Grumach, Ernst

Geb. 7.11.1902 in Tilsit, gest. 5.10.1967 in London.

 

Studium der Philosophie, klassischen Philologie und Ägyptologie in Königsberg, 1929 mit der Promotion abgeschlossen (Dissertation über die Naturlehre und Ethik der älteren Stoa). 1928-1929 Mitarbeiter an der Universitätsbibliothek Königsberg. Seit 1930 dort an der Universität Lektor für Latein und Griechisch, zeitweise auch Assistent für Altertumswissenschaft. 1933 wurde er aus rassistischen Gründen entlassen; 1936 wurde er in den Listen der Notgemeinschaft als »unplaced« offeriert. Nach der Entlassung eröffnete er in Königsberg einen Buchladen.[1] Die Zeit von 1933 bis 1945 überlebte er im Reich, geschützt durch die Ehe mit einer nicht-jüdischen Frau. Seit 1937 lebte er in Berlin und lehrte dort bis 1942 als Dozent für Altertumswissenschaft (mit dem Schwerpunkt bei dem jüdischen Hellenismus) an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin (bis zu deren Auflösung im Juni 1942). Von 1941 bis 1945 war er im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin zwangsverpflichtet, um die von der Gestapo bzw. SS geraubten jüdischen Schriften bibliothekarisch zu erfassen.[2]

Nach Kriegsende arbeitete er für die jüdische Gemeinde in Berlin, ab 1946 bei der Akademie der Wissenschaften, zugleich mit einem Lehrauftrag an der Humboldt-Universität für Altertumswissenschaft. An der Akademie betreute er die neue Goethe-Ausgabe, für die er 1954 zum Abteilungsleiter ernannt wurde. Hier widmete er sich der Ausgabe von nicht-literarischen Zeugnissen Goethes: seit 1948 bereitete er eine Gesamtausgabe vor, die seit 1965 als gemeinsames Projekt mit seiner späteren Frau Renate erscheint.[3] Er selbst gab bis zu seinem Tod Bd. 1 und 2 (mit-)heraus. Vorbereitet war die Gesamtausgabe schon durch eine Teilausgabe der Gespräche mit Müller (Weimar 1956) und eine Publikumsausgabe 1958. 

Zu seinem systematischen Interesse an dem in diesen Dokumenten faßbaren Unterschied von mündlichen und schriftlichen Äußerungen bei Goethe, s. die Einleitung zu Bd. 1, S. VIII, und den Artikel »Gespräche«. Im Umfeld dieser Ausgabe publizierte er eine Reihe von Aufsätzen auch zu editorischen Problemen, vgl. die von ihm herausgegebenen »Beiträge zur Goethe-Forschung«[4] (s. die Bibliographie in der Festschrift, Q). Daneben stehen auch populärere thematisch ausgerichtete Ausgaben wie die beiden vom ihm 1949 herausgegebenen Bände »Goethe und die Antike«[5]. An der Berliner Akademie begründete G. die deutsche Aristoteles-Ausgabe, die ab 1956 erscheint,[6] von deren geplanten zwanzig Bänden er sieben selbst herausgab (angefangen mit Bd. 6/1956 »Nikomachische Ethik«). 1951 erhielt er den Nationalpreis der DDR, obwohl er, wie es im Begründungsvorschlag hieß: »keiner der demokratischen Parteien angehört«. 1956 trat er aus gesundheitlichen Gründen von seinen Lehrtätigkeiten an der Humboldt-Universität zurück.

Sein Arbeitsgebiet und dessen Entwicklung seit seinem Studium beschrieb er selbst in seinem Lebenslauf vom Juni 1946 für die Akademie: »Nach anfänglichen Arbeiten auf dem Gebiete der antiken Philosophie habe ich mich mehr und mehr der Frühgeschichte des östlichen Mittelmeerbeckens und der von ihr nicht zu trennenden Geschichte Klein Asiens und des Vorderen Orients zugewendet. Mein besonderes Arbeitsgebiet bildet die Sprach- und Schriftgeschichte und die mit ihr zusammenhängenden Besiedlungsfragen der Aegaeis und Klein Asiens«. G. war insofern Altertumswissenschaftler im breiten kulturgeschichtlichen Verständnis, der einen Forschungsschwerpunkt bei der Epigra­phik/Schriftentwicklung hatte, zu der er vergleichende Arbeiten von der Ägyptologie bis zum archaischen Griechischen beisteuerte. Hier legte er grundlegende deskriptive Untersuchungen zu den vor­alphabetischen mediterranen Schriftsystemen vor, s. bes. seine »Stu­dies in the structure of some ancient scripts«, z.B. Teil III: »The structure of the Cretan Hieroglyphic Script«.[7]

Seine rein paläogra­phischen Analysen zu diesen sprachlich zumeist nicht interpre­tierbaren Schriften, hier insbes. das kretische Linear A, in dem er eine unabhängige Schrifttradition zu einer verbreiteten hiero­glyphischen Schrift sah, führte er insbes. auch für das Linear B fort, das durch die Entzifferung durch Michael Ventris und John Chadwick 1953 als silben­schriftliche Fixierung des archaischen Griechisch gesichert ist. Er war bis zuletzt ein geschworener Gegner dieser Interpretation:[8] ausgehend von den struk­turellen Mängeln dieses Schriftsystems, das nur graphische Mittel für die Repräsentation offener Silben kennt (und ein dem Griechischen inkongruentes Konsonantensystem voraussetzt), wendet er die häufige Unterdeterminiertheit der Lesungen methodisch gegen den immanenten (ohne Bilinguen operierenden) Entzifferungsansatz überhaupt. Seine deskriptiven Analysen sind von großer Stringenz, z.B. »Bemerkungen zu M. Ventris/J. Chadwick, Evidence for Greek dialects in the My­cenaean archives« (1953)[9] – seine eigenen agnostischen Ableitungen der Schrift ohne sprach­liche Deutung haben jedoch nicht überzeugen können (sie stützen sich u.a. auf grundsätzliche kulturgeschichtliche Annahmen über das Verhältnis sakraler zu profan-kursiven Schriftsystemen im alten Orient), s. etwa zusammenfassend noch seinen Vortrag aus dem Jahre 1965 »The Cretan script and the Greek alphabet«, in dem er seine Argumente in einem schrifttheoretischen Kontext bei W. Haas in Manchester entwickelte.[10]

Seine Position zu der Entzifferung der altgriechischen Inschriften war ganz offensichtlich einerseits von seinen ägyptologischen Vorstudien bestimmt, andererseits von seinen durch die Beschäftigung mit der griechischen Philosophie geprägten Erwartungen an Manifestationen der griechischen Kultur: für ihn konnten die Inschriften nur in einem religiös-kultischen Zusammenhang zu deuten sein. Die triviale gesellschaftliche Realität, die durch die Entzifferung von Linear B sichtbar wurde, war für ihn geradezu skandalös, so daß die Entzifferung hier nur fehlgeleitet sein konnte. Diese Position spiegelt sich auch in seiner Festschrift von 1967 (Q), wo die Linear B-Entzifferungen allenfalls Anlaß für Scherze sind (Jong, S. 332ff.). Unter den dort Publizierenden ist allein der ihm offensichtlich ohnehin freundschaftlich verbundene Meriggi zu nennen, den er im übrigen auch schon 1946 als Referenz bei seiner Bewerbung für die Akademie genannt hatte. Mit diesem (und anderen ähnlich orientierten Fachkollegen wie Sundwall) gab er ab 1962 die Zeitschrift Kadmos: Zeitschrift für vor- und frühgriechische Epigraphik heraus (erscheint in Berlin).

 

Q: LdS: unplaced; B/J; DBE 2005; Nachruf von W. C. Brice in: Kadmos 7/1968: 1-6; FS: W. C. Brice (Hg.), »Europa. Studien zur Geschichte und Epigraphik der frühen Aegaeis«, Berlin: de Gruyter 1967; Archiv d. AdW Berlin.

 


 

[1] Dazu und zu den engen (solidarischen) Beziehungen zu den Königsberger Hochschullehrern, insbes. aber zu P. Maas, s. E. Mensching, »Über einen verfolgten deutschen Altphilologen: Paul Maas (1880-1964)«, Berlin: Techn. Univ. 1987.

[2] Nach 1946 arbeitete er mit den jüdischen Organisationen zusammen, die mit der Sicherung und Rückgabe dieser Objekte (soweit sie den Bombenkrieg überstanden hatten) befaßt waren, insbesondere mit H. Arendt und G. Scholem als deren Repräsentanten, s. deren »Briefwechsel« (hg. von M. L. Knott, Frankfurt: Jüdischer Verlag 2010), bes. S. 121.

[3] »Goethe: Begegnungen und Gespräche«, hgg. von E. G. und Renate Grumach, Berlin: de Gruyter Bd. 1 (1749-1776) 1965, zuletzt Bd. 6 (1806-1808), ebd. 1969. Renate Grumach, geb. Fischer-Lamberg, hatte 1955 an der Humboldt-Universität über Goethe promoviert und war wohl darüber in Beziehung zu E. G. gekommen, den sie später heiratete, s. V. Hansen in: Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft 114/1997: 371-372.

[4] Berlin: Akademie-Verlag.

[5] Berlin: de Gruyter, 2 Bde. 1949. Ein systematisch angelegtes Nachwort steuerte dazu der klassische Philologe W. Schadewald bei (S. 969-1050).

[6] Grumach, Ernst/Flashar, Hellmut, »Aristoteles: Werke in deutscher Übersetzung«, Berlin: Akademie-Verlag 1956, ab 1959 auch in Darmstadt bei der Wiss. Buchgesellschaft.

[7] In: Bull. of the John Rylands Library 46/1963: 346-385.

[8] Die heute nicht zuletzt im Kontext der Laryngaltheorie ein Fun­dament der modernen Indogermanistik ist. H. A. Strauss (1992) erinnert sich als einer seiner Hörer an der Berliner Hochschule für das Judentum daran, daß G. schon damals in seinem Kurs der Alten Geschichte das Linear B als nicht-griechisch bestimmte.

[9] In: Orient. Lit. Ztg. 52/1957: Sp. 293-342.

[10] In dem von Haas hg. Band »Writing without Letters«, Manchester: Manchester UP 1976: 45-70.