Haloun, Gustav

 

Geb. 12.1.1898 in Pirnitz/Mähren (heute: Brtnice), gest. 24.12.1951 in Cambridge/GB.

Nach dem Abitur 1916 in Iglau (Mähren, heute Jihlava, ČSSR) Militärdienst bis Kriegsende. Danach Studium mit dem Hauptfach Sinologie an den Universitäten Wien und Leipzig 1918 bis 1923. Promotion in Leipzig mit der Dissertation »Beiträge zur Siedlungsgeschichte chinesischer Clans II: Phratrie Yen-Ying-Ki I: Der Ahnherr Shao-Hao (mit einem Exkurs über die Genealogie der Chou)«.[1] Es handelt sich um eine historisch-ethnologische Arbeit über die altchinesische Familien-(Clan-)Organisation, die faktisch aber auch als onomastische Arbeit über chinesische Familiennamen gelesen werden kann und daher H. auch als Sprachforscher ausweist. Bei der Rekonstruktion der komplexen Namenformen steht für ihn zwar die darin sedimentierte Siedlungsgeschichte der Clans im Vordergrund, er analysiert aber die dabei genutzten formalen Bildungsmuster und insbesondere auch die dialektal unterschiedlichen Bildungselemente der zusammengesetzten Namenformen. Vorarbeiten dazu hatte er bereits vorher vorgelegt und in die Dissertation integriert, so eine exemplarische Untersuchung zu einem ostchinesischen Clan, den Feng, (»Beiträge zur Siedlungsgeschichte chinesischer Clans«)[2] und (gemeinsam mit Lin-Yü-t’ang) »Karte altchinesischer Dialekte aufgrund des ältesten Idiotikons (Fang-yen, 1. Jhd.)«.

1926 habilitierte er[3] mit einer ebenfalls historisch (historiographisch) orientierten Arbeit zur altchinesischen Gesellschaft: »Seit wann kannten die Chinesen die Tocharer oder Indogermanen überhaupt?«.[4] Er rekonstruiert die literarischen Belege der Bezeichnung T’ai-hia, die man als Bezeichnung für die indoeuropäischen Tocharer in der chinesischen Überlieferung angesehen hatte, nachdem die »tocharisch« genannten Quellen Anfang des 20. Jhdts. entdeckt und für die vergleichende ie. Sprachforschung erschlossen worden waren. H. zeigt nun, daß es sich im Chinesischen vielmehr um die Bezeichnung eines Fabelvolkes handelte, mit dem Ecken der chinesischen Ökumene bevölkert wurden, und nicht im historischen Sinne um die Bezeichnung eines Fremdvolkes (s. die entsprechenden Schlußfolgerungen aus der Analyse seiner Quellen S. 192 und 201). Diese Arbeit war als erster Teil einer großen dreiteiligen Publikation geplant, die im zweiten Teil über die zunächst ausgewerteten Quellen bis zum 2. Jhd. v.d.Z. hinausführen und noch einen systematischen dritten Teil umfassen sollte. Dem geplanten 2. Teil entspricht wohl der Aufsatz »Zur Üe-tṣï-Frage«,[5] der die historischen Belege zu den sog. Tocharern in den chinesischen Quellen aufbereitet, wo er die sprachlichen Fragen, die sich mit dieser Bezeichnung verbinden, ausklammert; er identifiziert die in chinesischen Quellen so genannten Völker mit den in westlichen Quellen Skythen genannten Völker, S. 316. Die zahlreichen Namensformen in diesen Quellen analysiert er ausführlich auch in sprach- und schriftgeschichtlicher Hinsicht. Der geplante 3. Teil der Arbeit ist wohl nicht erschienen. Mit diesen Arbeiten wurde er zu einer Autorität für die mit diesen Fragen befaßten Wissenschaftler auch in den Nachbardisziplinen.[6]

1927 habilitierte er an die Universität Halle um, wo er seitdem lehrte. Seit 1929 nahm er auch einen sinologischen Lehrauftrag an der Berliner Universität wahr. 1931 habilitierte er erneut an die Universität Göttingen um, wo er im März 1934 zum nicht beamteten a.o. Professor für Sinologie ernannt wurde. Am 2.4.1936 beauftragte ihn das Wissenschaftsministerium mit der Vertretung von Haenisch in Berlin und verlängerte den Lehrauftrag in Göttingen (in Verbindung mit einer entsprechenden Reisekostenvergütung).

1938 wurde er »auf eigenen Antrag« entlassen[7] und emigrierte nach Cambridge (England). Die Gründe für seine Auswanderung sind nicht klar.[8] Der Personalbogen an der Humboldt-Universität Berlin (wo er in den 30er Jahren offensichtlich weiter tätig war und eine Wohnung hatte) weist ihn als römisch-katholisch und seine Frau als evangelisch aus und vermerkt seinen aktiven Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg und seine »großdeutsch-nationale« Orientierung (organisiert im »Sudetendeutschen Heimatbund«). Dem Nachruf von Fuchs zufolge kann es sich auch um einen »regulären« Karrieresprung gehandelt haben: er erhielt in Cambridge eine sinologische Professur. Fuchs zufolge hinderte ihn seine akribische philologische Arbeitsweise daran, die begonnenen Arbeiten abzuschließen und zu veröffentlichen, sodaß sie zum großen Teil nur als Manuskripte in der Universitätsbibliothek in Cambridge zugänglich sind.

Q: Personalakte der Humboldt-Universität; Weibel/Stadler 1993; Nachrufe: W. Fuchs, in: Z. chin. Kultur u. Wiss. 3/1953: 214-215; H. Franke, in: Z. Dt. Morgenländische Ges. 102/1952: 1-9 (mit Schriftenverzeichnis); Bibliographie in: Asia Major NS 3/1983: 107-108; http://www.catalogus-professorum-halensis.de/haloungustav.html (Febr. 2009); Szabó: 356ff.; Führer: 231-234; Hanisch 2001: 33.



[1] Leipzig: maschinenschr. 1923.

[2] Zuerst 1922 in: Asia Major [= FS F. Hirth].

[3] Nach Fuchs (s. Q: Nachruf) an der deutschen Universität in Prag. Der Druck der Habilitationsschrift enthält aber keinen Hinweis darauf, sondern erwähnt nur die Leipziger Arbeitszusammenhänge.

[4] Leipzig : Verlag d. Asia Major 1926.

[5] Z. Dt. Morgenländ. Ges. NF 16/1937: 243-318 – auf der Grundlage eines Vortrages auf dem Orientalistentag in Bonn 1936.

[6] In diesem Sinne bezieht sich z.B. Henning wiederholt auf ihn.

[7] S. Becker u.a. 1987 für seine Tätigkeit in Göttingen.

[8] Offensichtlich wurde auf ihn Druck ausgeübt, der NSDAP beizutreten, mit der Aussicht, so zum o. Prof. befördert zu werden. S. dazu und zu H.s sonstigem wenig systemkonformen Verhalten Catalogus Professorum Hallensis (Q).