Arndt, Walter Werner

 

Geb. 4.5.1916 in Istanbul (Konstantinopel), gest. 15.2.2011 in Harvest Hill, Hanover (NH, USA).

1918 kam er mit der Familie nach Deutschland; 1933 Emigration als Flucht vor der rassistischen Verfolgung (mit der Familie nach Großbritannien). Studium zunächst in Oxford (Diplomabschluß in Volkswirtschaftslehre und Politologie 1936), dann in Warschau fortgesetzt, wo er Polnisch und Russisch lernte. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 gab er seine deutsche Staatsangehörigkeit auf und trat in die polnische Armee ein. Er wurde gefangengenommen, konnte aus einem Lager fliehen und lebte zunächst im Untergrund in Polen. 1942/1943 konnte er sich nach Istanbul durchschlagen, wo er seitdem für das  US Office for Strategic Services (OSS) tätig war. Nach dem Krieg arbeitete er bei der UN-Flüchtlingshilfe und als Zeitungskorrespondent, bis er 1949 mit seiner Familie (er hatte zwischenzeitlich in der Türkei geheiratet) in die USA einreisen konnte.

Seit 1950 lehrte A. an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten im Bereich neuerer Philologien, besonders der Slawistik. 1956 Ph.D. an der Universität North Carolina; seit 1966 Professor für Russische Sprache und Literatur am Dartmouth College, Hanover (N. Hamp.). Forschungsaufenthalte/Gastprofessuren u.a. 1961/1962 in Münster; 1966 in Leningrad und Moskau.

Durch seine Publikationen ist A. sowohl als Sprachwissenschaftler wie als Literaturwissenschaftler ausgewiesen (im literarischen Bereich hat er sich zudem durch eine Reihe belletristischer Übersetzungen aus dem Russischen und Deutschen hervorgetan, auch mit dem Versuch der metrischen Replik bei poetischen Texten, die ihm verschiedene Preise eingebracht haben, parallel z.T. mit literaturwissenschaftlichen Studien, u.a. zu Wilhelm Busch). Seine Dissertation (»Germanic Dialect Evolution in Lexico-Statistic Time Perspective«)[1] liefert in Anwendung auf die germanischen Sprachen einen Versuch, glottochronologische Methoden (bei A. in explizitem Rekurs auf Swadesh) zu validieren. Den Akzent legt er dabei auf die Ablehnung des alten Stammbaummodells (mit seinen biologistischen Implikationen), dem gegenüber er die Bedeutung des kulturellen Austauschs in Verkehrsräumen betont – bei aller Anknüpfung an die ältere germanistische Diskussion (Wellentheorie) liegt die Emphase wohl nicht zufällig auf der Widerlegung zentraler Topoi der deutschtümelnden Ideen. In der Sache erweist A. sich dabei als eher traditioneller Sprachwissenschaftler, was auch seine demonstrative Schülerrolle gegenüber dem Indogermanisten G. S. Lane zeigt, dessen Kleine Schriften er mitherausgegeben hat (»Studies in Historical Linguistics in Honor of George Sherman Lane«).[2]

Die gleiche Emphase findet sich als explizite Auseinandersetzung mit dem Erbe der nationalsozialistischen Zeit in den mit Levine verfaßten »Grundzügen moderner Sprachbeschreibung«[3] – eine Einführung in den US-amerikanischen Deskriptivismus (als dessen Weiterentwicklung die Generative Transformationsgrammatik präsentiert wird); in der offensichtlich von A. bestimmten polemischen Stoßrichtung (s. S. 3), mit einer missionarischen Attacke auf die deutsche Isolation gegenüber der internationalen strukturalistischen Entwicklung: die »inhaltsbezogene Sprachwissenschaft« figuriert hier auf gleicher Ebene wie die »deutsche Physik« – und das Erscheinungsjahr von Bloomfields »Language«, 1933, wird explizit als doppeltes Bezugsdatum für die Wissenschaftsentwicklung präsentiert (vgl. S. 87). S. etwa auch im gleichen Stil den Aufsatz »Ein Ansatz zur strukturellen Gliederung der deutschen Dialekte«,[4] der auf reichlich allgemeinem Niveau Argumentationsfiguren der US-amerikanischen »Strukturellen Dialektologie« (U. Weinreich u.a.) gegenüber der traditionellen deutschen Dialektologie propagiert (so konstruiert er einen plakativen Gegensatz von synchron-struktureller Analyse und dialektaler Ausgliederung mit diachronen Bezugssystemen). Auf das Russische zielt seine kontrastive Studie »›Modal Particles‹ in Russian and German«,[5] die er explizit als neue strukturale Analyse präsentiert (mit Dank an R. Jakobson). Mit einem Bündel von formalen Kriterien (Intonation, Wortstellung, kombinatorische Beschränkungen etc.) zeigt er Entsprechungen zwischen Russisch und Deutsch im Gegensatz zum Englischen auf.

Q: BHE; DAS; Arch. IfZ; ergänzt nach dem Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Walter_W._Arndt (abgerufen am 24.7.2012).



[1] Univ. North Carolina 1955 – maschinenschriftlich.

[2] Chapel Hill: Univ. North Carolina 1967.

[3] Tübingen: Niemeyer 1969.

[4] In: Phonetica 9/1963: 1-10.

[5] In: Word 16/1960: 323-336.