne Parteibuch: sie müssen aus allen Lehrfunktionen der Universität entfernt werden.[35]

In seinem Tagebuch verfolgte er die politische Entwicklung, registrierte sehr genau auch in der DDR die restaurativen Entwicklungen bis hin zur Fortführung der NS-Sprache in einer Lingua Quartii Imperii (»LQI« wird jetzt zu einem Sigel, mit dem er die entsprechenden Eintragungen im Tagebuch notiert). Aber das, was das Interesse an seiner »LTI« ausmacht, wie das Registrieren der Kollusion im Alltag, mit der die politischen Verhältnisse reproduziert werden, fehlt hier: er registriert nur noch Wörter, in denen er eine Fortsetzung von spezifischen Wortformen aus der Zeit des Nationalsozialismus feststellt, so wie er selbst jetzt im bürokratischen Apparat des Regimes sitzt (den entsprechenden Widerspruch registriert er sehr genau).

Was die Eintragungen dominiert, sind die Querelen im Apparat, die vielfältigen Konkurrenzen und Eifersüchteleien, insbesondere der Konflikt mit Werner Krauss, dem gegenüber er sich nicht nur wissenschaftlich unterlegen, sondern auch politisch unsicher fühlt. Das Tagebuch ist durchzogen von gekränkten Einträgen und Einlassungen, von Hoffnungen auf Ehrbezeigungen durch das Regime, bei denen dann schließlich immer wieder deutlich wird, wie sehr ihn gerade Krauss gefördert hat. Krauss war er schon bei seinen Aspirationen auf den Leipziger Lehrstuhl unterlegen. Krauss war lange vor ihm seit 1949 in der Berliner Akademie, wo er K.s Eintritt trotz wissenschaftlicher Vorbehalte[36] unterstützte. 1953 wurde K. dort aufgenommen. 1951 waren beide Professoren für Romanistik an der Humboldt-Universität (bei K. mit dem einschränkenden Zusatz »Literatur«), wobei K. die Geschäftsführung hatte, was offensichtlich zu Konflikten führte, die wohl mit den Ausschlag dafür gaben, daß Krauss nach einem Jahr wieder nach Leipzig zurückging.

Instruktiv für das Verhältnis zu Krauss ist K.s Besprechung von dessen »PLN«.[37] Sein Lob auf »den verschrobendst ausgesponnenen Roman« ist unterlegt mit der Anerkennung von Krauss‘ überlegener Intellektualität, der er seine eigene Unsicherheit und sehr viel biederere Praxis gegenüberstellt (er selbst zieht dort den Vergleich zu »LTI«). In der Ambivalenz seiner Situation bringt ihn das zu einem geradezu trotzigen Eintreten für eine von ihm selbst als »liberal« deklarierte Position in der Literaturgeschichte, die er als Antiposition zur marxistischen und theoretischen Position von Krauss versteht, wobei das von Krauss angeschobene Forschungsvorhaben zur Aufklärung eine wichtige Rolle gespielt haben wird, das K.s Werk zum 18. Jhd. (s.o.) in den Schatten stellte.

Seine Vorbehalte hinderten ihn auch nicht daran, apologetische marxistische Schriften zu verfassen, insbesondere in der Stalin-Debatte nach 1950, z.B. seine Schrift »Zur gegenwärtigen Sprachsituation in Deutschland«.[38] Immerhin bot ihm die Stalinsche Position, die gegen eine zu direkte Ableitung von Sprachformen aus Klassenverhältnissen gerichtet war, die Möglichkeit, seine deutschnationalen Positionen deutlich zu artikulieren: mit dem Bekenntnis zur Einheit der deutschen Sprache und der deutschen Nation, die ihren Ort in der DDR hat. Damit vertrat er prägnant die offizielle damalige DDR-Position zur Sprache-Nation-Frage, nach der die Westbindung der BRD als Spaltung der Nation interpretiert wurde, bestimmt von US-Imperialismus und NS-Restauration.

Die Fülle an Veröffentlichungen nach 1945 macht nur zu deutlich, daß K. nicht mehr die Konzentration auf ein wissenschaftliches Projekt fand. Seine Beschränkung auf das Tagebuchschreiben in der NS-Zeit hatte es ihm erlaubt, auf einem sprachanalytisch verschobenen Terrain seine kulturanalytische Position fortzuentwickeln, die er in den 1920er Jahren im Bereich der Literaturwissenschaft entwickelt hatte. Die Befreiung 1945 war zugleich auch ein Schnitt mit dieser wissenschaftlichen Tradition, der ihm nicht mehr die Kraft gab, sein Projekt fortzuführen.

Q: LdS: unplaced; C. Borchert u.a. (Hgg.), »V. K.: Ein Leben in Bildern«. Berlin: Aufbau 1969; Bibliographie der Festschrift »Im Dienste der Sprache«, herausgegeben von H. Kunze, Halle/S.: Niemeyer 1958: 1-40 (trotz 400 aufgeführten Titeln nicht vollständig!); Gedenkschrift »V. K. zum Gedenken«, Rudolstadt: Greifenverlag 1962 (dort der Nachruf von F. Zschich, S. 5-14); R. Schober, »Auf dem Prüfstand«, Berlin: tranvía 2003 (zu K. dort S. 303-350). Biographische Einleitungen und Nachwörter in den verschiedenen Tagebuchausgaben (s.o.). Von den verschiedenen Nachrufen ist vor allem der von W. Krauss bemerkenswert (in dessen Sammelband »Literaturtheorie«, 1984: 69-70); s. auch die ausführliche Darstellung bei Hausmann (2000); Hinweise von W. Klein, Osnabrück; Heuer 1992ff.; DBE 2005.

 


 

[1] Curriculum I: 360-362.

[2] In: Germ.-rom. Ms. 6/1914: 664-677.

[3] Leipzig: Teubner 1921.

[4] Die methodischen Einwände gegen das »Mittelfranzösisch-Buch« machten K. auch bei seinen Karriereambitionen in der DDR immer wieder zu schaffen, wo sie ihm von Leuten wie von Wartburg entgegengehalten wurden, s. wiederholte entsprechende Einträge im »DDR«-Tagebuch, s. folgende Anm.

[5] Das Tagebuch liegt inzwischen mit nur geringfügigen Kürzungen vollständig veröffentlicht vor: die Tagebücher bis Ende des Ersten Weltkrieges als »Curriculum vitae«, 2 Bde., Berlin: Siedler 1989, zitiert als Curriculum; der zweite Teil bis zum Ende der Weimarer Republik als »Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum. Tagebücher 1918-1932«, Berlin: Aufbau 1996 (sechsbändige Taschenbuchausgabe Berlin 2000, zitiert als Weimar-Tagebuch); dritter Teil bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges: »Ich will Zeugnis ablegen bis zum Letzten. Tagebuch 1933-1945«, 2 Bde., Berlin: Aufbau 1995 (zitiert als NS-Tagebuch); vierter Teil »So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Tagebücher 1945-1959«, Berlin: Aufbau 1999 (zitiert als DDR-Tagebuch). Das Gesamttagebuch/Werk erfaßt einen Zeitraum von 60 Jahren und ist inzwischen auf 5000 Seiten publiziert.

[6] S. die in diesem Sinne positive Bewertung seines Werkes bei M. Nerlich, »V. K. Romanist oder warum soll nicht einmal ein Wunder geschehen«, in: H. Heer (Hg.), »Im Herzen der Finsternis. V. K. als Chronist der NS-Zeit«, Berlin: Aufbau 1997: 35-48, und sogar als Neubegründer der Romanistik (sprich: romanistischen Literaturwissenschaft) in Deutschland, in: M. Nerlich, »V. K. Romanist, oder: von Spielhagen zu Montesquieu und Voltaire«, in: Fürbeth u.a. (1999): 771- 786.

[7] »Das Lichtspiel«, in: Velhagen & Klasings Monatshefte 26/1911-1912: 613-617.

[8] Zum prekären Status K.s innerhalb der zeitgenössischen Romanistik s. Hausmann 2000, bes. S. 269ff.

[9] S. bei Vossler »Französische Philologie« (1919).

[10] S. seinen als »Offenen Brief« an Vossler gedruckten Aufsatz »Positives Muß und Idealismus des Literarhistorikers«, in: Jb. f. Ph. I/1925: 245-268.

[11] »Philologie im Exil«, in: Aufbau 4/1948: 863-868.

[12] S. E. Gärtner, »Zur Geschichte der Romanistik an der Technischen Universität Dresden und den ihr zeitlich vorausgehenden Bildungseinrichtungen«, in: OBST 45/1991: 130-136.

[13] S. in diesem Sinne seine fortlaufenden Tagebucheintragungen vom »Curriculum« über »Weimar« zur »NS-Zeit«.

[14] »Idealistische Neuphilologie«, Heidelberg: Winter 1922, zu der außer mehr oder weniger prominenten Vertretern des Vosslerschen Umfeldes wie vor allem Leo Spitzer auch Croce und Bühler beitrugen.

[15] S. seinen als »geistesgeschichtliche Studien« untertitelten Sammelband »Romanische Sonderart«, München: Hueber 1926.

[16] »Der Streit um den Begriff Kulturkunde«, in: Die neueren Sprachen 33/1925: 437-449 (vor allen Dingen in Auseinandersetzung mit Lerch); »Immer wieder Kulturkunde«, in: Neue Jb. f. Wiss. u. Jugendbildung 4/1928: 264-280.

[17] So in seiner Antwort auf Jordan: »Spiel«, in: Jb. f. Ph. 3/1927/1928: 71-77, oder seine Antwort auf Kuttner, ebd.: 132-143.

[18] E. Lerch, »Der Dauerfranzose«, in: Frankfurter Zeitung und Handelsblatt vom 10.6.1925.

[19] Zu der sprachanalytischen Grundeinstellung seiner Tagebucheintragungen s. »NS-Zeit« II: 59, 117.

[20] Zu K.s Verhältnis zum Judentum s. jetzt in dem Briefwechsel mit Rita Schober seine gekränkte Reaktion darauf, daß diese seine jüdische Herkunft thematisiert hatte. Am 28.12.1952 schrieb er ihr: »Das Beste und einzig Gute und einzig Vernünftige, was sich für die Juden tun läßt: sie nur noch als ein Gebilde der Vergangenheit, als ein historisches Fak­tum dunkler Zeiten zu betrachten. Im Gegenwärtigen sollen sie sich auflösen, sich einschmelzen in allgemeinere Menschengruppen, in die jeweilige Nation, der sie angehören.« (Abdruck des Briefwechsels in lendemains 130-131/2008: 220-221). [R. S., 1918-2012, Romanistin, seit 1948 Assistentin von K.; Habilitation 1954, 1957 Professur f. Romanistik an der Humboldt Univ., Berlin].

[21] Daniel J. Goldhagen, »Hitler's willing executioners«, New York: A. Knopf 1996 (dt. 1996); s. dazu etwa Aufbau (N.Y.) 5 v. 1.3.2001.

[22] Für eine differenzierte Sichtweise dieser Rezeption, bei der K. zur Projektionsfläche sehr ambivalenter Konstellationen im Nachkriegsdeutschland wurde, s. die bissige Analyse von Paula Traverso, »Victor Klemperers Deutschlandbild – Ein jüdisches Tagebuch«, in: Tel Aviver Jb. f. Deutsche Geschichte 26/1997: 307-344. Zur Rezeption und ihren Ambivalenzen, s. auch P. Traverso, in: Die Zeit v. 28.11.1997. S. auch P. Fritzsche 2011, »Klemperer's Kitsch. Narrative and its Insufficiency in (an Imagined) Postwar Germany« (= Workshop Papers Annihilation, Archive, Autobiography: Networks of Testimony in German-Occupied Europe, 10-11. März 2011, Illinois, http://www.jewishculture.illinois.edu/programs/holocaust/Archive-Conference.html abgerufen am 11. Juni 2013), der mit K.s unterschwellig auf nationalen Konsens angelegter Darstellung eine entscheidende Voraussetzung für die Rezeption analysiert hat.

[23] S. dazu E. Lang, »LTI – ein antifaschistisches Volksbuch«, in: Forum I/1982: 14-15 und (in vollständiger Fassung) in: OBST 33/1986: 69-79; sowie die ausführliche (wenn auch unvollständige) Darstellung der Rezeptionsgeschichte bei K. Fischer-Hupe, »Victor Klemperers ›LTI. Notizbuch eines Philologen‹«, Hildesheim: Olms 2001; sowie jetzt J. Klare, »Zur Editions- und Rezeptionsgeschichte von Victor Klemperers LTI. Klemperers Werk als Gegenstand konservativer Kritik im vereinten Deutschland«, in: Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin 114/2012: 84-109.

[24] In einer hdh gezeichneten Notiz in: Die Welt vom 9.10.1956 werden K.s Werke als »makaber« gekennzeichnet.

[25] Für die frühe französische Rezeption, s. Isabelle Michot-Vodoz, »Reflexions d’un linguiste juif – une forme de résistance. Victor Klemperer: LTI«, in: Epistémologie des Sciences du langage 5/1984: 61-93; zur neueren Diskussion, s. L. Aubry/B. Turpin (Hgg.), »V. K. – Repenser le langage totalitaire«, Paris: CNRS éditions 2012. Inzwischen ist das Buch vielfach übersetzt worden, s. Fischer-Hupe (2001) und Klare (2012), Anm. 23, für bibliographische Hinweise.

[26] S. dazu in meinem Buch »Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand. Sprache im Nationalsozialismus«, Opladen: Westdeutscher Verlag 1984: 209-219, sowie meinen Forschungsbericht »Sprache im Nationalsozialismus«, in: Sprache und Literatur 86/2000: 103-126, gekürzt auch in W. Besch u.a. (Hgg.), »Sprachgeschichte«, Neuauflage Bd. II, Berlin: de Gruyter 2000: 1980-1990; außerdem meinen Beitrag »Sprache im Nationalsozialismus«, in: Bohleber/Drews (Hgg.), »›Gift, das du unbewußt eintrinkst...‹: der Nationalsozialismus und die deutsche Sprache«, Bielefeld: Aisthesis-Verlag 1991, außerdem K. Ehlich, »..., LTI, LQI,... – Von der Unschuld der Sprache und der Schuld der Sprecher«, in: H. Kämper/H. Schmidt (Hgg.), »Das 20. Jahrhundert. Sprachgeschichte – Zeitgeschichte«, Berlin usw.: de Gruyter 1998: 275-303.

[27] S. dazu jetzt F. R. Hausmann, »Wir wollen keine Positivisten sein«. V. K.s Briefwechsel mit K. Vossler, in: lendemains 82-83/1996: 54-85.

[28] Zu dem Verhältnis von Tagebucheintragungen und ihrer Auswertung für die Monographie, s. etwa. H. Kämper, »Sprachgeschichte, Zeitgeschichte. Die Tagebücher V. K.s«, in: Sprache und Literatur 83/1999: 97-112 (absurderweise dort unter meinem Verfassernamen abgedruckt!); außerdem Fischer-Hupe, a.a.O., s. Anm. 23.

[29] Alle Zitate und Seitenzahlen im Folgenden nach der Ausgabe »LTI. Die unbewältigte Sprache. Aus dem Notizbuch eine Philologen«, München: dtv 1969; 1. Aufl. (ohne den Untertitel »Die unbewältigte Sprache«), Berlin: Aufbau 1947.

[30] Es wäre interessant, die ja quasi institutionalisierte Verwendung der K.schen Texte in der DDR auf ihren Gebrauchswert für die Artikulation von Dissens dort zu untersuchen. Passagen wie die über die Rolle »unanalytischer« Ausdrücke wie »Weltanschauung« (S. 103) konnten dort kaum ohne Anspielung auf die eigene Realität gelesen werden.

[31] a.a.O., s. S. 217.

[32] Fischer-Hupe (2001, s. Fn. 23) hat ansatzweise das Verhältnis zwischen beiden Texten und K.s Arbeitsweise bei »LTI« zu rekonstruieren versucht, s. dort S. 48ff. und vor allem S. 330-400 die Stellenkonkordanz zwischen »LTI« und den Tagebüchern.

[33] Es charakterisiert seine Ambivalenzen in der späteren Zeit aber, daß er nach der zweiten Heirat 1957 in die katholische Kirche eintrat. Seine erste Frau Eva, dank der er die Zeit des Nationalsozialismus überlebt hatte, war 1951 verstorben, 1952 hatte er wieder geheiratet.

[34] In: Aufbau 2/1946: 682-686.

[35] S. sein Leserbrief in Aufbau 2/1946: 438-439.

[36] Diese reichen weit zurück, offensichtlich bis zu einer von Krauss als verfehlt angesehenen Stellungnahme von K. zu Spanien aus dem Jahre 1927, s. dazu M. Naumann, »PLN und LTI. Gespräche zwischen Krauss und Klemperer«, in: H.-O. Dill (Hg.), »FS für R. Schober: Geschichte und Text in der Literatur Frankreichs, der Romania und der Literaturwissenschaft. R. S. zum, 80. Geburtstag«, Berlin: trafo 2000: 173-178.

[37] »Philologie unterm Fallbeil«, in: Forum 11/1950.

[38] Veröffentlicht vom Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, Berlin: Aufbau 1952 und mehrere Neuauflagen.