Benjamin, Walter

Geb. 15.7.1892 in Berlin, gest. (Freitod) 26.9.1940 in Port-Bou (Östl. Pyre­näen, F.).[1]

 

B. war »unabhängiger Forscher und Schriftstel­ler« (Selbstbe­zeichnung, s. VI: 220),[2] der seine jüng­ere Auf­merksamkeit der literaturwissenschaft­lichen Rezep­tion ver­dankt. Bei ihm gibt es aber Gründe, sein Werk auch als Beitrag zur Sprachforschung zu sehen (noch mehr als bei den hier aufgenom­menen anderen Vertre­tern der Kritischen Theorie Korsch, Marcuse).

B. studierte nach dem Abitur 1912 in Berlin, Frei­burg/Br., Mün­chen und Bern mit dem Schwerpunkt Phi­losophie. 1919 pro­movierte er in Bern mit einer Disser­tation zur philosophi­schen Ästhetik (I: 7ff.); diese Arbeit führte er in gewis­ser Hinsicht mit litera­turgeschichtlicher Akzentuierung in seinem Hauptwerk »Ursprung des deutschen Trauerspiels« (I: 203-430) fort, mit dem er 1925 vergeb­lich versuchte, in Frankfurt für germanistische Literaturwis­senschaft zu ha­bilitieren;[3] B.s esoterische Schreibe schien der Kommis­sion mit den Aufgaben ei­nes Hoch­schullehrers un­verträglich (s. dazu I: 868-902 und VI: 771-773, dort ein Beleg für die indi­rekte Mitwirkung von A. Gelb an diesem Verfah­ren). Die Aus­richtung auf Literaturwissenschaft, wie sie B. auch in sei­nen in diesem Zu­sammenhang verfaßten Lebensläu­fen heraus­stellt (s. Le­benslauf I-IV, VI: 215-222), war ein strategi­sches Zugeständ­nis: B. sah in einer germanisti­schen Habili­tation bzw. Dozenten­laufbahn die ein­zige Chance, sei­nen öko­nomischen Proble­men einigermaßen zu entkom­men – Be­mühungen um eine philosophische oder so­ziologische Ha­bilitation, die seinen breiteren Interes­sen entsprochen hätten, wa­ren zuvor ge­scheitert bzw. er­schienen ihm aus­sichtslos (bzw. fi­nanziell nicht durch­führbar).

Damit mußte er aber auch die Reali­sierung sei­nes sprachtheoreti­schen Projektes zurückstel­len, das ihn seit seinem Studium be­schäftigte und das er zunächst aus­drücklich als Habilitations­schrift plante (s. die Vorarbeiten VI: 9 f., bes. 21-22). Aus­gangspunkt sind für ihn die mystischen Sprachvorstellungen der re­ligiösen Überlieferung, bes. in der Ge­nesis (obwohl praktizieren­der Jude konnte B. kein He­bräisch und be­zieht sich auf späte, vor allem deut­sche Übersetzun­gen; über seinen Studien­freund Scho­lem erhielt er allerdings Zu­gang zur jüdischen My­stik).[4] Eine frühe Ausar­beitung »Über Sprache über­haupt und über die Sprache des Men­schen« (1916 – erst postum publiziert, II: 140-157) ist geradezu als Interpretation zu den entsprechenden Ab­schnitten der »Genesis« angelegt: In der Sprache (dem Benannt­sein) kommt das Wesen der Dinge zu sich - das gilt so aber nur für die eine (»reine«) Spra­che der Schöpfung, an der der Mensch nur im paradiesi­schen My­thos partizipierte.

Empirischer Ge­genstand der Sprachreflexion ist die Viel­heit der Sprachen, in die B. melancho­lisch die Trauer über das nicht mehr reine Be­nanntsein der Dinge funda­mental einge­schrieben sieht (hier ist auch einer der Ausgangspunkte für sein »Trauerspielbuch«: Sprache hat ihre grundlegende Be­stimmung in der Klage, vgl. II: 138). Diese Denkfi­gur ist für B. Anlaß für weitgehende semiotische Überlegungen. Er be­schäftigt sich mit der logischen Theorie der Namen und dem lo­gischen Kalkül Russells (s. VI: 9-15), da ja Kal­külsprachen vorgeb­lich auch dazu dienen sollen, die Vielheit der natürli­chen Spra­chen (in Analogie zu B.s Rede von der »menschli­chen Sprache«) zu überwinden. Das Ver­hältnis von Sprache zu Mathe­matik erhielt für ihn dadurch eine Schlüs­selrolle bei dieser The­matik: einerseits schienen sich »reine Sprache« und per Abstrak­tion »gereinigter« mathemati­scher Kalkül zu entsprechen - anderer­seits sind die reine Sprache, in der das We­sen der Dinge im Namen »zu sich kommt«, und mathema­tischer Kalkül, als begriffliche Ar­beit und inso­fern nur approximativer Weg zur Erkennt­nis, polare Gegensätze; s. in diesem Sinne auch seine spä­teren Notizen zur Überarbeitung dieser frühen Schrift in VII: 785-791.

Seine Überlegungen sind recht assozia­tiv, z.T. auch ver­blüffend.[5] Fol­gerichtig von seinen my­stischen Prämis­sen aus ist die Ge­nese des Ur­teils und damit der Prädi­kation im Akt des Sün­denfalls zu sehen, der in der Anma­ßung eines Ur­teils (über Gut und Böse) besteht, also dem Heraustreten aus dem reinen Zu­stand des wesen­haft Nen­nens (s. IX: 154). Die theoreti­sche Fundierung der lo­gischen Kalküle (deren praktischer Sinn für ihn nicht zur De­batte steht!) ist ein konventionalisti­sches Sprach­verständnis, das das Wahr­heitsproblem als ein vorder­gründiges Abbild­verhältnis (re-)konstruiert und so die existenti­elle Grundbestimmung von Spra­che eskamo­tiert (vgl. II: 150). Re­flexion auf Sprache muß demge­genüber von dem ausgehen, was sich in Sprache zeigt, also in deren Vielheit. Ist diese als Negation der einen, reinen Sprache zu be­greifen, so ist deren Nega­tion, der Weg der Wahrheit, nur prak­tisch zu erlangen – durch die Überset­zungsarbeit (II: 152).

Sind die mystischen Prämissen in B.s Werk auch nie ver­schwunden (vgl. etwa deutlich: Wahrheit ordnet sich »konstitutiv« zum Schweigen, Lüge zur Rede, VI: 64), so un­ternimmt er doch den Ver­such, sie in ihren Konsequen­zen in der Aus­einandersetzung mit em­pirischen Problemen aus­zutesten. Wichtig war dafür, daß er ge­rade von seinem Aus­gangspunkt bei der reli­giösen Über­lieferung für seine sprachtheoretischen Be­mühungen das besondere Verhältnis von Sprache und Schrift immer mitzureflektieren hatte. In diesem Sinne hatte er sich in seinem Studium auch recht breit umge­tan – z.B. in München mit Studien zur Maya-Schrift (bzw. zur aztekischen Mythen-Überliefe­rung) bei dem Amerikanisten Leh­mann (s. Scholem 1975: 47).

Von offensichtlich entscheidender Bedeutung war sein Studium bei Ernst Lewy in Berlin, wie er in einem späte­ren Lebens­lauf, der nicht mehr taktisch auf die sprach­wissenschaftliche Sensi­bilität germanistischer Literaturwissenschaft­ler Rücksicht nahm, schreibt (s. Le­benslauf VI von 1939/1940, VI: 225-228). Lewy brachte ihn zu einer gründlichen Auseinandersetzung mit Hum­boldt, von des­sen sprachtheoretischen Schrif­ten er Mitte der 20er Jahre einen Aus­wahlband vorbe­reitete (und dar­über auch mit Lewy Kontakt hatte, s. VI: 26 und 648-651); vor allem aber ermög­lichten Lewys sprachtypo­logischen Überlegungen ihm, die Ein­seitigkeit seiner Namentheorie anzugehen: das, was er zu­vor nur als Ver­fallserscheinung faßt, die syn­taktische Struktur der Sprachen (des »Urteils«), sieht er jetzt als ihr Spezi­fikum. Am weitesten vor­angetrieben hat er seine sprach­theoretischen Überle­gungen in dieser Richtung in seinem Auf­satz »Die Aufgabe des Übersetzers« (1923 als Einlei­tung zu seinem Band mit Baudelaire-Übersetzungen er­schienen, IV: 9-28). Im An­schluß an Humboldt betont er hier die kulturelle Arbeit an Sprache in der Schrift/Literatur, die die sprach­lichen Poten­tiale entfal­tet: Damit ist ein Bezug auf an­deres, das in Spra­che Gemeinte, ge­geben, das eine Bewertung von Überset­zungen erlaubt; wo das nicht der Fall ist, bei der un­mittelbaren (mündlichen) Kommunikation, ist die sprach­liche Form an die soziale Besonderheit der Gemein­schaft gebunden, ist Übersetzung im strik­ten Sinne nicht mög­lich (IV: 20). Lewys Einfluß ist deutlich bei der Art, wie er hier die Ba­sis für die Übersetzbarkeit in Gemein­samkeiten der Sprachen sieht (verschiedene Sprachen als ver­schiedene Arten sich auszudrüc­ken, IV: 18) – wobei die typo­logischen Entsprechungen vor allem in der Syn­tax für den Über­setzer wichtig sind.

Die Kontakte zu Lewy waren auch auf der persön­lichen Ebene zunächst sehr eng. Lewy war auch als Mitarbei­ter an B.s ge­plantem Zeitschriftenprojekt vorgese­hen, für deren ersten Band er eine Dis­kursanalyse der Wilhelmini­schen Gesell­schaft beisteuern sollte.[6] Vor al­lem aber unter­stützte Lewy B.s sprach­theoretisches Habilitations­projekt – und es ist wohl kein Zu­fall, daß das per­sönliche Zer­würfnis zwischen beiden (für das Scholem Lewys Frau die Schuld gibt!), mit der von Scholem diagno­stizierten Wende in B.s Denken vom systemati­schen zum kommentie­renden zusammenfällt.[7]

Einen gewissen, wenn auch indirekten Abschluß fanden diese Überle­gungen in der genannten Ha­bilitationsschrift. Als li­teraturwissenschaftliche Ar­beit bemüht sie sich, Grundstruk­turen des Barockdra­mas herauszu­arbeiten, in genauer Auseinander­setzung mit den Quel­len, gegen eine anachroni­stisch-normative Literaturgeschichts­schreibung ge­richtet, ge­nauso wie ge­gen eine histo­risch leere Form-(Gattungs-)Ana­lyse. In­direkt ver­sucht die Arbeit aber das sprach­theoretische Projekt umzusetzen: Die analy­tische Schlüssel­figur ist die Allego­rie, die B. als sprachliche Grundkatego­rie entwic­kelt, gegen eine konven­tionalistische Zeichentheo­rie, die Bezeich­nendes und Be­zeichnetes (sic bei B.) nur äußer­lich verknüp­fen, und bes. auch gegen ein kommu­nikativ reduziertes Sprachver­ständnis. An der Alle­gorie zeigt sich Sprache als Ausdruck: In ihr drückt sich (in ein­zelsprachspezifischer Weise) ein Inhalt aus, der nicht assozia­tiv mit den Zeichen ver­knüpft ist und auch nicht durch begriffli­che Schlußoperationen er­schlossen wer­den muß, son­dern der, wenn er er­faßt wird, »jäh« ge­geben ist (er wen­det sich explizit ge­gen eine Fundierung des Ver­stehens in einer ge­lernten sozialen Praxis, I: 219).

Das Einleitungskapitel (das vor allem die Be­fremdung der Gutachter im Habilitationsverfah­ren provo­zierte), ent­wickelt diese mystische Sprachtheorie relativ ausführ­lich. Der Aus­druck (hier die Allego­rie) steht also auf der Linie seiner früh entwic­kelten »Namen­theorie«. Auf der anderen Seite steht, von ihm an den Texten genau diagnostiziert (eben auch mit sprachana­lytisch-formaler Genauig­keit: etwa zur Wortbil­dung I: 236, zur Formulie­rung der Titel, I: 376ff. u.a. mehr), die Stereotypisie­rung der Aus­drucksformen, de­ren Am­bivalenz er als Hiero­glyphen faßt (bes. I: 376-377): einer­seits als Er­starrung des Ausdrucks, die die analytischen Poten­tiale der Spra­che/Schrift ausschaltet (hier mit deutli­chen Anklän­gen an Humboldt, vor allem auch, was die explizite Anwendung dieser Überlegung auf die Schrift be­trifft), anderer­seits (bzw. gerade dadurch) eine Sa­kralisierung der Sprache be­wirkt (aus Briefen B.s wird deut­lich, daß er den Problemen der Schrift eigent­lich ein ganzes Schluß­kapitel hatte wid­men wol­len).

In einigen Passagen der Arbeit wird aber eine Ambi­valenz ge­genüber seiner platonisch-mysti­schen Sprachauffassung deut­lich: soziale Struk­turen werden nicht durchweg aus­geklammert (er wirft ja gerade der damals herrschenden Litera­turgeschichtsschreibung ihre Igno­ranz gegenüber soziologi­schen Fragen, etwa der Wirkungs- bzw. Re­zeptionsforschung, vor). Sein Bezugshorizont hatte sich gegenüber den frühen Ar­beiten ent­scheidend durch die seit 1924 begonnene Ausein­andersetzung mit dem Marxismus geändert, die ihn schließlich in das Umfeld des Frank­furter Insti­tuts für Sozialforschung brachte: Hier fand er ins­bes. bei Horkheimer große Unterstüt­zung, der bei dem Habilitationsverfahren noch ent­schieden gegen seine Arbeit votiert hatte (s. VI: 772). Bei der Aneignung der mate­rialistischen Theorieansätze konnte seine Ab­wertung der sozialen Praxis, der Sprache als Mit­teilung, nicht unproblematisiert blei­ben – die Span­nung hat er auch deutlich gespürt (s. etwa eine Tage­bucheintragung auf seiner Moskau-Reise Ende 1926, VI: 331), aber er hat sie zunächst als wohl unlösbar ausgeklammert und sich umso in­tensiver mit der sprachwissen­schaftlichen Forschung auseinanderge­setzt (einer der massiven Vorwürfe, die er an die Adresse der zeitgenössischen Sprachphilosophie rich­tet, ist es gerade, rein »spekulativ« ohne Bezug zur Sprachwis­senschaft den Gegenstand abzuhandeln, s. seine bissige Re­zension zu R. Hoenigswald [1937] 1939, III: 564-569).[8]

Selbstverständlich setzte B. sich mit den für seine literaturwis­senschaftlichen Arbeiten ein­schlägigen sprach­wiss. Ver­öffentlichungen aus­einander (s. seine Re­zensionen 1927-28 zu Han­kamer, VI: 59-61, Fiesel u.a. VI: 96-97). Er be­tonte auch hier wie­der die für eine hi­storische Analyse unerläßliche genaue, sprachwissen­schaftlich kontrollierte Beschreibung (s. seine sehr po­sitive Re­zension von Gumbels »Deutsche Sonderrenaissance in deutscher Prosa«, III: 375-377) und arbeitete sich vor allem durch die sprachtheore­tisch und sprachsoziolo­gisch inten­dierte For­schungsliteratur hindurch, wofür be­sonders sein erstaunlich infor­miertes Sammelre­ferat in der Z. f. Sozialf. 4/1935: 248-268 steht (s. auch III: 452-480). Den Gegenstand faßt er bewußt syste­matisch-breit, also unter Einschluß der sprachpsy­chologischen For­schungen, soweit diese Konsti­tutionsfragen behan­deln. Gerade hier ist seine Ab­grenzung von seiner frü­her doch re­lativ naiv vertre­tenen »Ausdruckstheo­rie« beson­ders deut­lich: Ono­matopoetischen Spekula­tionen stellt er Ana­lysen von Gesten- und Signalstrukturen gegen­über und ar­gumentiert mit dem Primat des Werkzeugdenkens bei der Spra­chentwicklung (mit Vygotski gegen Pia­get, 262). Seine Rezep­tion der Forschung ist ohnehin breit: Delacroix (263), eine explizite Kri­tik des US-amerikani­schen Beha­viorismus (264 f.); in Bühlers Arbei­ten, bes. der »Sprach­theorie«, sieht er einen Angel­punkt für einen theoretischen Neuan­fang (S. 249, 259-261) – aus seinen Briefen wird deutlich, daß er von hier aus offensicht­lich vorhatte, seine eige­nen sprachtheore­tischen Überle­gungen nochmal aufzugreifen (s. VI: 674): Bühlers Feldtheo­rie, das Organonmodell u.dgl. werden von ihm sehr in­struktiv referiert.

Daneben diskutiert er bei seinem durchaus poli­tisch-wer­tend inten­dierten Durchgang durch die Aufsätze zu »einer fort­schrittlichen Ge­sellschaftswissenschaft« (261) me­thodische Ent­wicklungen in der Sprachwissen­schaft (vor allem die »Wörter und Sachen«-Richtung, und in Ver­bindung damit Weis­gerber, 256-257, 264, die neue Stili­stik, s. zu Bally, 253); die materialisti­schen Ansätze Marrs, die ge­sellschaftliche (»Klassen«) an die Stelle von naturhaften (»Ras­sen«) in der Analyse setzen; empi­rische Befunde der (Sozial-)Psy­chologie (außer Vy­gotski, Delacroix u.a. bes. noch H. Werner, 267 und K. Goldstein, 267) so­wie eben auch den Wie­ner Kreis: Sein Ver­such, das Anliegen von Carnaps »Logischer Syntax« darzu­stellen (258-259) sticht bemerkenswert von den üblichen li­teraturwiss. Be­rührungsängsten gegenüber Forma­lisierungen ab (vgl. die Parallele bei Korsch). Die­sen fortschrittlichen Ansätzen gegenüber steht die durch sie entwertete Reaktion: »Sprachmythologie« (sic!) bei Levy-Bruhl und Cassirer, und recht aus­führlich Schmidt-Rohrs »voluntari­stische Sprachphi­losophie«, die sie dienstbar für reak­tionäre Po­litik macht, wobei er den Antirassis­mus von Schmidt-Rohr durchaus anerken­nend re­gistriert (263-264). Wie ernst er den Vorwurf an Schmidt-Rohr meinte, auf zu dünner Ma­terialbasis über sprachsoziologi­sche Pro­bleme »Tiefsinni­ges« von sich zu ge­ben, zeigen seine posi­tiven Rezensio­nen von Ar­beiten, die sprach­politische Probleme auf der Basis ma­terialer Forschun­gen abhan­deln (auch wo er Einwände ge­gen die An­sichten der Verfasser hat, vgl. die Rezension zu Bru­not über die franzö­sische Sprachpolitik, III: 569-572). Merkwürdi­gerweise fehlt in dem Sam­melband eine Aus­einandersetzung mit sei­nem frühe­ren sprachwissen­schaftlichen Be­zugspol Lewy (bzw. der sprachtypologi­schen Tradi­tion von Humboldt zu Finck) – viel­leicht ein Indiz da­für, daß er hier noch nicht bis zu einer Kritik gekom­men war.

B. habe ich hier angesichts der recht schmalen einschlä­gigen Text­basis und der bei ihm oft auch mehr aphori­stisch ver­dichteten Aus­sagen als analy­tisch entfalteten Argumentation sehr ausführlich re­feriert. Der Grund da­für sind nicht nur diese in der Forschung zumeist aus­geklammerten Bezüge zur Sprach­wissenschaft bei B.[9] B. hat vielmehr gerade in seiner mate­rialen Auseinan­dersetzung mit kulturellen For­men der Moderne sprach­theoretisch-semiotische Prä­missen umge­setzt, die für die sprachwissenschaftli­che Forschung produk­tiv werden soll­ten (und es z.T., wenn auch oft eher indirekt) schon sind.

Das von ihm als sprachtheoretische Grundstruk­tur be­stimmte Problem der Mimesis (s. im übri­gen die Paral­lelen bei Auerbach, mit dessen Ar­beiten B. auch ver­traut war, s. z.B. sein Lektüreverzeich­nis, Nr. 1100, VII: 461)[10] griff er immer wieder von neuem auf, insbes. auch an­knüpfend an seinen sprachsozio­logischen Forschungs­überblick (auch hier wieder die Span­nung von Schrift zu gesproche­ner Sprache re­flektierend: Schrift­praxis erscheint ihm in ih­rer Materiali­tät noch funda­mentaler, näher an der umfas­senden mimeti­schen Fähigkeit zu sein als die gespro­chene Sprache, s. II: 955ff.).[11] Er ent­wickelt es in Schriften wie »Das Kunstwerk im Zeit­alter der tech­nischen Reprodu­zierbarkeit« (1936, I: 431-508) und dann vor allem im nachgelas­senen »Passagenwerk« (V/1+2). Was er in frühen aphori­stischen Bemerkungen fi­xiert: Daß Sprache in ihrer physischen Ma­terialität die un­mittelbare Partizipation an an­derem, nicht phy­sisch Präsen­tem erlaubt (vgl. etwa poin­tiert: »Die magi­sche Funk­tion des Al­phabets: der unsinnlichen Ähn­lichkeit den dau­erhaften semioti­schen Fond zu lie­fern, auf dem sie erscheinen kann«, im: Nachlaß, VII/2: 796), ent­faltet er hier zu ei­ner histori­schen Theo­rie, wie er es im Trauerspielbuch begonnen hatte.

Vor allem in seinen literarischen Kritiken baut er diese Überle­gungen aus, wobei er durchaus Argumenta­tionsformen ei­ner histori­schen Pragma­tik skizziert; so entwickelt er in seiner Less­kow-Stu­die »Der Er­zähler« (ca. 1936, II/2: 57) nicht nur ein soziales Verständnis der sprach­lichen kul­turellen Formen, ge­bunden an eine spezifische inter­essierte Interaktion der Be­teiligten (Erzähler wie Hö­rer/Leser), er thema­tisiert auch die literarische Ent­wicklung als eine, die sich nicht in Wiederholungszwän­gen er­schöpft und insofern auch nicht über das Wieder­erkennen in tradierten Formen angemes­sen »benennbar« ist. Das Mimetische erscheint so als negati­ver Grenz­wert, wenn kollektive Erfah­rungen zwar ihren Aus­druck fin­den kön­nen, aber nicht vermittelbar sind, weil die kul­turelle Tradition keine Sprachform bereitstellt, um sie zu artiku­lieren.[12] Spra­che/Denken werden von B. hier in der Perspektive der praktischen Be­wältigung hi­storisch sich än­dernder Situationen ge­sehen, die Frage­stellung aus dem My­thos ge­löst (s. auch die Ab­sage an einen simplen Par­allelismus von Sprechen und Denken in dem dazu­gehörigen Fragment »Kunst zu erzählen«, VI/1: 435).

Obwohl bei ihm nicht so formuliert, handelt es sich hier in Abkehr von seinen früheren mysti­schen Auf­fassungen um eine geneti­sche Theorie, die die symbo­lische Praxis als sozial gelernt faßt: Der Umgang mit anderen sedimentiert sich ge­wissermaßen als Verweisungs­zusammenhang in den dabei benutz­ten Din­gen (eben auch sprachli­chen Dingen), die dadurch au­ratisch werden, in denen das Abwesende jäh präsent werden kann (hier war für B. die Proustsche Rekon­struktion von Ge­dächtnisleistungen wichtig – B. hatte eine Übersetzung der Proustschen Werke seit 1925 unternommen, die nur z.T. veröf­fentlicht ist, s. II: 1044ff.). War aber in seinen frü­heren Ar­beiten die­ses jäh-Präsente (ideal im Namen gefaßt) für ihn das Zentrale, das in allen »konventionellen« semiotischen Zu­ordnungstheorien verloren geht, so ist es jetzt die histo­rische Tiefendimension der au­ratischen Sprachstruk­tur. Er hatte das an der Alle­gorie im Trau­erspielbuch schon explo­riert, war aber wohl in historisch-dile­ttierendem Abstand ambivalent geblieben bzgl. der »Hieroglyphisierung« bzw. »Sakralisierung« er­starrter Formen. Seine detail­lierte se­miotische Spurenlese in den späteren Arbei­ten zeigt ihm de­ren konstitutive Rolle bei einer menschlichen Praxis, die die Potentiale zur Gel­tung bringt (in dem Sinne wie eben nur beim Menschen das Wesen sprachlich ist): Darin besteht seine rhapsodi­sche Re­konstruktion der Großstadt-»Lektüre« (»Passagenwerk«), aber auch seine Re­konstruktion der se­miotischen Struktu­ren im ontogeneti­schen Lernprozeß in einer Reihe von Ar­beiten zum Kinderspiel bzw. Spielzeug (vgl. z.B. III: 213ff., IV: 623ff., VII: 98ff., 105ff. u.ö.): Hier, in einer anamnestischen Re­konstruktion der Kind­heit, entwic­kelt er auch seine Überlegungen zur mimetischen Fähig­keit am deutlich­sten (s. bes. VII: 791ff.).

In dem Maße, wie er sich auf eine mate­riale Analyse der Veränderun­gen der Produktionsweise einließ (dank seinem Materialismusstu­dium), ana­lysiert er nun das Aufkommen einer sekun­dären symboli­schen Praxis, der der Zugang über eine histori­sche »Verflüssigung« der sedimentierten Praxisformen versperrt bleibt. In der Konfron­tation mit dem Faschismus wird ihm das zum Schlüssel für dessen Analyse als moderner Er­scheinung (s. bes. das »Nachwort« zum »Kunst­werk«, I: 506-508). Hier findet sich jetzt der Bruch mit sei­ner my­stisch-kontemplativen Aus­druckstheorie artiku­liert, wenn er fest­stellt, daß im Faschismus »die Massen zu ihrem Ausdruck (beileibe nicht zu ihrem Recht) kommen« (506). Es ist nicht von unge­fähr, daß eine ganze Reihe der jüngeren Arbeiten zur Sprache im Faschis­mus, die sich bemühen, von der faszi­nierten Spie­gelungstradition wegzukommen, wie sie etwa Klemperers »LTI« cha­rakterisiert, bei dieser B.schen Bestimmung ihren Ausgang neh­men.[13]

Obwohl B. si­cherlich kein (Sprach-)Wissenschaftler war, hat er doch die Spannung in der Fundierungsproble­matik von Sprachwissen­schaft/Sprachtheorie so aufgenom­men, wie sie sich in den Debatten Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre stellte – seine Bezugnahme auf eine ganze Reihe der span­nendsten Vertreter dieser Debatten ist nicht von ungefähr. Offensichtlich war er dabei und hatte vor, sein »poetisch« entworfenes Projekt einer (esoteri­schen) mysti­schen Sprach­theorie in Auseinander­setzung mit den Er­gebnissen der Fach­wissenschaft auszuar­beiten (merkwürdigerweise spiegelt sich das al­lerdings nicht in seinem »Verzeichnis der ge­lesenen Schrif­ten«, wo bis auf Cassirer und H. Werner die an­deren Autoren seiner Sammelre­zension von 1935 fehlen: s. VII: 437-476). So läßt sich abschät­zen, welchen Verlust auch die Sprachwis­senschaft in Hin­blick auf ihre heute eher ver­drängte Konstituti­onsproblematik erlit­ten hat, als B. sich 1940 im französi­schen Exil das Leben nahm, als er keine Hoff­nung mehr sah, der rassistischen politi­schen Ver­folgung durch die Gestapo zu entkom­men.

[Anmerkung: Der Artikel ist gegenüber dem ersten Druck (1996) nur geringfügig verändert. An dieser Stelle geht es darum, B.s Profil in der zeitgenössischen Sprachforschung darzustellen, was auch durch die kontinuierlich wachsende Fülle von mehr oder weniger einschlägigen Publikationen nicht überholt ist. Zu B. als Sprachforscher s. jetzt auch U. Welbers, Sprachpassagen. Walter Benjamins verborgene Sprachwissenschaft. München: Fick 2009 mit ausführlichen Literaturverweisen.]

Q: IGL (B. Bergheim); DBE 2005; B. Witte, »W. B.«, Reinbek: Rowohlt 1985; knapp etwa van Reijen/Schmid-Noerr 1988: 30-37; als Einfüh­rung mit Hin­weisen auf die Literatur N. Bolz/W. van Reijen, »W. B.«, Frank­furt; Cam­pus 1991 (zur Sprachauf­fassung bes. S. 41-54); G. Scholem, »W. B. – die Ge­schichte einer Freundschaft«, Frank­furt: Suhr­kamp 1975; im einzelnen s. den Apparat zu der Werk-Ausgabe (s. Anm. 2.). Zu den familiären Verhältnissen gehört auch, daß Clara Stern B.s Tante war, was für seine sprachanalytische Interessen noch auszuwerten bleibt. Einen Überblick über die ungemein breite Rezeption von B.s Werk (bei der in der Regel aber die sprachliche Seite im engeren Sinne ausgeklammert bleibt) bieten die Akten des Kongresses 1992, s. Anm. 1.



[1] Der Artikel zu B. reproduziert teilweise Passagen aus meinem Aufsatz »Sprachwissenschaftliches im Werke Walter Benjamins«, in: K. Garber/ L. Rehm (Hgg.), »Global Benjamin. Internationaler Walter-Benjamin-Kongreß 1992 (in Osnabrück)«, München: Fink 1999, Bd. 1: 282-297.

[2] Alle Verweise, soweit nicht an­ders angegeben, auf die Werkausgabe nur mit Bandan­gabe, »W. B., Gesammelte Schriften«, hgg. von R. Tiedemann u. H. Schweppenhäuser, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

[3] S. zu diesem Verfahren B. Lindner, »Habilitations­akte Benja­min«, in: ders. (Hg.), »Walter Benjamin im Kontext«, 2. Aufl. Kron­stein/Ts.: Athenäum 1978. 324-341, die zi­tierte Selbst­darstellung dort S. 330-331. Vorher hatte er schon 1919 vergeblich versucht, in Bern zu habilitieren, ebenso 1921/22 in Heidelberg.

 

[4] Gershom (vorher: Gerhard) Scholem (1897-1982), Judaist und Historiker, emigrierte 1923 nach Palästina und lehrte an der Hebräischen Universität in Jerusalem.

[5] Sein Freund Scholem, der im Gegensatz zu B. allerdings auch Ma­thematik studierte und zu den we­nigen Hö­rern von Frege gehörte, stellt denn auch B.s nur oberflächlich-as­soziative Be­schäftigung mit diesem Bereich heraus, 1975: 65.

[6] Scholem 1975: 134-137.

[8] Diese Rezension ist vielleicht von Horkheimer auch deswegen nicht veröffentlicht worden, weil, vielleicht ohne daß B. es wußte, Hoenigswald als selbst rassistisch Verfolgter in­zwischen auch emi­grieren mußte.

[9] S. etwa M. Stoessel, »Aura. Das vergessene Menschliche. Zur Spra­che und Er­fahrung bei Walter Ben­jamin«, Mün­chen: Hauser 1983; C. Wiesenthal, »Zur Wissenschaftstheorie Walter Benjamins«, Frank­furt: Athenäum 1973.

[10] Und auch den Briefwechsel zwischen beiden, hg. von K.H. Barck in: Z. f. Germanistik 1988/688-693.

[11] B. hatte sich gründlich mit den materialen Bedingungen von Schrift/Schreiben auseinander­gesetzt und um 1930 auch an einem For­schungsbericht zur Graphologie gearbeitet, von dem nur eine Zu­sammenfassung erhalten ist, II/1: 596-598.

[12] Das wird von B. hier explizit auf die Situation des Ersten Weltkrieges bezogen, aber die zeitge­nössischen Fa­schismusprobleme bil­den für ihn wohl die Folie.

[13] Z.B. auch mein ei­gener Versuch, Maas 1984.

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