Glogauer, Ernst 

Geb. 28.9.1893 in Katowice (Kattowitz), gest. 23.5.1953 in La Paz.

 

Nach dem Abitur in Kattowitz studierte er breit in den neuphilologischen Fächern (Hauptfach Anglistik, Nebenfach Philosophie) in Freiburg und Breslau. 1914 studierte er in England, »entkam« (so die Vita) bei Kriegsausbruch nach Deutschland. Im Weltkrieg war er an der Front, geriet 1916 in französische Gefangenschaft, die er in Arbeitslagern verbrachte, bis er kurz vor Kriegsende fliehen konnte. 1921 schloß er sein Studium mit der Promotion in Breslau ab.

Die Dissertation »Die Bedeutungsübergänge der Konjunktionen in der angelsächsischen Dichtersprache«[1] gehörte zu dem damals bei dem Betreuer Schücking im Vordergrund stehenden altenglischen Forschungsprogramm. Entsprechend gibt G. ein lexikalisch aufgebautes Verzeichnis der Konjunktionen in poetischen Texten, deren Bedeutung und Funktion er im Kontext analysiert. Er deklariert seine Arbeit ausdrücklich als Stilanalyse, wobei er das Besondere der altenglischen Dichtersprache im Vergleich zu Prosatexten, die ein viel differenzierteres Formeninventar nutzen, herausstellt, ggf. auch noch kontrolliert an der Abhängigkeit von Vorlagen, abgegrenzt von den persönlichen Stilbildungen bei einzelnen Dichtern.

Nach der Promotion arbeitete er in Berlin bei einer Handelsfirma, verfolgte nebenbei aber auch noch seine sprachanalytischen Interessen weiter, wie ein Aufsatz »Konzentrationserscheinungen in der modernen deutschen Schriftsprache« zeigt,[2] in dem er, allerdings recht kursorisch, sprachliche Erscheinungen aufnimmt, die in der Sprachpflegediskussion beanstandet wurden (und werden), die er als Anzeichen für die sprachliche Entwicklung interpretiert (dabei vor allem auch im Vergleich zur Entwicklung des Englischen, aber auch mit dem Hinweis auf das Ivrit).

Im Juni 1939 wanderte er vor der rassistischen Verfolgung nach Bolivien aus. Dort unterrichtete er zunächst zwei Jahre (?) als Englisch-Lehrer, bis er wieder in einer Handelsfirma (Im- und Export) tätig war.

Q: V; Auskünfte der deutschen Botschaft in La Paz und des Sohnes Hans G. (New York);[3] Schücking, Erinnerungen (s. dort).



[1] Gedruckt Leipzig: Quelle & Meyer 1922 – die Dissertation selbst war mir nicht zugänglich.

[2] In: »Festschrift zum 70. Geburtstage von Moritz Schaefer zum 21. Mai 1927«, hrsg. von Freunden und Schülern, Berlin: Philo 1927: 66-71. Schaefer war eine zentrale Figur im »Hilfsverein der deutschen Juden«, der seinen Hauptsitz in Berlin hatte und 1901 für die Unterstützung jüdischer Gemeinschaften im Ausland (vor allem in Osteuropa, in Reaktion auf die Pogrome dort) gegründet worden war, sich dann aber zunehmend um die Auswanderung nach Palästina kümmerte. 1939 wurde er aufgelöst. Entsprechend finden sich in dieser Festschrift Beiträger aus einem breiten Spektrum der jüdischen Gemeinschaft vertreten, aus dem Katalog hier noch Aronstein und Feist. G.s Beteiligung an diesem Unternehmen ist ein deutlicher Indikator für sein jüdisches Selbstverständnis.

[3] Der Sohn Hans G. wußte, bis ich ihn anschrieb, nichts von der wissenschaftlichen Vergangenheit seines Vaters und glaubte zunächst an eine Namensverwechslung. Mit der darin zum Ausdruck kommenden familialen Amnesie hat G. offensichtlich den traumatischen Bruch gegenüber seinem Lebensentwurf verarbeitet.