Fraenkel, Hermann Ferdinand 

Geb. 7.5.1888 in Berlin, gest. 8.4.1977 in Santa Cruz/Kalifornien.[1]

 

Studium der Klassischen Philolo­gie, Germa­nistik und Sanskrit in Berlin, Bonn und Göttingen, 1915 in Göttingen mit der Promotion abge­schlossen. Da­nach zunächst als Freiwilliger 1915-1918 an der Front in Rußland (trotz labiler Gesundheit). 1920 Habili­tation in Göttin­gen, seit­dem dort auf einer Assistentenstelle Lehre in der Klassischen Philo­logie (seit 1925 als a.o. Prof.). Die Übernahme auf eine reguläre Stelle und Berufung auf Professuren an anderen Universitäten (Hamburg, Marburg, Rostock) kamen aus mehr oder weniger offen dargelegten rassistischen Gründen nicht zustande.[2] Am weitesten gedieh das Verfahren in Rostock, wo die Berufung eines Juden aber schon 1932 ausdrücklich ab­gelehnt wurde (statt sei­ner wurde K. von Fritz ernannt).[3] Als Kriegsteilnehmer war F. nach 1933 zunächst noch im Dienst geschützt; die Institutsleitung versuchte auch noch, eine Verlängerung seines Vertrages über 1935 hinaus zu erwirken, mit der Begründung, daß er für die Lehre, in der er auch die vakante Latinistik mitvertrat, unverzichtbar sei, was aber keinen Erfolg hatte (s. Wegeler, Q: 164-169, auch zum parallelen Verfahren bei Latte).

1935 emi­grierte er in die USA, wo er bis 1937 mit Un­terstützung der Rocke­feller Foundation an der Stanford University lehren und for­schen konnte (in dieser Zeit wurde er auch noch in den Lon­doner Listen der »Notgemeinschaft« offeriert); mit einer Unterbrechung für eine (Gast-)Professur in Berkeley 1942-1943 war er seitdem bis zur Eme­ritierung 1953 dort o. Professor. Nach der Eme­ritierung nahm er noch verschie­dene weitere Gastpro­fessuren wahr, u.a. 1955-1957 an der Univ. Frei­burg/Br., wo er 1956 zum Ho­norarprofessor er­nannt wurde.

Seine Arbeiten sind strenge Philologie, insbes. seine Textedi­tionen. Den Anfang macht hier seine Dissertation »De Simia Rho­dio«,[4] mit einer ausführlichen Ein­leitung über diesen Dich­ter des 3. Jhdts. v. d. Z., dessen Texte er heraus­gibt und philologisch kommentiert. Die Habilitationsschrift galt den Gleichnissen bei Homer (publiziert 1921, s.u.). Im Anschluß daran veröffentlichte er eine Reihe von Stiluntersuchungen zur (alt-)griechischen Literatur. Gegen­stand lebenslanger Beschäftigung war bei F. insbes. die Ar­gonauten-Dich­tung des Apol­lonios von Rhodos, zu deren hand­schriftlicher Über­lieferung er mit genauer kodikolo­gischer Be­schreibung schon in seiner Göttinger Zeit gear­beitet hatte (»Die Hand­schriften der Ar­gonautika des Apollonios von Rho­dos«),[5] de­ren abschlie­ßende Ausgabe er 1961 in Ox­ford publi­zierte; einen Kom­mentarband dazu veröffent­lichte er 1964 (»Einleitung und kriti­sche Aus­gabe der Argonautik des Appollo­nios«).[6] Unter mehr lite­raturgeschichtlichen Gesichtspunkten behan­delte er den Text in sei­nem Vortrag im Freiburger Studium Gene­rale im WS 1956/1957 »Das Argonauten­schiff des Appollo­nios«.[7]

Seine Beschäftigung mit Fragen der Textüber­lieferung und insbes. der Metrik beschränkte er aber nicht auf die Klassi­sche Philolo­gie: 1921 publizierte er auf der Basis umfassen­der Kennt­nisse der ahd. Überliefe­rung seine Stu­die »Aus der Früh­geschichte des deut­schen Endreims«,[8] bei der er gegen die damals in der dt. Literaturge­schichte übliche Genialisierung Ot­frieds diesen formal »auf ge­bahnten Wegen« nachweist – bemer­kenswert durch die na­tionalen Töne, die er da­bei an­schlägt: gegen die aus­schließliche Aus­richtung auf lateini­sche Vorbilder suchte er das »deutsche We­sen« (S.62) in der althochdeutschen Dichtung, deren Untergang am Ende des frühen Mit­telalters er geradezu als nationales Unglück anspricht (S. 64). Auch später kam er nochmals auf Otfried zurück: in sei­nem Vorwort zu D. A. McKenzie, »Otfried von Weis­senburg: Nar­rator or Commentator?«[9] sieht er McK.s These von Ot­fried als Kom­mentator zu der lateini­schen Vor­lage of­fensichtlich auch im Spie­gel seiner ei­genen le­benslangen Kommentarbe­mühungen.[10]

Systematisch beschäftigte er sich mit Problemen der Stilana­lyse, was ihn im Feld der damaligen Neuerer der Sprachwis­senschaft zeigt, an deren Diskussionen er zu­mindest indirekt in Hinblick auf die Probleme der metho­dischen Kontrolle der Analysen partizi­pierte. In seiner Habilitations­schrift »Die homeri­schen Gleichnisse«[11] rekon­struiert er die »Gleichnisse« (Vögel...) syste­matisch durch die un­terschiedlichen Anspie­lungsebenen des Textes hin­durch, und schlüsselt schließlich in einem »Schlagwortregister« die Motiv­struktur auf.[12] Mit der Herausstellung der relativen Autono­mie der stili­stischen (also sprachlichen) Form im Horizont der jeweiligen Über­lieferung stellte er sich gegen die da­mals endemi­sche Mode, die »innere Sprachform« direkt an Äuße­rungsformen abzu­lesen, so etwa anhand der da­mals viel disku­tierten Farb­bezeichnungen in seiner ausführlichen Bespre­chung von K. Müller-Boré,[13] wo er gegen die Deutung eines »farbenblinden« griechi­schen Weltbildes auf den ste­reotypen Konnotationen in farblichen Be­zeichnungen in der altgrie­chischen Dichtung in­sistierte.

Dabei ver­stand F. sich explizit als Sprachwis­senschaftler, der nicht nur zahlreiche klei­nere, vor al­lem wortgeschicht­liche Stu­dien vorge­legt hat, son­dern der den Bemühungen der 20er Jahre um eine Stil­analyse verpflichtet ist, für die die Textkritik nur die mate­riale Grundlage bietet, s. bes. seine rück­blickende Ein­leitung in F. Tietze (Hg.), »H. F.: Wege und Formen frühgriechischen Den­kens. Literari­sche und philosophie­geschichtliche Studien«[14] – trotz des Unterti­tels die­ser »Kleinen Schrif­ten« be­tont er dort geradezu die Af­finität zu den Naturwis­senschaften und die Notwen­digkeit formal-algebrai­scher Repräsenta­tionsformen für die sprachli­che Formana­lyse (S. xvii zur metri­schen Ana­lyse).

Am deutlichsten kommt die­ses Selbstverständnis in seinem Spätwerk »Grammatik und Sprach­wirklichkeit«[15] zum Aus­druck, in dem er einen eige­nen systemati­schen Entwurf zur Grammatik­theorie (mit ei­ner extrem idiosynkrati­schen Termi­nologie, z.B. Flarens [mehr oder weniger »Präsens«], Luma [etwa »Pronomen«] u. dgl.) vor­legte, der auf einer de­skriptiven Position gegen die spekulativ-logi­sche Tradi­tion der Grammatikre­flexion insi­stiert und (ganz i. S. der jüngsten kognitivi­stischen Wende) for­dert, das grammatische Wis­sen um die Regularitä­ten der Sprachpraxis zu rekonstruieren – aber keine An­zeichen einer Aus­einandersetzung mit der neueren sprachwis­senschaftlichen Literatur zeigt. Ge­gen den tra­ditionellen Psychologismus versucht er, die gram­matischen Strukturen von dem her zu entwickeln, was die Äu­ßerung aufgrund ihrer Form dem Hörer vermit­telt (und nicht, was der Sprecher mit ihr ver­bindet). Auch sonst zeigen seine Katego­rien Übereinstimmungen mit der neueren kommunikativ orientierten Sprach­theorie (etwa in der Linie von Bühler), vgl. etwa zu Tempus (S. 145), zur Perso­naldeixis (S. 321) usw. Bemerkens­wert an diesem Buch ist aber auch, wie F.s biographi­sche Situation in es eingeschrieben ist: er veröf­fentlichte es von Kalifor­nien aus auf deutsch in Deutschland – insi­stierte aber auf seiner im Deut­schen unor­thographischen prosodi­schen Interpunktion nach angel­sächsischem Vor­bild (S. viii). Seine Bei­spiele nimmt er außer aus den klas­sischen Schulsprachen vor al­lem aus dem Deut­schen und Engli­schen.

F. hatte sich offensichtlich auch sprachlich in den USA rasch zurechtgefunden, fühlte sich aber nach wie vor im Deutschen verwurzelt, das er auch als Publikationssprache nach Möglichkeit beibehielt. 1946 bemühte er sich gleich um eine Rückkehr nach Göttingen, wurde aber von der Universität hingehalten, wobei vor allem auch das Kultusministerium die ungeklärten Wiedergutmachungsansprüche ins Feld führte. Ein von F. 1950 gestellter Antrag auf Wiedereinstellung nach 1953 als Emeritus wurde hinhaltend bearbeitet, und F. mußte wiederholt Zeugenaussagen beibringen, die seine Benachteiligung beweisen mußten. Erst 1957 wurde er als Emeritus der Universität Göttingen mit einem entsprechenden Wiedergutmachungsbescheid anerkannt (s. Wegeler, Q: 267-270).

Q: LdS: temporary; BHE; B/J; Wegeler 1996; DBE 2005; Nachruf: L. Pearson u.a.: Memorial Resolution H. F. Frankel (s. http://histsoc.stanford.edu/pdfmem/FrankelH.pdf, Jan. 2009); Bibliographie in den »Kleinen Schrif­ten« (s.o.) S. xx-xxiii.



[1] Schwager von Eduard Fraenkel.

[2] Detailliert zu diesen Konflikten, die schon das Habilitationsverfahren 1920 prägten, Wegeler (Q: 98-106).

[3] In Mecklenburg bildete damals schon die NSDAP die Regierung, s. dazu Heidorn u.a. 1969, Bd. 1: 265.

[4] Göttingen: Dieterich 1915.

[5] In: Nachr. d. Ges. d. Wiss. Göttingen. Ph.-hist. Kl./1929: 164-196.

[6] Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Zur Fachkritik an F.s doch sehr weitgehenden kritischen Eingriffen in die Textüberlieferung, s. Pearson u.a. (Q).

[7] In: Freiburger Dies Universitatis 5/1956/1957: 9-27.

[8] In: Z. f. dt. Altertum u. dt. Literatur 58: 41-64.

[9] Stanford: Stanford UP 1946.

[10] Solche autobiographischen Spiegelungen finden sich damals öfters in seinen Werken: auch seine Rekonstruk­tion eines literari­schen Topos der antiken Dichtung (Ovid, Pindar...) »The Immi­grant's Bath« (in: Univ. Calif. Publ. in Classical Ph. 12/1944: 293-294) dürfte so zu sehen sein.

[11] Zuerst 1921, Repr. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1977.

[12] Methodische Parallelen finden sich z.B. in den zeitgenössi­schen Arbeiten von Sperber und Spitzer.

[13] »Stilistische Untersuchungen zum Farbwort und zur Verwen­dung der Farbe in der älteren griechi­schen Poesie« (1922), in: Dt. Lite­raturz. 35/1924: Sp.2366-2370.

[14] München: Beck 3. erw. Aufl. (zuerst 1955). Zu diesem umfassenden Ansatz in seinen (frühen) Arbeiten, s. auch die Würdigung durch B. Snell in »Philologie von heute und morgen. Die Arbeiten F. Fraenkels«, in ders. »Gesammelte Schriften«, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1966: 211-212 (zuerst in ders. »Bodensee-Buch«, Kreuzlingen/Schweiz 1963: 125f.).

[15] München: Beck 1974.