Hittmair, Rudolf

Geb. 30.7.1889 in Wien, gest. 22.11.1940 in Innsbruck.

 

Nach der Reifeprüfung 1907 Studium mit dem Hauptfach Anglistik in Innsbruck, Berlin, Paris und Wien. 1912 Lehramtsprüfung und zugleich Promotion in Innsbruck (zur Dissertation s. u.). 1912-1913 Studienaufenthalt in England, dann seit 1913 Lehrer an einer Realschule in Wien. Kriegsdienst 1914 als Offizier (er war schon 1907/1908 »Einjähriger« gewesen), ansonsten Privaterzieher in der Kaiserlichen Familie. 1915 bis 1923 angestellt in der Nationalbibliothek Wien, seit 1923 angestellt in der Buchhandlung seines Schwiegervaters in Innsbruck. 1925 Habilitation in Anglistik an der Universität Innsbruck, im gleichen Jahr außerordentlicher Professor, seit 1927 ordentlicher Professor an der TH Dresden. 1932 Wechsel an die Universität Tübingen, 1936 nach Wien. 1938 wird er nach dem »Anschluss« aus politischen Gründen entlassen (in den entsprechenden Vermerken im Verfahren: als »politisch unzuverlässig«). Der Vorgang ist einigermaßen verworren und hat eine Vorgeschichte schon in H.s Berufung gegen den ausgesprochenen Willen der Fakultät, bei der seine auch familial verankerten Beziehungen zum höheren Klerus eine Rolle gespielt haben werden. H. protestierte gegen die Entlassung, wobei das Verfahren durch seine gleichzeitige Einberufung zum Militärdienst verkompliziert wurde. Dabei gab es eine Kollusion zwischen den Ressentiments in der Fakultät (vor allem auch bei den engen anglistischen Kollegen) und der politisierten Dozentenschaft, die in H. einen Gegner sah und auch mit obskuren Denunziationen operierte. Im April 1940 wurde vom Ministerium schließlich die Entlassung rückwirkend in eine Versetzung in den Ruhestand umgewandelt.[1]

Zu Anfang seiner Laufbahn hatte H. einen eindeutig sprachwissenschaftlichen Schwerpunkt: er promovierte 1912 mit einer phonetischen Arbeit (»Zum Nebenakzent im modernen umgangssprachlichen Englisch«).[2] In der Habilitationsschrift, bereits 1923 gedruckt: »Das Zeitwort Do in Chaucers Prosa«,[3] dokumentierte er die Desemantisierung/Grammatikalisierung dieses Verbs, mit dem Grenzwert der »Erstarrung« zu einem Suffix, im Sinne der damals allgemein angenommenen Erklärung der Präteritalbildung der schwachen Verben in den germanischen Sprachen (s. bei H. Collitz). Den Befund bei Chaucer (14. Jahrhundert) bildet er auf parallele Übersetzungstexte im Altenglischen und frühen Neuenglischen ab (ausgewertet vor allem die Boethius-Übersetzung, S. 105-123). Abgesehen von der Dokumentation der exzerpierten Formen liefert die Arbeit wenig Selbständiges, da sie die Formen im Raster des entsprechenden Lemmas des New English Dictionary auflistet (s. S. 8-9). Zu seinen späteren sprachwissenschaftlichen Arbeiten gehört insbes. noch ein Rezensionsartikel »Zu den Aktionsarten im Mittelenglischen«[4] (zu einer Wiener Dissertation aus dem Jahre 1930), in der er sein Vertrautsein mit der zeitgenössischen Diskussion zeigt, die sich damals schon um die Abgrenzung zwischen lexikalischen Strukturen (Aktionsarten) und grammatisierten Formen (also die Differenzierung der Aspekte) drehte, wobei die Argumentation dort (und auch bei H.) unter psychologistischen Prämissen verlief.

Später verlagerte sich sein Schwerpunkt zum Literatur- bzw. Kulturgeschichtlichen mit dem Fokus auf dem Mittelenglischen bzw. Früh-Neuenglischen. In »Der Begriff der Arbeit bei Langland«[5] zeigt er an einem mittelenglischen Autor, wie sich die sozialen Konflikte der feudalen Gesellschaft in literarischen Texten spiegeln. Daran schloß eine zeitlich weiter ausgreifende Studie an, in der er die entsprechende soziale Reflexion bis ins 19. Jahrhundert verfolgte: »Die Arbeit bei Langland, Locke, Carlyle«,[6] hier mit dem Schwerpunkt bei philosophischen Texten: Hobbes, Locke. Die Etablierung der neuenglischen Schriftsprache war bei H. ein weiterer Schwerpunkt, wozu er bereits 1931 eine Monographie zu dem Frühdrucker Caxton publiziert hatte. Dessen Sprachreflexion extrapoliert er aus seinen metasprachlichen Äußerungen in seinen Übersetzungen bzw. Vor- und Nachworten, im Spannungsfeld des gesuchten überdialektalen Ausgleichs auf der einen Seite und des Ausbalancierens zwischen Bildungs- und Volkssprache auf der anderen Seite. H. beschränkt sich dabei allerdings auf die Paraphrasierung der auch von ihm abgedruckten Texte, ergänzt um formale Bemerkungen zum Druckbild (z.B. der Wortbrechung u. dgl., S. 12).

Q: Haenicke/Finkenstaedt; Österreichisches biographisches Lexikon; Kowall; Hausmann 2003; R. Pils, »Die Professoren der Wiener Anglistik im Kontext des Nationalsozialismus«, in: G. Ash u.a (2010): 455-486; DBE 2005.

 



[1] S. jetzt die detaillierte Darstellung bei Pils (Q); ausführlich auch Hausmann 2003: 467-468, der auf eine Denunziation in einem vorausgegangenen Berufungsverfahren 1935 in Heidelberg verweist; ebenso im »Anglistenlexikon«, wo H. als Anhänger Schuschniggs dargestellt wird.

[2] Siehe Haenicke/Finkenstaedt (Q), die Dissertation war mir nicht zugänglich.

[3] Wien: Braunmüller 1923.

[4] In: Englische Studien 70/1935: 81-91.

[5] In der FS Luick, Marburg: Elwert, 1925: 204-218.

[6] In: Germ.-Rom. Monatsschrift 13/1925: 94-101.