Zuntz, Leonie

Geb. 11.10.1908 in Berlin, gest. 14.12.1942 in Oxford (Freitod).

 

Nach dem Abitur 1927 in Berlin Studium der Indogermanistik und Semiti­stik in Berlin und München. Nach der Promotion (1934) bzw. Druck­legung der Dissertation emigrierte sie vor der rassistischen Verfolgung wie vorher schon ihr Bruder Günther Zuntz. 1935 wanderte sie in England ein, wo bereits eine Schwester lebte.[1] Sie konnte zwar in Oxford am Jesus College Hethitisch lehren – allerdings unbesoldet. Immerhin konnte sie dort im Sommerville College (damals noch eine Einrichtung nur für Frauen) wohnen. Ihre Bemühungen um eine reguläre Dozentenstelle für Hethitisch scheiterten allerding (Hinweis von M. Hengel). Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich mit privatem Sprachunterricht. Ab 1928 arbeitete sie für die Oxford University Press, für die sie vor allem keilschriftliche Korrekturen las – eine Arbeit, die sie wenig befriedigte.[2]

Die Dissertation »Die hethitischen Ortsadverbien arha, para, piran als selbständige Adverbien und in ihrer Verbindung mit Nomina und Verba«[3] belegt mit einer exemplarischen syn­taktischen Studie den archaischen Charakter des Hethitischen im Indoeuropäischen. Die in den i.e. Sprachen zu verzeichnende syn­taktische Spezialisierung (mit meist lexikalischen Folgen) der de­terminierenden Funktion in nominalen Satzgliedern (Präpositionen, oder wie im Hethitischen und für die ältere Sprachstufe generell anzusetzen: Postpositionen) gegenüber den verbalen Satzgliedern (Adverb, Präverbien) fehlt hier noch. Bei den verbalen Determinan­tien ist die Differenzierung ebenfalls noch nicht eingetreten (ähnlich den Fällen von Tmesis, wie sie das Deutsche noch kennt). Die Arbeit folgt damit einer schon von Goetze vorgetragenen An­sicht, die sie detailliert am Corpus überprüft. Die Anlage der Ar­beit ist strikt deskriptiv, basierend auf einer formalen Klassifi­kation der Wortfolgen, wobei Z. auch die subjektiven Korrelate der de­skriptiven Kategorien in den Schreiberstrategien unter­sucht (das Fehlen einer signifikanten Vermeidung von Zeilen­brüchen zwi­schen »adverbialem« Nukleus und determiniertem verbalen oder nomi­nalen Element nimmt sie als Bestätigung der These). Nach der Dissertation konnte sie in Italien noch eine hethitische Edition veröffentlichen, die dort (nach einer Übersetzung ins Italienische) von G. Devoto betreut wurde (»Un testo ittitia di Scongiuri«).[4] A. Goetze hat sie als Pionierleistung gewürdigt (und als Vorarbeit für sein »The Hittite Ritual of Tunnawi« [1938] aufgeführt).

Q: V; Archiv B/J, Hinweise von M. Hengel (Tübingen), H. Hoenigswald, H. Häntzschel (München) und C. Kaper-Holtkotte (Oxford).

 


[1] Dora Z. (geb. 13.4.1905 in Berlin), die in Berlin, Wien und München Kunstgeschichte und Ägyptologie studiert hatte und an Berliner Museen tätig gewesen war, bis sie den englischen Journalisten und Herausgeber des Sunday Telegraph, Brian R. Roberts, heiratete, zu dem sie nach England zog.

[2] In S. Ch. Brasch, »Indirections. A memoir 1909-1947«. Oxford: Oxford Univ. Pr. 1980, gibt es einige Hinweise auf das Leben von L. Z. in der englischen Emigration. Ansonsten stützen sich diese Angaben auf Hinweise von C. Kaper-Holtkotte (Oxford). Bei A. I. Baumgarten, Elias Bickermann on the Hellenizing reformers (in: Jewish Quartely Review 97/2007: 149-179) ist die Rede von einem Liebesverhältnis, das sie in dieser Zeit zu dem Judaisten Bickermann (1897-1981) hatte.

[3] Gedruckt Speyer: Pilger-Druckerei 1936.

[4] In: Atti del Reale Istituto Veneto di Szienze, Lettere ed Arti 96/1936-1937 (Venedig: Ferrari): 477-546 und 70 SS Tafeln.