Wittek, Paul

Geb. 1894 in Baden/Österreich, gest. 13.6.1978 in London.

 

Nach dem Abitur begann er 1914 das Studium der Geschichte und Klassischen Philologie an der Universität Wien. Als Reserveoffizier wurde er 1914 aktiviert und an der Ostfront schwer verwundet. Nach der Genesung wurde er als Militärattaché (mit Aufgaben der Auslandsspionage) ins Osmanische Reich versetzt. Er tat seinen Dienst in Palästina und lernte dabei Türkisch. Nach dem Krieg kehrte er 1918 nach Wien zurück und setzte sein Studium bis zur Promotion mit einer historischen Arbeit zum klassischen Altertum 1921 fort, erweitert um das Fach Orientalistik.

Er lebte von journalistischen Tätigkeiten, u.a. als Herausgeber der konservativen Zeitschrift »Österreichische Rundschau« mit großdeutscher und elitärer Ausrichtung, wobei er sich intellektuell am George-Kreis ausrichtete, dessen neoromantisches Gesellschaftsbild auch für seine späteren Arbeiten bestimmend blieb (s. Heywood Q: 1988). Als seine Zeitschrift nicht mehr weiter erscheinen konnte, wanderte er 1924 in die Türkei aus, wo er von journalistischen und anderen Gelegenheitspublikationen lebte. Seit dem Winter 1925/1926 war er am Aufbau des Deutschen Archäologischen Instituts in Instanbul beteiligt, wo er bei dessen Einrichtung 1928 dann auch eingestellt wurde (s. Bittel 1979: 74-83). Als konservativer Gegner des Nationalsozialismus kündigte er 1933 seine Mitarbeiterstelle und wanderte 1934 nach Belgien aus, wo er in Verbindung mit dem Institut für Geschichte seit 1935 eine Abteilung für Turkologie an der Freien Universität Brüssel leitete. Von hier aus hatte er enge Kontakte zu Historikern in London, wo er bereits 1937 eine Vorlesungsreihe hielt und über die Türkei publizierte. Als Belgien 1940 überfallen wurde, floh er nach England, wo er zunächst als feindlicher Ausländer interniert wurde, dann aber mit Unterstützung britischer Fachkollegen freikam und eine Stelle an der Universität London erhielt. 1948 bis zu seiner Emeritierung 1961 war er dort o. Professor für Türkisch. Nach der Emeritierung hatte er noch eine Verbindung zum Londoner Warburg Institut.

W. war seit seinem Studium auf die osmanische Geschichte spezialisiert. Hier entwickelte er sein spezifisches Forschungsprogramm, die osmanischen Geschichtsquellen systematisch zu erfassen und auszuwerten; so schon in den gemeinsam mit F. Kraelitz herausgegebenen »Mitteilungen zur osmanischen Geschichte«,[1] in denen er eine exemplarische Analyse vorstellt: »Zum Quellenproblem der ältesten osmanischen Chronique (mit Auszügen aus Nešrī)«,[2], wo er die komplexen Überlieferungsverhältnisse rekonstruiert (dort in Bd. 1: 77-150). Diesen Beitrag stellt er als Vorgriff auf eine geplante systematische Bestandsaufnahme vor (S. 149). Dabei kritisiert er andere Fachhistoriker, die die Quellen unzureichend nutzen (insbes. Babinger).

Bei seiner Arbeit am Archäologischen Institut in Istanbul war er mit archäologischen Forschungen befaßt. Daraus gingen zwei größere Publikationen hervor: (gemeinsam mit K. Wulzinger und F. Sarre) »Das islamische Milet«,[3] und »Das Fürstentum Mentesche. Studie zur Geschichte Westkleinasiens im 13.-15. Jhd.«.[4] Er gibt hier eine ausführliche Edition der Inschriften auf den Bauten, auf Münzen u. dgl., die er im sprachlichen Kommentar auch systematisch analysiert, insbes. in Hinblick auf die Probleme einer intendierten arabischen Form, die die Schwierigkeiten mit dieser Sprache bei den Schreibern zum Ausdruck bringt. Sein anspruchsvolles Vorhaben geht allerdings in dieser editorischen Arbeit nicht auf; insbes. in dem Mentesche-Werk extrapoliert er aus dessen Detailbefunden den großen Entwurf eines »historischen Raums«. Er entwickelte hier (wie auch in späteren kleineren Arbeiten) eine neoromantische große Erzählung von den Anfängen des osmanischen Reiches (und seiner Fortsetzung in der kemalistischen Türkei), das er auf eine heroische Kriegerkaste (ghāzi) zurückführt, eine Idee, die damals schon Menzel vertreten hatte (s. Heywood Q, 1988: 16). Im Gegensatz zu seiner Quellenarbeit ist seine historische Konstruktion im Fach äußerst umstritten (s. Heywood, Q, 1998).

Diese Forschungen hat er auch auf seiner Londoner Professur weitergeführt, u.a. in einer siebenteiligen Aufsatzreihe »Zu einigen frühosmanischen Urkunden«.[5] Dort analysiert er Urkunden, die zwar als Originale verfügbar sind, aber doch nur den Status von Abschriften haben. Zugrunde liegt dem eine sorgfältige paläographische und kodikologische Analyse, verbunden mit der genauen Bestimmung der Übersetzungsprobleme. Der Fokus der Arbeit liegt bei der historischen Interpretation der Befunde; eine eigenständige Reflexion auf die sprachliche Form fehlt, wobei er allerdings dokumentiert, daß er ein vorzüglicher Kenner des osmanischen Türkischen ist.

Über diese philologischen Arbeiten hinaus ist er als Sprachforscher zu berücksichtigen, weil er in Verbindung mit seinen Ausbildungsaufgaben an der Londoner Universität auch ein Lehrbuch des modernen Türkischen veröffentlicht hat.[6] Es handelt sich um eine Textanthologie als Hilfsmittel für den Unterricht (vorwiegend landeskundliche und literarische Texte), erläutert in kommentierenden Glossen, die über landeskundliches Hintergrundwissen hinaus v.a. auf lexikalische Fragen abstellen. Grammatische Probleme finden keine ausführliche Erläuterung, von kursorischen Bemerkungen zur Problematik der Wortarten u. dgl. abgesehen. Bei der 2. Auflage dankt er Tietze für die Mithilfe. W. ist insofern ein Beispiel für diejenigen, die sich zwar professionell auch mit Sprachfragen beschäftigt haben, aber wohl kaum als Sprachforscher in engerem Sinne anzusprechen sind.[7]

Q: Bentwich; Schriftenverzeichnis, in: Wiener Zeitschrift für Kunde des Morgenlandes 68/1976: 1-7, Nachruf von S. J. Shaw in: Int. J. Middle East Stud. 10/1979: 139-141; C. Heywood: »W. and the Austrian tradition«, in: J. Royal Asiatic Soc. 1988: 7-25; ders. »A Subterranean History: Paul Wittek (1894-1978) and the early Ottoman State«, in: Die Welt des Islam 28/1998: 386-405; Hanisch 2001: 115; Ellinger.

 


[1] 2 Bde, Wien: Hölzel & Co 1921-1922, nachgedruckt Osnabrück: Biblio 1972.

[2] Nešrī war ein osmanischer Historiograph im 15. Jhd.

[3] Berlin: De Gruyter 1935.

[4] Istanbul: Deutsches Archäologisches Institut 1934, nachgedruckt Amsterdam: Oriental Press 1967.

[5] In der Wiener Z. f. d. Kunde d. Morgenlandes Bd. 53/1957 bis Bd. 59-60/1963-1964 (erschienen 1965).

[6] »Turkish«, London: Lund, Humphries 1945, 2. Aufl. 1956.

[7] In einem Brief 1948 schrieb er selbst: »I am rather a historian than a linguist« (zitiert bei Heywood 1988, Q: 390-391).