Goldschmidt, Lazarus

(Elieser ben Gabriel; Pseudonym: Arzelaj bar Bargelaj)

Geb. 17.12.1871 in Plungiany (Litauen), gest. 18.4.1950 in London.

 

Beginn des Studiums der Judaistik in Kaunas, Litauen, dann Studium der Semitistik in Berlin und Straßburg. G. lebte seit 1890 in Berlin als Privatgelehrter, der in der Semitistik vor allem durch seine bis heute als Quellenerschließung grundlegenden bibliographischen bzw. handschriftenkundlichen Repertorien eine wichtige Rolle spielte.[1] Das gilt so insbesondere für die Äthiopistik, für die seine 1893 erschienene »Bibliotheca Aethiopica. Vollständiges Verzeichnis und ausfuehrliche beschreibung saemmtlicher Aethiopischer druckwerke«[2] zugleich eine Fachgeschichte lieferte; dazu auch »Die Abessinischen Handschriften der Stadtbibliothek zu Frankfurt am Main (Rüppell’sche Sammlung) nebst Anhängen und Auszügen«,[3] nicht nur mit einer detaillierten kodikologischen und paläographischen Beschreibung, sondern auch literaturgeschichtlichen und sprachwissenschaftlichen Anmerkungen (zur jeweiligen Sprachform: Amharisch, Tigrinisch usw.; zum Verhältnis zu den Vorlagen aus dem Hebräischen, die hier über das Arabische vermittelt waren, z.B. S. 86-90, u. dgl.).

Seine Haupttätigkeit lag im Bereich der Übersetzungen, für die er quellenkritische Philologie betrieb und in Verbindung mit denen er auch lexikologische Beiträge lie­ferte (außer zu hebräischen Texten u.a. auch zum Koran). So besorgte er 1923 eine Neuausgabe von Jacob Levy, »Wörterbuch über die Talmudim und die Midrashim«,[4] zu dem er umfangreiche Nachträge, Textbelege, aber auch sprachvergleichende Erläuterungen beisteuerte.

Seine be­kannteste Leistung stellt wohl die Talmud-Übersetzung dar, an der er seit 1896 arbeitete, zunächst bemüht um eine kritische Texther­stellung (»Der babylonische Talmud [Text nach der editio princeps] mit Varianten nebst Übersetzungen und Erklärungen«).[5] Er betont bei der Ausgabe, daß er hier den vollständigen Text bietet, einschließlich der von der Zensur (sei es jüdischer oder christlicher) gestrichenen Textstellen. Leitend für seine Arbeit war dabei seine Haltung als gläubiger Jude, für den der Talmud eine lebendige Überlieferung darstellte. Das brachte ihn in (von beiden Seiten polemisch ausgefochtene) Konflikte mit der positivistischen Philologie, die den Talmud distanziert als Gegenstand für die etablierte quellen­kritische Methode behandelte (s. etwa die Kritik an G. von seinem »aufgeklärt«-positivistischen Gegenspieler Jakob Fromer in dessen Broschüre »Geschichte eines Lebenswerkes«).[6] 1916 erschien auch eine von ihm besorgte Übersetzung des Korans. 1933 emigrierte er nach England, wo er als Privatgelehrter bis zu seinem Tod lebte (u.a. vom Erlös seiner verkauften Bibliothek an die Königl. Bibliothek in Kopenhagen).

Q: BHE; DBE 2005; J. Galliner, »Jüdisches Kulturgut in deutscher Sprache. Zum 60. Geburtstag von L. G.«, in: Jüdische Gemeinde (Gemeindeblatt d. jüd. Gemeinde Berlin) 22/1932: 9-19; Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Bd. 25/2005: 482-484 (J. Strauss Almstad); E/J 2006.



[2] Leipzig: Pfeiffer 1893.

[3] Berlin: Calvary 1897.

[4] Berlin: Harz 1924.

[5] In einer ersten neunbändigen Ausgabe, Bd. 1, Berlin: Calvary 1896, ab Bd. V (1910): Harrassowitz, Leipzig; eine zweite zwölfbändige Ausgabe erschien 1919-1936. Die Übersetzung war in der Judaistik umstritten (s. E/J, Q).

[6] Berlin-Charlottenburg: Selbstverlag 1909.