Bremer, Otto

geb. 22.11.1862 Stralsund, gest. 8.8.1936 Halle / S. 

 

Abitur 1881 in Stralsund, danach Studium der Germanistik und der vergl. Sprachwissenschaft in Berlin, Heidelberg und Leipzig. 1885 Promotion in Leipzig mit einer lautgeschichtlichen Dissertation (zu den germanischen Weiterentwicklungen des idg. ē). 1888 Habilitation an der U Halle mit einer Arbeit zur friesischen Mundart auf Amrum. Seine weitere Laufbahn ist offensichtlich durch fachinterne Konflikte in Halle bestimmt (s. Solms, Q): 1899 wurde ihm nur formal der Professorentitel verliehen, erst 1904 wurde er (beamteter) a.pl. Prof.; erst 1928 wurde er ord. Prof.,  faktisch gleichzeitig mit der Emeritierung. 1935 wurde ihm als „nichtarischem Professor“ die Lehrbefugnis entzogen.

B.s Arbeitsschwerpunkt lag bei der phonetischen Forschung und Dokumentation der gesprochenen Sprache. Dem entsprach auch nach 1918 die Umdenomination seiner Venia von „Germanischer Philologie“ zu „Phonetik und allgemeiner Sprachwissenschaft“, später mit dem Zusatz „deutsche Mundartkunde“. Der Niederschlag davon ist die von ihm hg. „Sammlung kurzer Grammatiken deutscher Mundarten“ (9 Bde, 1893 – 1926) und auch das von ihm 1910 in Halle gegründeten „Schallarchiv“. Hier nahm er eine dezidierte Position ein, vor allem auch in expliziter Kritik an dem großen „nationalen“ Unternehmen des „Deutschen Sprachatlas“ in Marburg, das für ihn aufgrund der dort erhobenen Laien-Umschriften wissenschaftlich nicht haltbar war. Er forderte (und praktizierte) eine strikt phonetische Notation, deren Grundlagen er auch in Heft 1 seiner „Sammlung“ (1893) darlegte. Erst von einer so kontrollierten Darstellung aus ging er die Analyse an: mit der Beobachtung von Variationen in einer Sprachgemeinschaft (Differenzen zwischen den Generationen) und auch historischen Faktoren (bis zurück zu den angenommenen germanischen Stammesgliederungen).

B. war nationalkonservativ engagiert, u.a. im „Deutschen Sprachverein“. Von dieser Position aus nahm er auch zu sprachpolitischen Fragen in seinem engeren Arbeitsfeld des Niederdeutschen und Friesischen Stellung – gegen Bemühungen, für diese eigene Schriftsprachen zu etablieren; dergleichen lief für ihn auf unzulässige anachronistische Konkurrenzunternehmungen zur hochdeutschen Schriftsprache hinaus: deren Orthographie mußte insbesondere auch die Matrix für die Mundartliteratur sein, mit Lizenzen für die dialektale Variation bei den Autoren. Während des Ersten Weltkriegs betrieb er extensive Vortragsaktivitäten in „Soldatenheimen“ mit deutschnationalen Themen, die auch über sein enges Forschungsgebiet hinausgingen. Nach 1918 war er in diesem Sinne politisch exponiert in den Konflikten um die deutsch-dänische Grenzziehung in Schleswig aktiv.

Q: O. Basler in: NDB; H.-J. Solms in: Stengel (2013): 42 – 51.