Carnap, Rudolf

Geb. 18.5.1891 in Ronsdorf bei Barmen, gest. 14.9.1970 in Santa Monica (Kali­fornien).

 

Studium der Mathematik, Physik und Philoso­phie in Freiburg/Br. und Jena (dort wurde er von G. Frege in die moderne Logik eingeführt); nach einer Unter­brechung durch den Kriegs­dienst Pro­motion in Jena 1921 mit einer Dis­sertation über den Raumbegriff. 1926 habilitierte er in Wien bei Moritz Schlick (1882 - 1936, seit 1922 Professur für Naturphilosophie in Wien), zur Habilitationsschrift s.u.. C. hatte zunächst offensicht­lich frei­beruflich ohne uni­versitäre Anstel­lung gearbeitet (bzw. von elterlicher Unter­stützung gelebt?), dabei aber auf dem Gebiet der Philoso­phie der Na­turwissenschaften und der Lo­gik publiziert. Nach der Habilitation erhielt er eine Stelle an dem Institut von Schlick, von der aus er mit diesem und Neurath den »Wiener Kreis« als philosophisches Diskussionszentrum begründete, mit engem Kontakt zum Berliner Kreis um Hans Reichenbach, mit dem er 1923 eine Konferenz gleichge­sinnter Logi­ker/Philosophen in Erlangen veranstaltete.

In dieser frühen Zeit war C. aktiv in linken politi­schen Krei­sen (im gleichen Umfeld wie Reichenbach, Wittfogel u.a.), allerdings ohne organisatorische Anbindung. Dieser Orientierung blieb er auch zeitle­bens treu: Marx rekla­mierte er öfters in einer Ahnen­reihe der zu beerbenden Aufklä­rer; [1] und noch im Alter von 79 unternahm er einen demon­strativen Solidaritätsbesuch im Ge­fängnis bei inhaftierten linken mexika­nischen Kollegen. [2] 1931 wurde er in Prag a.o. Professor für die Philosophie der Naturwissenschaften an der Deutschen Universität (er konkurrierte dabei mit Reichenbach); diese Stelle nahm er von 1931-1935 wahr.

Als eine der führen­den Gestalten des »Wie­ner Krei­ses« war C. maß­geblich an der Ausarbei­tung des Pro­gramms des Lo­gischen Positivismus betei­ligt (s. bes. seine Habili­tationsschrift »Der logi­sche Aufbau der Welt«); [3] zu­sammen mit Hans Reichenbach gründete er 1930 die wichtigste Zeit­schrift dieser Rich­tung »Erkenntnis« (bis 1940 er­schienen, zuletzt im US-Exil). Seit 1930 hatte er engen Kon­takt zu polnischen Logi­kern, bes. zu Tarski, dessen Metama­thematik (die Formalisie­rung der Theorie-, nicht nur der Ob­jektsprache) seine ei­genen Ansätze zur »Logischen Syntax der Spra­che« ent­scheidend be­einflußte (der Kon­takt zu Tarski be­stand auch später im gemeinsamen US-Exil weiter).

Nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit Wittgenstein ver­schob sich bei ihm (wie generell im "Wiener Kreis") die Akzentsetzung von der neukan­tianischen Erkenntniskritik zu einer Kritik der Form der Explika­tion der Er­kenntnis: die Irra­tionalität der Er­fahrungsdaten ent­zieht sich ihrer Kritik; diese kann nur an der Form ihrer Dar­stellung und Begrün­dung ansetzen. Den argumentativen Rahmen hatte Wittgenstein mit seinem Konzept der (sprachlichen) Repräsentation von Sachverhalten gesetzt: letztlich im Rückgang auf "Elementarsätze" und dann ggf. durch deren wahrheitsfunktionale Verknüpfung. Die frühen Wiener Arbeiten, zu denen insbesondere C.s Habilitationsschrift gehört, waren demgegenüber noch (verbunden mit einer emphatischen anti-metaphysischen Haltung) auf die Suche nach einer letzten physikalistischen Begründung aller wissenschaftlichen Aussagen ausgerichtet, im Rückgang auf experimentell kontrollierbare Aussagen über unmittelbare Eindrücke - den atomar ge­setzten »Protokollsätzen«. C. war damit früh zu einer zentralen Fi­gur der »analytischen« Philosophie geworden, nicht zuletzt auch in der US-amerikanischen Szene: Quine studierte 1932 bei ihm in Prag. [4] Charles W. Morris kam ebenfalls zu einem Gastaufenthalt, aus dem eine lebenslange Verbindung resultierte: über dessen Vermittlung konnte C.1935 in die USA emigrieren und in Chicago (wo Morris lehrte) eine Professur erhalten.

Seit seiner Habilitation arbeitete C. an den Grund­lagen einer »rationa­len« Sprach­theorie, als was er die Logik verstand. Dafür erstellte er systematische Lehrbücher (1929 publi­zierte er einen »Abriß der [formalen] Logik«, den er 1954 im Exil systematisch überarbeitete [auf Deutsch!], 1958 auch in englischer Übersetzung er­schienen: »Introduction to Symbolic Logic and its appli­cations«), [5]mit denen er im­mer umfangrei­chere Bereiche der Sprache »logistisch« rekonstruie­rte, bes. in seinem Hauptwerk der »Logische[n] Syntax der Sprache«, an dem er seit 1929 arbei­tete. [6] Aber schon in den frühen Arbeiten in den USA ging er über die Beschränkung auf syntaktische Konstruktionen hinaus und entwickelte eine formale Theorie für deren Interpretation, systematisch in "Introduction to semantics" [7] , (explizit im Ausgang von den Arbeiten der polnischen Logiker, vor allem Tarski - aber auch in kritischer Abgrenzung von diesen) und daran anschließend dann in Arbeiten zur Modallogik (s. etwa »Meaning and Necessity. A Study in Semantics and Modal Logic«) [8] und zuletzt der Wahrschein­lichkeitslogik, mit der er das in­duktive Schließen bzw. Plausibi­litätsargumente rekon­struieren wollte (s. gemeinsam mit R. C. Jeffrey, »Studies in Inductive Logic and Proba­bility«). [9] 

Mit seinem umfassenden Unternehmen einer theoretischen Fundierung der Sprachanalyse partizipierte C. an dem sprachkriti­schen Elan, der um die Jahrhun­dertwende die Li­teratur genauso wie die Philoso­phie be­stimmte. In diesem Kontext wurde das Programm der for­malen Logik als Antwort auf die von der »grammatischen Syn­tax der natür­lichen Sprachen« möglich gemach­ten Parado­xien bzw. sinn­losen Sätze (»Scheinsätze«) verstanden (so in »Die Überwindung der Metaphy­sik durch logische Ana­lyse der Spra­che«). [10] Für die wissenschaftli­che Praxis schien der Aus­weg in der Konstruk­tion ei­ner symbolisch transparenten Sprache zu liegen, in die alle wissenschaftli­chen Aussa­gen zu übersetzen waren. C. war sich der Gren­zen dieses Pro­gramms immer bewußt: nur eine formal definierte Sprache, deren Formen die Bedingungen für ihren Gebrauch zeigen, löst das Programm einer strikten Kalkülisierung (Rechenhaftigkeit) wissenschaftlicher Argumentation ein. Mit deren Konstruktion wollte er programmatisch an Leibniz anschließen. Dieses Programm war für ihn nur für spezielle Wissenschaftsfelder möglich, denen gegenüber die »natürliche Sprache« (in den frühen Arbeiten sprach er weniger mystifizierend von der »Wortsprache«) aber immer die letzte Instanz zur Begründung und Abklärung der Voraussetzungen bleibt.

In pole­mischen frü­hen Schriften ging C. politisch sensi­bisiert ge­gen obskurantisti­sche Diskurse an, insbes. gegen Heidegger in dem erwähn­ten »Überwindung«-Aufsatz von 1931 (ähnlich vorher schon in: »Scheinprobleme in der Philoso­phie«, 1928); ebenso in »abgeklärteren« späteren Bei­trägen zur Erwei­terung der »Logistik«. Dabei betonte er im­mer die inkongruente Struktur der »Wortsprachen«, deren Form auf andere (nicht wissenschaftliche) Funk­tionen ab­gestellt ist: um als Aus­druck für Le­bensgefühl u.ä. zu dienen; pointiert formu­lierte er seine Kritik an Heidegger denn auch so, daß dessen Argumenation die Unter­scheidung zwischen einem Operator (Negation) und ei­nem interpre­tierbaren Prä­dikat nicht/nichts versäumt - was aber nur zu kritisieren ist, wenn sie ver­suchsweise als wissenschaft­lich genom­men wird - nicht, wenn sie als Ausdruck für ein »heroisches« Lebensgefühl steht; dann ist sie nicht zu kritisieren, sondern nur mit anderen Aus­drucksformen für ein solches Gefühl zu ver­gleichen, etwa Beethovens Sym­phonien; sarkastisch merkte er an, daß Heidegger insofern höchstens eine zu ge­ringe künstleri­sche Begabung nachzusagen ist. [11] 

Systematisch ist C. diese Fragen vor allem in seiner „Logischen Syntax" (1934, s. Anm. 6) angegangen, die eine Metasprache für formal explizierbare Wissenschaften konstruiert (neben der Philosophie in seinem Sinne waren damit aber nur die Naturwissenschaften im Blick). Den Ausgangspunkt bildeten die Ansätze zur Lösung der Paradoxien in den frühen formalen Logiken durch eine Typen-Differenzierung, mit der paradoxe Aussagen durch die Unterscheidung metasprachlicher Prädikate wie „wahr" und „falsch" von objektsprachlichen vermieden wurden. Die theoretische Systematisierung hatte vor allem Tarski unternommen, auf den C. sich stützte. Während aber für Tarski als Mathematiker, für den das Aktual-Unendliche eine rechenhafte Größe war, der unendliche Regreß bei der Konstruktion der fundierenden Metasprachen formal darstellbar war,[12] konnte C. diesen Regreß ausklammern, weil die von ihm konstruierten Metasprachen (für die er die Bezeichnung „Syntax" verwendete) [13] nur eine eingeschränkte Reichweite hatten, da sie in die „Wortsprache" als letzter Metasprache eingelassen waren. Indem er sich auf die Konstruktion einer Metasprache beschränkte, war für ihn auch die systematische Kritik von Wittgenstein an dem logistischen Programm gegenstandslos: schließlich sind dessen "grammatische Sätze" genauso wie "Erfahrungssätze" metasprachlich darstellbar.[14] 

Das kon­struktive logistische Pro­gramm zwang C. allerdings, immer weitere (und damit komplexere) Berei­che der All­tagspraxis/Alltagssprache zu rekon­struieren. Hier setzte auch schon seine Kritik den dem physikalisch ausgerichteten Progamm des frühen Wiener Kreises an, der mit Prokollsätzen als vorgeblich voraussetzungslosen Basiseinheiten operiere: diese sind aber mit physikalisch nicht reduzierbaren konzeptuellen Strukturen artikuliert, die in der Wortsprache (also nicht zirkulär in einem formalen Konstrukt) fundiert sind. Dazu gehören seine Be­mühungen um eine In­duktionslogik, die sich der Einsicht verdanken, daß die formal soviel befriedigendere De­duktion in der wissen­schaftlichen Praxis eben doch nur eine marginale Rolle spielt. Vor allem gilt das für die Modallogik, die er wegen ihrer Unhand­habbarkeit zunächst verab­scheute; [15] s. u. für seine späteren Arbeiten nach dem Weltkrieg.

Zur Sprachwissen­schaft hatte C.ein ambivalentes Verhält­nis. Die Pro­bleme der »natürlichen Spra­che« beschäftigten ihn nicht nur in der Philoso­phie, sondern auch sehr praktisch: er war jugendbewegt in der Espe­rantobewegung aktiv und führte spä­ter noch in seiner »Autobiographie« das »Er­lebnis« der Verständigung in der Hilfs­sprache auf ei­ner großen »Fahrt« als Stu­dent 1922 an. [16]  Im Kontext des Programms einer semiotischen Einheitswissenschaft, wie es in Chicago vor allem Morris vertrat und organisatorisch umsetzte, definierte C. die arbeiteilige Abgrenzung zur Sprachwissenschaft auch sehr explizit: sie ist für ihn ein empirisches Forschungsprogramm, das den Sprachgebrauch ("use") als Gegenstand hat, wie es besonders in der Feldforschung umgesetzt wird. [17] 

Auf der theore­tisch-methodischen Ebene hatte er zunächst neben der (formalen) Philosophie nur die Naturwis­senschaften bei sei­ner formalen Sprachtheo­rie im Blick. Es scheint so, daß er weder in Wien noch in Prag Kontakt zu den theo­retisch arbeitenden Sprach­wissenschaftlern hatte: in seiner Prager Zeit lud ihn zwar der dortige Linguistenzirkel 1935 zu einem Vortrag ein, über den hinaus gab es aber keine weiteren Kontakte (insbesondere nicht von C. aus);[18] und so kommt allein der Name Bühler neben Bréal bei seiner Begründung für den Terminus Semantik in der Einleitung zur »Logischen Syntax« vor (dort S.9). In seinen frühen propagandistischen Beiträgen zur Einheitswissenschaft fehlt ein Hinweis auf die grundlegenden zeitgenössischen Sprachwissenschaftsdebatten - auch da, wo er explizit etwa den US-amerikanischen Behaviorismus als Einlösung seines physikalischen Programms in der Psychologie diskutierte; [19] der sprach»nächste« Problembe­reich, den er hier disku­tierte, ist die Grapho­logie, die er physi­kalistisch reformulierte. [20] 

C. hatte sich schon früh mit dem Gedanken der Emigration getragen, und sich auch vergeblich um Stipendien bemüht - vielleicht auch vor dem Hintergrund seiner zunehmend größer werdenden Differenz zu den Wiener Fachvertretern, aber eben auch auf der gleichen Weise wie andere Wiener, die damals Gastaufenthalte in den USA unternahmen - von Schick bis Bühler.[21]  Die Auswanderung in die USA glückte 1935 - jetzt auch vor der drohenden faschisti­schen Ver­folgung: als politischer Gegner, nicht als potentielles Op­fer. Maßgeblich war dafür die aktive Unter­stützung durch prominente ameri­kanische Kollegen, die C. wie ins­bes. Ch. Morris und W. V. Quine, schon aus der Prager Zeit kannte (Quine trainierte schon vor C.s Auswanderung brieflich mit ihm dessen englisch­sprachige In­tegration). [22]  Bis 1952 hatte er eine Pro­fessur für Philosophie an der Univer­sität Chicago, zeit­weise war er auch in Harvard. Allerdings ist sein Wirken in den USA keineswegs einfach als Erfolgsgeschichte zu verbuchen.  [23]  Einerseits entfal­tete C. in den USA wieder die glei­chen organisatorischen Fähigkeiten wie vorher in Wien/Prag: er reorganisierte ge­wissermaßen den alten Wien-Berliner Kreis (der bis 1939 weitge­hend emigriert war) und hielt enge Verbindung zu den ebenfalls emigrier­ten pol­nischen Logi­kern, ins­besondere zu A. Tarski. Schon in Wien/Prag war er mit Otto Neuraths mo­numentalem Projekt einer »Enzyklopädie der Wissen­schaften« in Verbindung ge­wesen, das den An­spruch der französi­schen Enzyklopä­die des 18. Jhdts. neu auflegte. In Chi­cago wurde das Unter­nehmen von C. und Neurath gemeinsam mit Ch. Morris seit 1936 konkret in Angriff genommen: seit 1938 erschien es unter der Gesamt­leitung von Morris als »Internatio­nal Encyclope­dia of Uni­fied Science« [24] (bis heute nicht endgültig abgeschlos­sen). [25] Den Hinter­grund für dieses Un­ternehmen bil­deten die von C. mitorganisier­ten internationalen Kongresse der Einheitswis­senschaft (Prag 1929, Kö­nigsberg 1930, Paris 1935, Cambridge/Mass. [Harvard] 1939) [26] und die entsprechen­den Sektionen auf den Philosophie­kongressen (s. etwa C.s program­matischen Vor­trag von 1935 »Einheit der Wis­senschaft durch Einheit der Sprache«). [27] 1941 wurde er in den USA eingebürgert. 1952-1954 war er Professor in Princeton, danach bis zu sei­nem Tod in Los An­geles (als Nachfol­ger von Reichenbach).

Aber in der US-Philosphie blieb C. ein Fremdkörper: nicht nur bei den überwiegend sehr konservativ (z.T. auch regelrecht theologisch ausgerichteten) dortigen Fachvertretern, an denen er auch institutionell mehrfach scheiterte, sondern auch bei denen, die seine Einwanderung als Verstärkung der "analytischen Philosophie" begrüßt und unterstützt hatten. Diese stießen sich an C.s Programm einer radikal formalen Analyse der philosophischen Argumentation, der sie die Ausrichtung auf eine praktische Philosophie entgegenstellten. Das gilt so z.B. für Ernest Nagel (1901 - 1985, im übrigen selbst ein slowakischer Immigrant von vor dem ersten Weltkrieg), aber auch, wenn auch wissenschaftstheoretisch anders gelagert, für Quine. Noch deutlicher war der Gegensatz zu Morris, der letztlich nach einer biologistischen Fundierung der "Semiotik" suchte. In seinen ersten Arbeiten in den USA hatte C. noch eine Art Harmonisierung seines Unternehmens mit deren "realistisch" ausgerichteten Ansätzen versucht, indem er die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke auf ihre empirische Überprüfbarkeit zurückführte.[28]  Aber letztlich war das für ihn eine Sachkgasse, gegen die auch schon seine frühen Wiener Arbeiten standen, in denen er die physikalistisch nicht-reduzierbaren Grundstrukturen sprachlicher Artikulation angegangen war.[29]  

C.s Arbeiten markieren recht deutlich den Hori­zont für die Heraus­bildung der gegenwärtig do­minanten formalen Grammatiktheo­rie, auf deren Ausbildung (»Generative Gramma­tik«) er mittelbar über Bar-Hillel großen Einfluß genommen hat, s. u. Vor allem seine »Lo­gische Syntax der Spra­che« läßt sich als Programm einer forma­len Grammatiktheorie lesen, wie sie seit­dem herrschende Lehre geworden ist: die theoretische Explika­tion ist an eine formale Modellierung gebun­den, die zwar nur in Fragmenten der »natürlichen« Sprache inter­pretiert werden kann, aber gewisser­maßen durch die Erweiterung des Mo­dells sich einer systemati­schen Rekonstruktion als ihrem Grenz­wert nä­hert. Dabei erfolgt die Mo­dellierung strikt konstruk­tivistisch nach der axiomatischen Me­thode: als Prämissen bzw. An­fangsbedingungen wird mit For­mationsregeln festge­legt, was als (»syntaktisch«) wohlge­formte Sätze zu gelten hat; mit einem Induktionsschema ist daraus dann rekursiv die Menge aller Sätze der Sprache ab­zuleiten (C. sprach hier von »folgern«) - das leisten die »Umformungsre­geln« (in der englischen Übersetzung: »transformation rules«).  [30] 

In der sprachwissenschaftlichen Umsetzung mündete C.s „Logische Syntax" so in ein extensionales Sprachkon­zept als Menge aller rekursiv charakterisierba­ren Sätze einer Sprache; die Grammatik wird auf diese Weise auch kalkülisiert, d.h. als Beweisverfahren verstanden, mit dem für jeden sprachlichen Ausdruck entschieden werden kann, ob er ein Ausdruck der durch die jeweilige Grammatik definierten Sprache ist oder nicht. Das führte zu einem radikalen Bruch mit der philologischen ebenso wie opera­tionalen Tradi­tion der Sprachwissenschaft; bis in Detail­konzepte (etwa der Zerle­gung der Satzmengen in die Prä­missen der primitiven Ba­sisstrukturen und die daraus abzu­leitende unend­liche Menge der Folgesätze [Transformate]) liegt es der neue­ren Grammatik­theorie zugrunde (für einen knap­pen Abriß der entsprechenden theoreti­schen Modellierung bei C., s. die »Introduction«, in der Ausgabe von 1958: 78 ff). C. hatte insofern die Blaupause für die konstitutive Annahme des generativistischen Unternehmens (zumindest in dessen frühen Jahren) geliefert: für die Annahme der Autonomie der Syntax in der Sprachreflexion. Aber C. hat die­ses Konzept nie auf die »natürliche Sprache« als Ob­jektbereich bezogen (so ist z.B. auch der An­wendungsteil der »Introduction« auf die Mathe­matik und Physik beschränkt, ohne je­den Hinweis auf die da­mals ja schon ein­setzenden formalen grammatik­theoretischen Arbeiten).

Für die neueren Ent­wicklungen sind C.s seman­tische Grenzerweite­rungen seiner Logistik, die ihm die Ein­sicht in Schwierigkeiten bei deren Anwendung abtrotzte, pro­duktiv ge­worden, vor allem sein Auf­satz »Meaning Postu­lates«. [31] Damit setzte er seine frühe Kritik an der Vorstellung atoma­rer Pro­tokollsätze fort, bei denen der auf ih­nen auf­bauende Kal­kül nur mit logischen Verknüpfungs­operationen ope­rieren sollte. Demgegenüber mußten die darin eingehenden semantischen Beschrän­kungen durch die deskriptiven Terme expliziert werden (in der »Logischen Syntax« firmieren sie noch einfach als Konstanten). C. skizzierte damit eine lexikali­sche Semantik als relationa­les Netz der Beziehungen, die Aus­sagen mitein­ander verknüpft, in denen diese Terme eingehen - in Form von aufzuli­stenden »Bedeutungspostulaten« für diese deskriptiven Aus­drücke. Diese Idee ist für die neuere for­male Seman­tik grundle­gend. Wie mit diesem Aufsatz hatte C. in der Nachkriegszeit sein Forschungsprogram schließlich doch systematisch in Richtung auf die Analyse der „natürlichen Sprachen" erweitert (diesen Terminus benutzte er seitdem auch). Letztlich war das für ihn eine Notwendigkeit, um diese als letzte metasprachliche Instanz analytisch in den Griff zu bekommen. Systematische Überlegungen dazu stellte er in „Meaning and synonymy in natural languages" an,  [32] wo er das dafür notwendige offene intensionale Konzept der Bedeutung entwickelt, bezogen auf mögliche Interpretationen eines Ausdrucks im Gegensatz zur extensionalen denotativen Bedeutung (die neuere formale Semantik ist ihm darin gefolgt).

Insofern hat C. hat unfreiwillig tatsächlich eine grundlegende Rolle in der mo­dernen Sprachwis­senschaft ge­spielt, wobei die ent­sprechende Rezeption ihn ge­wissermaßen ge­gen den Strich gebür­stet hat. Eine Schlüsselrolle spielte dabei sein zeitweiliger Mitar­beiter Bar-Hillel, der C. eine ge­wisse Kurzsichtigkeit vor­geworfen hat. [33] Bar-Hillel hat ausgehend von C.s Arbei­ten einen be­trächtlichen Einfluß auf die Entwick­lung von Chomskys Konzeption und die mathemati­sche Lin­guistik insgesamt genommen (er arbei­tete in den 50er Jahren am MIT, s. bei ihm). C. selbst hat aber seine Skepsis bewahrt, daß die Wortsprachen aufgrund ihrer Komplexität ei­ner For­malisierung praktisch nicht zugänglich sind - wobei diese Komplexität (zu der es gehört, daß in den Wortsprachen eben auch paradoxe Sachverhalte formulierbar sind) gerade ihre Leistungsfähigkeit ausmacht, nicht zuletzt eben auch als letzte Metasprache für formale Kalküle. Das widerspricht nicht dem grundsätzlichen Anspruch einer formalen Durch­dringung auch dieses Gegenstandsbereiches und auch nicht dem Bemü­hen, für be­stimmte Teil­bereiche eine for­male Modellie­rung zu ver­suchen: als Abbildung der formal definierten Syntax auf einen Teilbereich des sprachlichen Beobachtbaren - aber darin liegt keine Theorie der (Wort-) Sprache (s. C.s Antwort auf Bar-Hillel, Schilpp 1963 [Q] S. 940-944).

In dieser Hinsicht war C. zeitlebens konsequent. In gewisser Weise findet C.s Position in der Entwicklung der Generativen Gramma­tik eine Bestätigung, wenn diese in ihren jüng­sten Spielarten den An­spruch der Formalisierung im C.schen Sinne gänzlich aufgegeben hat. Das gibt seiner Skep­sis im nachhinein Recht - mit der Implikation, für die Sprachwissenschaft eine eigene Methodologie auszuarbeiten. Lag C. so in gewisser Weise fachlich quer zu dem, was u.U. sogar mit Bezug auf ihn vertreten wurde, so gilt das genauso für sein Leben als Emigrant: im Laufe der Jahre wurde für ihn die Erfah­rung kultureller Fremdheit und »Unangepaßtheit« an die konformisti­sche US-amerikanische Gesell­schaft wohl auch immer deutlicher (s. Autobio­graphie, S. 39).[34] 

 

 Q: P.A. Schilpp (Hg.), »The Philosophy of Ru­dolf Carnap«, La Salle, Ill. : Open Court 1963, darin bes. Carnap »Intellectual Autobiogra­phy«, S. 3-84; R. C. Buck/R. S. Cohen (Hg.), »In Me­mory of Ru­dolf Carnap«, Dordrecht: Rei­del 1971 (= Akten der Tagung der Phi­losophy of Science Associa­tion, 1970); BHE; Poggen­dorff, Bd. VII a; W. Essler in DBE 2005; C. Limbeck-Lilienau, R.C. und die Philosophie in Amerika. Logischer Empirismus, Pragmatismus, Realismus, in: F. Stadler (Hg.), Vertreibung, Transformation und Rückkehr der Wissenschaftstheorie. Am Beispiel von R.C und Wolfgang Stegmüller, Wien: LIT 2010:85 - 163. Hin­weise zum Nachlaß in Spalek u.a. 1978; der Nachlaß ist zum großen Teil elektronisch zugänglich über die Universität Pittsburgh: http://www.library.pitt.edu/libraries/special/asp/carnap.html (Jan. 2009).

 

 


[1] S. etwa Erkenntnis 3/1932-3: 110.

[2] Buck/Cohen 1971 (Q): 18*-19*.

[3] Zuerst Berlin: Meiner 1928, Neuauflage Hamburg: Meiner 1961.

[4] S. die Samm­lung persönlicher Erinne­rungen an C. in der Gedenkschrift Buck/Cohen 1971 (Q).

[5] New York: Dover.

[6] 1934 in Wien erschienen; 2. Aufl. Wien usw.: Springer 1968.

[7] Cambridge, Mass.: Harvard univ. pr. 1942

[8] Chicago: Univ. Press 1947.

[9] Berkeley usw.: Univ. of Calif. Press 1971.

[10] In: Erkenntnis 2/1931: 219-41, hier 227.

[11] In: Erkenntnis 2/1931: 240.

[12] Das begründete die Differenz zu den intuitionistischen Logikern, s. hier bei Freudenthal.

[13] Insofern kann der Terminus Syntax im  Titel sprachwissenschaftlich in die Irre führen - nicht anders als es später bei Chomskys „Theorie der Syntax" der Fall war.

[14]  Gerade weil er sich ansonsten explizit auf Wittgenstein beruft, geht er in der "Logischen Syntax" ausführlich auf dieses Argument ein, s. dort S. 208 - 210 und auch schon grundlegend beim Aufbau seiner Syntax S. 46.

[15] S. Quine in Buck/Cohen 1971 (Q): 254.

[16] Im übrigen eines der Momente, die ihn in einen heftigen Gegensatz zu Wittgenstein brachten, für den Kunstsprachen wie Esperanto ein Unding waren. Es bleibt noch genauer zu recherchieren, wieweit das auch zu W.s Weigerung beitrug, sich mit C. in dessen Wiener Zeit zu treffen.

[17] Explizit so in "Semantics" (1942), wo er die "linguistics" in der Morris'schen Systematik der pragmatics subsumiert und mit Beispielen aus dem Eskimo aufwartet (z.B. dort S. 13). In der Systematik der Argumentation läßt sich das mit Chomskys späterer Abgrenzung des theoretisch modellierbaren Gegenstands der Sprachwissenschaft als competence gegenüber der so ausgegrenzten performance vergleichen - mit einer allerdings verschobenen disziplinären Grenzlinie.

[18] S. dazu Ehlers (2005).

[19] S. »Psychologie in natürlicher Sprache«, in: Erkenntnis 3/1932-1933: 107-142.

[20] a.a.O.: 130-136.

[21] Bereits 1923 reiste C. ein erstes Mal in die USA, damals allerdings verbunden mit einer Weiterreise nach Mexiko, wo sein damaliger Schwiegervater lebte (von seiner ersten Frau, mit der er immerhin auch vier Kinder hatte, wurde er 1929 geschieden). Seine zweite Frau Elisabeth Ina Stöger studierte in Wien Philosophie und wollte wohl auch in Modallogik promovieren. Sie vollzog mit ihm nach der Heirat 1933 alle weiteren Stationen und tippte auch seine Manuskripte (ohne daß C. sie in seinen autobiographischen Notizen als Wissenschaftlerin erwähnt); 1964 nahm sie sich das Leben. Für die hier angesprochenen biographischen Zusamenhänge stütze ich mich vor allem auf Limbeck-Lilienau (Q).

[22] So Coser 1984: 298-306, der C.s Karriere in den USA unter dem Ti­tel »A Success Story« darstellt. Die folgenden Hinweise stützen sich wieder auf Limbeck-Lilienau (Q).

[23] S. Buck/Cohen 1971 (Q): 24*.

[24] Chicago: Chicago UP.

[25] S. dazu Ch. Morris, »On the History of the International Ency­clopedia of Unified Science«, in: »Lo­gic and Lan­guae« (FS Carnap), Dordrecht: Reidel 1962: 242-246.

[26] An diesem Kongreß nahmen eine ganze Reihe sprachanalytisch engagierter Emigranten teil, s. hier GoldsteinJaegerKorsch.

[27] In: Trav. 9ème Congrès Intern. d. Philos., Paris 1935 (1937, Bd. 4: 51-57).

[28] S. vor allem "Testability and meaning", in: Philosophy of Science 3/ 1936: 419-471 und 4/ 1937: 1-40.

[29] In diesen frühen Arbeiten spiegelte sich im übrigen auch C.s Rezeption gestaltpsycholo­gischer Arbei­ten - nicht anders als bei K.Bühler (ohne allerdings daß C. das explizit angesprochen hätte).

[30] Das zumindest in der Frühzeit der Generativen Grammatik gängige psychologistische Mißverständnis der Architektur von "Tiefen- vs. Oberflächenstruktur", die einen prozessualen Umbau (die "Transformationen") erfordert, macht in C.s Denkmodell ohnehin keinen Sinn. Seine Transformationen resultieren aus einer ökonomischen Architektur der Metasprache ("Syntax" in seinem Sinne), die die Definition einer großen (unbegrenzten) Menge von Ausdrücken einspart, weil für deren Eigenschaften die Folgerungsbeziehung gilt, daß ihre Geltung als Ausdrücke der defnierten Syntax mit den durch die Formationsregeln definierten Ausdrücken notwendig mitgegeben ist - Folgerungsbeziehungen sind relationale Strukturen: sie haben keine Zeit.

[31] In: Philos. St. 3/1952: 65-73, auch wieder abge­druckt in der erweiterten Neuauf­lage von »Meaning and Neces­sity«.

[32] In Philos. Stud. 7/ 1955: 33 - 47 (repr. in der erweiterten Neuauflage von „Meaning and Necessity"156: 233 - 247).

[33] S. bes. dessen »Remarks on Carnaps ›Logical Syntax of Lan­guage‹« in dem Band von Schilpp 1963 (Q): 519-544.

[34] Auch hier bestätigte sich bei ihm, was auch die anderen erfuhren, die damals in den USA waren, die aber wie z.B. Schlick daher auch eine Emigration ausschlossen, s. die in dieser Hinsicht tragische Parallele bei K.Bühler.