Cohn, Georg

 

Geb. am 15.12.1866 in Berlin, während des Zwei­ten Welt­krieges ver­mutlich in einem Konzentra­tionslager umgekom­men.

Nach dem Abitur 1883 Studium der klas­sischen Philologie und Romanistik in Berlin. Promotion 1890. Die Dis­sertation hat er 1891 erweitert publiziert: »Die Suffixwandlungen im Vul­gärlatein und im vorliterarischen Französisch, nach ihren Spuren im Neufranzösischen«.[1] Malkiel würdigte diese Arbeit als eines der Mei­sterwerke der romanischen Philologie, die grund­legend für folgende Standardwerke (etwa Meyer-Lübkes »Vergleichende Grammatik«) wurden. [2] Philologi­sche Akribie und Fleiß in der Tradition seines Lehrers Adolf Tob­ler, dem er die Arbeit widmet, sind hier mit einem Versuch zu de­taillierter Schema­tisierung (bes. in Hin­blick auf Neu­tralisierungen bzw. Synkretis­men) ver­bunden, der – gegen das damals übliche kasui­stische Sammeln von Beobachtungen – Momente ei­ner strukturalen Sprachbetrachtung aufweist. Für C.s Sprachver­ständnis blieb allerdings die Vorstel­lung von einer subjekti­ven Sprecherab­sicht leitend (hier war C. wohl an seinem an­deren Lehrer, H. Steinthal orientiert, als dessen Schüler er sich in der Vita zur Disserta­tion – neben Tob­ler – ausdrücklich er­klärte).

Ob­wohl C. damit seinen Eintritt in die Scientific Commu­nity be­werkstelligt hatte, deren Zu­gehörigkeit er auch mit einem sehr positiv registrierten ety­mologischen Beitrag zur Festschrift für Adolf Tobler einige Jahre später unter Beweis stellte (»Rêver und gelegentlich dessel­ben«),[3] führte er die Existenz eines Privatgelehrten: Weder Habilita­tion noch Lehrauftrag banden ihn an die Univer­sität. Es ist unklar, welche Rolle dabei der Anti­semitismus für den konfes­sionell praktizie­renden Juden C. spielte – das Familienvermögen er­laubte ihm eine solche Le­bensweise. Er beteiligte sich aber bis 1938 an den Aktivitäten der »Berliner Gesell­schaft für das Studium der neueren Sprachen« – bis die rassistischen admi­nistrativen Maßnahmen des Regi­mes ihm das unmöglich machten; (un)kollegiale Verhal­tensweisen machten ihm of­fensichtlich noch mehr zu schaffen (s. Malkiel a.a.O., S. 249 zu E. Ga­millscheg). Offensichtlich hat C. sich nach der Zeit seiner Dissertation, auf die er aufbauend kleinere Beiträge zur ro­manischen Etymologie und Wort­bildung veröffentlichte (etwa die mit einer Fülle von Bele­gen gespick­ten »Bemerkungen zu Adolf Toblers ›Altfranzösischem Wörter­buch‹, Lf. 1 und 2«),[4] nicht mehr sprachwissen­schaftlich betätigt, nur noch textphilo­logisch. Eine größere altfranzösische Textedition, die er ca. 1938 (?) noch fertigstellte, wurde nicht mehr publiziert und ist, wie auch sein sonsti­ger Nachlaß, verschollen. Genaueres über seine letzten Le­bensjahre und seinen Tod ist nicht bekannt.

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Q: Y. Malkiel (s.o.); Christ­mann/Hausmann 1989.



[1] Halle/S.: Niemeyer – vorher als Teildruck in Halle: Drucke­rei des Waisenhauses 1890.

[2] S. zur Einschätzung dieser Arbeit Y. Malkiel, »Between Steinthal and Adolf Tobler. Georg Cohn in turn-of-the-century Berlin«, in: Historiographia Ling. 5/1978: 237-251.

[3] Halle/S.: Niemeyer 1895, S. 269-288.

[4] In: A. f. d. Stud. d. Neueren Spr. 142/1921: 217-229.