Jacobsohn, Hermann

 

Geb. 30.8.1879 in Lüneburg, gest. 27.4.1933 in Marburg.

J. stammte aus einer jüdischen Familie, die allerdings die Religion nicht praktizierte; so konnte er auch eine Protestantin heiraten. Nach dem Abitur hatte er seit 1899 in Freiburg/Br., Berlin und Göttingen klassische Philologie und vergleichende Sprachwissenschaft studiert. Als Student war er in einer schlagenden Verbindung. Seine entscheidende fachliche Orientierung erhielt er durch Wilhelm Schulze, dem er nicht nur in der The­matik seiner Untersuchungen folgte (von der Dissertation über die Habilitations­schrift zu Homer bis zur späten – postum erschienenen – Rezension der To­charischen Grammatik von Sieg/Siegling),[1] sondern auch in deren Präsentation, bestimmt von philologisch akri­bisch gesicherten Details und eher beiläufigen ausgreifenden Kom­mentaren.

Er promovierte in Göttingen in klassischer Philologie (»Quaestiones Plautinae metricae et grammaticae«)[2] und war danach von 1904 bis 1911 Mitarbeiter am Thesaurus Linguae Latinae; entsprechend sind seine Publikationen zunächst dem Lateinischen und Altitalischen gewidmet. Dazu gehört ein Studienbuch »Altitalische Inschriften«,[3] das eine kleine Anthologie altitalischer (i.e.), also mit Einschluß keltischer, aber mit Ausschluß etruskischer, Inschriften bietet und mit einem ausführlichen Apparat zur Sekundärliteratur versieht. 1908 habilitierte er in München mit einer nach Schulzes Vorbild philologisch gearbeiteten Untersuchung »Der Aoristtypus alto und die Aspiration bei Homer«,[4] eine materialreiche Studie über die Dialektismen bei Homer, Hesiod u.a. Dichtern, vor allem der Psilose,[5] die als literarisches Stereotyp jonischer und äolischer Formen auch bei Autoren anderer Dialektprägung vorkommen und insofern bei der Würdigung der Texte ihren Eigenwert haben (gegen die homogenisierende Praxis der [damals] üblichen Texteditionen).

Diese Arbeit brachte ihm 1911 den Ruf auf eine außerordentliche Professur für Vergleichende Sprachwissenschaft nach Marburg ein (als Nachfolger Thumbs, indirekt so auch von Schulze). Neben weiteren Arbeiten auf dem Gebiet der klassi­schen Sprachen beschäftigte er sich seitdem mit der gleichen Akribie mit germanischen (vor allem Gotisch) und slawischen Sprachen.

Für seine weitere Arbeit brachte der Erste Welt­krieg eine Weichenstellung: als nicht »fronttauglich« wurde er zur Arbeit als Dolmet­scher und Briefzensor in Lager für russische Kriegsgefangene abge­stellt, wo er es für das Doegen/Schulzesche Projekt eines »Laut­museums« übernahm, slawische und vor allem finno-ugrische Sprachproben zu sammeln;[6] durch die enge Zusammenarbeit mit E. Lewy entstand daraus sein künftiges Hauptarbeitsgebiet.

Nach einigen kleineren Arbeiten (u.a. auch i. S. der Politikberatung die politische Auswertung der Informatio­nen durch die Kriegsgefangenen) erschien sein Hauptwerk »Arier und Ugrofin­nen«,[7] das die bis dahin nur vereinzelt registrierten Lehnwortbeziehungen zwi­schen germanischen und baltischen Sprachen auf der einen, dem Finnischen auf der anderen Seite systematisch auf die indogermanischen und fin­no-ugrischen Sprachen erweitert. Als Grundlage für die Ana­lyse der Rekonstruktion dieser kulturellen Beziehungen entwickelte er eine systemati­sche vergleichende Lautlehre der finno-ugrischen Sprachen – vor der Folie einer heftigen Polemik gegen Kling-Klang-Etymologien mit vorschnellen kulturellen Deutungen, die vor allem auf H. Güntert gemünzt ist (S. 7-18). Kern seiner Arbeit, die trotz zahlrei­cher De­tailkritik bis heute grundlegend ist, ist der ver­suchte Nachweis einer Entlehnung aus iranischen Sprachen, die im Vokalis­mus noch das ie. o bewahrt hatten (und keine Entlehnung aus dem Indischen, die den Wandel ie. o > a vorausgesetzt hätte).[8]

Aufgrund dieses Arbeitsbereichs wurde auch seine Ve­nia auf die Finno-Ugristik erweitert und er selbst 1919 zum Ordi­narius er­nannt. In Verbindung mit dieser Arbeit hatte er sich systematisch in die iranischen Sprachen eingearbeitet, zu denen er eine Reihe von kleineren Beiträgen veröffentlichte – neben der jetzt systema­tischer betriebenen vergleichenden Sprachwissen­schaft. Eine gewisse Fennophilie (vielleicht eher: Gegenreaktion auf die verbreitete Germanomanie) hat ihn dann aber auch schon mal auf Abwege geführt, so in seiner etymologischen Herleitung von gotisch hansa (dt. Hanse) aus einem finn. kansak,[9] bei der ihm wohl niemand gefolgt ist (auch Feist diskutiert diesen Vorschlag nicht ernsthaft in seinem etymologischen Wörterbuch).

In diesem Zusammenhang kamen die germanischen Sprachen in den Vordergrund, vor allem das Gotische. Zu diesem legte er philologisch akribische Untersuchungen vor, entsprechend seinen Griechisch-Studien, so etwa seine deskriptive Untersuchung zum hiattilgenden <j> im Gotischen, bei der er einerseits individuelle Schreiberidiosynkrasien in den Codices festhielt, andererseits prosodische und Wortbildungsstrukturen analysiert.[10] Weniger selbstverständlich sind in diesem Zusammenhang Untersuchungen zum Niederdeutschen, das er explizit als seine Heimatsprache vorstellt, wozu er zuletzt noch 1932 in Lüneburg einen Vortrag hielt (s. Lommel, Q: 339). Auch vorher findet sich bei ihm gelegentlich schon in diesem Sinne Heimatkundliches, etwa die etymologische Glosse »Tagen baren Löneborger kind«.[11] In dieses Arbeitsfeld fiel auch seine kommissarische Leitung des Deutschen Sprachatlas in Marburg nach Wredes Weggang. Daneben arbeitete er sich, wiederum parallel zu Schulze, in das Tocharische ein, zu dem er eine seiner letzten Lehrveranstaltungen im WS 1932/1933 hielt.

Durchgehend finden sich in seinen späteren Arbeiten allgemeine sprachtheoretische Überlegungen, vor allem mit sprachtypologischer Ausrichtung, bei denen er immer wieder auf Lewy Bezug nimmt: mit dem Bemühen um das kon­krete Detail des Vergleichs auf der einen, um die typologische Be­trachtung auf der anderen Seite. So argumentiert er in »Kasusfle­xion und Gliederung der indogermanischen Sprachen«[12] gegen vorschnelle Substraterklärun­gen, die er nur bei historischer Fundierung (etwa bei der Rolle des Finni­schen für das Russische) gelten läßt. Demgegenüber betont er die Ausgliederung als Profilierung widersprüchlicher Momente, hier die Bewahrung der Vielheit anschaulicher Kasus in den Satem-Spra­chen gegenüber der Reduktion auf die vier grammatischen Kasus in den Kentum-Sprachen (mit einer typologischen Parallele im Semiti­schen, wie er betont, S. 215). Mit E. Lewy hält er an einer charakterisierenden Typologie fest, gegen die Tendenz, mit vorschnellen Substratprojektionen zu operieren (z.B. in einer Meillet-Rezension von 1931, S. 134, oder passim in einer Rezension zu Sieg/Siegling, postum 1934). So relativierte er die gängigen Theorien zu Kontakt- bzw. Substrateinflüssen aus dem Semitischen im indoeuropäischen Zahlensystem mit einer umfangreichen, allgemein vergleichenden Studie über die Entwicklung von Zahlensystemen, wobei er ausdrücklich Ansichten seines Berliner Lehrers J. Schmidt aufgriff.[13]

Programmatisch ist in diesem Sinne seine Besprechung von J. Wackernagel, »Vorlesungen über Syntax« (1920),[14] bei der er eine »vergleichende Sprachwissenschaft [...], die diesen Namen verdient« (S. 378) als typologische Sprachwissenschaft entwirft, die Universalien der Sprachentwicklung als Erklärung für einzelsprachliche Beobachtungen nutzt. In seinen skizzierten Analysen zu Grammatikalisierungsverläufen im Sprachbau (ausführlich zu Aspekt- und Aktionsarten, S. 379ff.,[15] zum Dual, S. 389ff.) wandte er sich gegen naturalisierende Erklärungen, vor allem aber gegen die damals in Mode kommenden »geisteswissenschaftlichen« Projektionen von »Volkscharakteren« auf Sprachstrukturen, sowie generell gegen die Tendenz, von Erscheinungen in einer Sprache zu holistischen Aussagen über die Sprache fortzuschreiten und darauf dann Geisteshaltungen von ganzen Völkern zu projizieren (S. 394). Der politische Unterton ist nicht überhörbar, wenn er von derartigen Arbeiten spricht, »deren geistiger Minderwertigkeit sich spätere Generationen einmal schämen werden« (S. 395). Kronzeugen für sein Vorgehen sind hier wieder E. Lewy und auch Leo Spitzer (S. 387).

J. war nicht nur politisch konservativ, sondern er betä­tigte sich auch so. Als Student militant in einer schlagenden Ver­bindung, engagierte er sich im Umfeld des libe­ralen Protestantismus, vor dem Ersten Weltkrieg in dem linksliberalen Nationalsozialen Verein,[16] nach dem Krieg in dessen Nachfolgeorganisation, der »Demo­kratischen Partei«, für die er auch als Versammlungsredner auftrat. 1916 redigierte er als Ertrag seiner Arbeit in den Kriegsgefangenenlagern eine Expertise zur Politikberatung: »Rußlands Entwicklung und die ukrainische Frage«,[17] die vor falschen Hoffnungen auf ethnisch-nationale 5. Kolonnen im russischen Territorium (hier in der Ukraine) warnt, dabei in einem Überblick über die historisch-gesellschaftlichen und sprachlichen Verhältnisse auch auf Probleme des Sprachunterrichts eingeht, wo er bei allem wünschenswerten muttersprachlichen Unterricht darauf verweist, daß die enge etymologische Verwandtschaft der slawischen Sprachen in Rußland hier die Rolle des Russischen als Schriftsprache relativ unproblematisch mache (S. 40). In Veröffentlichungen in der Nachkriegszeit artikuliert er sich demgegenüber sehr viel politischer, so, wenn er in seinen Beiträgen zu Doegen 1925 das »Vertrauen auf den Wiederaufstieg Deutschlands« beschwört (S. 319).

Von dieser »aufgeklärt« konservativen Position aus stand er in scharfem Gegensatz zu den großen politischen Massenbewegun­gen – der marxistischen ebenso wie der nationalsozialistischen, bei der er besonders den Antisemitismus angriff (für ihn eine Er­scheinung auf der gleichen Ebene wie der »marxistische Materialis­mus«).[18] Seine deutschnationalen Überzeugungen schlagen gele­gentlich auch in Veröffentlichungen durch: so wenn er gegen Meillet, der nach dem Ersten Weltkrieg antideutsche Töne an­schlug, Stellung nahm und sich einerseits gegen eine pauschalierende Verurteilung des deutschen Volkes verwahrte, andererseits in der Elsaß-Frage explizit deutsch-national argumentierte.[19] Seit den 1920er Jahren war er in Marburg, wo die NSDAP früh stark war, Zielscheibe politischer, vor allem aber auch antisemitischer Angriffe. Für ihn selbst wurde seine Herkunft aus einer jüdischen Familie wohl erst durch die rassistische Verfolgung bestimmend:[20] bereits 1913 wurde von der Universität Rostock eine geplante Berufung nach dort auf eine vergleichende Professur aus antisemitischen Gründen (»wegen seines Religionsbekenntnisses«) abgelehnt.[21]

Sofort nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurde er entlassen; da er schon vor 1914 im Staatsdienst war, formal nicht aus rassistischen Gründen. Auch die vermutlich ausschlaggebenden politischen Gründe wurden nicht angeführt (formal wurde er zunächst beurlaubt, mit Weiterzahlung des Gehaltes). Seine na­tionale Gesinnung schloß für ihn wohl eine Emigration aus; über den poli­tischen Fortgang der Entwicklungen in Deutschland machte er sich keine Illusionen – und so warf er sich am 27.4.1933 vor einen Zug.

Q: V; H. Lommel, in: Idg. Jb. 19/1935: 335-340 (mit Bibliographie); H. Schlerath, in: I. Schnack 1977: 219-227 (mit bibliographi­schem Nachtrag zu Lommel); H. Veenker in der Neuausgabe von »Arier und Ugrofinnen« 1980: 288-300; R. Verroen u.a. (Hgg.): »Leben Sie? Die Geschichte der deutsch-jüdischen Familie Jacobsohn«, Marburg: Druckerei der Universitätsbibliothek Marburg 2000, darin H. Maier-Metz zur Vita (57-81) und M. Job zum sprachwissenschaftlichen Werk (82-87); H. Maier-Metz: »H. J. : Sein Leben«, in K. Köhler u.a. 2005: 143-152; DBE 2005; sowie G. Glombik auf der Homepage des Johanneum Lüneburg: http://www.fh-lueneburg.de/u1/gym03/homepage/chronik/jacobson/jacobspersoenl.htm (Febr. 2009).



[1] Zu E. Sieg/W. Siegling, »Tocharische Grammatik«, Göttingen 1931, in: Oriental. Literaturz. Jg. 1934: 207-212. Auf von Schulze Vorgedachtes verweist er dort wiederholt.

[2] Göttingen: Dieterich 1904; die Arbeit widmete er Wilhelm Schulze (»Guilelmo Schulze, cuius ut discipulus vere nominer«).

[3] Bonn: Marcus und Weber 1910.

[4] In: Philologus 67 (NF 21)/1908: 325-365; 481-530.

[5] Psilose: Schwund des h*s (zu gr. psilos »nackt«, also das Entstehen neuer »nackter Silben«).

[6] Siehe seine Beiträge in: Doegen 1925: »Die Kleinrussen« (S. 290-309), die »Serben« (S. 318-337), die zwar nicht frei von »völkerpsychologischen« Klischees sind, aber geprägt von großer Sympathie für diese Menschen. Gegenüber von S. 320 zeigt ihn ein Foto »im sprachwissenschaftlichen Verkehr mit Russen« (Bildunterschrift). Er machte damals auch Sprachaufnahmen mit estnischen Sprechern, s. seine Bemerkungen dazu in dem weiter unten genannten Aufsatz zu hansa (1919), S. 76ff.

[7] Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1922, Neuauflage 1980.

[8] Zur internationalen Anerkennung, die dieses Werk gefunden hat, insbesondere auch in Finnland, s. Schlerath (Q), S. 223-224 und Job (Q).

[9] »Der Ursprung des Wortes ›hansa‹«, in: Hansische Geschichtsblätter Jg. 1919: 71-101.

[10] »Zwei Probleme der gotischen Lautgeschichte«, in: Z. f. vgl. Sprachwiss. 47/1915: 83-94.

[11] In: Z. f. vgl. Sprachwiss. 54/1926: 100-102.

[12] In: »FS Wac­kernagel«, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1923: 204-216.

[13] »Zahlensystem und Gliederung der indogermanischen Sprachen«, in: Z. f .vgl. Sprachwiss. 54/1926: 76-100.

[14] In: Gnomon 2/1926: 369-395.

[15] Dieser Abschnitt ist gerade auch für die neueren semitistischen Aspektdiskussionen (etwa bei F. Rundgren) grundlegend geworden.

[16] Der unter Naumanns Leitung eine Öffnung des Liberalismus zu sozialdemokratisch artikulierten Positionen be­trieb.

[17] Cassel: Pillardy und Augustin 1916.

[18] So in einem unter dem Pseudonym »Fabius« 1924 in Die christliche Welt erschienenen Aufsatz.

[19] Rezension zu A. Meillet, »Les langues dans l’Europe nouvelle«, 2. Aufl., Paris 1928, in: Idg. F. 49/1931: 133-139, hier S. 137.

[20] Schlerath spricht allerdings von seiner Bindung an die »mosaische Religion« (den Terminus verwendet J. in seiner Vita zur Dissertation 1904), gegen die seine engagierten Auseinandersetzungen innerhalb des Protestantismus sprechen, wie vor allem seine regelmäßigen Beiträge in der Zeitschrift Die christliche Welt zeigen.

[21] S. Heidorn u.a. 1969 Bd. I, 235 und Bd. II: 319.