Adolf, Helen(e)

Geb. 31.12.1895 in Wien, gest. 13.12.1998 in Brookline Village/Pennsylvania.


Nach dem Abitur 1913 machte sie zunächst eine Ausbildung in Malerei. Während des Ersten Weltkrieges war sie als Hilfsschwester tätig. 1920-1923 studierte sie in Wien Germanistik und Romanistik. 1923 schloß sie ihr Studium mit einer germanistischen Dissertation (»Zur Dramentechnik in Strindbergs historischen Dramen«)[1] ab. Sie unterbrach ihre Ausbildung für die Pflege des Vaters; erst nach dessen Tod 1926 nahm sie sie wieder auf, u.a. im engen Kontext mit E. Richter,[2] s. auch die gemeinsame Veröffentlichung »Studien zum altfranzösischen Alexiusliede«.[3]

Ihre damaligen Publikationen erstrecken sich über ein breites kulturwissenschaftliches Feld, das von Religionswissenschaftlichem über Literarisches zu Sprachwissenschaftlichem reicht; von letzterem sei genannt: »Wortgeschichtliche Studien zum Leib-/Seeleproblem«,[4] die wohl von ihr als Habilitationsschrift geplant waren. Orientiert an lexikalischen »Feld«-Studien (Trier und Weisgerber sind zentrale Referenzen) untersucht sie ausgehend von Übersetzungen von lateinisch corpus die Herausbildung von lexikalischen Oppositionen wie Leib/Körper, Seele/Geist vom Althochdeutschen bis zum Frühneuhochdeutschen. Dabei sind kulturgeschichtliche Zusammenhänge (z.B. Parallelen zum Altfranzösischen) genauso berücksichtigt wie syntaktisch-stilistische Bedingungen (etwa zur Rolle von Demonstrativen bzw. Artikeln bei der Übersetzung, vgl. S. 46 u.ö.; hier dienen ihr K. Bühler und E. Winkler als Referenzliteratur).

Ihre Publikationen haben einen literarischen Schwerpunkt: vom Mittelhochdeutschen bis zur Gegenwartslyrik mit einem Schwerpunkt bei der mittelalterlichen Artus- bzw. Gralsdichtung (mit ihren spirituellen Aspekten, vor allem Wolfram), wie auch altfranzösischen Texten (Chrétien), aber auch mit der Herausgabe zweier literarischer Anthologien zur Moderne in der Reihe »Deutsche Literatur in Entwicklungsreihen«, 1930 und 1932. Daneben hat sie immer auch sprachwissenschaftlich-philologische Themen behandelt, angefangen bei der frühen Arbeit über »got. -rz«,[5] in der sie ihre phonetische Ausbildung durch Argumentationen zum Silbenschnitt und daraus resultierender Syn- und Apokope bzw. Assimilation unter Beweis stellt; oder »Intonation and word order in German narrative style«,[6] in dem sie die stilistische Nutzung »mündlicher« Syntax (initiale Position des finiten Verbs) seit dem 15. Jhd. betrachtet.

Als praktizierende Jüdin emigrierte sie im April 1939 (nach dem Tod ihrer Mutter) in die USA, wo bereits Familienangehörige etabliert waren. Zunächst unterrichtete sie an verschiedenen Schulen in Colorado Latein, Deutsch und Französisch; seit 1943 lehrte sie an der Pennsylvania State University, seit 1946 an der Deutschen Abteilung dort, wo sie 1953 zur ordentlichen Professorin für Deutsch ernannt wurde. 1963 wurde sie emeritiert, unterrichtete aber weiterhin an verschiedenen Colleges bzw. der Univ. Pennsylvania Deutsch.

Ihre Selbstzurechnung zur Sprachwissenschaft geht u.a. aus der Mitgliedschaft in der »Linguistic Society of America« hervor; gelegentlich publizierte sie auch später noch sprachwissenschaftlich-philologische Arbeiten, besonders zur Altgermanistik, s. etwa »Wulfila and the Idea of Perfection«,[7]eine detaillierte philologische Studie zu dem gotischen Hapax legomenon fullatojis, das sie explizit im Sinne von Spitzers »historical semantics« exploriert: im wortgeschichtlichen Zusammenhang der verschiedenen Vorlagen (hebräisch-aramäisch, griechisch, lateinisch), kirchengeschichtlich im Kontext der verschiedenen religiösen Bewegungen (bis hin zu Qumran!), übersetzungstheoretisch in Hinblick auf die unterschiedlichen Übersetzungspotentiale der Textstelle (Mt 5) – vor allem aber auch ideengeschichtlich im Horizont der europäischen Ideenentwicklung, mit Verweisen auf religiöse Bewegungen (Quäker), deutsche Traditionen (Goethe) – und vor allem Emigrantenpositionen (z.B. Franz Werfel), worin sich ihre eigene Haltung spiegelt; dabei ist die Untersuchung kontrolliert durch einen philologischen Positivismus, zu dem sie sich explizit im Sinne ihres Gotisch-Studiums bei Jellinek in Wien bekennt. Im gleichen Sinne hat sie eine Reihe wortgeschichtlicher Studien zum Mittelhochdeutschen vorgelegt, z.B. »Words, Ideas, and Reality: An Analysis of ›ewic lebende‹ and ›durch tugent‹ in the Prologue of the Younger Titurel (1.1 and 10.3)«,[8] wo sie eine sorgfältige Textanalyse (bei explizit sprachtheoretisch motivierter Zielsetzung, die Bedeutung der Worte aus ihrem Gebrauch zu ermitteln) mit etymologischen, vor allem aber kultur- bzw. geisteswissenschaftlichen Analysen verbindet (philosophische, theologische, mystische Predigt- usw. Traditionen).

Extensiv verfolgte sie das Netz literarischer Anspielungen, bes. in Hinblick auf den Grals-Zyklus, zu dem sie regelmäßig seit den 30er Jahren publizierte (die Anmerkungen dort enthalten passim bibliographische Angaben zu ihren einschlägigen Aufsätzen). Abgeschlossen hat sie ihre lebenslange Arbeit an diesem Komplex mit »Visio pacis. Holy city and grail«,[9] in dem sie über eine kritische Sichtung der umfangreichen Rezeption (bis hin zu Richard Wagner!) in diesem Stoff die Bearbeitung einer gesellschaftlich erfahrenen Krise sieht: von den frühen literarischen Reaktionen auf die Zerstörung des Tempels in Jerusalem während der Kreuzzüge bis zur jüngeren Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs (und – obwohl von ihr nicht erwähnt – der Schoah). Auf diese Weise ist das Buch, trotz seiner theoretischen Ansprüche (z.B. mit einer formalen Modellisierung der Architektur der Grals-Legende, S. 142-146) ein sehr persönlicher Beitrag nicht nur zur Wissenschaft, sondern, wie der durchgehende Bezug auf R. Wagner zeigt, zum intellektuellen Diskurs.

Der sprachliche Horizont, den sie vor allem auch in kleineren wortgeschichtlichen Studien aufspannte, wurde im Laufe der Zeit immer weiter, dabei kontrolliert an formalen etymologischen Strukturen wie vor allem auch ausführlichen Textbelegen. Sie ging dabei über die europäischen Sprachen hinaus auch auf hebräisch-aramäische Quellen zurück, und zwar nicht nur bei religionsgeschichtlich zentralen Wörtern/Begriffen, sondern auch bei so kuriosen Etymologien wie der von Halali (»F. Hallali, Germ. Halali – ›Praise [My Soul]‹«).[10] Das Gotische bleibt durchgehend Thema: bei dessen Analyse ist der Rückgang auf das christliche Griechische für sie immer auch ein Anlaß, die jüdischen Quellen in diesem Basistext der germanischen Sprachwissenschaft nachzuweisen – offensichtlich bei ihr auch eine Form, die rassistische Verfolgung zu verarbeiten (in ihrer Wiener Zeit war das Leben in ihrer Familie wenig religiös geprägt).

Über ihr Werk informiert die »Helen Adolf Festschrift«[11] (mit allerdings vorwiegend literaturwissenschaftlichen Beiträgen). Ihre literarisch-literaturwissenschaftlichen Interessen stehen im Vordergrund, s. auch ihre Fortschreibung/Beendigung des autobiographischen Romans ihrer Verwandten Leonie Spitzer, »Die Familie Höchst«,[12] dessen biographischer Essay auch Auskunft über sie selbst gibt – und über die entfernten quasi/indirekt-familiären Beziehungen zu Leo Spitzer. Aber in der von ihr selbst noch zusammengestellten Auswahl ihrer Kleinen Schriften[13] hat sie doch auch die ausdrücklich sprachwissenschaftlichen wie »got.- rz« aufgenommen.

Ihre Biographie hat sie auch literarisch in Gedichten bearbeitet, s. von ihr »Werden und Sein. Gedichte aus fünf Jahrzehnten«.[14] Zu ihrer Zusammenarbeit mit Spitzer in den USA s. auch die Hinweise bei Malkiel.[15]

 

Q: BHE; IGL (J. L. Hodge); DBE 2005; B/J sowie ergänzende Materialien in deren Archiv; DAS; Festschrift (s.o.); Arch. IfZ; Artikel zu H. A. in Brookline Villager (Z. des State College, Pennsylvania), Sept. -Okt. 1987; Heuer, Renate: Einleitung zu den »Gesammelten Schriften«, s.o.; Wall 2004.

 

 

 



[1] Die Dissertation ist an der Universitätsbibliothek Wien nicht mehr erhalten. Auch A.s eigenes Exemplar ist bei ihrem Umzug vernichtet worden (Angaben dazu im Archiv der B/J).

[2] Zur engen Beziehung zwischen beiden, s. Richters Autobiographie (s. dort Q), wo beide auch ihren Dissens in Interpretationsfragen deutlich machen

[3] In: Z. franz. Spr. u. Lit. 57/1933: 80-95.

[4] Wien: Sonderheft der Z. f. Religionspsych. (H. 5) 1937

[5] In: Z. f. dt. Ph. 55/1930: 257-261.

[6] In: J. of Engl. and Germ. Ph. 43/1944: 71-79.

[7] In: S. Kaplowitt (Hg.), »Germanic Studies« (FS Otto Springer), Pittsburgh: Enterprises 1978: 11-28.

[8] In: W. Pelters/P. Schimmelpfennig (Hgg.), »Wahrheit und Sprache« (FS B. Nagel), Göppingen: Kümmerle 1972: 45-56

[9] Pennsylvania: Pennsylvania UP 1960.

[10] In: Studies in Philology 46/1949: 514-520.

[11] New York: F. Ungar 1968.

[12] Bad Soden: Woywod 1986

[13] R. Heuer u.a. (Hgg.), »H. A. Gesammelte Schriften«, Trieste: Edizioni Parnaso 2004.

[14] Horn: Berger 1964

[15] In dessen Sammelband »From Particular …«, 1983: 61.