Weil, Gotthold (Eliakim)

Geb. 13.5.1882 in Berlin, gest. 25.4.1960 in Jerusalem.

 

Nach dem Abitur 1900 in Berlin studierte er dort Orientalistik und Geschichte, außer an der Universität am Seminar für orientalistische Sprachen und zugleich auch an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. 1905 promovierte er mit einer Dissertation »Die Behandlung des Hamza-Alef im Arabischen besonders nach der Lehre des az-Zamaḫšarī und Ibn-al-Anbārī«.[1] Dort behandelt er ein kritisches Problem des klassischen Arabisch: die Schreibung des Alef, das sowohl für den Glottisverschluß stehen kann wie auch als Dehnungszeichen bei langem /a:/ benutzt wird, in späteren Schreibungen dann mit der Vereindeutigung der Repräsentation des Glottisverschlusses durch das Hamza. Die einschlägige Diskussion leidet, wie er zeigt, v.a. auch unter der verwirrenden Gleichsetzung mit dem in dieser Hinsicht eindeutigen Alef im Hebräischen. Die Arbeit beruht auf ausführlichen Exzerpten bei den im Titel genannten Grammatikern des 11. und 12. Jhdts., die er aus Handschriften in Leiden edierte.

Nach der Promotion war er bei der Königlichen Bibliothek in Berlin angestellt, wo er die Bibliotheksausbildung 1907 abschloß. 1912 Habilitation und Venia für nachbiblische Judaistik. Vorübergehend war er 1908-1909 an der Bonner Universitätsbibliothek tätig, schließlich 1914 fest an der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin angestellt. Bis zu seiner späteren Emigration war er gleichzeitig in Kuratorien der Hochschule f. d. Wissenschaft des Judentums und ihr angelagerter Organisationen sowie in zionistischen Organisationen aktiv. Er weitete sein Forschungsgebiet in der Orientalistik systematisch aus: in der Semitistik auf das Arabische, für das er 1920 zum a.o. Profes­sor in Berlin ernannt wurde, sowie in der Turkologie, wo er nicht nur die klassische (osmanische) Literatursprache bearbeitete.

Bis heute grundlegend geblieben ist seine »Grammatik der Osmanisch-türkischen Sprache«,[2] die er ausdrücklich auf das moderne Türkische abstellte, mit einer systematischen Darstellung der arabischen und persischen Einflüsse, insbesondere bei der osmanischen Schrift. Didaktisch bemüht kontrastiert er die Besonderheiten des Türkischen mit dem Deutschen, so ausführlich in der Syntax und auch in den Kapiteln der Formenlehre beim Verbalsystem. Zu anderen Turksprachen arbeitete er empirisch im Ersten Weltkrieg durch seine Mitarbeit bei dem Unternehmen von Doegen.[3] Seine dabei erhobenen Materialien publizierte er 1930: »Tatarische Text nach den in der Lautabteilung der Staatsbibliothek befindlichen Originalplatten«.[4] Er bietet diese Texte in enger Transkription, auch bei den Allegroformen, kontrastiert mit der Verschriftung (in arabischer Schrift) seiner tatarischen Gewährsleute. Die Texte erläutert er nicht nur sprachwissenschaftlich sondern auch volkskundlich. Diesem Forschungsfeld entsprach auch sein Arbeitsbereich als Leiter der Orientalistischen Abteilung der Preußischen Staatsbibliothek. Hier waren ihm während des Weltkriegs Zensuraktivitäten für tatarische Kriegsgefangene übertragen, die als Äquivalent zum Wehrdienst dienten und ihn so davor bewahrten, eingezogen zu werden.

Entsprechend seinem zionistischen Engagement war er früh schon in Palästina aktiv, insbes. beim Aufbau des dortigen Bildungssystems. 1931 wurde er ordentlicher Professor für die »Kunde des Islam« an der Universität Frankfurt, zugleich mit der Leitung des Orientalischen Seminars dort betraut. Gleichzeitig nahm er eine Gastprofessur mit Leitungsfunktionen am Orientalischen Seminar der Universität Jerusalem wahr. 1934 wurde er aus rassistischen Gründen entlassen und emigrierte 1935 nach Palästina, wo er in Verbindung mit einer Professur für die Geschichte des Islam und für arabische und türkische Philologie mit Unterstützung der Rockefeller Foundation die Forschungsabteilung der Bibliothek der Hebräischen Universität und auch der Jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem aufbaute.

Schwerpunkt seiner späteren Forschungen, die er offensichtlich durch die organisatorische Belastung an der Bibliothek nur noch sehr eingeschränkt weiterführen konnte, war die Rekonstruktion der altarabischen Metrik. Um sich stärker auf seine Forschungen konzentrieren zu können, quittierte er 1946 den Bibliotheksdienst. 1952 wurde er emeritiert. Gegen die dominierende Fachauffassung setzte er eine akzentuierende (alt-)arabische Metrik (einen Iktus) an und ging daher von der Eigenständigkeit der arabischen Metrik gegenüber der griechischen Tradition aus. Das letzte zeigt er insbesondere auch für die arabische Metriktheorie (bes. bei Khalīl, 8. Jhd.), dessen kompliziertes Theoriegebäude er aus den Schwierigkeiten der arabischen Tradition entwickelt, die für ihre Grundeinheiten nur sinnvolle (aussprechbare) Elemente, also Wörter, annehmen konnte und nicht wie die Metrik der klassischen Schulsprachen mit formalen Einheiten wie Silben operieren konnte. Da im Arabischen aber die leichten Silben nicht als Wortformen aufzufassen sind (sie werden in der Schrift nur durch ein Konsonantenzeichen repräsentiert, das enklitisch mit einem Wirtswort zusammengeschrieben wird), mußten sie relativ komplexe Umschreibungen in ihrer Darstellung finden. Seine Rekonstruktion stellte er 1954 in einem Aufsatz vor: »Das metrische System des al-Xalīl und der Iktus in den altarabischen Versen«[5] und schließlich in Buchform »Grundriß und System der altarabischen Metren«.[6] Er publizierte bis zuletzt durchweg auf Deutsch (seine Arbeiten wurden aber z.T. sogleich ins Englische bzw. Hebräische übersetzt).

Q: V; BHE; DBE; Nachruf: Arch. Orientf. 19/1959-1960: 272; J. M. Landau, in: Die Welt des Islams 38/1998: 280-285 (mit Teilbibliographie); Arch. Rockefeller Foundation; E. Rothschild in: Mitteilungsblatt der Hitachduth Olej Germania (MB HOG), Mai 1982; D. George, in: Mitt. Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz 14/1982: 59-61; Hanisch 2001; Ellinger.



[1] München: Straub 1905.

[2] Berlin: Reimer 1917.

[3] So wird er auch auf dem Titelblatt von Doegen 1926 aufgeführt.

 

[4] Berlin/Leipzig: de Gruyter 1930.

[5] In: Oriens 7/1954: 304-321.

[6] Wiesbaden: Harrassowitz 1958.