Deutsch, Karl Wolfgang

Geb. 21.7.1912 in Prag, gest. 1.11.1992 in Cambridge, Mass.

 

D. gehörte mit seinem Elternhaus zur sudetendeutschen Minderheit in der Tschechoslowakei. So studierte er an der Deutschen Universität in Prag Sozialwissenschaft, wo er 1934 sein Studium abschloß. Als Aktivist der sozialistischen Studentenorganisation geriet er in Konflikte mit der mehrheitlich nationalsozialistischen Studentenschaft der Universität, woraufhin er Prag verließ, um in England Optik und Mathematik zu studieren (sein Vater war Optiker). Er kehrte aber wieder nach Prag zurück, wo er an der (nicht nationalsozialistisch unterwanderten!) tschechischsprachigen Karls-Universität Rechtswissenschaft studierte, wofür er zunächst noch gründlich Tschechisch lernen mußte (so in seinen autobiographischen Aufzeichnungen [1980]); 1938 schloß er dieses Studium mit der Promotion ab. Im gleichen Jahr nahm er mit seiner Frau an einem sozialistischen (antifaschistischen) Kongreß in den USA teil. Als gleichzeitig das Münchener Abkommen geschlossen wurde, beschloß er, in den USA zu bleiben, wo er ein Stipendium für vom Faschismus Vertriebene an der Harvard Universität erhielt. In den nächsten Jahren war er aktiv (vor allem auch als Redner) für die Bewegung Freie Tschechoslowakei tätig, nach Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg dann für das Office of Strategic Services (OSS).

Er studierte in Harvard und Yale; zugleich unterrichtete er an einem College in Connecticut (in Wallingford), seit 1942 auch am MIT (Massachusetts Institute of Technology) in Boston, wo er an sich neu formierenden Forschungsgruppen partizipierte, die für seine spätere Entwicklung entscheidend wurden (s.u.), 1951 promovierte er in Harvard mit der Dissertation »Nationalism and social communication«.[1] 1952 wurde er am MIT zum Professor für Geschichte und Politikwissenschaft ernannt. In der Dissertation entwarf er ein Konzept von modernen Staaten als Kommunikationsgemeinschaften, deren soziale Kohäsion durch die Möglichkeit zu einer intensiveren Kommunikation definiert ist. In einer historischen Perspektive folgen sie der Tendenz zur Verdichtung der kommunikativen Netze auf der einen Seite und andererseits zur Verstärkung von Brüchen in diesen Netzen als ihren Außengrenzen. Er suchte nach Indikatoren für diese Netze, die sich kodieren und damit quantitativ verarbeiten lassen, orientiert an den damaligen Entwicklungen der quantitativen Sozialforschung, in Zusammenarbeit u.a. mit Lazarsfeld, dem er auch im Vorwort zur Dissertation für seine Hilfe dankte.

In seine wissenschaftlichen Arbeiten sind seine biographischen Erfahrungen eingeschrieben, die von ihm dort auch öfter explizit reflektiert werden. Das Modell der traditionalen imperialen Reiche war für ihn anschaulich im österreich-ungarischen Reich gegeben, in dem er noch über seine (sudetendeutsche) Familie verankert war; und so gilt der Tschechoslowakei (bzw. Böhmen) eine der Fallstudien in seiner Dissertation (1951). Die traditionalen Reiche haben  nur eine lose verknüpfte Struktur, die daher immer auch von Desintegration bedroht ist. Der Gegenpol dazu war die extreme Verdichtung sozialer Räume in autoritären Staaten, für die ihm das faschistische Deutschland die Anschauung lieferte. Hinter seinen Analysen steht daher immer auch die Suche nach einem Modell politischer Integration, die diese Extreme vermeidet. Politische Macht definierte er so als blockierendes Element im Prozeß demokratischer Umgestaltung, mit dem Gesellschaften auf veränderte historische Bedingungen reagieren. Dieser Aspekt bestimmte seine späteren Arbeiten zu den großen Bündnissen, die die politische Neuordnung nach dem Zweiten Weltkrieg zum Gegenstand hatten. Dadurch verschob sich die Ausrichtung seiner Forschung, die zunächst der nationalen Ausgliederung aus den imperialen Großreichen gegolten hatte, zu der Frage der Integrationsmöglichkeiten der inzwischen etablierten Nationalstaaten. So führte er umfangreiche Studien zum nordatlantischen und zum europäischen Einigungsprozeß durch. Einerseits war für ihn die damit verbundene Zielsetzung einer Friedenssicherung bestimmend, andererseits mußten für ihn solche übernationalen Bündnisse in dieser Besonderheit analysiert werden, die nicht nach dem Modell der nationalen Integration mit maximal verdichteter Partizipation möglich sind (in Hinblick auf die derzeitigen Probleme beim europäischen Einigungsprozeß eine ungemein aktuelle Fragestellung!).

Voraussetzung für eine angemessene Forschung war für ihn schon in seiner Dissertation eine Modellierung, die die Fülle der zugänglichen (aber extrem heterogenen) Daten kontrolliert.

Die entsprechenden quantifizierenden Analysemöglichkeiten wuchsen exponentiell mit der Entwicklung elektronischer Rechner, wofür das MIT einen ausgezeichneten Rahmen bot, bei dem Norbert Wiener Anfang der 50er Jahre die »Kybernetik« lancierte, der D. sich intellektuell zuordnete (in seiner Autobiographie [1980] betont er, daß in diesen Forschungs- und Diskussionsprozeß auch die Sprachwissenschaft einbezogen [insbesondere mit R. Jakobson] war). D. unternahm es, diese Ressource systematisch zu nutzen, und bemühte sich, große, auch internationale Forschungsteams zusammenzustellen, die mit großen maschinenlesbaren Datensätzen arbeiten. Auch bei diesen formalen Modellierungen zum Vergleich politischer Systeme (im Vordergrund dabei immer der West-Ost-Vergleich oder auch Erste gegenüber Dritte Welt) haben sprachliche Indikatoren eine zentrale Rolle: Alphabetisierung, sprachliche (In-) Homogenität, Nutzen der Massenmedien (hier immer gedruckte Medien) u. dgl., wobei es allerdings bei holistischen Zuschreibungen bleibt, die quotiert und in der quantitativen Modellierung verrechnet werden, s. z.B. »Social mobilization and political development«[2] und den methodologisch angelegten Beitrag »Toward an inventory of basic trends and patterns in comparative and international politics«.[3]

Von daher war er organisatorisch bei der Bündelung der internationalen Forschung aktiv, wo er auf der 1963 in Yale veranstalteten Konferenz »Use of Quantitative Political, Social, and Cultural Data in Cross-National Comparison« das Grundsatzreferat »The theoretical basis of data programs«[4] hielt und die von ihm selbst in diesem Rahmen durchgeführten Forschung vorstellte (»The Yale Political Data Program«).[5] Vorher hatte er mit einer umfassenden Bibliographie dieses Forschungsfeld erschlossen: »An interdisciplinary bibliography on nationalism, 1935-1953«.[6] Für ihn waren gerade auch bei solchen vergleichenden Studien die deutschen Verhältnisse zentral, vor allem auch die Entwicklungen im Nachkriegseuropa, s. von ihm gemeinsam mit anderen, »France, Germany and the Western Alliance«.[7]

In seiner Konzeption mobilisiert die Gesellschaft ihre Subjekte, wozu insbesondere eben auch sprachliche Erscheinungen gehören, vor allen Dingen die Alphabetisierung als Bedingung für die Massenmedien (Printmedien). Detailliert skizziert er die sozialen Verhältnisse, die Probleme sprachlicher Variation von Dialekten und Minoritäten, in der Dissertation in einigen Fallstudien nicht nur zu Alteuropa, sondern z.B. auch zu Indien und Pakistan. Wie wenig dabei allerdings diese Indikatoren für ihn einen Eigenwert hatten (im engeren Sinne also sprachwissenschaftlich analysiert wurden), machen anekdotische Beobachtungen deutlich, die er zur Illustration seiner Schematisierungen anführt.[8]

So war er mit seinen Arbeiten eine Autorität nicht nur in der Politologie, sondern auch auf dem Gebiet der Sprachsoziologie, weshalb er hier aufgeführt ist. Er hielt z.B. den Hauptvortrag auf einer großen internationalen Konferenz über »Multilinguale politische Systeme« 1972 in Québec, wo er nach sozialen Indikatoren suchte, die die feststellbare sprachliche Variation sozial bewerten (also als Abgrenzung zwischen Dialekt und Sprache), insbesondere auch als Potential für soziale Konflikte: »The political significance of linguistic conflicts«.[9] Bemerkenswert ist dort der große Stellenwert, den er Fragen der Migration und der Assimilation beilegte.

Von 1958 bis 1967 war er Professor in Yale, von 1967 bis 1983 in Harvard (zuletzt war seine Professur dort als eine für Friedensforschung denominiert). In den späteren Jahren übernahm er zahlreiche Gastprofessuren, insbesondere auch in Deutschland (Frankfurt, Heidelberg, Mannheim); von 1977 bis 1987 baute er an dem damals gegründeten Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin (WZB) eine Forschungsabteilung für internationale Politik auf. 1987 übernahm er nochmals eine Professur für Friedensforschung an der (privaten) Emory Universität in Atlanta. Zu seinem zentralen Status in der deutschen Politologie, s. etwa den von A. Ashkenasi/P. Schulze hgg. Band mit einer Auswahl seiner Schriften[10] oder den Nachruf von Senghaas 2003 (Q).

Q: Autobiographische Aufzeichnungen (»A voyage of the mind, 1930-1980«, in: Government and Opposition 15/1980: 323-345); DBE 2005; R. L. Merrit u.a. (Hgg.), »K. W. D. 1912-1992«, Washington: The National Academy Press 2001; V. Hauff u.a., »›Politik mit wachen Sinnen betreiben‹. Zur Erinnerung an K. W. D.«, Berlin: Wissenschaftszentrum 2002; Nachruf von D. Senghaas, in: Wissenschaftszentrum Berlin (WZB-) Mitteilungen 99/2003: 14-17.



[1] Mass.: MIT-Press 1953.

[2] In: The American Political Science Review 55/1961: 493-514.

[3] In: The American Political Science Review 54/1960: 34-57.

[4] In: R.L. Merritt/St. Rokkan (Hgg.), »Comparing Nations«, New Haven usw.: Yale UP 1966: 27-55.

[5] a.a.O.: 81-94.

[6] Cambridge: MIT Press 1956.

[7] New York: Scribner's Sons 1967.

[8] Ein Beispiel: als Beleg dafür, daß nationale Kommunikationsnetze orthogonal zu Sprachräumen sein können, führt er die Äußerung eines Deutschschweizers an, der ihm gesagt habe, daß er sich mit jemandem aus der Französischen Schweiz besser verständigen könne als mit jemandem aus Deutschland (S. 96-97).

[9] In: J. G. Savard/R. Vigneault (Hgg.), »Les états multilingues – problèmes et solutions«, Québec: Les Presses de l’Université Laval 1975: 7-28.

[10] »Nationenbildung - Nationalstaat - Integration«, Gütersloh: Bertelsmann 1973.