Wagner, Max Leopold

Geb. 17.9.1880 in München, gest. 9.7.1962 in Washington.

 

W. gehört nicht zu den vom Nationalsozialismus Verfolgten. Seine Biographie macht die Schwierigkeiten der Anlage dieses Katalogs deutlich (s. Bd. 2, Kap. 2.1). Nach dem Abitur 1899 in Neuburg a. d. Donau begann er das Studium in München, weiter in Würzburg, Paris und Florenz.[1] Die Faszination für marginale Gegenstände, verbunden mit seiner Fähigkeit, sich in eine Fülle von verschiedenen Sprachen auch praktisch hineinzufinden, blieb für seine Biographie bestimmend. Schwerpunkt war das Sardische, dessen Sonderstellung in den romanischen Sprachen seinerzeit durch Meyer-Lübke herausgestellt worden war,[2] an dessen grundlegenden Arbeiten W. sich zeitlebens als Modell für seine Darstellung orientierte. 1904 legte er eine erste Studie zur sardischen Wortbildung für das Staatsexamen vor, hier noch aus sekundären Quellen (neben Meyer-Lübke vor allem das sardische Wörterbuch von Spano).[3]

Ein Stipendium erlaubte ihm 1905/1906, nach Sardinien zu Feldforschungen zu fahren, wo er unter extremen Bedingungen des Winters im ländlichen Hinterland die Mundarten zu erforschen versuchte.[4] Auf den erhobenen Materialen basiert seine Dissertation: »Lautlehre der südsardischen Mundarten mit besonderer Berücksichtigung der um Gennargentu gesprochenen Varietäten«, mit der er 1907 promovierte.[5] Formal ergänzt diese Arbeit Meyer-Lübkes Darstellung mit dialektologischen Details; aber es ist deutlich, daß seine Zielsetzung über eine solche akademische Darstellung hinausgeht, wie schon die Wahl der archaischen Mundartregion im Landesinnern deutlich macht, bei der W. noch »echt sardischen Sprachgeist« (S. 6) findet. Die Arbeit versteht sich im Horizont der damaligen Sprachgeographie und stellt die Isoglossen der Mundarten u.a. auf 11 Karten dar. Über die akademisch etablierte, sprachhistorisch motivierte dialektologische Vorgehensweise hinaus transkribiert und analysiert er die in teilnehmender Beobachtung erhobenen Formen in ihrem satzphonetischen Zusammenhang.

Nach der Promotion unterrichtete er bis 1910 an einem Gymnasium in Konstantinopel (Istanbul). Hier arbeitete er sich in die Sprachvielfalt des Osmanischen Reiches ein: Türkisch, Arabisch und v.a. auch die verschiedenen Sprachen aus dem Balkan, die er in größeren Forschungsreisen explorierte. 1911 unternahm er zunächst eine weitere Studienreise nach Sardinien und kehrte dann nach Deutschland zurück, wo er 1912-1913 eine Assistentenstelle am Kolonialinstitut in Hamburg hatte. 1913-1914 unternahm er mit einem Stipendium des American Inst. of Anthropology eine Forschungsreise nach Mexiko und Kuba. Bei Kriegsausbruch 1914 war er zunächst beim Landsturm, wurde dann aber aus Gesundheitsgründen für nicht wehrtauglich erklärt. Seit 1915 unterrichtete er an einem Berliner Gymnasium.

1915 habilitierte er an der Berliner Universität in der Romanistik mit der Venia für Spanisch. 1922 wurde er dort zum Extraordinarius ernannt. Am Seminar arbeitete er eng mit Erhard Lommatzsch (1886-1975) zusammen, bis dieser 1921 nach Greifswald ging. Außerdem hatte er wohl einen engeren Arbeitskontakt zu Rohlfs, der dort 1922 habilitiert hatte und bis 1936 lehrte, s.u. zu ihrer Zusammenarbeit im Rahmen des AIS. Mit Lommatzsch gab W. die Romanische(n) Texte zum Gebrauch für Vorlesungen und Übungen heraus:[6] W. erstellte dafür ein Heft aus seinem spanischen Arbeitsgebiet: »Cantar de Mio Cid« (Berlin: Weidmann 1920 = Heft 4 der Reihe), das aber faktisch nur einen Nachdruck der von Menéndez Pidal besorgten »kleinen Ausgabe« des Texts von 1913 darstellt (wohl auch in Absprache mit Menéndez Pidal, wie er in den Vorbemerkungen betont); die anderen Hefte verfaßte Lommatzsch, entsprechend seinem Arbeitsgebiet zu älteren französischen Texten. W. unterrichte wohl nur auf der Schule Französisch, behandelte es sonst nicht; am Seminar lehrte er nur in komplementären Gebieten zu denen des romanistischen Ordinarius: außer (entsprechend seiner Venia) zum Spanischen bot er noch Veranstaltungen zum Altprovenzalischen an. Im Ersten Weltkrieg beteiligte er sich an dem Unternehmen eines Sprachmuseums mit Aufnahmen bei den Kriegsgefangenen, wo er in der Kommission von Morf (damals Ordinarius an seinem Institut) für die romanischen Sprachen, im engeren Sinne wohl für die sardischen Kriegsgefangenen zuständig war.[7]

1923 wurde er wegen eines »Sittlichkeitsvergehens« in Verbindung mit seiner Homosexualität verurteilt und mußte seine reguläre Lehrtätigkeit aufgeben. Im förmlichen Disziplinarverfahren war er allerdings vom Ministerium nur verwarnt worden, wobei seine Homosexualität sogar als mildernder Umstand gewertet wurde. Er reichte selbst einen Antrag auf Entpflichtung aus Gesundheitsgründen zum Sommersemester 1925 ein, nachdem er zunächst beurlaubt worden war (sowohl auf der Schule wie auch als Hochschullehrer). Dabei zeigen die universitären und auch ministeriellen Akten ein deutliches Bemühen, die Homosexualität selbst nicht als Entlassungsgrund erscheinen zu lassen. So wurden ihm auch seine Bezüge noch nach 1933 weiter gezahlt und ihm für seine Auslandsaufenthalte die Genehmigung erteilt, da er seinen Wohnsitz in Berlin beibehielt: 1932 in Italien (Rom), 1935-1936 in Portugal (Coimbra), 1937-1947 in Italien (Rom), wo er jeweils auch Lehrveranstaltungen abhielt.[8]

In Rom arbeitete er u.a. zusammen mit dem Germanisten Gabetti an einem Deutsch-Italienischen Wörterbuch, das aber nicht abgeschlossen wurde, lehrte aber auch zum Sardischen. Paulis[9] (Q) berichtet allerdings davon, daß W. gegen Kriegsende von den deutschen Behörden aus politischen Gründen verfolgt worden sei und sich habe verstecken müssen. Auch nach Kriegsende führte er ein recht mobiles Leben, u.a. mit Aufenthalten in Mittel- und Südamerika. 1947 trat er eine Stelle an der Universität Coimbra an, ging 1948 aber nach Urbana, Illinois, wo er bei seinem früheren Berliner Schüler Kahane eine Gastprofessur annahm. Später siedelte er sich fest in den USA an.[10]

An seine Dissertation schloß eine Fülle von weiteren Arbeiten zum Sardischen an, mit einem umfassenden Horizont der Rekonstruktion der Lebensverhältnisse in ihrer sprachlichen Artikulation, die insbesondere auch Bereiche wie Rotwelsch, Sprache der Sexualität u. dgl. nicht aussparten (s. etwa »Geheimsprachen auf Sardinien«).[11] Sein Lebenswerk war eine Gesamtdarstellung des Sardischen, das er auch als sein eigenes Revier betrachtete: auf Diskussionsbeiträge reagierte er z.B. mit einem Beitrag »Pro Domo«.[12] Im Zentrum stehen Detailstudien zum Wortschatz, die er mit volkskundlichen Analysen in der Tradition von Wörter und Sachen verband, so »Das ländliche Leben Sardiniens im Spiegel der Sprache. Kulturhistorisch-sprachliche Untersuchungen«,[13] »Studien über den sardischen Wortschatz (I Die Familie, II Der menschliche Körper)«,[14] wiederum mit einer detaillierten sprachgeographischen Aufschlüsselung, v.a. Dingen aber auch mit einer sozialen Schichtung im Wortschatz nach urbanen gegenüber ländlichen Varietäten, beim Urbanen dann auch mit sondersprachlichen Formen (»Jargon«). Im Vordergrund steht die gesprochene Sprache in alltagspraktischen Kontexten, wo er auch syntaktische Strukturen analysiert, so z.B. später noch »Die Iteration im Sardischen«.[15]

Für seine etymologischen Analysen verfolgte er die Rekonstruktion der Lautlehre aus der Dissertation weiter. Eine systematische Darstellung gibt er in seiner »Historische Lautlehre des Sardischen«.[16] Mit der detaillierten diachronen Rekonstruktion verbindet er eine dialektologische Darstellung, die im Anhang auch in acht Karten vorgestellt wird. Dabei trennt er innersardische Dialektkontakte und Einflüsse von externen Kontakten: in älterer Zeit mit dem Katalanischen und Spanischen, in jüngerer Zeit mit dem Italienischen (Toskanischen). Für lautliche Besonderheiten (Glottalisierung, Retroflexe u. dgl.) sucht er auch Parallelen in einem größeren arealen Raum, v.a. auch in Nordafrika (im Berberischen, S. 281).[17]

In der Tradition von Schuchardt, den er immer wieder als Gewährsperson anführt, wendet er sich gegen jede Form junggrammatisch extrapolierter Etymologien und betont die Umbildung des Wortschatzes durch den Sprachkontakt (in Sardinien durch Italianismen und Katalanismen), vor allen Dingen aber auch durch die assoziativen Felder in der Sprachpraxis. Mit dem Schwerpunkt bei dem Wortschatz hat er später auch umfassende Darstellungen erstellt, insbesondere »La lingua sarda. Storia, spirito e forma«,[18] wo er die äußere Geschichte als Folie nimmt, um die verschiedenen Wortschatzschichten, v.a. auch nicht romanische, zu identifizieren. Sein Hauptwerk war auf dieser Basis das große »Dizionario etimologico sardo«.[19]

Neben dem Sardischen steht eine Fülle von Aufsätzen und Monographien zu allen möglichen Themen der mediterranen Kulturlandschaft, vom Portugiesischen bis zum Türkischen und Arabischen, methodisch besonders im Bereich der Etymologie, Namenkunde und Wortbildung angesiedelt, wo er insbesondere der formalen Integration heterogenen Wortguts in eine »Volkssprache« nachgeht. Ein besonderer Forschungsbereich ist das Judenspanische (u.a. »Beiträge zur Kenntnis des Judenspanischen von Konstantinopel«),[20] das für ihn eine wirkliche Volkssprache in der (städtischen) Türkei ist, im Gegensatz zur französisch-ausgerichteten Oberschichtkultur. Die in einem erstaunlich breiten und heterogenen sprachlichen Horizont entwickelte etymologische Aufbereitung der von ihm erhobenen Texte zeigt das Bemühen, den kulturellen Ausdrucksformen des »einfachen Volkes« zu einer symbolischen Präsenz in der Bildungswelt zu verhelfen. Später spricht er auch von der »ganze[n] primitive[n] Kultur eines Sprachraums« als seinem Forschungsgegenstand.[21]

Ihn faszinierte die Variation der osmotischen Verhältnisse bei den mobilen jüdischen Gemeinschaften, für ihn bestimmt durch die Ausgrenzung der religiösen Domäne mit ihren hebräisch bestimmten Formen.[22] Diesen Strang hat er seit seinem Türkeiaufenthalt systematisch weiter verfolgt, vgl. noch »Judenspanisch-Arabisches«,[23] »Zum Judenspanischen von Marokko«[24] und gewissermaßen abschließend: »Caractères générales del Judeo-español de Oriente«.[25] In dieser Ausarbeitung von drei Vorträgen 1925 in Madrid versuchte er eine systematische Darstellung des sephardischen Judentums: die historische Entwicklung im Vergleich mit den östlichen Verhältnissen im osmanischen Reich (auf dem von ihm bereisten Balkan); die sprachlichen Verhältnisse, ausgehend von den schon in Spanien bestehenden sprachlichen Abgrenzungen zwischen christlichem und jüdischem Spanisch, über die verschiedenen Kontaktkonstellationen mit Arabisch, Türkisch, hellenistischem Griechisch, slawischen Sprachen; und schließlich der kulturelle Ausbau der Sprache, aufgezeigt an (selbst aufgenommenen) mündlich tradierten Dichtungen bis hin zu jüngeren Arbeiten, etwa in Wien erscheinenden Zeitschriften. Der umfangreiche Anhang dieses Bandes (S. 65-118) bietet eine Anthologie der von ihm ausgewerteten Quellen. Bemerkenswert ist hier seine Auseinandersetzung mit Spitzer, dessen einschlägige Arbeiten (auch auf Ungarisch publizierte, s. S. 30, FN) er kennt, dessen Vorliebe für interne Erklärungen auf das Konto der sprachlichen Kreativität er kritisch diskutiert in Hinblick auf die Selbstverständlichkeit von Lehnbildungen auf der Basis von Übersetzungsäquivalenzen im Sprachkontakt (besonders S. 42-44).

Es waren immer wieder die urbanen Sprachformen, die er gewissermaßen in vivo analysierte, wie z.B. auch in seinen »Notes linguistiques sur l’argot barcelonais«.[26] Später kommt er auch auf die türkischen Verhältnisse zurück, so z.B. in: »Der türkische Argot«;[27] ausgehend von einer Besprechung eines damals erschienenen türkischen Argot-Wörterbuchs[28] liefert er hier eine systematische Darstellung, bei der er im Ausgang von Schuchardt systematisch zwischen parallelen Entwicklungen in verschiedenen Argotformen und strikt etymologischer Herleitung der Formen trennt. In den semantischen Entwicklungen versucht er, Regularitäten der kreativen Sprachpraxis der sozialen Unterschichten zu fassen.[29]

In diesem Sinne hatten die Zigeunersprachen für ihn ein besonderes Interesse, da er sie als Vermittler zwischen Sprachen bestimmt, die ansonsten nicht in einem geographischen Kontakt stehen. So analysiert er nicht nur die lexikalischen Kontakteinflüsse im Wortschatz des Romani, sondern v.a. auch die so vermittelten slawischen, griechischen und anderen Elemente in sprachlich entfernteren Regionen, hier insbesondere im Italienischen bzw. in dessen Substandardformen, s. »Übersicht über neuere Veröffentlichungen über italienische Sondersprachen«.[30]

Wiederum ausgehend von Schuchardt geht er auch in der historischen Rekonstruktion der Verhältnisse über den europäischen Raum hinaus und sucht Spuren des römischen Reiches in den Sprachen Nordafrikas, insbesondere im Berberischen, s. »Restos de Latinidad en el Norte de Africa«.[31] Ansonsten waren historisch-vergleichende Fragestellungen in seinem Werk eher marginal. Das gilt auch bei Arbeiten, die anderes erwarten lassen, wie z.B. bei »Amerikanisch-Spanisch und Vulgärlatein«.[32] Auch hier ist es wieder der Sprachkontakt in seiner sozialen Schichtung, der für ihn im Vordergrund steht mit den im heterogenen Sprachverkehr ausgebildeten Kompromißbildungen, gegen jede Art junggrammatischer Etymologie und v.a. Dingen auch Substraterklärungen (hier in expliziter Kritik an Lenz).[33]

Eine ausführliche etymologische Studie hat er mit »Über die Unterlagen der romanischen Phraseologie (im Anschluß an das ›Satyricon‹ von Petronius)«[34] vorgelegt, wo er die frühe Lexikalisierung syntagmatischer Ausdrücke durch ihre sprachgeographische Verbreitung aufweist, für die nur selten die Möglichkeit einer frühen literarischen Belegung besteht. Eine Ausnahme bildet der von ihm hier systematisch ausgewertete Petronius-Text, dessen Sprache er als inhomogen (mit orientalischen Einflüssen) charakterisiert. Auch diese Arbeit ist gespickt mit eigenen sprachlichen Beobachtungen und durchgängig mit Hinweisen auf das dem seinen parallele analytische Unternehmen von Spitzer.

Am weitesten ging er in dieser Hinsicht in seinen zahlreichen Besprechungen, v.a. zu dialektologischen und wortgeschichtlichen Beiträgen. Auch hier steht für ihn immer die Umbildung von Formen im Sprachkontakt im Vordergrund, die er kritisch und gelegentlich auch mit systematischen Exkursen gegen junggrammatische Praktiken einwendet (in dieser Hinsicht vergleichbar mit Spitzer, den er auch immer wieder anführt, im Gegensatz etwa zu formaler vorgehenden Fachkollegen wie Malkiel, mit dem er sich heftige Fehden lieferte), so etwa in »Etymologische Randbemerkungen zu neueren iberoromanischen Dialektarbeiten und Wörterbüchern«.[35] In seinem umfangreichen Œuvre fehlen Arbeiten zu den klassischen »philologischen« Sprachen der Romanisten: Französisch und Okzitanisch (»[Alt‑]Provenzalisch«).[36]

Mit seinen Forschungen gehört er am ehesten in den Bereich der Dialektologie, was sich auch in seiner engen Zusammenarbeit mit K. Jaberg und J. Jud ausdrückt, für deren Atlas, den Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz (AIS), er von Jaberg schon 1924 für den sardischen Part rekrutiert wurde.[37] An den methodischen Weiterentwicklungen in der Sprachwissenschaft, v.a. Dingen der mit dem »Strukturalismus« verbundenen Notwendigkeit zur Kontrolle von Beobachtungen an der Architektur des jeweiligen Sprachsystems, war er nicht beteiligt. Er grenzt sich auch in seinen Arbeiten in Nebenbemerkungen von derartigen »theoretischen« Fragestellungen ab.

W. stellte sich explizit in die Tradition von Wörter und Sachen, wie nicht nur sein durchgehender Bezug auf Hugo Schuchardt zeigt, sondern auch seine regelmäßige Mitarbeit an der von F. Krüger herausgegebenen Zeitschrift Volkstum und Kultur der Romanen.[38] Insofern war er auch offen für populärwissenschaftliche Darstellungen, wie insbesondere auch schon seine frühen »Reisebilder aus Sardinien« zeigen.[39] Die romantisierende Darstellung der Lebensverhältnisse in Sardinien und der Sprache (die er ausdrücklich als männlich anspricht, S. 74) spiegelt sicherlich viel von seinen eigenen Motivationen wider, ist aber andererseits auch dem angenommenen Publikumsgeschmack geschuldet, da er diese Texte wohl nicht zuletzt aus finanziellen Interessen verfaßte.[40]

Von hier aus unternahm er auch gelegentlich Ausflüge in literarische Gefilde, so z.B. in »Les Éléments folkloriques de la Légende de Wamba«,[41] wo er die volkstümlichen Quellen eines Theaterstückes von Lope de Vega behandelt, mit einer Edition einer von ihm als Quelle vermuteten altspanischen Romanze (S. 174-175). So konnte er gelegentlich auch direkt in literaturwissenschaftliche Gefilde ausgreifen wie z.B. in »Die spanisch-amerikanische Literatur in ihren Hauptströmungen«[42] – was Malkiel in seinem Nachruf (Q) als einen Geldinteressen geschuldeten Fehlgriff charakterisierte.

W. hatte mit seinen Arbeiten eine feste Position im Feld der Neuerer: lobende Hinweise auf ihn finden sich bei Vossler, Spitzer u.a. – aber auch bei aufgeschlossenen traditionellen Fachvertretern wie Meyer-Lübke, der sich bei der Überarbeitung seines Romanischen Etymologischen Wörterbuchs auf ihn stützte. Wo allerdings nicht die von ihm beigebrachten Fakten zählten und auch ein paralleler Nonkonformismus nicht gegeben war, dürfte W. kaum bekannt sein; vor allem nicht in der theoretisch ausgerichteten Zunft.[43] Bei aller Weltläufigkeit blieb Sardinien immer der Fokus seiner Arbeit, weil er hier die Randbedingungen für die analysierten sprachlichen Verhältnisse am besten kontrollieren konnte – aber auch, weil ihm der so greifbare »Geist dieser Sprache« lag. Sein Wunsch war es, eine Stelle an der Universität Cagliari zu bekommen (was sich trotz dortiger Bemühungen nicht realisieren ließ, s. Masala, Q: 18); immerhin wurde ihm 1954 die Ehrenbürgerschaft von Nùoro verliehen.

Q: V; Kürschner 1961; Stammerjohann; Universitätsarchiv der Humboldt-Universität Berlin. Nachrufe: H. Kröll, in: Rom F. 74/1962: 385-388; Y. Malkiel, in: Romance Ph. 16/1963: 281-289 (nachgedruckt in: Sebeok 1966: 463-474); s. auch G. Masala als Einleitung zur »Geschichte der sardischen Sprache«; Tübingen: Francke 2002: 10-19; G. Paulis in der Ausgabe Masalas der »Geschichte« (s.o.): 20-42. D. Naguschewski, Warum der Romanist M. L. W 1925 die Berliner Universität verließ, in: Trajekte 20 (Berlin 2010): 47-51. Laudationes: J. Hubschmidt, in: Rom. Jb. 3/1950: 23-25; G. Rohlfs, in: Jb. d. AdW München 1963: 182-187. Bibliographien: H. Kröll, in: Orbis 2/1953: 532-540; G. Manuppella, »Bibliografia di M. L. W.« in: Boletim di Filologia 15/1954-1955: 39-124, korrigierende Nachträge dazu von Malkiel in: Rom. Ph. 21/1967-1968: 533-536. W.s Kleine Schriften sind von Heinz Kröll wieder hg. worden (Stuttgart: Steiner 1990): »M. L. W.: Sondersprachen der Romania«, 4 Bde. Bd. 1 Spanien, Bd. 2 Sardinien, Italien, Portugal, Rumänien und Türkei, Bd. 3 und 4 Judenspanisch.



[1] W. kam aus einer ohnehin mobilen Familie: Der Vater war Kaufmann, der noch während W.s Studienzeit in Barcelona verstarb.

[2] Bes. dessen »Zur Kenntnis des Altlogoduresischen«. Wien: Gerold (SB der Wiener AdW) 1902.

[3] Diese hat er später auf der Basis seiner Sprachaufnahmen überarbeitet publiziert: »Historische Wortbildungslehre des Sardischen«, Bern: Francke 1952 – eine von K. Jaberg als Festschrift zum 70. Geburtstag betreute Ausgabe.

[4] Im Vorwort der Dissertation beschreibt er die Widrigkeiten recht eindrücklich, die offensichtlich für ihn und seinen Leidensgenossen E. Burger, der die Reise mit ihm unternahm, eine Form des Aussteigens aus den konventionellen gesellschaftlichen Zwängen war.

[5] Halle/S.: Karras 1907. Doktorvater war Heinrich Schneegans (1863-1914), der selbst ein Pionier der Sprachgeographie war, s. von ihm »Die Laute und Lautentwicklung des sicilianischen Dialectes nebst einer Mundartenkarte und aus den Volksmundarten gesammelten Sprachproben.« Strasburg: Trübner 1888.

[6] Berlin: Weidmann; von 1920 bis 1924 erschienen sieben Hefte.

[7] S. Doegen 1926: 11. Eine Aufnahme von ihm im Lager Wunsdorf vom 18.12.1918 mit einem Sprecher aus Cagliari ist erhalten, jetzt im Lautarchiv der Humboldt-Universität Berlin. Dort übersetzt der Sprecher von W. auf Italienisch vorgesprochene Wörter und Sätze. Die Kenntnis dieser Aufnahme verdanke ich Frau Beck‑Busse, Berlin.

[8] Er hielt sich also jeweils in Staaten auf, die mit dem Deutschen Reich politisch verbunden waren bzw. zu dem dieses eine Verbindung suchte (Portugal). So erhielt er denn auch jeweils problemlos die Genehmigung für diese Auslandsaufenthalte. Im Schriftverkehr mit deutschen Institutionen nach 1933 unterzeichnete er immer mit »Heil Hitler!«. In einem Vermerk des RME vom 16.8.1937 wird er als »jetzt wieder vollständig rehabilitiert« bezeichnet.

[9] Paulis lehrt an der Universität Cagliari, wo er ein »Centro Max Leo Wagner« leitet, das u.a. auch dessen Nachlaß betreut.

[10] In Washington bei seinem Freund und Mäzen R. G.Urciolo, der auch das Register zu seinem etymologischen Wörterbuch verfaßte.

[11] In: Volkstum und Kultur der Romanen 1/1928: 69-94.

[12] In: Rom. F. 64/1952: 416-420. Zu seinem autoritativen Status in der Erforschung des Sardischen; s. auch S. Pop o.J. [1950]: 655-666.

[13] Heidelberg: Winter 1921 (als Beiheft Nr. 4 zu Wörter und Sachen).

[14] Genf: Olschki 1930.

[15] In: FS Gamillscheg (G. Reichenkron, Hg.) »Syntactica und Stilistica«, Tübingen: Niemeyer 1957: 611-624.

[16] Halle/S.: Niemeyer 1941. Die Herstellung des Manuskripts, insbesondere auch der Karten, erfolgte mit Unterstützung von F. Krüger in Hamburg, die Analyse der romanischen Parallelen, insbesondere in Süditalien offensichtlich in enger Diskussion mit Rohlfs – beiden ist das Buch auch gewidmet.

[17] Seit seiner Dissertation hatte er nach etymologischen Bezügen im altmediterranen Raum gesucht, parallel zu den Arbeiten von Hugo Schuchardt, für den ebenfalls das Berberische eine Schlüsselrolle hatte, s. W.s Korrespondenz mit Schuchardt, Hugo Schuchardt Archiv http://schuchardt.uni-graz.at/.

[18] Bern: Francke o.J. (wohl 1950). In deutscher Übersetzung (»Geschichte der sardischen Sprache«) neu herausgegeben (formal ediert in der Repräsentation der Lautschrift, in den bibliographischen Hinweisen u. dgl.) von G. Masala, Tübingen: Francke 2002.

[19] Heidelberg: Winter, 3 Bde. 1960-1964. Zu diesem s. von ihm auch »Einiges über die Vorgeschichte, die Entstehung und die Anlage des ›Dizionario etimologico sardo‹«, in: FS von Wartburg, Tübingen: Niemeyer 1958: 843-855. Pulgram merkt in der Besprechung in Lg. 36/1960: 419-421 zwar methodische Bedenken an, hebt ansonsten aber hervor, daß W. mit seinen etymologischen Unterfütterungen gerade keine Psychologisierung mit Ethnostereotypen betreibt.

[20] Kaiserliche AdW Wien, Schriften der Balkankommission, Ling. Abt. 11, Wien: Hölder 1914.

[21] In: Rom F. 68/1956: 477.

[22] Dadurch erweist er sich als bemerkenswert blind für die besonderen Aspekte der jüdischen Gemeinschaften, insbes. auch für die Rolle des Ladino im religiösen Kontext der Aneignung der hebräischen Überlieferung. Für ihn konservierte das Judenspanische vor allem Elemente des Altspanischen. Hinweise dazu und auf die (zu W. kritische) neuere Forschung verdanke ich W. Busse (Berlin). S. z.B. P. Wexler in: Medit. Lg. Rev. 6‑7/1993: 249-251. Auf der anderen Seite steht seine sorgfältige, ethnographisch unterfütterte Analyse judenspanischer Texte; für eine Würdigung an einem Beispiel s. H. Kohring, »Me la yaman tendjeré«. M. L. W.s letzter Beitrag zum Judenspanischen, in: Rostocker Beitr. z. Sprachwiss. 13/2003: 305-314. Kohring zeigt in seinen »Anotaciones críticas a caracteres generales de M. L. W.« (in: Judenspanisch 11 = Neue Romania 37/ 2007: 49-74) an zwei Textbeispielen, wie W. die Texte da völlig mißversteht, wo sie mit Anspielungen auf das religiös bestimmte Leben der jüdischen Gemeinschaften operieren und vor allem auch entsprechende hebräische Passagen enthalten; sein Fazit ist: »M. L. W. carecía de dos requisitos fundamentales para poder estudiar cualquier texto judeoespaňol [...] un dominio efectivamente satisfactorio de la lengua hebrea y un conocimiento profundo de la cultura y de la religión judías« (S. 72).

[23] In: Z. rom. Ph. 40/1920: 543-549.

[24] In: Volkstum und Kultur der Romanen 4/1931: 221‑245 (eine sprachwissenschaftliche Bearbeitung der von J. Benolil 1926-1928 veröffentlichten Materialien).

[25] Beiheft 12 zur Revista fil. Esp. 1930.

[26] Barcelona: Institut d’Estudis Catalans 1924.

[27] In: Buletinul Institutului de Filologie Romînă »Alexandru Philippide« 10/1943: 1-34.

[28] F. Develü: »Türk argosu«, Ankara: Recep Ulusoğlu Başimevi 1941.

[29] Eine Sonderrolle spielte für ihn in den im Vordergrund stehenden Verhältnissen in Istanbul die Seemannssprache, die er als Schmelztiegel für Formen versteht, die im mediterranen Raum zirkulieren. Damit spricht er ein Thema an, das er dann mit seinem späteren Gastgeber in den USA, H. Kahane (zusammen mit A. Tietze ), weiter verfolgen wird; s. bei diesen.

[30] In: Vox Romanica 1/1936: 264-317.

[31] Coimbra: Biblioteca da Universidade 1936.

[32] In: Z. rom. Ph. 40/1920: 286-312. Reprint in Spitzer, »Meisterwerke der romanischen Sprachwissenschaft«, Bd. 2, München: Hueber 1930: 208-263.

[33] S. aber seinen Nachruf auf Lenz in: Volkstum  und Kultur der Romanen 12/1939: 181-185, wo er diesen für seine Pionierrolle bei der Erforschung der Volkssprachen und ihre kreativen Mechanismen rühmt, wozu er auch die Kreolsprachen (bei Lenz: Papiamento) rechnet.

[34] Volkstum und Kultur der Romanen 6/1933: 1-26.

[35] In: Z. rom. Ph. 69/1953: 347-391.

[36] Wie Malkiel bemerkt, s. dessen Nachruf (Q) S. 282-283.

[37] S. S. Heinimann, Zur Entstehungsgeschichte des AIS. Aus den Briefen M. L. W.s an Karl Jaberg, in: O. Winkelmann / M. Braisch (Hgg.), FS für J. Hubschmid zum 65. Geburtstag. Bern: Francke 1982: 451-466. So wird er auch im Titel des von diesen herausgegebenen AIS, 8 Bde. 1928-1940, mit Scheuermeyer und Rohlfs aufgeführt. 30 seiner sardischen Karten hatte er schon vorher in der Revue de Linguistique Romane 4/1927 veröffentlicht. S. jetzt auch die Ausgabe seiner AIS‑Materialien (einschl. der von ihm dabei gemachten Fotos): G. Masala (Hg.), »M. L. W.: Wörter-Sachen-Bilder-Eindrücke, Sardinien 1925-1927«, Stuttgart: Sardìnnia 2004.

[38] Das enge Verhältnis zu Krüger, der nach 1945 in Deutschland Berufsverbot hatte und nach Südamerika emigrierte, überdauerte auch die politischen Veränderungen und ist insofern auch ein Indiz dafür, daß W. sich nicht als politischer Dissident begriff.

[39] Zuerst als eine Reihe von Aufsätzen 1907-1914 erschienen in Globus: Illustrierte Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde, gesammelt nachgedruckt (herausgegeben von G. Masala), Stuttgart: Sardìnnia 2003.

[40] Kurios sind in dieser Hinsicht auch die Zugeständnisse an das Publikum, dem auch erotisch gefärbte Darstellungen von Frauen und Mädchen geschuldet sind, die mit seinen eigenen sexuellen Orientierungen ironisch kontrastieren.

[41] In: Revista Lusitana 8/1904: 171-178. Spanisch Bamba, bei ihm mit der etymologischen Schreibweise dieses wohl gotischen Wortes Wamba »Bauch« (vgl. neuhochdeutsch Wampe).

[42] In: F. Krüger (Hg.), »Teubners spanische und hispano-amerikanische Studienbücherei«, Leipzig: Teubner 1924.

[43] S. die schon erwähnte Kritik von Malkiel, mit dem er sich lebenslang befehdete, s. auch seine Gegenkritik zu diesem: »Entgegnung auf Yakov Malkiels Kritik meiner ›Etymologischen Randbemerkungen zu neueren iberoromanischen Dialektarbeiten und Wörterbüchern‹«, in: Rom. F. 68/1956: 443-450.