Tur-Sinai, Naphtali Herz

(früher: Harry Torczyner)

Geb. 13.11.1886 in Lemberg (heute Lwow, Ukraine), gest. 11.12.1973 in Jerusalem.

 

T. wuchs in einer zionistischen Familie auf und lernte vom Vater schon als Kind Hebräisch (nicht nur Jiddisch). 1892 zog die Familie nach Wien, wo er bis zum Abitur 1905 die Schule besuchte. Danach studierte er an der dortigen Universität Orientalistik und promovierte 1909 mit einer altorientalistischen Dissertation »Die altbabylonischen Tempelrechnungen«[1], eine akribische Analyse der Tafeln aus den Ausgrabungen von Nippur, von paläographischen Problemen (besonders bei der Interpretation der Ideogramme) über die Syntax bis zum Lexikon (mit einem analytischen Wörterverzeichnis, S. 108-132), auf deren Grundlage er die altbabylonische Buchführung rekonstruiert. Im Anschluß an die Promotion ging er zur Fortsetzung des altorientalistischen Studiums zunächst nach Berlin, 1910 aber als Lehrer für Hebräisch (die Bibel) nach Palästina, wo er u.a. auch palästinensisches Arabisch lernte. Nach der Rückkehr 1912 nach Wien habilitierte er dort 1913 mit der vorher schon publizierten Schrift »Zur Bedeutung von Akzent und Vokal im Semitischen«.[2]

In seiner Habilitationsschrift greift er direkt semitistische Lehrmeinungen an, indem er das Verbalsystem nicht nur als Aspektsystem (und nicht temporal) interpretiert, sondern als altes Diathesesystem rekonstruiert: die Präfixkonjugation als Spuren agglutinierter Subjektspronomina in einer aktiven Konjugation, die Suffixkonjugation als Spur agglutinierter Objektpronomina in der passivischen Konjugation. Damit löste er fachlich einige Kontroversen aus, auf die er in einem späteren Beitrag »Zur semitischen Verbalbildung« recht souverän reagierte.[3] Er ordnet seine Analyse sehr selbstbewußt in die zeitgenössische typologische Diskussion ein (so schon 1910 zu einer Auseinandersetzung zwischen Schuchardt und Finck). Parallel damit publizierte er eine Reihe kleinerer altorientalistischer Studien, u.a. zu etymologischen Fragen.

In Wien war er in Einrichtungen der Jüdischen Gemeinde tätig, u.a. von 1913 bis 1919 als Leiter des neu gegründeten »Hebräischen Pädagogikums«.[4] 1919 ließ er sich an der Universität für eine Dozentur an der Berliner Hochschule für das Judentum beurlauben, mit der expliziten Begründung, daß ihn die Verhältnisse in Wien »eine Sicherung meines materiellen Fortkommens […] für absehbare Zeit nicht erwarten lassen«. Umso energischer betrieb er sein ambitioniertes, ausdrücklich sprachwissenschaftlich definiertes Projekt. In seinem Buch »Die Entstehung des semitischen Sprachtypus. Ein Beitrag zum Problem der Sprache. Bd.1«[5] versucht er eine weitgehende methodologische Kritik der vergleichenden Sprachwissenschaft, die sekundäre struk­turelle Entwicklungen (grammatikalisierte Kategorien, lexikalische Felddifferenzierungen) anachronistisch zurückprojiziere, statt eine psychologisch fundierte Sprachtheorie aufzubauen (s. S. xxi sein emphatischer Bezug auf die »moderne Psychologie«), im Gegensatz zu naiven »symbolistischen« Spiegelungstheorien von den primitiven Anfängen der Sprache. Demgegenüber ist für ihn die Ausbildung grammatischer Strukturen eine Sedimentierung intellektueller Ausübung der Sprache, also des Nutzens der mit ihr gegebenen sprachlichen Differenzierungspotentiale. So versteht er (ganz im Sinne der sprachtypologisch damals von Finck u.a. vertretenen Positionen) den idg. Sprachtypus als einen sekundär (und sehr hoch!) entwic­kelten, der seinerseits (entwickelte!) Denkstrukturen vor­gibt (s. bes. Kap. XII zum Vergleich der semitischen und idg. Nomi­nalflexion, S. 252ff.).

Damit entwickelte er ein Programm einer »Sprachinhaltsforschung«, das seine analytischen Kategorien von einem Sprachverständnis als Differenzpotenzial für das Denken gewinnt und gegen den »junggrammatischen« Positivismus gewendet ist.[6] In einigen folgenden Studien baute er diese Argumentation aus, wo­bei er in seinen polemischen Bemerkungen gegen die herrschende Lehre (deren Vertreter ihn ohnehin aus rassistischen Gründen ausschlos­sen!) und ihrer Fixiertheit auf eine Beschreibung sprachlicher Ob­jektivationen geradezu Vosslersche Schärfe erreichen, etwa in »Der Numerus im Problem der Sprachentstehung«,[7] wo er zeigt, wie ein grammatisches Numerussystem sich erst sekundär zu lexikalischen (und damit auf der Ebene der Wortbildung hetero­genen) Differenzierungen ausbildet, wie es bei den sog. »gebro­chenen Pluralen« des Arabischen besonders sinnfällig ist (aber auch noch bei Sup­pletivismen in den ie. Sprachen in Spuren deutlich).

Von 1919 bis 1933 lehrte er an der Berliner Hochschule f. d. Wissen­schaft d. Judentums und publizierte seitdem zunehmend zu judaistischen Problemen: Bibelwissenschaft mit dem Schwerpunkt bei Fragen der Textphilologie, Übersetzungsfragen mit ety­mologischer Fundierung, z.B. »Genesis 31, 39-40 und anderes«.[8] Die Sicherung/Rekonstruktion des authentischen Textes verband er mit umfassenden vergleichenden Studien zu den semitischen Sprachen, etwa »Die Aussprache der Begat-Kefat in der Geschichte der hebräischen Sprache«.[9]

1933 emigrierte er nach Palästina, wo er mit der Unterstützung durch die Rockefeller Foundation 1934 an der Hebräischen Universität eine Professur für Hebräisch bekam und dort die entsprechende Fakultät mit aufbaute.[10] Von dort aus war er an den Ausgrabungen von Lachisch (Tell Ed-Duweir, Palästina) beteiligt, die von 1932-1938 unter der Leitung von J. L. Starkey stattfanden, deren sprachwissenschaftliche Auswertung T. übernahm. Die dort gefundenen Ostraka dieser vor-exilischen Zeit bieten einen Zugang zu einer informellen, persönlichen Schicht des Althebräischen. In Bd.1 der vierbändigen Gesamtausgabe[11] liefert T. sprachwissenschaftlich-philologische Kom­mentare zu den Funden, insbes. auch zur Einordnung der hier prak­tizierten kursiven Schrift (mit Tinte auf Ton!) in der hebr. Über­lieferung.

In Jerusalem war er maßgeblich an der Normierung der neuen Sprache (Ivrit) beteiligt, v.a. durch die Herausgabe der großen Wörterbücher: er betrieb seit 1938 maßgeblich den Aufbau der Hebräischen Sprachakademie mit (offiziell 1953 nach der Gründung des Staates Israel gegründet, vorher als Wacad Ha-Lashon »Rat der Sprache«), zeitweise fungierte er als ihr Präsident (das Programm für eine solche Akademie hatte er in seiner Antrittsvorlesung 1934 entwickelt). Er gab die maßgeblichen sprachwissenschaftlich-philologischen Zeitschriften heraus (u.a. Leshonenu [»Unsere Sprache«]) und ab 1944 den hebräischen Thesaurus auf der Grundlage der Vorarbeiten von E. Ben-Yehuda. In diesem Feld gehörte er zu der Riege der konservativen Gegner gegen eine moderne Sicht des Ivrit, wie sie von H. B. Rosén vertreten wurde.[12]

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit war die Rekonstruktion der Bibelüberlieferung, die für ihn nicht als einheitlicher Text rekonstruierbar ist, sondern als Tradierung heterogener Bücher, deren sprachliche Form für ihn auch Ausgangspunkt exegetischer Studien war, wiederholt so z.B. zum Buch Hiob. Schon in seiner frühen Studie »Das Buch Hiob. Eine kritische Analyse des überlieferten Hiob-Textes«[13] versuchte er, diesen von der Überlieferung her ausgesprochen schwierigen und problematischen Text durch eine genaue formale Analyse zu rekonstruieren. Er hat eine ganz Reihe solcher Einzelanalysen des Bibeltextes vorgelegt, s. etwa noch »A contribution to the understanding of Isaiah i-xii«.[14] Diese Arbeiten waren immer sehr umstritten. Zu seiner späteren philologischen Arbeit an der Heiligen Schrift des Judentums gehörte auch eine neue Übersetzung ins Deutsche mit parallel ab­gedrucktem hebräischen Text »Die Heilige Schrift. Neu ins Deutsche übertragen«,[15] die zuerst in vier Teilen 1934-1937 in Jerusalem erschien, 1954 u.ö. neu herausgegeben wurde.

Auch später ist er noch auf seine frühen sprachtheoretischen Arbeiten zurückgekommen, so in einer Art kompakten Resümee seines frühen Buches in »The origin of language«,[16] auch hier wieder ausführlich mit seinen frühen Beispielen aus dem Deutschen neben Hebräisch und Arabisch. Der Tenor der Argumentation bleibt für ihn, daß die heute am Bau moderner Sprachen abzulesenden Strukturen (und erst recht ihre Kodifizierung in modernen Grammatiken) nicht zurückzuprojizieren sind, daß sie Ausdruck einer langen Entwicklung sind, in der Sprache praktiziert worden ist. Ausgangspunkt muss insofern eine funktionale Analyse von Äußerungen sein, aus denen nur ex post-Strukturen abzuleiten sind, die sich nie vollständig mit den historisch sedimentierten Strukturen einer Sprache decken, wie er es in diesem Aufsatz an Beispielen für Numerus-Kategorien zeigt, die sich nicht mit dem decken, wie entsprechend markierte Formen in den Sprachen genutzt werden bzw. umgekehrt wie quantitative Verhältnisse in Äußerungen in diesen Sprachen ausgedrückt werden können.

Vermutlich hat er seinen Namen bei der Staatsgründung Israels hebraisiert, ausgehend von der konsonantischen Schreibung TRZNJ mit einer Semantisierung als Tur-Sinai »Fels des Sinai«.

Q: E/J 1971, 2006; Archiv Rockefeller Foundation; Universitätsarchiv Wien; S. Kreuzer in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 12/ Sp. 742-750 mit Schriftenverzeichnis (http://www.bautz.de/bbkl/t/tur_sinai.shtml, Febr. 2009 ). FS : M. Haran/B. Lurie (Hgg.), Jerusalem: Kiryat 1960 (mit einer Bibliographie für die Jahre 1957-1960, ergänzend zu der vorher in Leshonenu erschienenen Bibliographie, s. dazu Kreutzer, s.o.).



[1] Publiziert von Jerusalem aus (s.u.) in Wien: Hölder.

[2] In: Z. Deutschen Morgenländ. Ges. 64/1910: 269-311. Die Habilitation erfolgte gegen erheblichen Widerstand in der Fakultät, mit der Abstimmung 29:12:10 Stimmen. Auch später hatte er Auseinandersetzungen in der Fakultät, wie die Fakultätsakten zeigen, bei denen antisemitische Gründe nur vermutet werden können.

[3] In: Z. Dt. Morgenländische Ges. 66/1912: 87-93.

[4] S. dazu Adunka (o.J.).

[5] Wien: Löwit 1916.

[6] Spitzer schrieb dazu an Schuchardt: »Ich las T’s Prachtwerk. Herrlich. Wieder ein Schritt näher zu lebendiger und nicht stubenmäßiger Erfassung des ursprünglichen Sprachlebens« (12.8.1917, Briefe, s. dort).

[7] Sonderdruck aus d. 45. Bericht der Hochsch. f. d. Wissensch. d. Judentums, Berlin 1928. Bei dieser Arbeit handelt es sich wohl um die Ausarbei­tung seines Habilitationsvortrages von 1913 über den Dual.

[8] In: Ms .f. Gesch. u. Wissensch. d. Judentums 81 (= NF 45)/1937: 219-222; s. auch den Bericht eines seiner letzten Schüler dort, H. Strauss 1992.

[9] In der o.g. Ausgabe der Monatsschrift, S. 340-351.

[10] Er publizierte aber weiter in Deutschland, so regelmäßig in der Monatsschrift für Gesch. u. Wissensch. d. Judentums bis zum letzterschienenen Band 83 (1939).

[11] »The Lachish Letters«, hg. von T. u.a., London usw.: Ox­ford UP1938; die anderen Bände führen seine Mitarbeit nicht mehr auf (Bd. 2/1940; Bd. 3/1953; Bd. 4/1958).

[12] S. Kuzar und bei H. B. Rosén.

[13] Wien: Löwit 1920.

[14] In den von Rabin herausgegebenen »Studies in the Bible«, Jerusalem: Magnes Press 1961: 154-188.

[15] 4 Bde., Jerusalem: The Jewish Publishing House 1954.

[16] In: R. N. Anshen (Hg.), Language: an enquiry into its meaning and function, New York: Harper 1957: 40-71.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 24. Juli 2013 um 11:34 Uhr