Jolles, Otto Jolle Matthijs (Thijs)

Geb. 14.3.1911 in Berlin,[1] gest. 15.7.1968 in Ithaca, N.Y.

 

Seit 1929 Studium der Literaturwissen­schaft, Geschichte, Philosophie und Politologie in Leipzig, Hamburg und Heidelberg, wo er 1933 promovierte. 1934 ging er zur Fortsetzung seines Studiums nach Frankreich, 1935 von dort nach England; 1935 machte er den Master in Aberystwyth in »International Relations«. Dort war er auch bis 1938 tätig als Deutschlektor. 1938 bis 1962 als Professor an der Universität Chicago, danach bis zu seinem Tode an der Cornell University.

Seine Arbeiten verstehen sich »geistesgeschichtlich«, z.T. mit heftig deutschtümelnden Einschlägen. Das gilt insbesondere für seine Dissertation »Das deutsche Nationalbewußtsein im Zeitalter Napoleons«:[2] dort wird die Nationbildung der deutschen »Stämme« beschworen, deren Volkstumsidee sich gegen »den Westen« formiert; dabei wird Goethe als der größte Deutsche apostrophiert, das nationale Selbstbewußtsein artikuliert sich auch in der Sprachreflexion bei Herder usw. Die Sprachauffassung der deutschen Geistesgrößen hat ihn wiederholt beschäftigt, auch in Hinblick auf ihre Reflexion über die sprachliche Praxis, ohne dabei aber Fragen der sprachlichen Form zum Gegenstand zu machen, weshalb er auch im weiteren Sinne nicht zur Sprachforschung zu zählen ist. Der Schwerpunkt seiner literaturwissenschaftlichen Arbeit lag bei der Klassik (Goethe, Schiller), s. insbes. den (postum von A. Groos hg.) Band »Dichtkunst und Lebens­kunst: Studien zum Problem der Sprache bei Friedrich Schiller«[3] – aber auch hier findet sich keine explizite Auseinandersetzung mit sprachwissenschaftlichen/sprachtheoretischen Positionen, obwohl Schillers theoretische Schriften das nahelegen.[4] Faktisch paraphrasiert J. dort nur die Quellentexte.

Die Exilsituation blieb für J. auch sprachlich bestimmend: ob­wohl er so gut Englisch konnte, daß er auch ins Englische über­setzte, publizierte er seine literaturwissenschaftlichen Arbeiten auf deutsch. In den Kriegsjahren hatte er in seiner Lehre einen Schwerpunkt beim »Militär-Deutsch«, wozu auch seine Übersetzung von Clausewitz »Vom Kriege« (zuerst 1853) gehört, die 1943 erschien.[5] 1960 nahm er eine Gastprofessur in Frankfurt wahr.

Q: BHE; zu seinem Leben und Werk s. auch E. M. Wilkinson in dem genannten Band von 1980: 307-322; IGL (A. Groos).


[1] Der Vater, der Germanist Johannes Andres Jolles (1874-1946), war ein überzeugter Nationalsozialist. M. J. wuchs aber getrennt von diesem bei der geschiedenen Mutter in Hamburg auf. Zu den Familienverhältnissen s. das Vorwort seiner Schwester Ruth Evans zu dem von ihr postum herausgegebenen Tagebuch ihrer Mutter Mathilde Wolff-Mönckeberg, »Briefe, die sie nicht erreichten«, Hamburg: Hoffmann und Campe 1980.

[2] Als Buch gedruckt, Frankfurt: Klostermann 1936 – immerhin in der von Bergsträsser herausgegebenen Reihe »Studien zur Geschichte des Staats- und Nationalgedankens«.

[3] Bonn: Bouvier 1980.

[4] Vgl. damit die Beschäftigung mit Schiller bei Hamburger.

[5] S. dazu die relativ ausführliche Würdigung im Vergleich zu anderen englischen Übersetzungen in dem Wikipedia-Artikel zu J. (abgerufen 14.2.2013).