Gutkind, Curt Sigmar

Geb. 29.9.1896 in Mannheim, gest. 2.7.1940 (im Atlantik auf einem von einem deutschen U-Boot versenk­ten Schiff).

 

Nach dem Abitur 1914 in Mannheim Studium der Romanistik in Frankfurt, Heidelberg und Florenz. Promotion 1921 bei Olschki in Heidelberg. Die Dissertation »Die heroisch-komischen Stilelemente in den ›Maccheronee‹ des Teofilo Folengo (Merlin Cocai) mit Ausblicken auf Tassoni und Boileau«[1] hat zwar ein sprachwissenschaftliches Thema und bemüht sich auch, die ausgewerteten makkeronischen Formen analytisch in ein sprachliches Feld von Anspielungen zu stellen (als Horizont dienen das Lateinische und die italienischen Dialekte), bietet aber weniger Sprachwissenschaftliches als vielmehr textparaphrasierende Wertungen.[2] Nach der Promotion war er 1923-1928 Lektor in Florenz. In dieser Zeit redigierte er eine von Mussolini autorisierte Darstellung des italienischen Faschis­mus, die seine politischen Sympathien deutlich macht: »Mussolini und sein Fascismus«,[3] in der er italienische Beiträge zu Mussolini und seiner Bewegung in deutscher Übersetzung veröffentlicht; dazu steuerte er eine nur panegyrisch zu nennende Einleitung bei, in der er Mussolinis »organische Sprache« (S. 8) als Ausdruck von Mussolinis »schöpferischem Tun« (S. 25) anspricht. Formalere Analysen fehlen hier selbstverständlich.

1928 kehrte er nach Mannheim an die Handelshochschule zurück, wo er als Privatdozent eingestellt wurde (eine evtl. Habilitation läßt sich nicht ermitteln). Dort baute er mit Hilfe seines Schwiegervaters, der damals Mannheimer Oberbürgermeister war, das Dolmetscher-Institut auf, dessen Direktor er 1930-1933 war. In diesem Rahmen bemühte er sich um eine praxisnahe Orientierung, zugleich aber auch um eine theoretische Fundierung der Dolmetscher-Ausbildung i. S. einer angewandten Sprachwissenschaft, was bei traditioneller eingestellten Romanisten auf große Vorbehalte stieß.[4]

Aus rassistischen Gründen sollte er wohl schon 1933 entlassen werden, blieb aber als Weltkriegsteilnehmer noch bis 1935 im Amt.[5] Möglicherweise war dafür ausschlaggebend, daß er in Italien die italienische Staatsbürgerschaft erworben hatte und Mussolini persönlich seine Verdienste um den Faschismus gewürdigt hatte. Da seine Versuche, in Italien eine Anstellung zu finden, scheiterten, emigrierte er zunächst nach Frankreich, wo er 1934 in Paris an der Sorbonne einen (unbesoldeten) Lehrauftrag hatte. 1935 emigrierte er weiter nach England, wo er eine Stelle als Italienisch-Lektor in Oxford angeboten bekommen hatte. Diese nahm er bis 1939 wahr, als er eine Dozentur am Bedford-College in London erhielt (Empfehlungen u.a. von Spitzer und Vossler hatten dazu beigetragen). 1940 wurde er als enemy alien interniert und sollte nach Kanada deportiert werden; dabei kam er am 2.7.1940 um, als das Schiff von einem deutschen U-Boot ver­senkt wurde.

G. publizierte recht ausgedehnt: literarische Übersetzungen aus dem Italienischen und Französischen, dann vor allem auch Sachbücher: literarische Anthologien zu kulinarischen Themen (»Das Buch vom Wein« 1927; »Tafelfreuden« 1929), Reiseführer zu Italien u. dgl. Auch in seiner England-Zeit setzte er diese Produktion mit einer Biographie fort: »Cosimo de’Medici: pater patriae 1389-1464«.[6] Einschlägiger sind seine literaturwissenschaftlichen Arbeiten, die aber entweder gar keine Sprachanalysen aufweisen (z.B. die 1928 herausgegebenen »Frauenbriefe der italienischen Renaissance«) oder aber nur marginal sprachliche Elemente registrieren, z.B. sprachspielerische Passagen, dabei genutzte Dialektformen u. dgl., wie bei seiner Monographie »Molière und das komische Drama«.[7]

In seinem Nachlaß im Stadtarchivs Mannheim finden sich allerdings Manuskripte mit sprachlichen Themen, die ich nicht eingesehen habe, die für eine Bestimmung seines fachlichen Profils zu berücksichtigen wären, z.T. offensichtlich auch umfangreichere Manuskripte mit Titeln wie »Karl Ludwig Fernow (1763-1808). Ein Pionier italienischer Sprachforschung aus dem Goethekreis«, »Aktuelle Fragen französischer Linguistik« u.a.

Q: LdS: permanent; BHE; Christmann/Hausmann 1989; Hausmann 2000; Heuer 1992ff. (mit einer Bibliographie).



[1] Masch.-schr. Dissertation Heidelberg 1922.

[2] Auszugsweise auch veröffentlicht in A. Romanicum 6/1922.

[3] Heidelberg: Merlinverlag 1928, s. dazu auch Hausmann 1989: 28-29. Später (1933) rühmte er sich noch, »das erste pro-faschistische Buch in Deutschland geschrieben« zu haben (s. Hausmann 2000: 249).

[4] S. dazu Hausmann 2000: 244-245.

[5] Zu den unklaren Quellenangaben s. Christmann/Hausmann 1989: 28-29, 256-257, 281, wo vermerkt ist, daß er 1934 sogar zum a.o. Professor an der Han­delshochschule Mannheim ernannt worden war. Heuer 1992ff. (2002) vermerkt offensichtlich irrtümlich 1933 seine Emigration nach Italien. Zu seiner Situation an der Handelhochschule Mannheim und seiner Entlassung, s. Bollmus 1973, bes. S. 121-123.

[6] Oxford: Clarendon 1938.

[7] Halle/S.: Niemeyer 1928.