Cassirer, Ernst Alfred

Geb. 28.7.1874 in Breslau, gest. 13.4.1945[1] in New York.

 

Nach dem Abitur 1892 in Breslau studierte C. zunächst Jura, dann Germani­stik (er hörte aber auch die allgemei­nen/vergleichenden Sprachwissen­schaftler), schließlich mit Schwer­punkt Mathematik und Phi­losophie in Berlin, Leipzig, Heidelberg, Mün­chen und Marburg, wo er 1899 (bei H. Cohen) mit ei­ner Arbeit über Des­cartes promo­vierte (s.u.). 1906 habili­tierte er in Berlin, nach wiederhol­ten vergeb­lichen Versu­chen anderswo (Marburg, Straß­burg, München) – der Antise­mitismus, den er hier, selbst ohne eigene große Bindung ans Judentum im religiösen Sinne (s. Toni Cassi­rer 1981, Q), erfuhr, wurde für ihn zu einer konstanten Lebenserfah­rung. Im ersten Weltkrieg war er als Zensor tä­tig.

Mit der Universitätsgrün­dung in Hamburg wurde er 1919 dort zum o. Prof. für Philosophie ernannt, wo er bereits 1914 an der Vorläu­ferinstitution er­folgreich gelehrt hatte. 1929-1930 amtierte er dort auch als Rektor und nahm dieses Amt mit de­monstrativ politi­scher Zielsetzung wahr (gestützt von Teilen des li­beralen hamburgischen Bür­gertums). In diesem Sinne hatte er sich als ei­ner der nicht allzu vielen Hochschulleh­rer öffentlich zur Weimarer Repu­blik und ihrer Ga­rantie der Menschenrechte bekannt (s. »Die Idee der republikanischen Ver­fassung«).[2] Die poli­tische Entwicklung in Deutschland analysierte er sehr realistisch (auch was die Rolle des »Volkes« dabei betraf), und so bereitete er be­reits 1932 die Emigration seiner Familie vor. Gleich nach Hitlers Ernennung zum Kanzler (30.1.33) stellte er mit politi­scher Begründung einen Be­urlaubungsantrag für das Som­mersemester und reiste in die Schweiz (gerade diese reali­stische Einstellung ermög­lichte es ihm, auch später noch [bis 1936] wiederholt nach Deutschland zu fahren, bzw. dort durchzureisen und mit den Behörden erfolgreich die Frei­gabe seiner Privatbibliothek auszuhandeln!).

Als ei­ner der prominentesten Verfolgten erhielt er so­fort mehrere Rufe aus dem Ausland (Schweden, USA, England), von denen er zunächst 1933-1935 eine For­schungsstelle in Oxford annahm, dann 1935 nach Schweden emigrierte, wo er an der Universität Göte­borg eine persönliche Professur erhielt (auf eigenen Wunsch: er wollte unter den damaligen ökonomischen Bedingungen nicht mit schwedischen Kol­legen um eine reguläre Stelle konkurrieren). Hier enga­gierte er sich (wenn auch un­ter den ge­gebenen schwedi­schen Verhält­nissen nicht sehr er­folgreich) für seine Schicksalsgenossen;[3] 1936 wurde er in den Lon­doner Li­sten der »Not­gemeinschaft« verzeichnet. 1941 emi­grierte er weiter in die USA, wo er bis 1944 in Yale, dann bis zu seinem Tod an der Co­lumbia Univ. in New York als Gastprofessor lehrte, und u.a. auch enge Kontakte mit ande­ren Emigranten hatte (so mit Kurt Goldstein, einem Vetter seiner Frau, Richard Hoenigswald u.a.).

C. war einer der einflußreichsten Neukantianer, der sein Profil u.a. in der Auseinandersetzung mit Hei­degger er­hielt. [4]   Sein unge­mein umfangrei­ches Œuvre hat einen ge­radezu enzy­klopädischen Zu­schnitt in der Fülle der behandel­ten Themen, ist aber zentriert um die philosophiege­schichtliche Frage nach der Moderne, ausgehend von der Re­naissance-Philosophie, was ihn auch zur Heraus­gabe großer Werkausgaben führte (Kant, Leib­niz). Seine Dissertation (»Descartes' Kritik der mathe­matischen und natur­wissenschaftlichen Erkennt­nis«)[5] konzipierte er be­reits als er­sten Teil ei­ner größeren Arbeit über die erkenntniskriti­schen Pro­bleme der gerade im Neukan­tianismus als grundle­gend schlechthin gesetzten naturwis­senschaftlichen »Erfahrungsbegriffe«. Indem er die Konstitutions­frage der »exakten« Wissen­schaften als die nach ih­ren symbolischen Dar­stellungsformen reformu­liert, kommt er zur Not­wendigkeit einer umfassenden Sprachtheo­rie (für die er phi­losophiegeschichtlich den An­satzpunkt bei Leibniz sieht), s. »Das Erkennt­nisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neue­ren Zeit«[6] – in der Fragerichtung durchaus paral­lel mit dem Wiener Kreis, dessen Positivismus er dort indirekt im 3. Bd. kritisiert. Für die sprachwis­senschaftliche Dis­kussion ist seine Kritik an der ro­mantischen Tradition wichtig, die die Bindung von Denken an Sym­bolstrukturen ungenügend von spezifi­schen hi­storischen Sprach­strukturen trennt (bes. Bd. II: 167ff. [i. S. neuerer ko­gnitiver An­sätze wichtig seine Abgrenzung von Abbild und Modell], Bd. IV: 234ff. zu Grimm ff.). Indem er so die spezifische Leistung der exak­ten Wissen­schaften analysierte, relativierte sich für ihn aber auch de­ren Sonderstel­lung. In der Folgezeit be­mühten sich seine wissenschaftstheoreti­schen (bzw. wissenschafts­geschichtlichen) Arbeiten vor allem, den Sta­tus der »Geistes-« bzw. Kulturwissenschaften zu klären, der seit der Jahrhundertwende zunehmend von den formalen Entwick­lungen in Logik und Ma­thematik bestimmt wird (s. bei Husserl). In diesem Zu­sammenhang arbeitete er genauso über die Relativitäts­theorie wie über hermeneutische Fragen.

Bei seiner Reflexion auf die Prämissen philoso­phischer/wissenschaftlicher Systeme hat die Spra­che einen ausge­zeichneten Stellenwert. Sei­n viel­leicht wich­tigstes Werk war »Die Philo­sophie der symbo­lischen Formen« (Teil I: Die Sprache, Teil II: Das mythische Denken, Teil III: Phä­nomenologie der Er­kenntnis; zusätzlich ein Regi­sterband);[7] einen abschließenden vierten Band hat er nicht mehr fertiggestellt: eine Vorfassung, betitelt "Metaphysik der symbolischen Formen", von Ende der 1920er Jahre hatte er mit ins Exil genommen, sie dann aber bei seinem Sohn Peter in Göteborg zurückgelassen.[8]  Explizit auch als Weiterführung der zeitgenössischen Ansätze zu einer Philosophischen Anthropologie bestimmte er dort die Fähigkeit zum Symbolisieren als menschiche Grundfähigkeit, die das Leben in der Welt ermöglicht - statt einem Verhalten in einer Umwelt wie bei Tieren.[9]

Die Fähigkeit zum Symbolisieren entfaltet sich für ihn in drei Feldern: dem Mythos, der Sprache und der Wissenschaften, die für ihn zugleich Stufen der Verwirklichung genuin menschlicher Potentiale sind, in denen eine wachsende Distanz zum tierischen Dasein artikuliert wird. Dabei hat Sprache in seiner Argumentation einen ambigen Status. In dieser Stufenkonzeption versteht er sie Ausbauform im Sinne dessen, was dann zu einem "geisteswissenschaftlichen" Topos von einem Entwicklungsschritt vom Mythos zum Logos wurde: es geht um die "logische Leistung der Sprache" (IV: 74) und nicht um ihre Funktion in der kommunikativen Praxis, von der Sprache in seinem Sinne sich freizumachen erlaubt.  Gleichzeitig mustert er aber sehr detailliert die formalen Ressourcen der Sprachen - hier dann auch im Plural der beobachtbaren unterschiedlichen sprachlichen Bauformen. Diese sind aber selbstverständlich konstitutiv für alle Auslegungen der Lebenspraxis, auch in den ansonsten vor ihm als parallel angesprochenen "Sinngebilden" (IV: 102) des Mythos, der Kunst oder der Wissenschaft. Diese Ambiguitiät durchzieht seine Argumentation, wie nicht zuletzt auch bei seinem Terminus Mythos deutlich ist: [10] einerseits (und insofern aber grundlegend) als "primitive" Lebenspraxis, die  in Kulten ausagiert wird, im rituellen Vollzug einer damit anwesend gemachten Vorgeschichte, und insofern jenseits der sprachlichen Artikulation (jenseits dessen, was in der philosophischen Tradition der Antike der logos apophantikos ist); [11]  andererseits aber repräsentiert in erzählten Mythen, auch wenn die Erzählung an kultische Praktiken gebunden ist (wie bei den austalischen Aboriginees). Nur gelegentlich spricht C. diese Ambiguität an, so wenn er mythische Erzählungen als Sage (so auch im wörtlichen Sinne) vom Mythos im "primitiven" Sinne abgrenzt (s. IV: 85).

Sprache im Sinne dieses Gegensatzes ist eine Denkform, die mit den symbolischen Ressourcen der sprachlichen Formen Konzeptuelles festhalten kann, also im Fluß der Vorstellungen isolieren kann. Mit ihnen kann der Mensch aus diesem Fluß heraustreten: sie sind im Kern diakritische Elemente, die eine kognitive Distanz zum Erlebten ermöglichen - eine Distanz, die sich in der sprachlichen Form des Habens der Vorstelllungen ausdrückt, in deren Vollzug der Mensch nicht mehr nur gefangen ist. C. argumentierte mit einem emphatischen Verständnis von Sprache, dessen Verhältnis zur "trivialen" Alltagskommunikation bei ihm nicht wirklich thematisch wird - außer daß C. immer auf der Nicht-Reduzierbarkeit von Sprache auf Kommunikation insistiert. Ihm ging es um die für Sprache konstitutive symbolische Grundstruktur, die mit einem jeweils konkret Bezeichneten immer einen Hof von möglichen Bezeichneten eröffnet (dem symbolischen "Überschuß", wie er gelegentlich sagte), die sich daher nicht auf das empraktische Funktionieren in einem situativen Kontext reduzieren läßt (wie es sich auch bei proto-symbolischen Aktivitäten von Tieren, etwa von höheren Primaten, findet). [12]

Letztlich blieb C. in den Bahnen des Entwicklungsdenkens des 19. Jhd.; mit der von ihm reklamierten „Phänomenologie“ (so im Vorwort zu Bd. I und dann auch im Titel von Bd. III) schließt er explizit an Hegel an, nicht an Husserl, so sehr er diesem auch für die Klärung seines Zeichenbegriffs verpflichtet ist. Die Herausbildung symbolischer Formen bestimmte er in einer großen (spekulativen) Projektion als Überwindung naturhaften Lebensformen: als Ressource für die Deutung der Aktivitäten - mit der angesprochenen Ambivalenz in der Bestimmung von Sprache. Dabei kann allerdings in Hinblick auf endemische Konfusionen auch in der jüngeren sprachtheoretischen Diskussion seine Feststellung klärend sein, daß sprachliche Zeihen nicht als Form von ansonsten unbestimmtem Material fungieren, sondern als ihren Ausdruck bereits geformtes Material nutzen (mit Formen, die z.B. in den Feldstrukturen der sinnlichen Wahrnehmung fundieren, was sich im Aufbau höherstufiger Zeichen fortsetzt: die zeitliche Artikulation im metaphorischen Rückgriff auf räumliche, vgl. I: 170-171, u.a. mehr). Damit kann C. den immer wieder ins Spiel gebrachten „ikonischen“ Ausdrucksformen ihren Platz zuweisen: einerseits als grundsätzlich von der Sprache überholter symbolischen Form, andererseits als weiterhin verfügbare Ausdrucksressource, s. I: 132 ff.

Im sprachwissenschaftlichen Horizont ist von seinem Hauptwerk vor allem Bd. I der "Symbolischen Formen" rezipiert worden, in dem er  eine Fülle von Mate­rial aus allen möglichen Spra­chen/Kulturen ak­kumuliert, um die »apriorischen« Struktu­ren sym­bolischer Praxis in der Vielfalt der hi­storischen Ent­wicklungsformen zu be­stimmen, wobei er all­täglich genutzte Strukturen (insbes. grammatikalische »Denkformen« in Kategorien wie Ge­nus, Nu­merus, Tempus, Aspekt u. dgl.) systematischen Objekti­vierungen in wissenschaftli­chen Systemen, die in diesen Struktu­ren artikuliert sind (z.B. physikalische Zeitauffas­sung u. dgl.), gegenüberstellte. Auch wenn seine Kompilation aus der damals schon weitverzweigten Forschung zu den verschiedensten Sprachen beeindruckend reichhaltig ist, so liefert sie ihm doch letztlich nur das Material für die Identifizierung von von ihm daraus extrapolierten unterschiedlichen Denkformen: trotz des von ihm öfters reklamierten Humboldtschen Topos von der grundlegenden Kategorie des Satzes gegenüber dem nur sekundär abstrahierten Wort (z.B. Bd. I: 281) blendet er die Artikulation von Äußerungen (ihre grammatische Form) aus. Nur eher marginal diskutiert er syntaktische Strukturen, und auch dann immer in Hinblick auf daran festgemachte kulturelle Entwicklungsstufen, z.B. I: 293 zur Copula als Lösung von "primitiven" Satzwortstrukturen oder I: 288ff. zur Hypotaxe als Überwindung parataktischer Reihung. Durchgehend greift seine typologische Musterung grammatischer Kategorien gewissermaßen durch die damit bewerkstelligte sprachliche Praxis direkt durch auf mit ihnen verbundene Vorstellungen: es geht ihm um die damit zu fassende "innere Form" der Sprachen, als sprachspezifische begrffliche Strukturierungen (explizit so I: 256).

Dabei sind seine Referate zu sprachlichen Erscheinungen nach wie vor aufschlußreich: detailliert zu grammatischen Formen wie z.B. zeitlichen Bestimmungen: Aspekt, Aktionsarten, Tempus (auch zu zeitlichen Markierungen an nominalen Formen, s. I: 175), nominalen Determinationsformen (Definitheitsmarkierungen, „possessivische“ Relationsmarkierungen, Quantifizierungen, insbesondere auch Zahlsysteme u.a. mehr). Aber sie sind für ihn letztlich nur von Interesse als Indikatoren für den darin ausgedrückten kognitiven Entwicklungsstand, den er durch eine genetische Rückprojektion auf darin aufzusuchende anschauliche etymologische Grundformen bestimmt (ggf. auch als symbolisches Festwerden von körperlich handfesten Aktivitäten wie z.B. das Abzählen bei den Zahlausdrücken, s. z.B. I: 186 ff. – analysiert auf der Folie der Operationen im homogenen Zahlenraums der Mathematik). Die Konsequenz daraus war, daß er die so diagnostizierten „Weltbilder“ in den verschiedenen Sprachen (ihre „innere Form“ als „Denkart“, die sprachlich vorgegeben ist, s. I: 245 und 257-8) direkt einer phylo- (bzw. sozio-) genetischen Entwicklungsreihe zuordnen konnte – worauf nicht nur Boas mit heftiger Kritik reagierte (in C.s. holistischer Herangehensweise an Sprache war erst recht kein Platz für unterschiedliche Praxisformen in den identifizierten Sprachgemeinschaften – was ihn allerdings nicht von den meisten Arbeiten in der damaligen Sprachforschung unterscheidet, s. z.B. hier bei E.Lewy). Aufschlußreich (und wohl noch genauer zu explorieren) bleibt sein Ansatz, die Leistungsfähigkeit der verschiedenen sprachlichen Systeme durch ihre Abbildung auf ein rein formales Symbolsystem wie in der Logik zu fassen (s. Bd. III, Kap. 4 zu den mathematischen Symbolisierungen, einschließlich der logischen Satzformeln; vgl. damit z.B. die gleichzeitigen Ansätze bei Carnap). Andererseits ist er bemerkenswert offen für das, was er als sprachlich in den Blick nimmt, vgl. z.B. seine Auseinander­setzung mit der Aphasie­forschung (bes. Teil III: 238ff.) - wobei er auch hier in seinem Entwicklungsschema bleibt und in aphasischen Störungen vor allem einen Rückbau der sprachlichen Potentiale sieht, ggf. dann zu mythischen Ausdrucksformen (so IV: 73).

Seine Dar­stellung ist von ei­ner gewissen Ambivalenz gegenüber der Sprach­wissenschaft be­stimmt: auf der einen Seite führt er ausgiebig Illustra­tionen aus Beschreibungen von ver­schiedensten Sprachen (und damit aus sprachwiss. Quellen) an, auf der anderen Seite aber bilden diese für ihn nur ein großes Reservoir sprachlicher Aus­drucksmöglichkeiten, aus dem er ohne Kontrolle der sy­stemischen Strukturen der jeweiligen Sprachen schöpfen kann (s. aber unten zur Verschiebung in seinem Ansatz in Reaktion auf die strukturalistischen Arbeiten in den USA nach seiner Übersiedlung nach dort). Die leitende Frage, nach der er das Sprachmaterial mustert, zielt auf die Ver­schiedenenheit der Sprachen, in denen er die Gründe für die verschiedenen Welt­bilder sieht (letztlich als ver­schiedene Stufen ein und der­selben Sprach- bzw. Sym­bolfähigkeit des Men­schen). So war für ihn die sprachliche Wende der neue­ren Phi­losophie (Vico, insbes. aber Humboldt, auf den er immer wieder zu­rückgreift und zu dessen Sprachtheo­rie er Ein­zelstudien unternom­men hat) ein Angelpunkt der Moderne. Er kriti­sierte an den wissen­schaftstheoretischen Sy­stemversuchen der Jahr­hundertwende, daß sie gerade bei der Gegen­überstellung von Natur- und Geistes­wissenschaft die Sprachwissen­schaft als Schlüsseldisziplin aus­klammern. Von daher er­klärt sich seine Prä­senz in der sprachwis­senschaftlichen Diskus­sion.[13] In systematischer Hinsicht liegt seine Bedeutung (und zeitgenössische Wirkung / Rezeption) in erster Linie wohl in der anschaulich vorgeführten Unmöglichkeit einer Engführung der Sprachreflexion durch ihre versuchte Formalisierung (s. dazu bei bei Carnap), gegen die er nicht-"apophantische" Symbolformen ins Spiel bringt (wie vor allem die Mythen). Insofern nimmt auch Husserl Bezug auf ihn.

Vor dem Hintergrund seiner weitaus­greifenden völkerkund­lichen Ex­kurse zu dem Ver­hältnis von Spra­che und Welt­bild ist auch sein Beitrag zur Meinhof-FS[14] zu sehen (»Die Be­deutung des Sprach­problems für die Entstehung der neueren Philosophie«, S. 507-514), bei dem er insbes. Überlegungen zu dem Schlüs­selbegriff der De­batte der dama­ligen Neuerer, den Stil an­stellt (als Struktur einer persönlichen Ausprä­gung der Sprachpra­xis, die die kul­turelle Pra­xis der Sprach­gemeinschaft fundiert, von die­ser aber ihrerseits bestimmt ist; dort auch mit dem Aus­gangspunkt bei Humboldt, S. 508). So be­tonte er denn auch gelegent­lich in seinen Arbei­ten die fruchtbare Aus­einandersetzung mit Sprachwissenschaft­lern, ins­bes. sei­nen Hambur­ger afrikanistischen Kollegen (vor allem Meinhof), s. etwa »Wesen und Wirkung des Sym­bolbegriffs«, eine Sammlung von Vor­trägen, die er überwiegend in Ham­burg an der War­burg-Bi­bliothek gehalten (und in de­ren Studien 1922-1925 veröf­fentlicht) hatte, wo er ein seinem enzyklopädischen An­spruch kongeniales Forum hatte.[15]

In diesem Sinne wurde sein Unternehmen auch von Sprachwissen­schaftlern begrüßt (z.B. von Meil­let in den ver­schiedenen Rezen­sionen zu den einzelnen Bän­den der »Philosophie der symboli­schen Formen«).[16] 1933 war er einer der Beiträ­ger zu dem einflußrei­chen Sammelband »Psychologie du Language«.[17] Viel­leicht hatte er auch in seinem schwedi­schen Exil Kontakte zu der dortigen Emigran­tenszene in der Sprachwis­senschaft; jedenfalls entwickelte er in Schweden seine die naturwissenschaft­liche Erkennt­nis- und Darstel­lungsform relativierende Sym­bol- und Sprach­theorie weiter und stellte jetzt die historisch entwickelten Formen heraus (explizit auch i. S. einer Stil­analyse), s. »Zur Logik der Kulturwissen­schaften«.[18] Zu ei­ner intensiven Auseinan­dersetzung mit der strukturalen Sprachwissenschaft kam er dann auf der Schiffüberfahrt von Schweden in die USA 1941, wo er mit Roman Ja­kobson zusammen rei­ste und die 14 Tage in intensiven fachlichen Debat­ten verbrachte (s. Toni Cas­sirer 1981 [Q]: 282).

Der Kontakt zu der sprachwissenschaftlichen Emigranten-Gruppe blieb nach sei­ner Weitermigration in die USA beste­hen, und so hielt er am 10.2.1945, kurz vor seinem Tod, einen Vortrag im New Yorker Lin­guistenkreis, der postum in Word 1/1946 er­schien (»Structuralism in modern Lin­guistics«, S. 99-120). Hier skizziert er die Einlö­sung des von ihm monierten wissenschafts­theoretischen Defizits der Sprachwis­senschaft, indem er mit bemerkenswert de­taillierten Kennt­nissen den eu­ropäischen Strukturalismus (die US-amerikani­sche Diskussion zitiert er nicht) als logische Konsequenz moderner Wis­senschaftsentwicklung seit den Anfängen im 19. Jhd. rekon­struiert. Explizit gegen die physi­kalistisch-induktive Pro­grammatik gewen­det (die, wie er nicht zu­letzt von seiner Tä­tigkeit in Yale her wissen mußte, das gerade damals in den USA do­minante Pro­gramm war, wie es etwa die damaligen Heraus­geber von Language vertraten) zeigt er, daß seit Husserl ein Neuansatz zu einer metho­dologischen Fundie­rung der Wis­senschaften (hier insbes. auch der Geisteswissenschaf­ten) exi­stiert, der diese auf formale Strukturprinzi­pien bzw. -erforder­nisse grün­det, die empiri­schen Beob­achtungen gegenüber vorgän­gig bzw. invariant sind. Mit Hinweisen auf die Argumentation bei Saussure, Ja­kobson und Trubetzkoy zeigt er recht prä­gnant, daß diese methodi­sche Neuorientierung in der Sprachwis­senschaft mit ihrem Struk­tur- bzw. Systembe­griff ho­molog zu den gleichzeiti­gen ge­staltpsychologischen Entwicklungen ist.

Damit hatte C. die für die meisten Immigranten schmerz­lichen Er­fahrungen der Kon­frontation mit ei­nem aggressiv vorgetra­genen an­deren wissen­schaftlichen Habitus in den USA auf einen be­merkenswert klaren Punkt gebracht. Sein früher Tod hat verhindert, daß er die von daher mögli­che Rolle eines philosophischen Men­tors der Sprachwissen­schaftsdebatte noch hätte spielen können. Indirekt spie­gelt sich eine Auseinan­dersetzung mit der US-amerikani­schen Sprachwis­senschaft in seiner, im Vorwort ex­plizit zur Dankes­geste für die Gastfreund­schaft in Yale erklärten, englischen Kurz­fassung seiner »Symbolischen Formen«:[19] Außer daß er hier ne­ben eu­ropäischen (z.B. Saussure, S. 122) auch Bloomfield, Sapir u.a. anführt (etwa zur Phono­logie, S. 126), tritt hier die »Weltbild«-Argu­mentation i. S. der frühen deutschen Diskussio­nen zurück – da­für betont er umso deutlicher die Potentiale der Sprache als Mit­tel zur »Selbstbefreiung des Men­schen« (S. 228 mit Ver­weis auf Husserl; vgl. in die­sem Sinne jetzt auch die anderen Ak­zente bei der Be­sprechung logi­scher Entwicklungen, etwa zu Carnaps »Logischer Syntax«, S. 128).

In die­sem Sinne sind vielleicht wichtiger noch als C.s di­rekte Stellung­nahmen zu sprachwissen­schaftlichen Dis­kussionen seine systemati­schen wissenschaftstheoreti­schen Grundlegungen, die eine funktio­nalistische Re­konstruktion der Sprachphiloso­phie begründen – die sprachwissen­schaftlich, soweit ich sehe, aber noch nicht rezi­piert sind. Bereits 1910 hatte er in einem Frühwerk die Abhängig­keit der Re­flexions- (und Darstellungs-)Formen von dem Kontext ge­zeigt, in dem sie praktiziert werden – was ihre di­rekte Vergleich­barkeit aus­schließt.[20]  Diesen Funk­tionalismus entwickelte er in seinem ganzen Werk systematisch weiter – zu einem Re­lativismus, der eben auch vorszientifi­sche Denk­formen (Mythen...) als letztlich nicht durch theoreti­sche Gebilde zu ent­werten be­stimmt. Es ist bemerkenswert, wie weit die Über­einstimmung in der Fragestellung (wenn auch nicht in den Antworten!) hier zwischen C. und analytischen Philosophen wie Carnap, Ajdukie­wicz u.a. reicht: So unterschiedlich die Prä­missen ihrer Ansätze sonst waren, so wa­ren sie ein­deutig gegen eine dogmatische Etablierung bestimm­ter Theoriekonstrukte gerich­tet, erst recht gegen den Dogma­tismus ei­ner reklamierten Wahrheit als Abbildung der Re­alität in einer be­stimmten Theorie; sie forderten, be­griffliche Sy­steme strukturell als begriffliche Kon­strukte zu fassen und in Hinblick auf die aus ih­rem Praktizieren er­wachsenen Konsequenzen zu beur­teilen. Die In­kongruenz »exakter« Theorieformen mit bestimm­ten Fra­gen der Sprachanalyse stellte für C. eine Aufgabe (so wie sie für Carnap der Grund eines »Formalisierungsprogramms« für die »natürlichen Spra­chen« war).

In C.s späten Arbei­ten konvergiert dieser relativisti­sche An­satz auch mit der Verarbeitung seiner lebensge­schichtlich prä­genden Er­fahrung mit dem Faschis­mus: die diesen stabili­sierenden Haltun­gen/Denkformen, die er auch als regressive Formation, als »Mythen« sieht, sind von analyti­schen Ent­würfen nicht zu ent­kräften – was die Notwen­digkeit ihrer Bekämpfung umso deutli­cher macht (für ihn nicht zuletzt begründet in seiner Erfah­rung mit dem traumati­sierenden Einbruch des Irrationa­len im ersten Welt­krieg). Emphatisch stellte er diese Perspektive in seinem letzten Werk her­aus: »The Myth of State«:[21] Hier stellt er in Fortführung der Argumenta­tion in den »Symbolischen Formen« nicht nur die gemein­schaftsfundierende Funktion von Mythen heraus (die ih­rerseits nur sprachlich existieren, s.o.), die damit nicht hinter­gehbar sind, sondern er wendet diese Überlegung auf die jüngere Geschichte an, etwa auf den gegen ra­tionale Analyse re­sistenten modernen Rassismus (S. 224 und bes. S. 286). Das 9. Kapitel enthält eine ausführli­che Ana­lyse der Funktions­weise von Sprache im Natio­nalsozialismus: ihre Reduktion auf konnotative Mechanis­men, die für die Akteure einen regres­siven Gebrauchswert haben. Der nationalsoziali­stisch artiku­lierte Mythos kann zur gesell­schaftlichen Gewalt werden, weil die Men­schen sich so »befreit von der Freiheit« fühlen kön­nen (bes. S. 288).[22]  So hatte er früh analysiert, daß die Ver­hältnisse in Deutschland keine Frage vorüberge­hender Er­eignisse waren – daher wei­gerte er sich gegen Kriegsende konse­quent, bei dem von P. Til­lich in­itiierten »Council for a De­mocratic Ger­many« mitzu­wirken (s. Toni Cassirer 1981 [Q]: 324).[23]

C.s Einfluß in den USA war zumindest in der Sprachwis­senschaft so gut wie inexistent (eine Aus­nahme bildet die Auseinandersetzung mit C. bei dem ebenfalls emi­grierten Lenneberg), ob­wohl ihm in der (ohnehin stark auf die euro­päische Tra­dition ausge­richteten) »Library of Living (!) Philoso­phers« von P. A. Schilpp 1949 ein Band gewidmet wurde und die »Philosophie der symbolische Formen« 1953-1957 ins Englische über­setzt wurde. Im romani­schen und skan­dinavischen Europa wird er (bes. seine »Symbolischen For­men«) verglichen mit der Rezep­tion in Deutsch­land zentral gewürdigt: s. etwa den Arti­kel in der ita­lienischen »Enciclopedia filosofica«, Bd.1 (21979); die »Symbolischen Formen« sind ins Französische übersetzt mit einer daran an­schließenden breiten Diskus­sion dort.[24] Vor allem seit der Publikation der gesammelten Werke, hg. von B.Recki (Bd. 1/1998, Bd. 26 [Registerband]/2009, Hamburg: Meiner) sowie des Nachlasses (u.a. der Briefwechsel), hgg. von K.C.Köhnke, J.M. Krois und O.Schwemmer (zuletzt Bd. 18/2009 - aber noch nicht in allen Bänden erschienen) Hamburg: Meiner 1998; bisher bei den veröffentlichten Schriften bis Bd. 25/2007 und beim Nachlaß Bd. 11/2005) setzte eine umfangreiche Rezeption ein, die hier nicht referiert werden kann.[25]

Q: LdS: permanent; BHE; E/J; DBE; Toni Cassirer, »Mein Leben mit E. C.«, Hildes­heim: Ger­stenberg 1981; P. A. Schilpp (Hg.), »The philosophy of E. C.«, La Salle/Ill.: Open Court 1949 (Bibliographie dort S. 885-909); Stammerjohann (1996) (Schlieben-Lange); zum Nachlaß s. Spalek u.a. 1978 und auch J. M. Kreis, »Cassi­rer: Symbolic Forms and History«, New Ha­ven: Yale Univ. Press 1987.



[1] In einigen Quellen fälschlich 13.5.1945.

[2] Hamburg: Friederichsen 1929 – seine Rede zur Verfassungs­feier am 11.8.1928; in ähnlichem Tenor hielt er 1929 wieder als Rektor eine Rede zur Verfassungsfeier. Aber auch im »liberalen« Hamburg stand er mit diesem öf­fentlichen Eintreten für die Republik isoliert, s. B. Vogel, »Anpassung und Widerstand. Das Verhältnis Hamburger Hochschullehrer zum Staat 1919 bis 1945«, in: Krause u.a. 1991: 3-83, bes. S. 21 und 26.

[3] S. dazu Mittenzwei 1989, Bd. 5; Peters 1984: 81-82.

[4] In den philosophischen Richtungsstreitigkeiten erhielt der Disput zwischen C. und Heidegger auf den "Hochschultagen" in Davos 1929 eine geradezu legendäre Bedeutung, zeitgenössisch auch im Feuilleton ausgiebig diskutiert. Dazu mit Verweisen auf die Literatur https://de.wikipedia.org/wiki/Davoser_Disputation

[5] Berlin: Preuß 1899.

[6] Teil I zuerst 1906, II 1907, III 1920, IV postum auf Eng­lisch 1950; Repr. Darmstadt: Wis­senschaftliche Buch­gesellschaft 1971.

[7] 1. Aufl. 1923-1929 im Verlag seines Vetters Bruno Cassirer, Berlin (in dem sonst nur Kunstbücher und "schöngeistige" Literatur erschienen ist); Nachdruck der 2. Auf­lage (1953-1954), Darmstadt: Wissenschaftli­che Buchgesellschaft 1964.

[8] Hg. von J.M. Krois als Bd. 1 der "Nachgelassene[n] Manuskripte und Texte" (Hamburg: Meiner 1995) - im Folgenden angeführt als "Bd. IV". Der Sohn Peter (geb. 1933 in Berlin) ist in Göteborg geblieben, wo er zunächst als Opernsänger tätig war, später Dozent am dortigen Institut für Nordische Sprachen.

[9] In "Bd. IV" betont er mehrfach diese Übereinstimmung, insbesondere mit H. Pleßner, s. z.B. S. 60.

[10] Greifbar auch in den wortgeschichtlichen Problemen: im Griechischen bedeutet schließlich Mythos „(das) Gesagte“ (so insbesondere auch als Bezeichnung für den Inhalt von Tragödien u. dgl.) - im Gegensatz zum  Mystischen (etymologisch zu einer partiell homophonen Wurzel √mu-(s)- "verschließen" [also die Lippen verschließen > schweigen], während Mythos etymologisch nicht transparent ist und in der Regel zu einer lautmalerischen [?] Wurzel √mu- gestellt wird).

[11] Zu gr. apo-phainoo "darstellen", apo-phasis "Darstellung"; s. auch in der gleichen Argumentationslinie Bühlers Sprachtheorie.

[12] Nur insofern zeigt auch ein Werkzeug eine symbolische Form (und damit eine Vorform von Sprache): ein Werkzeug ist definiert durch eine Klasse von möglichen Anwendungen - anders als der situativ gebundene Werkzeuggebrauch von vorgefundenen Gegenständen bei Tieren (IV: 40). Mit dieser Korrektur nahm er einen damals in Sprachursprungsspekulationen gerne bemühten Topos auf.

[13] Systematisch rezipiert er vor allem Bühler, so vor allem auch in seiner Entwicklung des Symbolbegriffs (Symbolisierung und Repräsentation) in Bd. III (explizit so der Hinweis dort, S. 128, Anm.).

[14] »Sprachwissenschaftliche und andere Studien«, Hamburg: Heinrich Augustin 1927.

[15] Repr. zuletzt Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1977 (= 7. Aufl.).

[16] S. etwa Bull. Soc. Ling. 32/1932: 4-5.

[17] Paris: Alcan 1933.

[18] Zuerst Göteborg 1942 – Repr. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1961.

[19] »An Essay on Man«, New Haven: Yale Univ. Press 1944.

[20] Substanzbegriff und Funktionsbegriff : Untersuchungen über die Grundfragen der Erkenntniskritik, Berlin: Cassirer 1910

[21] New Haven: Yale Univ. Press 1946.

[22] Hier bietet sich eine vergleichende Analyse mit den entsprechenden frühen (und demgegebenüber ausgesprochen ambivalenten) Arbeiten von Voegelin an.

[23] Es ist hier nicht möglich (auch aufgrund meiner unvollständi­gen Textkenntnis!) das gesamte Werk von weit über 100 substantiel­len Arbeiten C.s zu würdigen; dazu (und bes. auch zu den hier nicht er­wähnten philosophiegeschicht­lichen Werken) s. etwa H. Noak, »E. C. Zur Würdigung seines Werkes«, in : Z. f. philos. Forsch. 8/1954: 446-455.

[24] Vgl. die Bi­bliographie der Sekundärlitera­tur zu C. von D. P. Verene in: Bull. of biblio­graphy and magazi­ne notes 24/1964: 103-106.

[25] S. dazu die fortlaufend aktualisierte Bibliographie zu C. von C. Richter in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 24/2005, Sp. 400-423 (http://www.bautz.de/bbkl/c/cassirer_e.shtml, Jan. 2009).