Heyd, Rosemarie

(geb. Burkart)

Geb. 8.7.1905 in Berlin, gest. im November 2002 in Darmstadt.

 

Nach dem Abitur in Berlin Studium der Ro­manistik und Anglistik in Berlin, Freiburg, Marburg und Köln. Sie hatte breit gefächerte kulturelle und sportliche Interessen, wozu auch das Erlernen von Fremdsprachen gehörte, was in allen ihren Lebenssituationen zur Geltung kam. 1931 legte sie in Köln das Staatsexamen ab (außer in ihren sprachli­chen Fächern auch in Sport); 1932 dort Promotion in der Romanistik, danach auf einer (halben) Assistentenstelle bei Spitzer, zeitweise beurlaubt für einen Studienaufenthalt in Madrid. Nach Spitzers Entlassung wurde auch ihr Vertrag im SS 1933 nicht mehr verlängert, als sie sich weigerte, in den NS-Assistentenbund einzutreten.[1] Daraufhin meldete sie sich bei der Schulaufsicht offiziell ins Ausland ab (sie trat ihr Referendariat nicht an) und ging im Oktober 1933 mit Spitzer in die Türkei. In Istanbul gab sie einer­seits romanistische Kurse, andererseits baute sie für diesen die Sprachschule mi­t auf, an der die (west-)europäischen Sprachen gelernt werden konnten (s. bei Spitzer).

Ihre fachlichen Interessen waren stark literarisch be­stimmt (sie erinnerte ihren Lehrer Spitzer, dem sie auch schon von Marburg nach Köln gefolgt war, nur noch als Literaturwissenschaft­ler), aber mit der Ausrichtung auf die Analyse der sprachlichen Form bzw. die Stilanalyse. Ihre Dissertation »Die Kunst des Maßes in Mme. de Lafayette‘s ›Princesse de Clèves‹«[2] richtet sich explizit gegen eine rein geistesge­schichtliche Literaturbetrachtung und versucht, die künstlerische Einheit des Textes in seiner sprachlichen Form aufzuzeigen (außer durch die Analyse spezifischer syntaktischer Elemente vorwiegend im Be­reich des Wortschatzes bzw. der Semantik). Spitzer sah in ihr eine kongeniale Schülerin, wie sich auch darin zeigt, daß er eine Studie von ihr als Anhang zu der Sammlung eigener Aufsätze »Romanische Stil- und Literaturstudien« aufnahm: »Leben, Tod und Jenseits bei Jorge Manrique und François Villon«. [3] Dort führt sie eine traditionelle Gedichtinterpretation vor, kommentiert Sprachliches zwar an Beispielen, analysierte es aber nicht (was die Besonderheit bei Spitzers Arbeit ist).

Wohl erst unter den Arbeitsbedingungen in der Türkei hat sich ihre sprachanalytische Ausrichtung ver­stärkt. Dort lernte sie auch Türkisch (sie betrieb auch ihren Sport weiter, z.B. Skifahren mit türkischen Freunden...).[4] Waren ihre noch in Deutschland ver­faßten Aufsätze neben der Dissertation literarischen Texten gewid­met, so kam sie jetzt zur Analyse nicht-literarischer Probleme: das gilt so für ihren Beitrag »Climat« zur Spitzer-FS 1937,[5] wo sie im Rahmen einer wortgeschichtlichen Studie zur Entwicklung der übertragenen Bedeutung (»politisches Klima«) insbes. auch Zeitungstexte auswertete und Vergleiche zu an­deren europäischen Sprachen (Italienisch, Englisch, Deutsch) bzw. anderen analogen Wortfeldern (Atmosphäre) anstellte. Sie setzte sich mit der türkischen und arabischen Sprache in Hinblick auf die mediterrane kulturelle Einheit auseinander, so in einer wortgeschichtlichen Studie zum Wort­feld übersetzen, die sie in der Fakultätszeitschrift an der Univ. Istanbul veröffentlichte (»Truchement. Histoire d‘un mot oriental en français«).[6]

Sie hatte offensichtlich keine Probleme, mit den komplexen Verhältnissen in der Türkei zurechtzukommen, zu denen nicht zuletzt die Spannungen zwischen offiziellen Deutschen und Emigranten gehörten (sie wußte später sehr farbig von dem damaligen sozialen Beziehungsgeflecht zu erzählen); auf der anderen Seite hatte sie durch ihren »regulären« Status (ihr deutscher Paß wurde regelmäßig verlängert) auch keinerlei Schwierigkeiten beim Kontakt zu ihrer Familie in Deutschland, auch bei (wechselseitigen) Besuchen. Die Trennung von Spitzer durch dessen Weitermigration in die USA 1936 war dramatisch.[7] 1942 kehrte sie nach Deutschland zurück, nachdem ihr 1941 in der Türkei geheirateter Mann, der Journalist Kurt Heyd, der dort seit 1938 tätig war, einbe­rufen wurde (dieser leistete der Einberufung Folge, um seiner Familie Repressionen zu ersparen). Nach eigenen Angaben stand H. in dieser Zeit in Istanbul in engem Kontakt zu einer österreichischen Widerstandsgruppe der KPÖ, was ihr bei der Rückkehr Schwierigkeiten bereitete.[8] In Berlin machte sie eine Prüfung als (Wehrmachts-)Dolmetscherin für Türkisch und war, während ihr Mann bei der Wehrmacht war (ebenfalls als Dolmetscher), 1943 in dieser Eigenschaft für das Auswärtige Amt tätig. Nach der Geburt ihrer Tochter schied sie dort wieder aus.

Seit 1946 war sie an der TH Darmstadt tätig, zunächst als Lektorin für Französisch, dann betraut mit dem Aufbau des Deutschstudiums für Ausländer. Einer festen Anstellung an der Hochschule zog sie nach eigenen Angaben eine freie Tätigkeit als Dolmetscherin, Übersetzerin (mehrere literarische und Sachbücher aus dem Englischen und Französischen) und Publizistin (Theaterkritiken u. dgl. für Zeitungen und den Rundfunk) vor. Von 1971 bis 1973 gab sie daneben auch deutsche und französische Sprachkurse an dem European Space Operation Centre in Darmstadt.

Q: Interview mit R. H. 19.9.1987 sowie weitere mündliche und schrift­liche Auskünfte 1999; Widmann 1973; Neumark 1980; Christ­mann/Hausmann 1989: 284 (mit Bibliographie).



[1] Zu diesen Vorgängen am damaligen Spitzer-Institut in Köln s. Golczewski 1988: 106.

[2] Köln/Bonn: Röhr­scheid 1933. In einer ausufernden Besprechung, die explizit rassistisch argumentiert, hat Glässer diese Arbeit heruntergemacht (»Raffer- <statt> Schaffertum«, »getarnter Materialismus«, in der Ausrichtung »an sich verwerflich«, »perverse Psychologismen Freudscher Art« – erstaunlich genug, daß dergleichen gedruckt wurde, in: Lit. Bl. f. german. u. roman. Phil. 9-10/1934: Sp. 314-331). Dabei zielte die Argumentation weniger auf H. als auf Spitzer und seine »Schule« insgesamt.

[3] Marburg: Elwert 1931, Bd. I: 272-301.

[4] Materialien zu ihrem Türkei-Aufenthalt in der Ausstellung »Haymatloz«. Im Katalog zur Ausstellung auch Fotos aus dieser Zeit (in den dazu gehörigen Unterrichtsmaterialien), s. Hillebrecht (1999), S. 33.

[5] In: A. Rom. 21: 185-99.

[6] In: Istanbul Üniversitesi Edebiyat Fa­kültesi Yayinlari 2/1937: 41-56.

[7] Das spiegelt sich nicht zuletzt in Spitzers damaligen Briefen an Vossler: H. wollte wohl mit Spitzer in die USA gehen, hatte einerseits aber Probleme, ein Visum zu bekommen, andererseits standen dem Widerstände in Spitzers Familie entgegen ...

[8] Hoss (2007) schreibt, daß sie damals sogar in die KPÖ eingetreten sei und auch nach 1945 wieder in die KPD. Im Gespräch hat sie demgegenüber nur von persönlichen Beziehungen zu Parteiaktivisten berichtet.