Weißbach, Franz Heinrich

Geb. 25.11.1865 in Chemnitz, gest. 20.2.1944 in Markkleeberg (bei Leipzig).

 

Nach dem Abitur in Chemnitz seit 1885 Studium der alten Geschichte, orientalischen Sprachen und klassischen Philologie in Leipzig. Promotion 1889. Als Schüler von Delitzsch gehörte W. zur Gründergeneration der Keilschriftforschung (damals: »Assyriologie«); mit diesem baute er das Leipziger Institut auf. Seit 1888 war er zunächst als »Hilfsarbeiter« am Seminar angestellt, später bei der Leipziger Universitätsbibliothek (seit 1891 als Bibliotheksassistent, 1900 Bibliothekar, 1917 Oberbibliothekar). 1897 Habilitation in Leipzig. Er vertrat das Fachgebiet in seiner ganzen Breite, entsprechend seiner Habilitation für »Keilschriftforschung und alte Geschichte«. Nach der Habilitation absolvierte er noch Studienaufenthalte in London und in Paris. Von 1900 bis 1903 war er an den deutschen Ausgrabungen in Babylon beteiligt. 1908 wurde er zum o. (unbesoldeten) apl. Prof. für Keilschriftforschung ernannt, erst 1930 zum ordentl. (besoldeten) Honorarprof. Damit konnte er seine Bibliotheksstelle aufgeben, von der er bis dahin gelebt hatte.

Sein Forschungsgebiet war die Keilschriftforschung, v.a. auch die nicht-semitische und nicht-arische Überlieferung. Gegenstand der Dissertation »Die Achämenideninschriften zweiter Art«[1] waren die heute in der Regel elamitisch genannten (von W. susisch, nach der Hauptstadt des Reiches Susa) Inschriften aus der Zeit der Achämeniden in Persien (Khusistan seit dem 5. Jhd. v. d. Z.). Er stellt hier sehr selbstbewußt den damaligen Forschungsstand zusammen und liefert eine kritische Rezension der vorliegenden Ausgaben, ergänzt durch eine Darstellung der Schrift und ihrer Deutungen, der Grammatik, sowie ein Glossar. Die Texte kommentiert er ausführlich in Hinblick auf den bei der Deutung erreichten Kenntnisstand.[2]

Anschlußarbeiten waren seine Ausgabe von Inschriften aus dem Louvre in Paris »Anzanische Inschriften und Vorarbeiten zu ihrer Entzifferung«,[3] wo er neben epigraphischen Fragen die wenigen Ansatzpunkte für eine Interpretation der Inschriften (bekannte Namen u. dgl.) zusammenstellt (die Abschriften hatte er wohl 1890 in Paris angefertigt); sowie eine Art Bestandsaufnahme der als susisch/anzanisch verstandenen Inschriften mit einem Versuch, sie zu übersetzen: »Neue Beiträge zur Kunde der susischen Inschriften«.[4] In der Habilitationsschrift »Die sumerische Frage«[5] behandelte er gewissermaßen das mesopotamische Gegenstück zum Elamitischen, das Sumerische; es handelt sich im wesentlichen um eine Darstellung der Forschungsgeschichte, komplementär zu den transparenten Keilschriftüberlieferungen (Akkadisch, Altpersisch). Sumerisch bezeichnet eine Restgruppe, die (zum damaligen Zeitpunkt) nicht analysierbar war, für die er die wenigen Anhaltspunkte aus Entsprechungen in anderen Sprachen zusammenstellte.[6]

Nicht zuletzt auf Grundlage seiner eigenen Beteiligung an Ausgrabungen im Irak verfaßte er Arbeiten mit einem archäologischen und historischen Bezug zu diesem Kulturraum, später dann auch zu arabischen Quellen mit einführenden Darstellungen. Ein spezieller Gegenstand blieb bei ihm die Schriftanalyse, nicht nur von Keilschriften (s. außer den vorgenannten Arbeiten noch den Handbuchartikel »Die altpersischen Inschriften«),[7] sondern z.B. auch zur türkischen Schriftreform, s. »Die türkische Lateinschrift«,[8] mit einer systematischen Darstellung der Schriftreform in der damaligen Sowjetunion (hier im eng verwandten Azeri mit z.T. anderen Konventionen), der Diskussion der jeweiligen Modellschriften (u.a. Albanisch, Rumänisch...) und schließlich Vorschlägen für eine in seinem Sinne konsistentere phonographische Reform.

Darüber hinaus hat er sich auch systematischer mit der gegenwärtig gesprochenen Sprache beschäftigt, so bei seinem Grabungsaufenthalt 1900-1903 im Nord-Irak, bei dem er die dort gesprochene Umgangssprache (bei ihm »Bauerndialekt«) aufnahm und analysierte, s. seine »Beiträge zur Kunde des Irak-Arabischen«,[9] die einerseits als eine Art Gesprächsführer praktische Hilfestellung für Reisende geben sollen, andererseits mit einer vergleichend kommentierten Sammlung von Erzählungen und Sprichwörtern auch volkskundlich ambitioniert sind. Die Texte gibt er in phonetischer Umschrift, z.T. auch als phonetische Transliteration der Aufzeichnungen, die ihm seine Gewährsleute in arabischer Schrift geliefert hatten. Aufschlußreiche Kommentare betreffen den hybriden Charakter der Sprache, mit Versatzstücken des literarischen Arabischen, türkischen und kurdischen Elementen u. dgl. In der Zeit des Ersten Weltkriegs gab er auch Sprachkurse in gesprochenem Irak-Arabischen. Insofern explorierte W. das Feld der Sprachforschung in seiner ganzen Breite: von philologisch-historischen Gegenständen über kulturgeschichtliche und sprachsoziologische Fragen bis zur Feldforschung.

Im April 1933 beantragte W. die Aufnahme in die NSDAP, die ihm aber aufgrund seiner Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge verweigert wurde. Daraufhin richtete er 1934 einen mehr oder weniger offenen Brief an den Reichskanzler Hitler, in dem er die Freimaurer verteidigte und dabei seine nationale Gesinnung herausstellte. In Reaktion darauf wurde er 1935 mit Bezug auf den §6 des Beamtengesetzes (politische Gründe) aus seinem Hochschullehrerstatus entlassen. Er starb 1944 bei einem Bombenangriff auf Leipzig.

Q: DBE 2005; Lambrecht; M. Müller 1979: 67-86.

 


[1] Leipzig: Hinrichs 1890.

[2] In der einschlägigen Forschung hatte sich eine formale Klassifikation dieser Inschriften etabliert: erste Art zur Bezeichnung der altpersischen (arischen) Keilschrifttexte, zweite Art die elamitischen Texte (auch susisch, anzanisch und andere Bezeichnungen), dritte Art babylonisch, semitisch.

[3] Leipzig: Hirzel 1894 (Abhandlungen der Phil.-Hist. Kl. der Königlich Sächsischen Ges. f. Wissenschaften, Bd. 12).

[4] Leipzig: Hirzel 1894 (Abhandlungen der Phil.-Hist. Kl. der Königlich Sächsischen Ges. f. Wissenschaften, Bd. 14).

[5] Leipzig: Hinrichs 1898.

[6] Der fachgeschichtliche Rang seiner Arbeiten wird auch heute noch gewürdigt, wo z.B. Cooper (1991: 48 u.) ihm ein erhebliches Verdienst dabei zuschreibt, das Sumerische als eigene Sprache zu sehen, statt wie bis dahin in der Regel nur ein künstlich (graphisch) verkleidetes Akkadisch bei den Assyrern (s. hier auch bei Poebel).

[7] In: W. Geiger/E. Kuhn (Hgg.), »Grundriss der iranischen Philologie«, Bd. 2, Straßburg: Trübner 1886-1904: 54-74.

[8] In: A. Schramm (Hg.), »Die Reform der Nationalschriften«, Wolfenbüttel: Heckner 1932: 5-18.

[9] 2 Bde, Leipzig: Hinrichs, Bd. 1/1908, Bd. 2/1930.