Jellinek, Max Hermann

Geb. 29.5.1868 in Wien, gest. 6.5.1938 in Wien.[1]

 

J. ist hier aufgenommen als Beispiel für die antisemitische Verfolgung vor dem Nationalsozialismus. Die rassistische Stigmatisierung traf hier die ganze Familie: der Vater Adolf J. war ein auch überregional als Prediger und Publizist bekannter Rabbiner, dessen Söhnen die akademische Karriere in Österreich verweigert wurde.[2] J. studierte seit dem Abitur 1885 in Wien germanistische Philologie und Vergleichende Sprachwissenschaft. 1889 promovierte er in Wien mit einer Arbeit zu den althochdeutschen Mondseer Glossen, 1892 habilitierte er dort mit seinen »Beiträgen zur Erklärung der germanischen Flexion«[3] und erhielt die Venia für deutsche Sprache und Literatur. In der Habilitationsschrift setzt er sich sehr systematisch und bemerkenswert selbstbewußt mit den herrschenden Lehrmeinungen auseinander, mit kritischen Anmerkungen zu Paul, Sievers, Schmidt, Collitz u.a. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt bei der prosodischen Fundierung der germanischen Reorganisation der Ausgänge der Wortformen, die er fallweise in Hinblick vor allem auf die silbenstrukturellen Randbedingungen analysiert, wobei das Gotische eine zentrale Stellung hat (anders als in den damaligen Handbuchdarstellungen von Paul, Sievers u.a.). Beim Gotischen untersucht er auch systematischer die grammatisch-paradigmatischen Reorganisationen.

In der Altgermanistik nahm er rasch eine herausgehobene Position ein, wie nicht zuletzt seine Handbuch-Beiträge zeigen, so seine umfassende »Geschichte der gotischen Sprache«, erschienen in Pauls »Grundriß der germanischen Philologie«.[4] Im Vordergrund steht bei ihm die Rekonstruktion des älteren Gotischen, wobei er seine Darstellung im Gegensatz zu den damals verbreiteten junggrammatischen Darstellungen strikt an der Überlieferung kontrolliert und die Probleme der späteren Schreiber als Quelle für die Rekonstruktion des »wulfilanischen Gotischen« nutzt; die schon damals unternommenen Versuche einer deskriptiveren Beschreibung des überlieferten Gotischen lehnte er ab (s. z.B. seine Kritik des aus den späteren Schreibungen extrapolierten Vokalsystems ohne die etymologischen Quantitätenunterschiede bzw. Diphthonge im Vokalismus, S. 46-47). In diesem Sinne hat er eine ganze Reihe kürzerer Studien zu altgermanistischen Themen vorgelegt, s. z.B. zu dem etymologisch unklaren sogenannten germanischen ē2 (»Germanisch ē2«[5]), vor allem auch zu philologischen Fragen im engeren Sinne, wie z.B. zu dem Verhältnis der verschiedenen Heliand-Handschriften (»Zum Heliand«).[6]

Sein fachliches Renommee bezeugen auch seine Editionstätigkeiten, etwa seine Ausgabe »Friedrich von Schwaben aus der Stuttgarter Handschrift«[7] als Bd. 1 in der von der preußischen Akademie (Hg. Roethe!) veranstalteten Reihe »Deutsche Texte des Mittelalters«, der er eine detaillierte kodikologische, paläographische und vor allem auch orthographische Analyse der edierten Handschrift des 15. Jhd. beigibt. Bei diesen Arbeiten verschob sich der Fokus seiner Fragestellung: war die schriftliche Überlieferung in den frühen altgermanistischen Arbeiten entsprechend der junggrammatischen Orthodoxie nur eine Frage der Verschlüsselung der zu rekonstruierenden gesprochenen Sprache, so erhalten die Verschriftungsformen selbst jetzt einen zunehmenden Eigenwert. Das ist besonders deutlich bei seiner Neuausgabe »Die Psalmen-Übersetzung des Paul Schede Melissus (1572)«,[8] die er mit einer Untersuchung zur Schreiber- und Druckersprache des Textes versieht (mit einem monographischen Umfang von 169 Seiten). Sorgfältig trennt er in diesem Text eines gelehrten Calvinisten die französischen Einflüsse der Vorlage von den üblichen lateinischen Einflüssen gelehrter Schreiber auf der einen Seite und dem sorgfältigen Bemühen des Schede um orthographische Konsistenz, die sich in der sprechsprachlichen Fundierung seines dialektgeprägten Deutsch zeigt, vor allem deutlich bei den metrischen und Reimbindungen (z.B. in der konsequenten Trennung von festem und losem Anschluß bei Reimen, S. *68-*69). Getrennt untersucht er den unterschiedlich weit gehenden Einfluß der französischen Vorlage bei den kursiv gesetzten Textpassagen (in Antiqua) von den in Fraktur gesetzten. Daran schließen später ähnlich angelegte Ausgaben mit umfassenden analytischen Einleitungen zu weiteren Sprachreformen an (zu Zesen u.a.).

Diese Untersuchungen lieferten die Grundlage für seine auch in der heutigen Forschung noch nicht ersetzte Leistung auf dem Gebiet der Grammatographie, wo er die Genese und Entwicklung der Grammatikschreibung zum Deutschen rekonstruiert hat. Hier leistete er eine ausführliche chronologische Aufarbeitung der Quellen, in gewisser Weise parallel zu gelegentlichen Arbeiten zur Literaturgeschichte, die er entsprechend seiner Venia unternahm. Angelegt war diese Fragestellung schon in seinen Untersuchungen zu den altgermanischen Quellen, wo er systematisch die Interpretation der Graphien im Horizont der von den Schreibern dabei umgesetzten schriftkulturellen Matrix analysierte (so bei den gotischen Schreibern in Hinblick auf das zeitgenössische schulische Griechische). Für das Deutsche trennt er so systematisch die von den Schreibern verschrifteten Formen der Weiterentwicklungen im Deutschen von der spezifischen deutschen Aussprache des Schullateinischen, die ihnen als Folie diente, und dem für die systematische Reflexion leitenden Modell der lateinischen Grammatik, die von den Grammatikern z. T. verwirrend auf das Deutsche projiziert wird, s. dazu seine abschließende Darstellung »Über Aussprache des Lateinischen und deutsche Buchstabennamen«.[9]

Bei seiner kritischen Rekonstruktion der in der Grammatographie z. T. bis heute fortgeschriebenen Phantastereien aus dem Lateinunterricht gewinnt er Kriterien für eine funktionale Analyse, die sich auf die von den Schreibern ins Werk gesetzten phonographischen Kontraste stützt, und die ihm in gewisser Weise durchaus protophonologische Argumentationen erlauben. Das gilt insbesondere für die Rekonstruktion der Art und Weise, wie in diesen Darstellungen die im späten Mittelalter auf deutschem Territorium herausgebildete Silbenschnittkorrelation registriert wird, bzw. richtiger: wie sie durch die kanonischen Vorstellungen über die silbenstrukturellen und prosodischen Verhältnisse des Lateinischen überlagert wird, s. dazu seine »Studien zu den älteren deutschen Grammatiken I: Die Lehre von Accent und Quantität«,[10] fortgeführt für Einzelprobleme, die sich durch den silbenstrukturellen Umbau ergeben, so in dem zweiten Teil dieser Studien »Die Bezeichnung der f- und s-Laute und die angeblichen Geminaten nach Diphthongen«,[11] wo er insbesondere die Komplikationen durch die regionale Variation im Silbenbau diskutiert (das Nord-Südgefälle in Hinblick auf die Verteilung von stimmhaften und stimmlosen Konsonanten gegenüber Fortis/Lenis sowie die regional unterschiedlichen Folgen des Quantitätenausgleichs).

Während in seinen altgermanistischen Arbeiten das traditionelle Feld von Laut- und Formenlehre im Vordergrund gestanden hatte (seine Darstellung des Gotischen enthält zwar ein Kapitel zur Wortbildung und zum Lexikon, aber keines zur Syntax), bearbeitete er später systematisch die verschiedenen Bereiche des grammatischen Kanons, indem er die schwierige Emanzipation aus dem Prokrustesbett der lateinischen Schultradition rekonstruiert, etwa in: »Zur Geschichte einiger grammatischer Theorien und Begriffe«,[12] wo er die Schwierigkeiten herausarbeitet, eine genuine grammatische Reflexion aus den Verquickungen mit der logisch spekulativen Tradition auf der einen Seite und der »rhetorischen« Tradition auf der anderen Seite freizusetzen, hier in Hinblick auf die dubiose Kategorisierung des Problems komplexer Sätze mit den Termini »Haupt- und Nebensatz« sowie in Hinblick auf die Kategorie Genus/Sexus. Ergebnis dieser Arbeiten ist sein zweibändiges Handbuch »Geschichte der neuhochdeutschen Grammatik von den Anfängen bis auf Adelung«.[13] Im ersten Band zeichnet er die Genealogie der modernen Grammatikschreibung mit einer ungemein reichen Aufarbeitung der Quellen, von einfachen Schultexten bis hin zu ambitionierteren sprachtheoretischen Traktaten, chronologisch auf, im zweiten Band stellt er dem eine systematische Darstellung entgegen, die von der neueren Grammatikschreibung, wie sie sich im 19. Jhd. etabliert hat, ausgehend ihre Entwicklung in den verschiedenen Bereichen der Differenzierung von Wortarten, Wortbildungen, Flexion und Syntax zurückverfolgt.

Mit diesen Arbeiten war J. eine zentrale Figur in der Sprachgermanistik, wie nicht zuletzt die Publikationsorte seiner Schriften zeigen.

1900 wurde er in Wien zum a.o. Prof. ernannt, 1906 zum Titularprofessor. Seinen Rang im Fach dokumentiert eine Festschrift (1928), die vor allem durch das politische Spektrum der Beiträger bemerkenswert ist – u.a. auch mit Arbeiten von späteren nationalsozialistischen Aktivisten wie A. Pfalz und Friedrich Neumann.[14] In den 20er Jahren war er wiederholt Zielscheibe antisemitischer Angriffe; das erklärt wohl auch, daß er nicht zum Lehrstuhlinhaber befördert wurde.[15] 1934 wurde er emeritiert, lehrte aber weiter als Honorarprofessor bis 1938. Mit dem »Anschluß« wurde ihm aus rassistischen Gründen die Honorarprofessur entzogen. Zuletzt arbeitete er an einer umfassenden Darstellung zum Germanischen, als Neubearbeitung der älteren Darstellung von Streitberg, für den Grundriß der idg. Altertumskunde, die er vor seinem Tod nicht mehr fertigstellen konnte.

Q: NDB; Nachruf von K. Zwierzina in Almanach der AdW Wien 88/1938: 364-372; ÖBL 3/1962: 102; Kowall; IGL (E. Glaser); DBE 2005.



[1] Verschiedene Quellen geben den 7.5.1938 als Todesdatum an.

[2] M. H. J.s älterer Bruder Georg war ein renommierter Jurist (geb. 1851, gest. 1911), der Österreich unter Protest gegen die verweigerte Karriere 1889 verließ und dann in Deutschland Karriere machen konnte (zuletzt als ordentlicher Professor in Heidelberg). Seine staats- und völkerrechtlichen Werke waren (und sind wohl bis heute) juristische Standardwerke (s. dazu NDB).

[3] Berlin: Speyer und Peters 1891.

[4] Als Band 1/1; Berlin: de Gruyter 1926.

[5] In: Beitr. z. Gesch. dt. Spr. u. Lit. 15/1891: 297-301.

[6] In: Beitr. z. Gesch. dt. Spr. u. Lit. 15/1891: 301-305.

[7] Berlin: Weidmann 1904.

[8] Halle/S.: Niemeyer 1896.

[9] Wien: Hölder-Pichler-Timsky 1930.

[10] Z. f. dt. Altertum und dt. Literatur 48 (NF 36)/1906: 227-310.

[11] ebd. 313-363.

[12] In: Idg. F. 19/1906: 272-316.

[13] Heidelberg: Winter 1913-1914.

[14] »Festschrift M. H. J. zum 29. Mai 1928 dargebracht«, Wien: Österreichischer Bundesverlag 1928. Merkwürdigerweise fehlen Angaben zu den Hausgebern, es findet sich auch kein Beitrag zu J.s. Person oder Werk. Aus dieser Dokumentation ist nur Hans Sperber mit einem Beitrag vertreten.

[15] Die Angaben im Personalschrifttum sind widersprüchlich. Zwierzina (1938, Q – und daran anschließend die NDB) vermerken, daß er 1906 »den Titel und Charakter eines ordentlichen Professors (erhielt)«; anders jetzt Meissl, »Germanistik in Österreich«, in: F. Kadrnoska (Hg.), »Aufbruch und Untergang. Österreichische Kultur zwischen 1918 und 1938«, Wien: Europaverlag 1981: 475-496, bes. S 487, und Feichtinger 2001: 439. Ich folge hier Glaser (Q), Kowall (Q).