Weinreich, Max

Geb. 22.4.1894 in Kuldiga (Goldingen, Kurland/Lettland), gest. 28.1.1969 in New York.

 

Die Muttersprache von M. W. war nach Labov Deutsch;[1] die Familie gehörte zur städtischen Oberschicht im Baltikum, für die Deutsch zumindest Bildungssprache war, die Umgangssprache im jüdischen Milieu war Jid­disch. Das Gymnasium besuchte er in Goldingen, Wilna (Vilnius) und St. Petersburg, wo er nach dem Abitur 1912 das philologi­sche Studium begann. 1918 kehrte er nach Wilna zurück, setzte ab 1919 sein Studium in Deutschland, zunächst in Berlin, dann in Mar­burg fort (laut Vita vor allem mit sprachwissenschaftlicher Orien­tierung bei Jacobsohn und seinem Doktorvater Wrede).

Neben und vor dem Studium (seit seinem 13. Lebensjahr) war M. W. als literarischer Autor in jiddischer Sprache tätig, der damals und auch später noch Theater­stücke, Es­says und dgl. verfaßte. Seine Dissertation »Studien zur Geschichte und dialektischen Gliederung der jiddischen Sprache«[2] markiert neben den Arbeiten S. Birnbaums[3] den Anfang der modernen Jid­distik.[4] Er liefert dort eine umfas­sende Bestandsaufnahme und Kritik der Forschungstraditionen zum »Jüdisch-Deutschen«, sowohl der älteren Tradition, die dieses als Rander­scheinung der Hochsprache abqualifiziert, wie der jünge­ren ger­manistisch-dialektologischen Beschäftigung mit dem Jiddi­schen als einer relativ archaischen hochdeutschen Mundart. Für ihn ist das Jiddische i. S. der Sprachwissenschaft eine eigene Sprache (Bd. 1: 7), die er in Bd. 3 skizziert: als Literatursprache und vor allem i. S. der Marburger Dialektologie mit einer Gliederung in Mundarten, die nicht einfach als Relikte mhd. Formen zu fassen sind (bes. S. 82ff., 105ff.).

Nach der Promotion kehrte er nach Wilna, in die »Hauptstadt« des baltischen Judentums (damals Po­len), zurück, wo er an der Gründung einer Art jiddischen Akademie »YIVO« (= Yidišer Visnšaftlexer Institut)[5] beteiligt war und eine umfangreiche publizistische Aktivität in Jiddisch entfaltete, die dessen Ausbau und Stabilisierung als Schriftsprache diente: neben Arbeiten zum Jid­dischen (Sprache und Literatur) allgemeine Publi­kationen im Be­reich der Sprachsoziologie (auch zum Esperanto, zum Verhältnis Dialekt/Nationalsprache usw.), so in zahlreichen Rezensio­nen, aber auch in Übersetzungen, vor allem aus dem Deut­schen (Au­toren wie z.B. E. Toller, recht extensiv Freud, zu dessen Psychoanalyse er auch direkt Stellung nimmt). Entsprechend seinen eigenen literarischen Aktivitäten nahm die jiddische Lite­raturgeschichte in seinem Werk einen großen Raum ein, zu der er wiederholt auch Überblicksdarstellungen (auf Jid­disch) vorlegte; zu diesen vielfältigen Bereichen seines Werks kann hier nur auf die Bibliographie (Q) verwiesen werden.

Daß er sich in wissenschaftlicher Hinsicht vor allem als Sprach­wissenschaftler verstand, machen die immer wieder herausgestellten Bezüge zur allg. Sprachwissenschaft deutlich, vor allem sein Beitrag »Yiddish als Gegenstand der allgemeinen Sprachwissen­schaft« zum 4. Intern. Ling. Kongr. in Kopenhagen 1936,[6] wo er das Jiddische als Schlüsselsprache für die Un­tersuchung von Fragen versteht, die nach seiner Meinung im Vordergrund der modernen Sprachwissenschaft stehen: sprachsoziologische Pro­bleme (Sprachmischung, Ausdifferenzierung von Dialekten, Standar­disierung) sowie das Verhältnis von Sprache und Denken. Vor allem bei der letztgenannten Problemstellung ergab sich für ihn die Frage nach der Iden­tität des Jiddischen. Pointiert hat er sie in »Form versus Psychic Function in Yiddish«[7] auf den Punkt gebracht: in der Analyse der äußeren Form ist das Jiddische zweifelsfrei ein deutscher Dialekt, dessen interne Dynamik im Ausgang von der gesprochenen Sprache der mittelalterlichen Siedler sich geradezu in einer Hypergermanisierung heterogenen Sprachmaterials (»Fremdworte« aus dem Slawischen, Hebräischen usw.) zeigt (s. bes. zur Akzentuierung, S. 533), aber als Sprache erweist das Jiddische sich nicht in der etymologischen Analyse, sondern in der inneren Form (der Terminus findet sich hier allerdings nicht; in expliziter Anlehnung an Sapir spricht er vom spirit of language); jiddische Ausdrucksformen sind nur in ihrem Zusammenhang als Artikulation jüdischer Kulturformen zu fassen, die auch im Sprachgebrauch
von »säkularisierten« Juden konnotiert bleiben.

Als nach dem deutschen Überfall auf Polen am 17.9.1939 die So­wjetunion ihrerseits in Polen einfiel und Wilna besetzte, war M. W. mit einem Teil seiner Familie (u.a. dem Sohn Uriel) in Brüssel beim 5. Internationalen Linguistenkongreß. Er kehrte dar­aufhin nicht mehr zurück, sondern emigrierte in die USA, wo er in New York mit den teilweise geretteten Archivalien das YIVO neu aufbaute – nach der Schoah (M. W. sprach ohnehin vom Zweiten Weltkrieg als einem »Krieg gegen die Juden«) heute das intellektuelle Zentrum des Jiddischen überhaupt.

Seine wissenschaftliche Arbeit ist nicht von der politischen zur Bewahrung der jüdischen (jiddischen) Identität zu trennen – wozu insbes. auch die Aufarbeitung der jüngsten Ge­schichte gehört. Einflußreich ist dabei seine von intimer Kenntnis des deutschen Wissenschaftsbetriebes zeugende Anklageschrift gegen die Schreibtischtäter in den deutschen Universitäten geworden: »Hitler's Professors. The part of scholarship in Germany's crimes against the Jewish people«.[8] Diese noch vor dem Zugang zu den deutschen Archiven verfaßte Bestandsaufnahme ist bei ihrer detailliert gearbeiteten Bilanz (»Before the world's conscience, German Scholarship stands convicted«, S. 242) gleichzeitig bemüht um eine Differenzierung, die die Kollusion der anfänglich zumeist unpolitisch-distanzierten Wissenschaftler rekonstruiert (zu Weisgerber, Naumann, Kloss, Thierfelder, Kittel, Koschmieder u.a.), dabei eine systematische Darstellung der institutionellen Juden- (bzw. Ost-)Politik mitlie­fert.

Zugleich hat er für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Jiddischen systematische Grundlagen geschaffen (u.a. in Ver­bindung mit seiner Professur f. jiddische Sprache, Literatur und Volkskunde an der City Univ. in New York). Er griff wiederholt in die Debatten ein, wobei er eine strikt sprachwiss.-deskriptive Analyse mit ei­ner kulturhistorischen verband. In diesem Sinne arbeitete er eng mit Sapir zusammen, bes. im Rahmen des von diesem in Yale aufgebauten Projekts, das den Zusammenhang von Sprache/Kultur/Persönlichkeit fokussierte.[9] Hier publizierte er auf Englisch, während seine Publikationen sonst überwiegend jid­disch sind. Das gilt so z.B. für seine Kritik an J. W. Marchands Versuch, die seinerzeit gerade entdeckte Dukus-Horant Handschrift als mhd. Text in hebräischer Schrift zu identifizieren, dem er den versuchten Nachweis gegenüberstellt, daß der Text eine jiddische Spielmannstradition spiegelte, die zwar von mündlichen dt. Einflüs­sen geprägt ist, aber keinen Zugang zu (lateinschriftlichen) dt. Texten hatte (»Old Yiddish Poetry in linguistic-literary rese­arch«).[10]

Den verbreiteten Topos, daß die Besonderheiten des Jiddischen Reflex der (repressiven) Ghettoisie­rung seien, stellt er in der FS für R. Jakobson 1967 in eine Tradi­tion, die in den faschistischen Holocaust mündete; ihm stellt er emphatisch die positive Identität jüdischer Lebensweise im »Exil« gegenüber, die sich im Jiddischen (dessen nicht-christliche, bes. auch sephardische Anteile er betont) eine Ausdrucksform schuf. Die Stoßrichtung dieser Forschung: eine eigenständige jüdische Kultur­form in der Sprache und zugleich nicht-deutsche Quellen des Jiddi­schen zu finden, ist bes. da deutlich, wo er die romanischen Ent­wicklungen analysiert, z.B. »The Jewish Languages of Romance Stock and Their Relation to Earliest Yiddish«.[11] Indem er auch hier die jeweilige Abhängigkeit von der »dominanten« Sprachentwicklung infragestellt, weist er auf Einflüsse der romanisch-jüdischen Sprachformen auf die der jüdi­schen Gemeinden im Rheinland (und darüber vermittelt vielleicht sogar im Osten) hin. Bei den romanistischen Fragen kooperierte er offensichtlich eng mit Spitzer.

Schon in den 20er Jahren hatte W. an einer jiddischen Sprachge­schichte gearbeitet und Teile davon veröffentlicht. Dieses Unter­nehmen setzte er fort und lieferte 1954 eine Darstellung der Frühgeschichte, die sprachliche Besonderheiten des Jiddischen di­rekt auf nachexilische Ausdifferenzierungen des Hebräisch-Aramäi­schen zurückverfolgt, die sich in westeuropäischem Sprachmaterial durchsetzten (dabei betont er den Rang der aschkenasischen He­bräisch-Aussprache gegen die traditionell höher eingestufte se­phardische), s. »Prehistory and Early History of Yiddish: Facts and Conceptual Framework«.[12] Er nahm auch die dialektologischen Fragestellungen seiner Dissertation wieder auf, etwa in »On the dynamics of Yiddish dialect formation«,[13] wo er die vokalischen Isoglossen der Dialektgliederung aufgrund der dichteren Dokumentation des damals am New Yorker YIVO im Aufbau befindlichen Sprachatlasses (s. bei U. Weinreich) als Spuren der Siedlungspolitik interpretiert (vor allem auch mit fränkischen Dialektelementen im Ostjiddischen). Dem stellt er selbst dann die rein strukturale Analyse seines Sohnes Uriel W. gegenüber (S. 84-86). Eine ab­schließende Darstellung fand das Unternehmen in seiner umfangrei­chen »Geshikhte fun der Yidisher Shprakh«.[14] Vor dem Hintergrund der äußeren und internen (vor allem auch dialektalen) Entwicklung definiert er die Identität des Jiddischen durch das Bewußtsein ihrer Sprecher, die darin die Andersartigkeit ihrer Kultur artikulieren, die insofern aber auch die Einheitlichkeit dieser Sprache jenseits aller diagnostizierbaren »Mischungen« (deutsche, hebräische, romanische, slawische, litauische... Ele­mente) konstituiert.[15] 1964 wurde er zum 70. Geburtstag mit einer Festschrift geehrt (s. Q), zu der vor allem eine Reihe anderer Emigranten beitru­gen (S. Birnbaum, R. Jakobson, W. Leslau, Y. Malkiel).

Q: V; E/J 2006 (M. Schaechter); s. auch bei Uriel Weinreich; Bibliographie in der Neuausgabe von »Geschichte der jiddischen Sprachforschung«[16]; L.S. Dawidowicz u.a. (Hgg.) »Studies in Jewish Languages, Literature and Society. FS for M. W.« (mit Bibliographie, S. 287-304), Den Haag: Mouton 1964.



[1] Int. Enc. Soc. Science Bd. 18: 799.

[2] 3 Bde., Mar­burg masch.schr. 1923.

[3] Dessen Lehrauftrag an der Univ. Hamburg hat M. W. selbst als Wende­punkt bezeichnet, Bd. 3: 154.

[4] Zur Einschätzung s. z.B. Althaus 1968.

[5] S. seinen Bericht über die Gründungsaktivitäten »Ein jiddisches wissenschaftliches Institut« in: ZDMG (NF 5)/1926: 68-70; dort spricht er selbst von einer »jiddischen Akademie«, S. 70.

[6] Engl. Zusammen­fassung des dt. Vortrags in den »Akten«, Repr. Nendeln: Kraus 1972: 226-227.

[7] In der Festschrift für M. Gaster (hg. von B. Schindler), London: Taylors 1936: 532-538.

[8] New York: Yiddish Scientific Insti­tute 1946.

[9] S. dazu bei Sapir und dort bei Darnell 1990 (Q): 341, 401.

[10] In: Word 16/1960: 100-118. s. dazu jetzt die Ausgabe von P. Ganz u.a. (Hgg.) »Dukus Horant«, Tübingen: Niemeyer 1964. Eine explizite Gegenposition vertritt W. Schwarz, s. bei diesem.

[11] In: Romance Ph. 9/1956: 403-428.

[12] In: U. Weinreich (Hg.), »The Field of Yid­dish«, Bd. 1, New York: Mouton 1954: 73-101.

[13] In: U. Weinreich (Hg.), »The Field of Yid­dish«, Bd. 2, New York: Mouton 1965: 73-86.

[14] 4 Bde, New York: YIVO 1973. Engl. (Teil-)Übersetzung (nur Bd. 1-2) »History of the Yiddish Language«, Chicago: Univ. Press 1980. Für eine Synopse s. die Jiddistik-Mitteilungen (Trier), Sonderheft November 1998.

[15] Eine Würdigung seiner analytischen, aber auch organisatorischen Arbeit (bzw. der des YIVO) gibt M. Schaechter, M. W’s tsushtaier tsum oiswaks fun jidish (»M. W’s Beitrag zum Gedeihen des Jiddishen«), in: Di goldenen Keyt 50/1964: 157-171.

[16] Inzwischen auch in einem Nachdruck zugänglich (hg. von J. C. Frakes), Atlanta: Scholar Press 1993.