Güterbock, Hans Gustav

Geb. 27.5.1908 in Berlin, gest. 29.3.2000 in Chicago/Illinois.

 

Studium der Orientalistik mit dem Schwerpunkt beim Hethitischen (seit 1926 in Berlin, Marburg und Leipzig) in den Fußspuren des Vaters Bruno G. (1858-1940), der als Privatgelehrter in der Deutschen Orient-Gesellschaft aktiv war. So nahm G. an der ersten archäologischen Expedition nach Boğazköy teil[1] und publizierte dazu bereits vor der Promotion: 1930 figurierte er als Herausgeber eines Bandes mit »Keilschrifturkunden von Boğazköy«.[2] Seine arbeitsteilig übernommene sprachwissenschaftliche Aufgabe bei der Expedition wird auch im Vorwort der späteren Publikation 1935 herausgestellt,[3] wo er insbesondere hieroglyphische Zeichen auf Siegeln deutet (mit skeptischen Anmerkungen zu Versuchen, sie lautschriftlich zu lesen).

1934 promovierte G. bei Landsberger in Leipzig mit einer kulturgeschichtlichen Dissertation »Die historische Tradition und ihre literarische Gestaltung bei Babyloniern und Hethitern bis 1200«.[4] Das Rigorosum fand am 25.2.1933 statt – Dekan war damals Freyer. Die Dissertation wurde 1939 nochmals in der Z. Assyriologie u. verwandte Gebiete nachgedruckt.[5] Von 1933 bis 1935 war er Mitarbeiter an der Vorderasiatischen Abteilung der Staatlichen Museen in Berlin und nahm als solcher jeweils im Auftrag der deutschen Orientgesellschaft an den Grabungen in Boğazköy teil. Er publizierte weiterhin Funde daraus in der Schriftenreihe dieser Abteilung; nach seiner Emigration erschien sein Name aber nicht mehr in den von ihm bearbeiteten Teilen.[6]

G. war Hethitologe, dessen quelleneditorische Arbeiten zwangsläufig im Schnittfeld von indoeuropäischer und semitischer Sprachwissenschaft angesiedelt sind, da die (ältere) Überlieferung des Hethitischen in der (assyrischen) Keilschrifttradition steht. Das erklärt auch seine (frühen) Publikationen in semitistischen Veröffentlichungen wie z.B. »Die hethitischen Verben pçdâ, piddâ- usw. und die Lautwerte des Zeichens ›#‹«,[7] wo er die Quellenbelege dieser Schreibung auf die mögliche lautliche Deutbarkeit hin überprüft und sich dazu ausführlich syntaktischer Kriterien bedient (neben kulturhistorischen Indikatoren in den entsprechenden Rechtstexten).

1935 emigrierte er mit seiner Frau, die von der rassistischen Verfolgung bedroht war, in die Türkei. Von 1935 bis 1948 war er Professor für Hethitologie an der Hochschule (später Universität) Ankara. G. gehörte zu den Wissenschaftsimmigranten, die rasch Türkisch lernten und in dieser Sprache lehrten (später in den USA engagierte er sich dort auch in der Turkologie). 1948 wurde er entlassen und war zu weiterer Emigration gezwungen, zunächst nach Schweden, wo er 1948 eine Gastprofessur in Uppsala hatte, 1949 dann weiter in die USA. Dort fand er eine Anstellung an der Universität Chicago, zunächst als Gastprofessor, 1950 mit einer regulären Stelle, seit 1956 als Professor bis zur Emeritierung 1976. Von Chicago aus war er weiterhin maßgeblich an den Grabungen in Boğazköy beteiligt, jetzt an den amerikanisch geleiteten; von 1968-1977 war er Präsident des amerikanischen Forschungsinstituts in der Türkei.

Sein umfangreiches publiziertes Werk ist kulturgeschichtlich breit ausgerichtet: in den USA hatte er wohl keinerlei Beziehungen zu den sprachwissenschaftlichen Diskussionen und Entwicklungen im engeren Sinne (Hinweis von Menges), was eine gelegentliche Kooperation mit sprachwissenschaftlichen Fachkollegen nicht ausschloß, s. etwa gemeinsam mit E. P. Hamp in der textkritischen Belegung und etymologischen Analyse von »Hittite šuwaya-« (»spähen«);[8] so nahm er gelegentlich auch an eher sprachwissenschaftlich orientierten interdisziplinären Tagungen teil, z.B. an einer Tagung 1974 in Ann Arbor über »Oral Literature and the Formula«.[9]

Bis in seine letzten Jahre veröffentlichte er vorwiegend auf Deutsch. Das war ohnehin bei seinen frühen Arbeiten in der Türkei der Fall, z.B. gemeinsam mit B. Landsberger, »Das Ideogramm für simmiltu (›Leiter, Treppe‹)«[10] oder »Kumarbi. Mythen vom churritischen Kronos aus den hethitischen Fragmenten zusammengestellt, übersetzt und erklärt«,[11] wo die Texterläuterungen im Anhang z.T. türkisch und deutsch gemischt erfolgen (vielleicht sogar von G. selbst so redigiert, der das Türkische recht gut beherrschte). Diese Publikation steht in einer Reihe, in der auch türkische Übersetzungen zum Mythos des Kumarbi (türkisch »Cumarbi Efsanesi«) erschienen sind, Ankara 1945ff., wo der türkische Übersetzer jeweils bei den Publikationen genannt wird.[12] Seine engen Bindungen an Deutschland bestanden bis zu seinem Tod: nicht nur in wiederholten Reisen (vor allem auch zu Verwandten in Deutschland), u.a. auch Gastprofessuren in Frankfurt/M. (1954) und München (1972); er vermachte auch seine Privatbibliothek der Universität Leipzig (Hoffner, Q).[13] 1955 schlug er allerdings einen Ruf an die Freie Universität Berlin aus und nahm erst daraufhin auch die US-Staatsbürgerschaft an. Seine deutsche Namensform (mit dem <ü>) behielt er allerdings in seinen Publikationen bei.

Seine Arbeiten sind vorwiegend quellenerschließende Veröffentlichungen mit Ausgriffen in die ältere Semitistik bzw. generell die Altorientalistik zu archäologischen, religionsgeschichtlichen oder auch generell kulturgeschichtlichen Themen. Sprachwissenschaftliche Studien gehören dazu, finden sich aber auch als kleinere gram­matische Untersuchungen und vor allem als lexikologische und etymologische Beiträge. Neben der eher lakonischen Aufbereitung der archäologischen Befunde, etwa »Bemerkungen zu den Ausdrücken ellum, wardum und asîrum in hethitischen Texten«[14] mit der Klärung von Rechtstermini zum Status von freien und unfreien Personen, stehen auch Arbeiten mit anekdotisch angereicherten Darstellungen der Arbeitsbedingungen »vor Ort«, so etwa in seinem Beitrag zur FS für Meriggi »Hieroglyphische Miszellen«.[15] Sein Hauptarbeitsgebiet war in diesem Sinne die hethitische Lexikologie, wo er zu den meisten altorientalischen Großwörterbüchern beitrug, z.B. dem »Hethitischen Wörterbuch« von J. Friedrich,[16] aber auch zum »Sumerischen Wörterbuch«.[17]

Er hatte selbst ein eigenes lexikographisches Archiv angelegt, das er dann in das Projekt eines hethitischen Großwörterbuchs integrierte, an dem in den USA H. Hoffner seit 1963 arbeitete (s. auch Hoffner Q). Als dieser 1973 nach Chicago berufen wurde, begründeten beide gemeinsam das »Hittite Dictionary of the University of Chicago« als Parallelunternehmen auch in der formalen Gestaltung zu dem dort entstehenden akkadischen Großwörterbuch. Die Publikation begann 1980 mit Bd. 3, der Strecke L – N[18] – was die Herausgeber ausdrücklich mit einer »arbeitsteiligen« Publikationsstrategie zu dem seit 1974 in einer Neubearbeitung erscheinenden deutschen Unternehmen (als Bearbeitung des älteren Wörterbuchs von Friedrich) begründeten.[19]

Sprachwissenschaftliche Methodenfragen sind bei G. selbstverständlich immer präsent, ausgearbeitet vor allem dann, wenn sie zur Klärung von lexikologischen Fragen gehören, wie z.B. sperrige Wortbildungsmuster in »Zu einigen hethitischen Komposita«,[20] oder immer wieder zu Deutungsproblemen der Schriftzeichen, vor allem hieroglyphischer Zeichen, denen schon seine ersten Veröffentlichungen gegolten haben, wie z.B. »Einige sumerische und akkadische Schreibungen im Hethitischen«.[21] Zu seinen fachlichen Mitemigranten hielt er enge persönliche Verbindungen, allen voran zu seinem Lehrer Landsberger, für den er gemeinsam mit T. Jacobsen 1965 eine Festschrift herausgab und 1968 einen Nachruf verfaßte (s. bei Landsberger), und zu Götze (s. dort zu dem Nachruf 1973); den zuletzt genannten Aufsatz (in der FS Kraus, 1982) widmete er ausdrücklich »dem langjährigen Studien- und Emigrations-Kameraden« (dort S. 83). Zur Verarbeitung seiner Emigrationserfahrungen gehört auch ein Beitrag zu Steindorffs Rundbrief über die kompromittierten deutschen Orientalisten,[22] den er mit detaillierten persönlichen Erinnerungen unterfüttert (s. hier bei Bossert).

Q: BHE; Widmann 1973; Lacina 1982; DBE 2005; FS: K. Bittel/ Ph. H. J. Houwink ten Cate/ E. Reiner (Hgg.), »Anatolian Studies presented to H. G. G. on the Occasion of his 65th. Birthday«, Istanbul: Nederlands Historisch-Archaeologisch In­stituut in het Nabije Oosten 1974; Nachrufe: (o. A.) in: The University of Chicago Chronicle Vol. 19, No. 14 (13. April 2000, mit Bibliographie), H. A. Hoffner jr. in: Archiv. f. Orientf. 46-47/1999-2000: 490-492; H. C. Meichert in: The Oriental Institute of the University of Chicago, E-Newsletter (http://oi.uchicago.edu/research/pubs/ar/99-00/memoriam.html [Dez. 2012]); Hanisch 2001: 31; Hoss 2007; Hinweise von Menges und von Michael Güterbock (einem Vetter von G.).



[1] Heute Boğazkale, Türkei, östlich von Ankara bei Çorum, der wichtigsten Fundstätte hethitischer Zeugnisse (der ausgegrabenen alten Hauptstadt Hattuša).

[2] Heft 25 der Schriftenreihe, die von der Vorderasiatischen Abteilung der Staatlichen Museen in Berlin herausgegeben wird.

[3] (Mit K. Bittel), »Boğazköy. Neue Untersuchungen in der hethitischen Hauptstadt«, (= Abh. Preuß. AdW, phil.- hist. Kl. Jg. 1935/1).

[4] Gedruckt 1934 in Glückstadt.

[5] Als Band 44 (NF 10).

[6] So etwa in dem 1941 erschienenen Band; s. dazu die Bibliographie mit den Anmerkungen in der Festschrift.

[7] In: Z. f. Assyriologie und andere Gebiete NF VIII/1934: 225-232. ›#‹ steht für ein hier nicht reproduzierbares Keilschriftzeichen.

[8] In: Rev. Hittite et Asianique 14/1956: 22-25.

[9] S. B. A. Stolz/R. S. Shannon III (Hgg.), »Oral Literature and the Formula«, Ann Arbor: Univ. Michigan Press 1976.

[10] In: A. f. Orientf. 12/1937-1939: 55-57.

[11] Istanbul: Universitätsverlag 1946.

[12] Zu den Arbeitszusammenhängen in der Türkei, insbesondere der Zusammenarbeit mit den türkischen Nachwuchswissenschaftlern, die er gemeinsam mit den anderen Emigranten ausbildete, s. Çiğ 1988.

[13] Nachlaßverzeichnis zugänglich über: Deutsche Nationalbibliothek EB 2008/002, http://deposit.d-nb.de/dea/Gueterbock/gueterbock-nachlassuebersicht.pdf (Dez. 2012).

[14] In: XVIIIe Rencontre Assyriologique International 1970, München: Bayr. AdW 1972: 93-97.

[15] In: O. Carruba (Hg.), »Studia Mediterranea«, Pavia: Aurora Edizioni 1979, Bd. 1: 235-245.

[16] Heidelberg: Winter 1952ff. S. G.s Rezension des Wörterbuchs, in: Oriens 10/1957: 350-362.

[17] Rom: Institutum Pontificum Biblicum 1955ff.

[18] Chicago: Oriental Institut of the University Chicago.

[19] A. Kammenhuber (Hg.), »Hethitisches Wörterbuch«, Neuauflage Heidelberg: Winter 1974ff.

[20] In: Krahe, Hans (Hg.), »Corolla Linguistica. FS Ferdinand Sommer«, Göttingen: Hubert & Co 1955: 63-68.

[21] In: Driel, G. van u.a. (Hgg.), »Zikir Šumim« (FS F. R. Kraus), Leiden: Brill 1982: 83-90.

[22] Abgedruckt bei S. Stadnikow, »Die Bedeutung des Alten Orients für deutsches Denken. Skizzen aus dem Zeitraum 1871-1945«, in: Propylaeum: Virtuelle Fachbibliothek Altertumswissenschaften des Universitätsarchivs Heidelberg 2007 (Print on demand): 1-23, bes. S. 17-18.