Geiger, Bernhard

Geb. 30.4.1881 in Bielsko, Pol. (Bielitz/Galizien, Österr.), gest. 5.7.1964 in New York.

 

G. war jüdischer Herkunft und aktiv in der zionistischen Jugend-, später Studentenbewegung. In Wien war er aktiv in Institutionen der jüdischen Gemeinde, als Repräsentant des zionistischen Flügels; auch später in den USA war er in zionistischen Organisationen prominent aktiv.[1] Nach dem Abitur 1900 begann er ein Studium der Orientalistik an der Universität Wien mit dem Schwerpunkt Hebräisch und Indoiranisch. 1904 promovierte er dort, 1909 habilitierte er und erhielt daraufhin einen Lehrauftrag für Sanskrit und Persisch. 1919 wurde er zum Professor (Extraordinarius) für »iranische und indische Philologie« ernannt. 1938 wurde er aus rassistischen Gründen entlassen und emigrierte mit Unterstützung der Rockefeller-Foundation in die USA. Er gehörte bereits damals zu den Prominenten des Faches, so daß das »Emergency Committee« Gratulationsschreiben zu diesem von ihm vermittelten »Gewinn« für die USA vorweisen konnte.[2] Zunächst kam er wie eine Reihe anderer Emigranten am pri­vaten Tibeto-Iranischen Institut unter, das allerdings 1951 mangels finanzieller Ressourcen aufgelöst wurde. Danach hatte er verschiedene Lehraufträge, u.a. an der Columbia Universität in New York, bekam aber aus Altersgründen keine feste Stelle mehr.[3] An der Columbia Universität arbeitete er an einem größeren Forschungsprojekt zum Kaukasus mit, aus dem u.a. ein Nachschlagewerk über die kaukasischen Völker und Sprachen hervorgegangen ist, für das er die Artikel zu indo-europäischen und semitischen Sprachen/Völkern verfaßte (ein anderer Mitarbeiter an diesem Unternehmen war K. H. Menges).[4]

Sein Studium hatte er entsprechend seiner politisch-kulturellen Orientierung als Hebraist begonnen, aber in Verbindung mit der Arabistik, in der er promovierte.[5] Die Dissertation »Die Mucallaqa des arafa«[6] gibt einen ausführlichen (sprachwissenschaftlich-philologischen, aber auch kulturgeschichtlichen) Kommentar zu dieser vorislamischen Dichtung des 6. Jhdts. Sie war von ihm offensichtlich als Einstieg in eine größere arabistische Untersuchung geplant, die er aber zugunsten eines indologischen Forschungsvorhabens aufgab (der Mitarbeit an einer Mahābhārata-Ausgabe), für das er ein Stipendium erhielt. Dieses nutzte er 1905-1907 zu Studienaufenthalten in Prag, Bonn und Göttingen. Neben den Mahābhārata-Studien arbeitete und veröffentlichte er zu weiteren indologischen Forschungsfeldern, der Grammatographie, insbesondere zum Mahābhāṣya des Patañjali, über das er 1909 in Wien habilitierte.

Danach verschob sich der Schwerpunkt seiner Arbeit zum Iranischen, wobei entsprechend seiner breiten philologischen Orientierung der gesamte kulturelle Raum Vorderasiens seinen Horizont bildete, dabei insbesondere auch die semitisch-iranischen Zusammenhänge, s. etwa seine religionsgeschichtliche Studie »Die Religion der Iranier«,[7] die auch sprachlich sehr verschiedene Quellen (außer iranischen Sprachformen auch Hethitisch und Armenisch) auswertet. In diesem Rahmen entstand eine größere religionsgeschichtliche Arbeit »Die Aməša Spəntas. Ihr Wesen und ihre ursprüngliche Bedeutung«.[8] Sie ist in der Sache vor allem eine akribische etymologische Untersuchung zu den altiranischen (avestischen) Götternamen, die nicht nur vedische, sondern auch assyrisch-babylonische Quellen heranzieht. Sein Versuch, die mit den so bezeichneten übernatürlichen Wesen im Avesta verbundenen Vorstellungen als gemeinsames indo-iranisches Erbe nachzuweisen, ist nicht unumstritten geblieben, während sein methodisches Vorgehen bei der Quellenauswertung nach wie vor als mustergültig angesehen wird (s. Schmitt, Q). Bei seinen Arbeiten aus der Wiener Zeit bestanden offensichtlich Querverbindungen zu anderen in diesem Katalog Genannten: im Vorwort zu der Schrift von 1916 dankt er u.a. Norbert Jokl und Harry Torczyner (Tur-Sinai).

Der Schwerpunkt seiner späteren Arbeiten lag beim Mittelpersischen (Pehlevi), wo er bis zu seinem Tod an den Inschriften aus der Synagoge von Dura Europos (heute Qalat es-Salihiya am Euphrat, Syrien) arbeitete (Publikationen dazu seit 1956). Hier etablierte er sich als Autorität, die vor allem auch durch den iranischen Staat geehrt wurde (1949 durch den Schah). Auf diesem Feld trat er ausgesprochen streitbar auf, so in einer polemisch ausgetragenen Kontroverse mit dem Althistoriker Franz Altheim.[9] Daneben betrieb er aber auch seine hebraistischen Forschungen weiter, insbesondere zur Lexikologie, wobei er u.a. iranische Lehnwörter in der aramäischen Tradition des Talmud bearbeitete.

Q: Lebenslauf (ca. 1909), IfZ-Materialien; Archiv Universität Wien; BHE; DBE. Nachruf von R. N. Frye in: Wiener Z. Kunde d. Morgenlandes 59-60/1963-1964: 225-226 (mit Teilbibliographie); R. Schmitt in: Encyclopaedia Iranica 10/2001: 391-393; Hanisch 2001: 21; E/J 2006; Hinweise von Menges.



[1] S. A. Werner, »Outstanding Refugee Zionists in America«, in: The new Palestine ca. 1942; Kopie im IfZ München. Zu seinen Wiener Tätigkeiten, u.a. als Leiter des Unterrichtsamts beim »Jüdischen Nationalrat«, s. Adunka (o.J.).

[2] S. die Akten im Rockefeller Archiv.

[3] Hin­weis von K. H. Menges.

[4] B. Geiger u.a., »Peoples and Languages of the Caucasus«, Den Haag: Mouton 1959.

[5] S. Fück 1955: 258.

[6] In: Wiener Z. Kunde d. Morgenlandes 19/1905: 323-370 und 20/1906: 37-80.

[7] In: H. Balacz u.a.: »Die Religionen der Erde«, Leipzig: Deuticke 1929.

[8] AdW Wien, Phil.-hist. Kl., SB 176/177, Wien: Hölder 1916. Frye nennt sie in seinem Nachruf seine Habilitationsschrift – was aber nicht mit G.s Selbstaussage in seinem Lebenslauf übereinstimmt.

[9] »Statement«, in: East and West 10/1959: 86-87 – Altheim (1898-1976) lehrte Alte Geschichte, 1928-1936 in Frankfurt, seit 1938 in Halle; ab 1950 an der Freien Universität in Berlin.