Fillenbaum, Samuel

 

Geb. 11.5.1932 in Köln.

Nachdem der Vater 1938 aus rassi­stischen Gründen nach Polen deportiert worden war (nach Zbąszyń , b. Po­sen), emigrierte die Familie 1939 nach England. Eine geplante Weitermigration in die USA scheiterte zunächst an der Unmöglichkeit, ein Visum zu erhalten, und kam erst nach dem Krieg zustande: 1946 migrierten sie wei­ter in die USA. Dort beendete F. die Schulausbil­dung in New York (1952 B.A.), Studium der Psy­chologie an der Univ. of California in Berkeley, Calif. (1954 M.A.), 1956 mit dem Ph.D. abgeschlossen, vorher dort schon auf einer Assistentenstelle tätig. Seitdem For­schungs- und Lehr­tätigkeit an psy­chologischen Institu­tionen mit der Spezialisie­rung in Psycholingui­stik: 1956-1958 McGill Univ., Montreal; seit 1958 an der Univ. of North Carolina in Cha­pel Hill. Vielfache Forschungsaufenthalte (u.a. 1964/1965 an der Harvard Universität, an der Univ. of California in Berkeley 1975/1976, in Wassenaar/NL 1981/1982).

In der psycholinguistischen Forschung gehört F. zu den entschie­denen Parteigängern der Chomsky­schen ge­nerativen Richtung. Er un­tersuchte ex­perimentell Gedächtnislei­stungen, um zu zeigen, daß diese nicht formkon­stant, wohl aber »meaning-preserving« sind; darin sah er den Be­weis für die ge­nerative Ableitung von Oberflä­chen- aus Tiefenstrukturen (ge­gen behavioristi­sche Traditionen in der US-Psychologie), so etwa in »Syntactic Factors in Memory?«.[1] Seine Explora­tion von semantischen Problemen steht aber (von ihm auch ausdrücklich so reklamiert) in der Tradition von U. Weinreich: die sprachli­che Artiku­lation von Bedeutungen er­folgt in ei­nem Be­ziehungsfeld, das er in opera­tionalen Tests zu er­schließen ver­sucht, wobei er gra­phentheoretische Darstellungsmöglichkei­ten nicht nur metasprachlich nutzt, sondern den Probanden als Aufgabe zur Expli­kation ihrer In­tuitionen vorgibt (um die Resultate dann stati­stisch auszu­werten), so auf der Basis ei­ner Reihe von Einzel­studien aus den 60er Jahren in »Structures in the subjective Lexi­con«.[2]

F. versuchte formale (grammatische) Kategorien psycholinguistisch zu validieren, so z.B. die Korrelation von Zugriffsmöglichkeiten des Gedächtnisses mit syntaktischer Bindung (größere Robustheit substantivischer Formen gegenüber dem Vergessen als bei anderen Wortarten), s. »A further study of grammatical class as a variable in verbal satiation«.[3] In dieser Richtung hat F. seine Forschung dann auf pragma­tische (sprechakttheoretische, angelehnt an Grice) Pro­bleme ausgeweitet, so in einer Reihe von experi­mentellen Studien zur Nutzung kondi­tionaler Äuße­rungsstrukturen, die er in den 70er Jah­ren publi­zierte, etwa »How to do some things with IF«,[4] wo er metho­dologisch gegen das üb­liche psycho­linguistische Experimentaldesign zeigt, daß auch dort Äuße­rungen nicht kontext­frei interpretiert werden; zusammenfas­send zu diesen Studien »The use of conditionals in in­ducements and deterrents«.[5] Er zeigt einer­seits, daß die Deutung solcher Äußerungen (»wenn p, dann q«,»q, außer wenn p« u. dgl.) vom Kontext abhängt (vom Partizipantenwissen), daß aber nicht jede Äuße­rungsform in jeder pragma­tischen Funktion nutzbar ist, insofern partiell der Kontext auch von Dritten aufgrund der (semantischen, syntaktischen) Binnen­struktur der Äu­ßerung in Ver­bindung mit allgemeine­ren Wis­sensstrukturen erschlossen werden kann.

Von dieser Position aus verfolgte er auch späterhin die Forschungsentwicklung, s. etwa seinen Bericht »Psycholinguistics at the Max Planck Institute for Psycholinguistics«.[6] In der Zweisprachigkeitsforschung hat er in Montreal zusammen mit W. Lambert Pionierarbeit geleistet (»A pilot study of aphasia among bilinguals«).[7] Auch später hat er sich gelegentlich noch mit aphasischen Problemen beschäftigt und z.B. die Reorganisation des Sprachwissens in Reaktion auf (partiellen) Sprachverlust mathematisch zu modellieren versucht, wobei die empirischen Befunde seiner Tests eine große interindividuelle Variation zeigen, die für ihn die Trennung von lexikalischem, syntaktischem und pragmatischem Wissen notwendig macht, s. »Some linguistic features of speech from aphasic patients«.[8]

Sein Schriftenverzeichnis aus dem Jahr 2008 weist 80 Titel auf, meist Ergebnisse experimenteller Forschung (oft gemeinsam mit anderen).

Q: BHE; IfZ, München; schriftliche Mitteilung (Lebenslauf, Bibliographie) von F. (2008).



[1] Den Haag: Mouton 1973.

[2] New York usw.: Academic Press 1971.

[3] In: Language and Speech 7/1964: 233-237.

[4] In: J. W. Cotton/R. L. Klatzky (Hgg.), »Semantic Factors in Cognition«, Hillsdale, N.Y.: L. Erlbaum 1978: 169-214.

[5] In: E. Closs Traugott (Hg.),»On Conditionals«, Cam­bridge: Univ. Press 1986: 179-195.

[6] In: Psychological Science 4/1993: 24-27.

[7] In: Canadian Journal of Psychology 13/1959: 28-34. Die allerdings auch nur explorierend gemeinte Studie ist wegen ihrer zu simplen neurologisch intendierten Modellierung kritisiert worden, s. M. Paradis, in H. Goebl u.a. (Hgg.), »Handbuch Kontaktlinguistik«, Bd. 1, Berlin: de Gruyter 1996: 61.

[8] In: Language and Speech 4/1961: 91-108.