Bartholmes, Herbert

 

Geb. 16.4.1923 in Neuwied, gest. 25.5.1999 in Vänersborg/Schweden.

1941 machte B. ein Notabitur und wurde zum Kriegsdienst in Norwegen eingezogen. Praktische Hilfeleistungen für russische Kriegsgefangene führten zu einem Kriegsgerichtsverfahren wegen Wehrkraftzersetzung, dem er sich durch die Flucht nach Schweden entzog. Dort wurde er interniert, wodurch er in Verbindung mit dem Nationalkomitee Freies Deutschland kam. Seine Politisierung stand von Anfang an wohl in einer Spannung zu seiner moralisch bestimmten Haltung, die ihn dazu brachte, sich auch im Rahmen des schwedischen Roten Kreuzes an Hilfsmaßnahmen zu beteiligen. Politisch wurde er aktiv in der Formierung einer Dissidentenfraktion der politischen Linken, in der Organisation »Weg ins Leben«. [1]

1945 kehrte er nach Westdeutschland zurück, wo er die FDJ in Rheinland Pfalz begründete. 1948-1949 wechselte er in die Zentralleitung der FDJ in Berlin, geriet aber zunehmend in politische Konflikte und kehrte nach Westdeutschland zurück. In diesem Kontext entwickelte er eine strikt antikommunistische Position, die sich später auch in entsprechenden Veröffentlichungen niederschlug, so z. B. in einer gegen die DDR-Historiographie gerichteten Abrechnung mit der Volks­frontpolitik: »Der Kampf der Komintern gegen die deutsche Sozial­demokratie in der Weltwirt­schaftskrise 1919-1933«.[2] 1948 wurde in Rheinland Pfalz die FDJ verboten und B. daraufhin nicht nur die Einstellung als Volksschullehrer verweigert, sondern auch die Aufnahme des Studiums in Mainz. Er ging nach Bonn, um dort Germanistik zu studieren, orientiert an der Weisgerberschen Sprachinhaltsfor­schung und der in Bonn von Betz, Moser u.a. betrie­benen Analyse der poli­tischen Sprache, insbes. der DDR.

1954 kehrte er nach Schweden zurück, wo er 1956 in Göteborg sein Studium mit einem Examen abschloß, auf der Grundlage einer Arbeit »Tausend Worte Sowjetdeutsch«, die in den einschlägigen germanistischen Arbeiten der Zeit als Grundlagenstudie diente.[3] Als Kronzeugen für seine Sprachkritik führt er Klemperer an, verbunden mit der Distanzierung, daß »Prof. Klemperer der Sprachvergewaltigung des Kommunismus nur in ihren äußersten Auswüchsen, nicht aber an ihrer Wurzel entgegentritt« (S. 54). Seit seinem Examen unterrichtete er in Vänersborg als Studienrat. 1970 promovierte er in Göteborg mit einer Erweiterung seiner Arbeit von 1956: »Brüder, Bürger, Feind, Ge­nosse und andere Wörter der sozialistischen Terminolo­gie«.[4] Trotz der z.T. heftigen antikommunisti­schen Polemik sind diese Studien deutlich um methodische Kontrolle bemüht, um mit de­skriptiven Ver­fahren den Fall­stricken der zeitgenössischen Sprach­kritik zu ent­gehen (er wendet sich expli­zit gegen die Rede vom »Mißbrauch der Sprache« und zeigt strukturelle wie sachliche Überein­stimmungen in der BRD und der DDR auf). In mehre­ren zeitli­chen Schnitten verfolgt er die Dyna­mik der Entwicklung, nicht nur im Wortschatz di­rekt, sondern auch in den Kontextualisierungs­formen (Attribute u.dgl.), un­ter Zuhil­fenahme sta­tistischer Verfahren. Ein beson­deres Gewicht legt er auf die Umnutzung historischer Vor­gaben im politischen Dis­kurs, dessen Tradition er bis ins 19. Jhd. zurückver­folgt.

Die historische Orientierung ist noch deutli­cher bei der vorher aufgrund eines Forschungs­stipendiums in Bonn an­gefertigten Arbeit »Das Wort ›Volk‹ im Sprach­gebrauch der SED. Wortge­schichtliche Bei­träge zur Verwendung des Wor­tes ›Volk‹ als Bestimmungswort und als Genitivat­tribut«,[5] die in lexikalischer Anord­nung exem­plarisch diskursive Entwick­lungen der deut­schen Kommunisten seit 1919 ver­folgt, dabei bes. die Rolle des Moskauer Exils in der Zeit des Fa­schismus für die spätere DDR analy­siert. Auch hier ist wieder sein Bemühen um methodische Kontrolle deutlich, das die aufge­zeigten Ent­wicklungen in einen breiteren Horizont (auch in anderen Spra­chen) stellt. Die politische Stoßrichtung wird dafür umso deutli­cher bei einer auf dieser Untersuchung fußenden Studie »Das Wort Volk im Dienst der Parteitermino­logie der NSDAP und der SED«.[6] Explizit unter Berufung auf die Weisgerbersche Weltbildauffassung der Sprache (aber auch mit ambivalentem Bezug auf Klemperer) wer­tete er dort formale Übereinstimmungen im NS- und SED-Sprachge­brauch als Indika­toren für inhaltlich-politische Entsprechungen (er stellt dort in alphabetischer Ordnung korrespondierende Wortbildun­gen bzw. Kollokationen mit Volk aus SED- und NS-Quellen zu­sammen). Interessant ist seine angedeutete historische Per­spektive: Bei den gemeinsamen historischen Traditionen von SED und SPD findet er eine unterschiedliche Sensibilität für die im Nationalsozia­lismus »verbrauchten« Wörter, wofür er bei der SED den Einfluß des Sprachgebrauchs der KPdSU in Betracht zieht.

In Auf­satzform publi­zierte er weitere wortge­schichtliche Studien zur politischen Sprache, die er in die Tradi­tion der Arbeiterbewe­gung zurückverfolgt. Dane­ben hat er mehrfach wissenschaftliche Werke aus dem Schwedischen ins Deutsche übersetzt, u.a. 1976 B. Malm­bergs »Einführung in die Pho­netik als Wissen­schaft«,[7] bei der er sich auch um erläu­ternde be­griffliche Erklä­rungen bemüht.

Sprachwis­senschaftlich hat er sich auch mit dem Schwedischen be­faßt, so in seiner toponymischen Studie »Vägnamnen i Var­gön«,[8] in der er 115 Wegbezeichnungen einer Gemeinde von Vänersborg (seiner Heimatgemeinde) in ihrer histo­rischen Überlie­ferung regi­striert und etymologisch sowie nach der Wort­bildung analysiert (den Aufsatz widmet er »meinem [Bonner] Lehrer Adolf Bach«).

Q: Müssener 1974; Nachruf: Manfred W. Hellmann in: Mitteldeutsches Jahrbuch für Kultur und Geschichte 8/2001: 235-238. Nachlaß im Exilarchiv der dt. Nationalbibliothek.

 


[1] S. dazu von einer kommunistischen Position aus Pe­ters 1984, bes. S. 182; dort ist B. auf einem Foto gegen­über S. 147 auch abgebildet.

[2] Vervielfältigt, o.O., o.J. - aufgrund der zitierten Litera­tur nach 1957; Ko­pie im IfZ, Mün­chen.

[3] Diese Arbeit hat er 1961 nochmals in Göteborg für die dortige Bibliothek vervielfältigt (masch.-schr. 59 S. – ergänzt um bibliographische Nachträge seit 1956).

[4] »Wortgeschichtliche Beiträge«, Göteborg: Acta Universitas Gotho­burgensis 1970.

[5] Düsseldorf: Schwann 1964.

[6] In: Mitteldeutsche Vorträge H. 2/1963: 31-46; der Titel dort hat als offensichtlichen Druckfeh­ler USDAP für NSDAP.

[7] München: Finck 1976.

[8] In: Ortnamnsällskapets Uppsala Aarsskrift Jg. 1980: 38-57.