Zimmer, Karl E.

Geb. 17.9.1927 in Berlin.

 

Z. war mit seinen Eltern 1936 in die Türkei ausgewandert. Zwar drohte der Familie wegen der »nicht-arischen« Mutter in Deutschland die rassistische Verfolgung, die Auswanderung erfolgte aber aufgrund eines Arbeitsangebots für den Vater in der Türkei (er war Geologe), in Folge von schon länger bestehenden Kontakten nach dort. In Istanbul bereitete sich Z. (wie die meisten Emigrantenkinder auch) durch Privatunterricht auf ein externes Abitur an der deutschen Schule vor, das er aber nicht absolvieren konnte, weil die Schule mit dem Eintritt der Türkei in den Weltkrieg geschlossen wurde. Da die Eltern sich weigerten, nach Deutschland zurückzukehren, wurden sie ausgebürgert und staatenlos. Die Eltern kehrten erst 1965 von der Türkei nach Deutschland zurück, Z. wanderte 1946 in die USA aus, was zunächst Schwierigkeiten aufgrund seines staatenlosen Status machte. Er begann (ohne einen förmlichen Hochschulzugang zu haben) sein Studium der Anglistik in Chicago (B.A. 1951) und setzte es in New York an der Columbia Universität fort (M.A. 1954).[1] Nach dem Abschluß ging er als Lektor für Englisch in die Türkei, wo er bis 1957 unterrichtete. Nach seiner Rückkehr begann er an der Columbia Universität ein sprachwissenschaftliches Studium (während er gleichzeitig in einem Programm für programmierten Unterricht tätig war). Von 1963 bis 1965 unterrichtete er Sprachwissenschaft an der Universität von North Carolina in Chapel Hill. 1964 promovierte er an der Columbia Universität, seit 1965 war er an der Universität von Kalifornien in Berkeley tätig (seit 1975 als ordentlicher Professor).

Die Dissertation »Affixal Negation in English and other Languages« wurde von U. Weinreich betreut, der sie auch als Ergänzungsband zu Word veröffentlichte,[2] mit einem Vorwort, das die Bedeutung der Arbeit als Korrektiv zu dem generativistischen Programm unterstreicht (S. 3-4). Gegenstand sind adjektivische Antonymenbildungen, ausführlich untersucht für das Englische, Französische, Deutsche und Russische, kursorisch auch für eine Reihe nicht-indoeuropäischer Sprachen (Japanisch, Chinesisch, Yoruba).[3]

In systematischer Hinsicht geht es um die Frage der Produktivität von Wortbildungsmustern, die nicht wie im damals dominanten Grammatikkonzept aus den vorzufindenden Formen als Regelsystem extrapoliert werden können, da ein solches immer überproportional viele nicht akzeptable Formen aufweist, die intensional nicht definiert werden können. Z. etabliert i. S. einer von ihm postulierten »analytischen Morphologie« (S. 83) eine Kategorie von Mustern, die mögliche Bildungsweisen vorgeben, ohne daß diese auch im vollen Sinne produktive Bildungen darstellen. Damit antizipierte er eine Diskussion, die seit den 90er Jahren in der kognitionswissenschaftlich orientierten Sprachwissenschaft virulent wurde, wo z.B. Steven Pinker Muster ausdrücklich Regeln im Sprachwissen gegenüberstellt. Eine entsprechende Analyse verlangt also nicht nur, die formalen Indikatoren der Bildungen zu kontrollieren, sondern auch weitere, semantisch-pragmatische Faktoren: die Konnotationen solcher Formen. So findet Z. im typologischen Vergleich, daß die Antonymenbildung immer asymmetrisch ausgerichtet ist: die komplexen Formen sind entweder semantisch neutral sind oder haben negative Konnotationen, während die Basisformen entsprechend entweder neutral oder positive Konnotationen haben (vgl. deutsch unschön, entsprechend hässlich, aber *unhässlich entsprechend zu schön). Damit zielt er auf die Möglichkeit typologischer Verallgemeinerung, explizit bei ihm i. S. Greenbergscher Universalien. Die pragmatischen Faktoren überprüft er in einem empirischen Test zur Akzeptabilität von ad hoc-Bildungen im Englischen (S. 95-102).

Damit hatte Z. das Forschungsfeld für seine weiteren Arbeiten abgesteckt. Er verfolgte es zunächst im Rahmen des Greenbergschen Universalienprojekts in Stanford, in dessen Rahmen er die Nominalkomposition untersuchte. 1971 veröffentlichte er dort eine grundlegende Studie, die wiederum die Beschränkung der Komposition als Musterbildung aufzeichnete, gegen die damals übliche Art generativer Regelsysteme: »Some general observations about nominal compounds«.[4] Als Bedingung für die Komposition postuliert er, daß das modifizierende Element als appropriate classificator für das modifizierte Element dienen können muß, in der Fluchtlinie einer nominalen »Inkorporation« (den Terminus verwendet er allerdings noch nicht) hin zu der Lexikalisierung als Simplex – gegenüber der unbeschränkten Kombinierbarkeit in syntaktischen Bildungen nominaler Gruppen. Aus dieser Annahme folgert er, daß die entsprechenden Beschränkungen umso größer sind, je spezifischer (konkreter) die Bedeutung der Terme ist, also am unbeschränktesten bei Komposita mit Abstrakta. Daraus, daß die klassifikatorische Funktion eines Terms abhängig von pragmatischen Faktoren ist, z.B. der habituellen Verwendung eines entsprechend bezeichneten Gegenstands. Er überprüfte diesen Ansatz durch eine Batterie von Tests zur Akzeptabilität entsprechender Nominalbildungen in einem Sample von Sprachen (typologisch breit gestreut, hier mit Einschluß des Türkischen).[5]

Mit seiner Lösung von der Columbia Universität orientierte er sich auch systematischer in dem dominanten diskursiven Feld der damaligen Sprachwissenschaft, das von den generativistischen Diskussionen bestimmt war, und publizierte auch an entsprechend prominenter Stelle (z.B. in den Foundations of Language). Dabei nimmt er einerseits die aktuellen Diskussionsthemen auf (z.B. Fragen der externen Ordnung der Regelsysteme), geht andererseits aber von spezifisch europäischen Fragestellungen aus (mit Rückgriff auf die europäischen Klassiker wie Saussure).[6] Mit der von seinem Lehrer U. Weinreich übernommenen Skepsis verfolgt er auch die programmatischen Publikationen der Szene.[7]

Mit seiner Tätigkeit in Berkeley wird das Türkische zunehmend zu seinem Arbeitsfeld, in dem er in einer Reihe von Detailstudien zur Morphophonologie (Morphemstrukturbedingungen, Vokalharmonie u. dgl.), sowie genereller zu Problemen der grammatischen Modellierung unternimmt. Ausgangpunkt für eine ganze Reihe solcher Arbeiten war seine Rezension des damals in diesem Feld einflußreichen Lees, der als Turkologe die generativistischen Arbeiten einer breiteren sprachwissenschaftlichen Öffentlichkeit überhaupt erst plausibel gemacht hatte. Z. argumentiert mit differenzierten Befunden aus Teilbereichen des Türkischen auf einer systematischen Ebene.[8] Im Vordergrund stehen bei ihm prosodische Fragen, die im Anschluß an Chomsky/Halles »Sound pattern of English« (1968) vorrangig diskutiert wurden, mit dem Problem, ob alle phonetisch beobachtbaren Unterschiede nur als Interpretation von »tiefenstrukturell« repräsentierten syntaktischen Strukturen angesehen werden können.[9]

Seine empirische Orientierung setzte er in psycholinguistischen Untersuchungen um (ausdrücklich mit Berufung auf entsprechende Modellstudien von Greenberg), wobei er die Überlagerung von Wortschatzschichten zum Ausgangspunkt nimmt (native gegenüber fremden Wortschatzelementen). Aus der großen Anzahl von nicht nativen Wortformen, die nicht den restriktiven Strukturfiltern des Türkischen unterliegen, ließe sich erwarten, daß dessen Morphemstrukturbedingungen an produktiver Geltung verlieren. Er testet das mit Nonsensformen, woraus sich ergibt, daß die restriktiven nativen Strukturfilter nach wie vor den Default für kompetente Sprecher des Türkischen bilden.[10]

Von diesen Arbeiten aus ergab sich wohl auch die enge Zusammenarbeit mit Dan Slobin, der in Berkeley ein psychologisches Forschungsinstitut aufbaute und selbst einen Forschungsschwerpunkt im Türkischen hatte. Dafür steht insbesondere auch die von ihnen beiden 1982 gemeinsam organisierte Konferenz mit türkischen Sprachwissenschaftlern in Berkeley, bei der neben Strukturanalysen v.a. auch Probleme des Spracherwerbs im Vordergrund standen.[11]

Q: DAS; Haymatloz; briefliche Auskünfte von K. E. Z.

 


[1] Zum Studium war er aufgrund einer (externen) Prüfung zugelassen worden.

[2] Bd. 20/2, Monograph 5 (1964).

[3] Türkisch ist hier nicht berücksichtigt, da es derartige Bildungsweisen bei Adjektiven nicht kennt (Hinweis von K. E. Z.).

[4] In: Working Papers on Language Universals 5/1971: 1-21.

[5] »Appropriateness conditions for nominal compounds«, in: Working Papers on Language Universals 8/1972: 3-20.

[6] »The Morphophonemics of Saussure’s Cours de linguistigue generale«, in: Foundations of Language 6/1970: 423-426.

[7] Siehe z.B. seine Rezension von Chomskys »Cartesian Linguistics« (1966), in: Intern J. Amer. Linguistics 34/1968: 290-303.

[8] »Markedness and the problem of indeterminacy of lexical representations«, in: Intern. J. Amer. Linguistics 35/1969: 264-266; »On the evaluation of alternative phonological descriptions«, in: J. of Linguistics 6/1969: 89-98.

[9] »On specifying the input to the phonological component«, in: Foundations of Language 5/1969: 342-348; »Some observations on non-final stress in Turkish«, in: J. Amer. Orient. Soc. 90/1970: 160-162.

[10] »Psychological correlates of some Turkish morpheme structure conditions«, in: Lg. 45/1969: 309-321; siehe auch »Arabic loanwords and Turkish phonological structure«, in: Intern. J. Amer. Ling. 51/1985: 623-625.

[11] K. Zimmer/D. Slobin (Hgg.), »Studies in Turkish Linguistics«, Amsterdam: Benjamins 1986.