Trubetzkoy, Nikolaj Sergejevic [1]

Geb. 16.4.1890 in Moskau, gest. 25.6.1938 in Wien.

 

T. stammte aus einer verzweigten russischen Adelsfamilie, die in der Moskauer Intelligenzia Schlüsselrollen inne hatte, u.a. war der (1905 verstorbene) Vater Rektor der Moskauer Universität gewesen.[2] Er genoß Hausunterricht und legte die schulischen Prüfungen extern ab. Bereits mit 15 Jahren publizierte er volkskundliche Studien und beschäftigte sich intensiv mit finno-ugrischen und kaukasischen Völkern und Sprachen. Seit 1908 studierte er in Moskau, zunehmend mit einem sprachwissenschaftlichen Schwerpunkt, also in der dortigen traditionellen vergleichenden Sprachwissenschaft, der junggrammatisch orientierten russischen Schule Fortunatovs. Volkskunde und Sprachwissenschaft waren seiner Meinung nach der »einzige Zweig der Menschenkunde […], welcher eine wirkliche wissenschaftliche Methode besitzt«.[3] 1913 schloß er das Studium ab, den institutionellen Vorgaben geschuldet mit einer indogermanistisch-vergleichenden Arbeit zur Rekonstruktion des Verbalsystems.[4]

Im Anschluß daran absolvierte er einen Studienaufenthalt in Leipzig.[5] 1915 habilitierte er in Moskau in einem zweistufigen Verfahren: im ersten Teil legte er eine vergleichende Arbeit zum ie. Futur vor, im zweiten Teil eine Rekonstruktion der slawischen Sprachfamilie (dazu und zum Folgenden Hafner, Q). Seitdem lehrte er dort als Privatdozent der Indogermanistik (mit einem Schwerpunkt beim Indoarischen). Offensichtlich gehörte er nicht zu dem Moskauer Linguistenkreis, der 1915 gegründet wurde und sich stark theorieorientiert um eine semiotische Neubegründung der Sprachwissenschaft bemühte (u.a. mit einer Husserl-Rezeption, s. bei diesem).[6] Ein Hauptarbeitsgebiet blieb für T. der Kaukasus, der eine methodische Herausforderung bildete, da die dortigen sprachlichen Verhältnisse sich einer genetischen Rekonstruktion verweigerten, andererseits aber typologische Übereinstimmungen im arealen Sprachkontakt greifbar waren (s.u. zu seinem späteren Sprachbund-Konzept). Die Ausarbeitung der Rekonstruktion der slawischen Verhältnisse, die er für seine Habilitation begonnen hatte, beschäftigte ihn Zeit seines Lebens, ohne daß er sie hätte mit einer geplanten Monographie abschließen können (s.u.). Hier nutzte er die reiche historische Dokumentation, aufgrund der er die genetisch (etymologisch) faßbaren Zusammenhänge solchen gegenüberstellen konnte, die aus dem Sprachkontakt stammen und zu einer »Hybridisierung« der Sprachstruktur (in genetischer Sicht) geführt haben. Der Horizont seiner frühen Arbeiten blieb insofern selbstverständlich die historische Rekonstruktion.[7]

T. gehörte zu den Diskussionszirkeln der vorrevolutionären russischen Intelligenz, die auf der Grundlage eines elitären, christlich-religiös geprägten Gesellschaftsverständnisses großrussische Vorstellungen entwickelten, einerseits gegen die drohende »gelbe Gefahr« aus dem Osten (die Mongolen), andererseits gegen die Dominanz Westeuropas. Diese Diskussionszirkel verlagerten sich nach 1917 in die Emigration, wo T. politisch ent­sprechend seiner Herkunft den Titel »Fürst« behielt (bei seinen Veröffentlichungen als Teil des Verfassernamens) und auf der Ge­genseite der russischen Revolutionäre stand, aber in ethnologisch-di­stanzierter Haltung auch gegen alle romantischen Gegenbe­wegungen (Panslawisten, Philoslawisten etc.).

1917 entging er den revolutionären Auseinandersetzungen durch Feldstudien im Kaukasus. Als die politischen Verhältnisse sich verfestigten, ging er 1918 in das Zentrum des von den Weißgardisten noch gehaltenen Gebietes, nach Rostov/Don, wo er Dozent an der damals dort angesiedelten Warschauer Exiluniversität war.[8] Als Rostov 1919 von der sowjetischen Armee erobert wurde, floh er zunächst auf die Krim, 1920 weiter nach Konstantinopel (Istanbul). Eine inzwischen in Bulgarien lebende Gruppe von Exilrussen vermittelte ihm 1920 eine Professur für Sprachwissenschaft an der Universität Sofia.

In Rostov hatte er einen ersten Versuch gemacht, seine Rekonstruktion des Slawischen für den Druck fertig zu machen: er mußte das Manuskript aber bei der Flucht zurücklassen, wodurch es verloren gegangen ist. In Sofia unternahm er einen neuen Ausarbeitungsversuch aufgrund der mitgenommenen Materialien. Inzwischen hatte er über Verwandte Kontakt nach Prag aufgenommen, wo ebenfalls Exilrussen waren (vor allem auch R. Jakobson),[9] die mit tschechischen Kollegen ein sprachwissenschaftliches Zentrum aufbauten, zu dem sie T. nach dort holen wollten. T. wollte zunächst noch seinen Zwei-Jahres-Vertrag an der Universität Sofia erfüllen, mußte 1922 aber fliehen, als das dortige Regime eine pro-sowjetische Politik einschlug und gegen rechte Exilrussen vorging. T. floh zu Familienangehörigen nach Baden (bei Wien). Da in Wien seit Kriegsende die slawistische Professur verwaist war, und es in mehreren Anläufen bis dahin nicht möglich geworden war, sie wieder zu besetzen, bot sich eine Besetzung mit T. an (zu den widersprüchlichen Vorgängen der Berufung, s. Poljakov, Q: 377-382). Ende 1922 trat T. die Professur an und wurde gleichzeitig österreichischer Staatsbürger. Seitdem publizierte er überwiegend (vor allem bei seinen sprachwissenschaftlichen Arbeiten) auf Deutsch.

In Sofia hatte er einen politischen Exilzirkel begründet, der eine »eurasische« Politik für eine Neuordnung Europas propagierte, die einen eigenen weltgesellschaftlichen Raum in Abgrenzung zur »romanogermanischen« Welt etablieren sollte.[10] 1920 erschien der erste Teil seiner 1909 be­gonnenen (als Trilogie geplanten) Abhandlung zur »Ver­teidigung des Nationalismus«: »Europa und die Menschheit«[11] – ein etwas konfuses Pamphlet, vordergründig eine Abrechnung mit der »romanogermanischen Ver­sklavung der Welt«, deren »Europäisierung« als ideologischer »Kosmopoli­tismus« die Eliten der anderen Völker schwächt. Dagegen stellte er das Recht jedes Volkes auf seine »nationale Physiognomie« (die diffus mit der biologi­schen Basis verquickt wird, S. 76) – die Spitze der Abrechnung mit aller Art von Chauvinismus zielte aber deutlich auf den Sozialismus (den »proletarischen Chauvinismus«, S.22/23), der mit seiner »Gleichma­cherei« nur ein Vehikel der romanogermanischen Europäi­sierung der Welt ist, letztlich der Auflösung kulturell bestimmter Bindungen durch eine völlige Individualisierung (»Egozentrismus«) der Gesellschaft.[12]

Von Wien aus hielt T. engen Kontakt zu dem Prager Lingui­stenzirkel, der dort 1926 von dem Anglisten Vilém Mathesius (1882-1945) ge­gründet worden war, entscheidend aber von zwei dort als Sla­wisten lehrenden anderen Emigranten geprägt war: Sergej Josifovic Karcevskij (1884-1955) und Jakobson (s.o.). Faktisch wurde T. zum Motor für die internationale Anerkennung des Prager Lingui­stenzirkels, dadurch aber auch auschlaggebend für dessen weitgehend auf die Phonologie beschränkte Wahrnehmung. Dabei war sein Vorgehen zumindest in den ersten Jahren vorwiegend auch taktisch bestimmt: er suchte und hielt Kontakte zu vielen von ihm für wichtig gehaltenen Fachkollegen, deren Positionen er sonst ablehnte (gerade auch Nicht-Strukturalisten), s. dazu, nach Personen aufgeschlüsselt Ehlers (2005).  

T. hatte sich früh schon, in Auseinander­setzung mit de Saussure, aber auch osteuropäischen »Formalisten« kritisch ge­gen den atomistischen Positivismus der älteren Sprach­wissenschaft gewandt. Im Kontext des Prager Zirkels entdeckte er die strukturale Kontrolle bei der historischen Rekonstruktion[13] und kam so zu einer Methodologie der systematischen Analyse und Darstellung der Grammatik von Einzelsprachen bzw. deren »syn­chroner« Zustände – ansonsten durchaus im Rahmen des traditionellen Programms der vergleichenden Sprachwissen­schaft.

Dadurch war für ihn aber eine einfache Ausarbeitung seiner Habilitationsschrift zur Rekonstruktion der Slawinen nicht mehr möglich: er publizierte nur noch einzelne Abschnitte daraus in Aufsätzen.[14] Systematischer ausgearbeitet hat er aber eine »Altkirchenslawische Grammatik«, die allerdings auch fragmentarisch geblieben und erst postum 1952 veröffentlicht worden ist.[15] Zwar ohne Syn­tax, enthält sie doch eine ausführliche Darstellung der Morpholo­gie bzw. Morphonologie und eine gründliche Analyse der verschiedenen Schriftsysteme der altslawischen Über­lieferung, einschließlich schreibspezifischer Strukturen (Liga­turen, Kürzel u.dgl., S. 13-59). In der Tradition der Moskauer Diskussionen war der Gegensatz von relativ autonomen schriftsprachlichen und sprechsprachlichen Systemen für T. eine selbstverständliche Prämisse, die er hier umsetzte.[16] Die Grundlage bildet ein Vorlesungsskript (s. die einleitenden Bemerkungen des Herausgebers Jagoditsch, S. 5).

Seine einzige größere monographische Ausarbeitung, die er selbst publiziert hat, sind die »Polabischen Studien«,[17] eine Rekonstruktion des polabischen phonologischen Systems als Extrapolation der ausgesprochen fragmentarisch überlieferten Aufzeichnungen.[18] Aus der extremen Variation der Schreiber, die entweder als fremde Reisende die Sprache nicht konnten und nur beiläufige Beobachtungen aufzeichneten, oder aber zweisprachige Laienschreiber waren, die ganz offensichtlich am sonst geschriebenen Niederdeutschen orientiert waren, extrapoliert er mit funktionalen Kriterien die phonologischen Strukturen vor allem auch im Rückgriff auf die in den Aufzeichnungen fehlenden grammatischen Markierungen (so extrapoliert er z.B. aus den variabel notierten Wortgrenzen das phonologische Wort).

Entsprechend seinem Lehrauftrag in Wien standen slawistische Gegenstände im Vordergrund, aber er arbeitete weiter zu seinen früheren Forschungsgebieten: der Rekonstruktion der indoeuropäischen Sprachen und vor allem auch zu den kaukasischen Verhältnissen, bei denen die Spannung zwischen genetisch tradierten vs. kontaktinduzierten Strukturen im Vordergrund stand. So legte er Arbeiten zum Einfluß der iranischen Sprachen auf die kaukasischen vor, mit dem Ossetischen im Zentrum.[19] Mit einer strikt deskriptiven Herangehensweise analysierte er auch die durch die sowjetische Sprachpolitik entstandenen Verhältnisse, etwa die Konsequenzen der Romanisierung in der Schrift.[20] In Prag beteiligte T. sich am Aufbau einer theoretisch begründeten Sprachtypologie und setzte dabei das um, was damals dort Mathesius als »linguistic characterology« entwickelte.[21]

Da seine Wiener Professur ihn zur Vertretung des philo­logischen Gebietes im ganzen Umfang verpflichtete, mußte er regelmäßig auch über slawische Literatur(-Geschichte) lesen.[22] Es spricht für sein traditionelles disziplinäres Selbstverständnis, daß er diesem Gegenstand in Analogie zur Sprachwissenschaft zunehmend methodisch aufschlußreiche Aspekte abgewann: gegen den atomistischen Positivismus der etablierten Literaturgeschichte betonte er die Notwendigkeit, ein Werk als Ganzes im kulturellen Umfeld zu analysieren. Damit zielte er auf eine werkimmanente Formanalyse gegenüber der historischen Rekonstruktion des kul­turellen Materials der Tradition, in dem die Form artikuliert ist. Er suchte Homologien von literarischen Formen und anderen kulturellen Forma­tionen (religiöse Praxis, bildende Kunst…), und bemühte sich um die Rekonstruktion der zeitgenössischen Rezeptionshaltung, auf die der Autor das Werk kalibriert; dabei untersuchte er das Verhältnis von schriftlich fixier­ter zu mündlicher Literatur, kontrastiv auch die Entwicklung nicht-belletristi­scher Texte u.a. mehr. Das macht seine Bemühungen auch literaturwissen­schaftlich modern (s. insbes. seine »Vorlesungen über die altrussische Literatur« [1925/26]).[23]

Die von T. veröffentlichen literarischen Studien, mehr noch aber der extensive Briefwechsel mit Jakobson, zeigen seinen ausgesprochen »klassischen« Literaturbegriff: ihm geht es um den »ästhetischen Wert« eines Kunstwerks, das eine hochkulturelle Leistung spiegelt; insofern beschäftigte er sich vorwiegend mit der mittelalterlichen russischen Literatur[24] oder aber mit den »klassischen« Autoren des 19. Jahrhunderts wie vor allem Dostojewski. Die neueren formorientierten experimentellen literarischen Dichtungen, die russischen Formalisten mit einem fließenden Übergangsfeld auch zu einer formalen Sprachanalyse wie bei Jakobson, lehnte er ab und weigerte sich sogar, diese als Kunst anzusehen.[25] In der fortdauernden Auseinandersetzung mit Jakobson hat er allerdings Zug um Zug der formalen Analyse mehr abgewinnen können, letztlich parallel zu der Art, wie er sich die strukturale Analyse in der Sprachwissenschaft erschlossen hat, s. dazu auch Jakobsons Nachwort in der Publikation der »Vorlesungen« von 1925/1926.

T. erhielt seine historische Bedeutung für die Sprachwis­senschaftsentwicklung durch das phonologische Manifest, das er 1928 auf dem 1. Internationalen Linguistenkongreß in Den Haag vorlegte.[26] Seine professionelle Modernität zeigte T. auch in Wien, wo er das ein­zige Fakultätsmit­glied war, das in dem strittigen Habilitationsver­fahren von Tedesco nicht für eine philo­logische Venia (und damit die Zurückweisung des Antrages) plä­dierte, sondern im Sinne der »modernen« Wissenschaftsentwicklung mit Bezug auf Tedescos lingui­stisches Profil dessen Antrag unter­stützte (s. dort – wie er wohl zuletzt auch seine eigene »philologische« Belastung als anachronistisch empfand). Dazu gehörte, daß T. ein effektiver Organisator war, der internationale Kontakte aufbaute und die internationalen Tagungen als Forum für seine Absichten zu nutzen wußte.[27]

Sein programmatischer Kampf gegen die junggrammati­sche Richtung nervte andererseits viele der älteren »Nonkonformi­sten«, die wie z.B. Jespersen darauf insistierten, daß T.s Richtung denn auch nicht so »revolutionär« war (s. die Debatten auf dem 2. Internationalen Linguistenkongreß 1931 nach T.s Intervention, S. 125ff.). Dagegen wird T.s zeitgenössische Aner­kennung deutlich an den Beiträgen zu der Gedenk­schrift 1939 (Q) von Benveniste, Bloomfield, Cohen, de Groot, Hjelmslev, Martinet, Pedersen, Sommerfeld, Swadesh, Tes­nière, Trager u.a. T.s propagandistische Aktivitäten sorgten dafür, daß die moderne Linguistik durch das Prager Mani­fest von vornherein an die Phonologie geknüpft war.[28] 1936, nach dem 4. Internationalen Linguistenkongreß in Kopenhagen, registrierte T. in einem Brief an Ja­kobson den Durchbruch: »[Es] hat sich ein Generations­wechsel vollzogen […] In Kopenhagen hat es sich zum ersten Mal herausge­stellt, daß nicht wir allein uns als Vorposten betätigen, sondern daß uns die junge Generation folgt« (Autobiographie, Q: 287). Er kontrastiert das dort mit dem »Gefühl der Iso­lierung, das mich in Wien so niederdrückt und bei der Ar­beit be­hindert« (ebd.) – tatsächlich spielte die moderne Richtung im Wiener (und wohl auch im Prager) sprachwissenschaft­lichen Universitätsbetrieb keine Rolle;[29] in Wien las T. bis 1936 nur über traditionelle slawistische Themen: erst im WS 1936/1937 und im SS 1937 hielt er jeweils eine »Einführung in die allgemeine Phonologie« ab.[30] Fachlich definierte Kontakte hatte er in Wien nur zu wenigen Kollegen, darunter außer Bühler vor allem zu dem germanistischen Dialektologen Pfalz (einem frühen, damals illegalen NSDAP-Aktivisten).

Die internationale Kongreßs­zene war der »Normalwissen­schaft« noch lange voraus; die folgende strukturali­stische Genera­tion der Sprachwissenschaftler war in dieser Hinsicht noch eine von Autodidakten. Charakte­ristisch für den de facto vollzogenen Bruch in der Entwick­lung war aber, daß Meillet als Präsident des Den Haager Kongresses von 1928 unter dem Eindruck des Prager Manifestes das neue »Para­digma« er­kannte und T. bat, für die eher konservative So­ciété de Linguistique de Paris (SLP) ein phonologisches Handbuch zu ver­fassen: die später postum erschienenen »Grundzüge«.[31] In die­sem Haupt­werk T.s werden die Grundlagen der phonologischen Analyse vorgestellt: die rein for­male Definition der Phoneme auf der Basis von Oppositionen, die Cha­rakterisierung der phonologischen Sy­steme durch phonetisch inter­pretierbare (binäre) Merkmale u. dgl., mit einer typologischen Sichtung einer überwältigenden Fülle von Einzelspra­chen. Gleich­zeitig aber macht T. auch deutlich, daß es sich bei der phonologischen Analyse um eine me­thodisch in­duzierte Abstraktion handelt: die dazu komplementären Aspekte der Sprachanalyse, so­ziale Aspekte der Sprachpraxis ebenso wie expres­sive Faktoren, greift er z.B. in dem Kapitel über »Laut­stilistik« auf (s. S.17ff.). In der Stoßrichtung ist die Abgrenzung vom junggrammati­schen Positivismus deutlich: einerseits gegen die physikalistische Position der »Lautlehre«, andererseits gegen die biologistische Prämisse der ausschließlich genetischen Betrachtungsweise der vergleichen­den Rekonstruktion stellt er die Dominanz »ganzheitlicher« Gesichtspunkte, etwa strukturelle Übereinstimmungen in geogra­phisch zusammenhängenden Sprachbünden im Anschluß an seine frühen Arbeiten zu den kaukasischen Sprachverhältnissen (deutlicher noch als in den »Grundzügen« in seinem polemischen Plädoyer auf dem 2. Interna­tionalen Linguistenkongreß in Genf 1931)[32] – und so akzep­tiert T. denn auch für sein Programm einer »strukturalen Linguistik« Matthesius' Formulierung einer »Synthese der humboldt­schen und der boppschen Richtung« (vgl. ebd., S. 124).

Bei seinen vorausgehenden Arbeiten war T. in zentralen Prämissen noch in der junggrammatischen Tra­dition geblieben – insbes. was das psychologistische Konzept der Pho­neme als Lautabsichten bzw. -vorstellungen anbetrifft, das er di­rekt wohl von seinem Moskauer Lehrer Porzeziński übernommen hat.[33] In seiner ersten großen phonologischen Arbeit, den »Polabischen Studien« von 1929, hatte er explizit auch ein »psychophonetisches« wissenschaftliches Programm reklamiert.[34] Erst in der Zusammenarbeit mit Bühler kam T. zu einer Klärung in einer operationale­ren Fassung des Begriffs (s. Hjelmslev, Q: S. 59, und bes. auch T.s eigene Bewertung von Bühlers Einfluß in den »Grundzügen«, S. 17ff.).[35] Die Fortentwicklung seiner Konzepte wird deutlich im Vergleich zu seiner früheren Darstellung einer Typologie phonologischer Systeme: »Zur allgemeinen Theorie der phonologischen Vokalsysteme«,[36] wo er die »Strukturgesetze« herauszupräparieren bemüht ist, mit denen die Architektur phonologischer Systeme gefaßt werden kann, diese aber direkt in Lautvorstellungen verankert, statt in allgemeinen kognitiven Randbedingungen der Sprache.[37] Immerhin kann er aufgrund seiner psycho­logistischen Prämissen die Rolle des Sprachbewußtseins thematisie­ren – und rein formale phonologische Beschreibungen mit dem Hin­weis auf intuitive phonologische Analysen in naiven Verschriftli­chungen kritisieren (so z.B. in den nach nachgelassenen Studien zum Dungani­schen: »Aus meiner phonologischen Kartothek«[38] in einer Kritik an Polivanov; hier trifft sich sein Ansatz mit dem Sapirs). Dabei ist eine Spannung zu dem deutlich, was sich bei ihm als genuine phonologische Typologie zeigte: die geometrisch repräsentierbare Ausbildung von Systemstrukturen, die Symmetrie phonologischer Systeme, etwa der Konfigurationen als Dreiecke, Vierecke im Vokalismus u.dgl., machen deutlich, daß das Präfix psycho- in seinem Terminus Psychophonetik von heute her als kognitiv gelesen werden kann.

In diesem Sinne kann er die Bedeutung einer strukturalen Analyse gerade im Bereich der Schrift auch für außerwissenschaftliche Auf­gabenfelder herausstellen – wobei für ihn ein phonographisches Schriftverständnis (ein Phonem – ein Graphem) axiomatisch ist: so für die Neuverschriftung von bis dahin ungeschriebenen Spra­chen ebenso wie für die Reform bestehender Orthographien, insbesondere als Kontrolle der damals von Sprachwissenschaftlern weitgehend akzep­tierten Aufgabe der Konstruktion einer internationalen Hilfsspra­che (s. »Wie soll das Lautsystem einer internationalen Hilfsspra­che beschaffen sein?«),[39] aber auch für den elementaren Schulunterricht, s. insbes. seine programmatischen Äußerungen auf dem 2. Internatio­nalen Linguistenkongreß 1931.[40] Einen methodologischen, zugleich auch programmatischen Status hatte seine »Anleitung zu phonologischen Beschreibungen«,[41] die die Grundlagen für einen phonologischen Weltatlas der Sprachen schaffen sollte, bei dem die typologische Gliederung unabhängig von genetischen Zusammenhängen greifbar werden soll – mit einem deutlich programmatischen Zuschnitt, bei dem er komplexe Fragen, etwa solche der Satzphonologie, systematisch ausklammert.

Auch in anderer Hinsicht zeigen sich T.s Arbeiten gewis­sermaßen rittlings auf dem sprachwissenschaftlichen Umbruch des Strukturalismus. Das gilt vor allem für den »historischen« Rahmen der vergleichenden Sprachwissenschaft – sowohl vom deskrip­tiven Gegenstand her (so in der Rekonstruktion in seinen »Polabischen Studien« 1929), wie in den verschiedenen program­matischen Skizzen ei­ner historischen Phonolo­gie, wie er sie für den In­ternationalen Phonolo­genkongreß 1930 in Prag unterbrei­tete.[42] Auch die »Grundzüge« hatte er als ersten Band eines zweibändigen Werkes geplant, dessen abschließender Teil eine historische Phonologie sein sollte, vermutlich wohl als Ausarbeitung seiner slawischen Rekonstruktion in der Habil-Schrift 1915. Die entsprechenden Ausarbeitungen sind entweder bei der Durchsuchung seiner Wohnung durch die Gestapo (s.u.) oder später bei der Bombardierung seiner Wohnung im Weltkrieg verloren gegangen.

Ohnehin war für ihn (anders als für die Folgegeneration professioneller Linguisten, die sich auf ihn berufen) eine strukturelle Analyse nie etwas ganz anderes als eine historische Kulturanalyse; die methodisch kontrollierte Beschreibung und darauf gestützt: die diachrone Rekonstruktion lieferte für ihn einen besseren, weil wissenschaftlich kontrollierten Zugang zu diesen Fragen. Insofern fallen bei ihm auch die politischen und sprachwissenschaftlichen Beiträge nicht auseinander: die Grundidee seines »eurasischen« Konzepts war die religiöse (christlich-orthodox) fundierte Einheit des russischen Großraums, jenseits der ethnischen Vielfalt, die sich dort registrieren läßt – was sich in seinem Sprachbund-Konzept spiegelt, bei dem eben auch genetisch verschiedene Sprachen in einen kulturellen Raum eingebunden werden, in dem sie sich konvergent entwickeln.[43]

Unter dem Zwang, systematische Zusammenhänge zu kontrollieren, standen bei ihm phonologische Strukturen im Fokus der Analyse, die aber nicht auf sie beschränkt war. Darauf geht v.a. auch die von ihm programmatisch entwickelte Morphophonologie zurück, die eine theoretische Integration der methodisch zu trennenden Ebenen der phonologischen und der morphologischen Analyse versucht (auch die »Grenzsignale« gelten der Schnittstelle von Phonologie und grammatischer Analyse). In der Analyse der Schnittstelle zwischen Phonologie und Grammatik sah er den Ansatzpunkt für ein angemesseneres typologisches Klassifikationsraster als das tradierte: statt solche Fragen nur als Aspekte des Sprachwandels (in der Rekonstruktion einer Ursprache wie in der Indogermanistik) anzusetzen, gilt es, in ihnen grundlegende Optionen für die kognitive Kontrolle von Sprachsystemen zu sehen, s. »Gedanken über Morphonologie«, [44] wo er die grammatische Analyse der Ablautverhältnisse in den semistischen Sprachen als Modell herausstellt.

Wie systematisch er die theoretischen Grundlagen der sprachwissenschaftlichen Analyse anging, zeigt sich auch bei seinem Entwurf zu einer syntaktischen Theorie in seinem Beitrag »Le rapport entre le déterminé, le déterminant et le défini«,[45] mit der er vieles von dem vorwegnahm, was die neuere typologische Diskussion (seit der Dobbs Ferry Konferenz 1961) bestimmt: die Korrelation von Operator/Operand-Strukturen mit der Linearisierung, die Nichtreduzierbarkeit prädikativer Strukturen auf Determinationsverhältnisse (insbesondere das Subjekt-Prädikatsverhältnis als nicht endozentrisches Determinationsverhältnis), die ergative vs. akkusativische Ausrichtung im Satzbau, der Ausbau von Artikelsystemen im Gegensatz zur morphologischen Markierung von Determiniertheit, die Rolle von Neutralisierungen als strukturellem Merkmal von syntaktischen Systemen u. dgl.

Wohl schon seit den ersten Jahren seiner Emigration aus der Sowjetunion war T. krank (er hatte ein schweres Herzleiden). Seine politische Position exponierte ihn im Feld der zunehmenden Politisierung auch der akademischen Szene im deutschen Sprachraum, worunter sein Gesundheitszustand litt. Instruktiv ist in dieser Hinsicht der Kreis derjenigen, mit denen er an der Universität Wien engere Kontakte hatte (s. Poljakov, Q): außer seinem engen indogermanistischen Kollegen Kretschmer und dem ihm theoretisch verbundenen Bühler, war es der extrem rechtslastige Anton Pfalz[46] sowie der Philosoph/Soziologe Othmar Spann,[47] mit dessen Vorstellungen einer ständischen Gesellschaft seine eigenen elitären Vorstellungen wohl korrespondierten.

Über die zunehmende Politisierung der exilrussischen Kreise war T. schon früh in das Schußfeld der NS-Agenturen geraten. Der NS-Geheimdienst versuchte nicht anders als der sowjetische NKWD diese Zirkel zu infiltrieren und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Das führte zu Spannungen in den Exilkreisen. So war die Berliner Gruppe von Exilrussen explizit pro-nationalsozialistisch und betrieb anti-semitische Agitation. T. unternahm es, dazu eine Gegenposition zu entwickeln, die er 1935 auch publizierte: »O rasizme« (»Über Rassismus«).[48] Waren die etwas spinnerten Vorstellungen von einer politischen Neuordnung (Ost-)Europas für die Nationalsozialisten vermutlich wenig anstößig, so war es da anders, wo T. sich wie in diesem Beitrag explizit mit der NS-Politik auseinandersetzte. Vor der Folie einer Strukturanalyse des Judentums, die in dessen religiös definierter Segregation ein strukturelles Gesellschaftsproblem sieht, das eine soziale Entwicklung wie bei Wanderungsbewegungen sonst, also die daraus resultierenden Amalgamierungen, behindert (oder sogar verhindert), analysiert T. die spezifische Ausprägung des deutschen (bei ihm immer »hitlerischen«) Antisemitismus als Waffe im Kampf gegen die Sowjetunion (bei ihm immer »imperialistisch«), wobei er den geplanten Angriffskrieg des deutschen Generalstabs zugrunde legt, mit einer südlichen Stoßrichtung der Eroberung der Ukraine und der Kaukasus-Region. Die Übernahme antisemitischer Denkfiguren in Rußland versucht er als inkongruent mit der russischen Tradition aufzuzeigen, wobei er als Lösung für das Judenproblem eine Normalisierung der Lebensverhältnisse insbes. durch Mischehen vorsieht. Solche publizistisch vertretenen Positionen machten ihn für die Nationalsozialisten zum politischen Gegner.[49]

In Erwartung der politischen Weiterentwicklung hatte er schon erste Initiativen unternommen, in die USA zu emigrieren. Ebenso wie Bühler stand er auf der Liste derer, die nach dem Anschluß 1938 sofort aus politischen Gründen zu entlassen waren.[50] Da er am Tag der geforderten Vereidigung auf Adolf Hitler, am 22.3.1938, wegen seines Herzleidens in ein Wiener Krankenhaus eingeliefert worden war, konnte die Entlassung bei ihm zunächst nicht exekutiert werden. Als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, unternahm die Gestapo in seiner Wohnung eine rabiate Hausdurchsuchung, bei der er einen Herzanfall erlitt und verstarb.

Q: »Autobiographische Notizen«, ergänzt von R. Jakobson, in den »Grundzügen« (s.o.), 3. Aufl. 1962: 273-288; R. Jakobson, Einleitung in der o.g. Briefausgabe (1975): 5*-14*; F. B. Poljakov (Hg.), »N. S. T.: Russland – Europa – Eurasien. Ausgewählte Schriften zur Kulturwissenschaft« Wien: Österreichische AdW 2005 (mit ausführlicher Vita S. 315-414); St. Hafner u.a. (Hgg.), »N-S. T.: Opera Slavica minora linguistica«, Wien: Österr. AdW 1988 (mit Vita von St. Hafner 9*-37*); V. N. Toporov, in: R. Jakobson (Hg.), »Pisma i zametki N. S. T.« (»Briefe und Notizen von N. S. T.«), Moskau: Jazik slavjanskoy kul’tury 2004: 1*-76* (russischer Nachdruck der Briefausgabe 1975, s.o.). Bibliographie in den Travaux du Cercle Linguistique de Prague 8/1939 (= Gedenk­schrift Trubetzkoy): 335-342; Kowall; Nachrufe: R. Jakobson, in: Acta Linguistica 1/1938: 64-76 (repr. in: Sebeok II 1966: 526-542); P. Kretschmer, in: Almanach der Österreichischen AdW; Wien: Hölder 1938: 335-344; L. Hjelmslev, in: A. ges. Phon. I, 3/1939: 55-60; N. W. Timoféeff-Ressovsky, in: A. ges. Phon. I, 3/1939: 60-61.

 

[1] In dieser Schreibweise seines Namens publizierte er nicht nur, so unterschrieb er auch in den Fakultätsakten der Universität Wien; entsprechend der international üblichen slawistischen Um­schrift findet sich sein Name auch als Trubeckoj; in dieser Schreibweise firmieren auch seine anderen Familienangehörigen.

[2] Detailliert zu den Familienverhältnissen Poljakov, Q.

[3] Autobiographie (Q), S 275.

[4] Nach Jakobson, Nachruf (Q), entsprach der Hauptteil dieser Arbeit dem später publizierten Beitrag »Gedanken über den lateinischen a-Konjunktiv«, in: FS P. Kretschmer, Wien: Jugend und Volk 1926: 267-274. T.s Rekonstruktionen wurde erst mit einiger Verzögerung wirksam: Benveniste nahm sie 1951 auf, und seitdem wird sie als Trubetzkoy-Benveniste-Hypothese diskutiert. S. dazu O. Szemerényi, »Einführung in die vergleichende Sprachwissenschaft«, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2. Aufl. 1990: 279-281.

[5] Gleichzeitig mit Bloomfield. Seitdem datierte eine enge Beziehung zwischen beiden: T. apostrophierte Bloomfield in seinen Briefen als »mein Leipziger Kamerad«.

[6] S. R. Jakobson, »To the history of the Moscow Linguistic Circle«, in: J. Trabant u.a. (Hgg.), »Logos Semanticos« (FS E. Coseriu), Berlin usw.: de Gruyter 1981: 285-288.

[7] S. dazu Jakobson (Q) und Hafner (Q).

[8] Dazu und zum Folgenden detailliert Poljakov (Q).

[9] Jakobson kannte T. aus der gemeinsamen Moskauer Studienzeit, war aber im Gegensatz zu diesem in den modernen Strömungen zu Hause (er war selbst literarisch im Kreis der russischen Formalisten aktiv). Zu T.s ambivalentem (frühen) Verhältnis zu Jakobson, der seinem Empfinden nach ein reiner Sprachwissenschaftler war, ohne Gespür für die literarische Tradition (und eng mit den von T. abgelehnten russischen Formalisten verbunden war), s. die brieflichen Dokumente in Poljakov (Q); das Verhältnis zwischen beiden änderte sich später in Prag. T.s Vorbehalte gegenüber dem in jeder Hinsicht offenen Jakobson, der sich anders als er selbst auch nicht primär als (orthodoxer) Ostslawe fühlte, blieben aber wohl bestehen, wie aus den Briefen zwischen den beiden hervorgeht, s. dazu die Beiträge in Gadet/Sériot 1997.

[10] Der Terminus eurasisch wird auch heute noch von der extremen Rechten in Russland genutzt.

[11] Deutsch München: Drei Masken 1922; zuerst russisch, Sofia 1920. Einer der beiden Übersetzer, Sergej Osipovič Jakobson, war der Bruder von Roman O. J.

[12] Zu dieser Seite seines Werkes sowie zu dem ideellen und biographischen Hintergrund, s. N. W. Timoféeff-Ressovsky (Q). Die erst seit den 1980er Jahren einsetzende Entdeckung dieser Seite in T.s Werk war für viele strukturell orientierte Sprachwissenschaftler schockierend, s. z.B. die Besprechung von H. Birnbaum zu dem englischen Sammelband von A. Liberman (Hg.), »N. S. T.: The legacy of Genghis Khan and other essays on Russia’s identity«, Ann Arbor: Michigan Slavic Publications 1991, in: Die Welt der Slaven 38/1993: 187-192, der sein Referat der dort publizierten Schriften damit endet, daß diese Arbeiten »im Ganzen doch einen niederdrückenden Eindruck machen, nicht zuletzt da sie der Feder eines der bedeutendsten Denker über das Wesen der Sprache entstammen.« (S. 192).

[13] S. Jakobson (Q): 227.

[14] Zusammengestellt in den »Opera Slavica minora linguistica«, St. Hafner u.a. (Hgg.), Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften 1988.

[15] Wien: Öster. AdW 1952, 2. Auflage Graz usw.: Böhlau 1968.

[16] Was auch ein Spezifikum der Prager Linguisten war, wo v.a. Vachek diese Fragestellung systematisch weiter entwickelt hat.

[17] Wien: Hölder-Pichler-Tempsky 1929.

[18] Das Polabische (Polabisch < po Laba »an der Elbe«) wurde noch bis ins 18. Jahrhundert im hannoverschen Wendland gesprochen.

[19] Einen Querschnitt aus seinem sprachwissenschaftlichen Werk bietet (in englischer Übersetzung) der Sammelband von M. Taylor/A. Liberman, »N. S. Trubetzkoy. Studies in General Linguistics and Language Structure«, Durham/London: Duke UP 2001.

[20] So in einer französisch redigierten Stellungnahme 1935 (englisch bei Taylor/Liberman: 175-177). Erst in den späten dreißiger Jahren wurde die Romanisierung durch die Kyrilica abgelöst.

[21] Vgl. von diesem »Linguistic characterology with illustrations from modern English« (in: Proc. First Intern. Congr. of Linguists 1928: 56-63), also die Interdependenz von Strukturzügen auf den verschiedenen sprachlichen Ebenen; vgl. hier auch E. Lewy für denjenigen, der die charakterisierende Typologie wohl am weitesten vorangetrieben hat. V. Mathesius (1862-1945) war seit 1919 o. Professor für Englische Sprache und Literatur an der Karls-Universität in Prag und Mitbegründer des Prager Linguistenzirkels.

[22] Zur weit gespannten Lehre, von der sprachwissenschaftliche Veranstaltungen nur einen Ausschnitt bildeten, s. die Darstellung eines seiner Hörer, A. V. Isačenko, »N.S. Trubetzkoy als Lehrer«, in: Slawische Rundschau 10/1938: 323-328. A. V. Isačenko (1911-1978), ebenfalls Exilrusse, heiratete 1935 auch eine von T.s Töchtern. 1938 ließ er sich in Wien beurlauben, wo er damals als Lektor für Russisch tätig war, vermutlich auch um einer drohenden Sippenhaft zu entgehen. Er ging nach Ljubljana, wo er habilitierte, von 1939 bis 1945 dann nach Bratislava. Später war er noch in den USA, in (Ost-)Berlin und zuletzt in Klagenfurt tätig.

[23] Florenz: Sansoni 1973. Auf S. 158 bibliographische Hinweise auf weitere literaturwissenschaftliche Arbeiten T.s.

[24] Die für ihn die echte moskovitische russische Kultur im Gegensatz zur später westlich infizierten spiegeln, s.u. zu seiner »eurasischen« Konzeption.

[25] S. dazu A. Liberman, »N. S. T. Writings on Literature«, Minneapolis: Minnesota UP 1990 .

[26] Dieser Kongreß verschob ohnehin die akademischen Kräfteverhält­nisse in den Philologien – wurde mit ihm doch mit ei­nem Schlag ein internationaler »Markt« eröffnet, auf dem die Qua­lifikation als Lin­guist zählte, statt der Beschränkung auf die philologische Hilfs­disziplin Grammatik, die nur in Verbindung mit »exotischen Spra­chen« ohne »hochkulturelle« Überlieferung ein le­gitimes Eigenge­wicht hatte.

[27] S. seine vielspra­chige Korrespondenz mit führenden Sprachwissenschaftlern außer in den osteuropäischen Ländern insbes. auch in den USA, Frankreich, Deutschland und Skandinavien in: R. Jakobson (Hg.), »Pisma i zametki N. S. T.« (»N. S. Trubetzkoy's Letters and Notes«), Den Haag: Mouton 1975. Einen besonders intensiven brieflichen Kontakt hatte er mit Sapir, der sich auch durchgängig auf T. bezieht, aber auch zu Sapir-Schülern wie Whorf (s. Darnell 1990: 275; 379; s. bei Sapir, Q). Analytisch sehr detailliert ist vor allem die extensive russischsprachige Korrespondenz mit Fachkollegen, die in dem genannten Band zugänglich ist.

[28] Korre­spondierend mit unabhängigen par­allelen Entwicklungen in den USA bzw. in der dortigen Linguistic Society of America, die in gewis­ser Hinsicht auch schon Pate bei der Gründung des Prager Lingui­stenkreises gestanden hatte.

[29] S. hier die Hinweise zu Sprachwissenschaftlern aus Wien: Penzl, Pul­gram, Tedesco u.a.

[30] S. das Verzeichnis seiner Wiener Lehr­veranstaltungen in der zitierten Briefsammlung von Jakobson 1975: 488-490.

[31] »Grundzüge der Phonologie«, Prag: Trav. Cercle Ling. Prague 7/1939; Nachdruck: Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1958 (31962). Die geplante französische Ausgabe erschien in Paris für die SLP erst 1949 in einer Übersetzung von J. Cantineau. Die Beziehungen zur SLP waren schon seit Mitte der 1920er Jahre relativ eng: T. reiste mehrfach zu Vorträgen nach Paris und steuerte z.B. auch zur ersten Ausgabe des Überblicksbandes »Les langues du monde« von A. Meillet und D. Cohen 1924 die Materialien über die kaukasischen Sprachen bei (in der späteren Ausgabe von 1952 durch ein Kapitel von G. Dumézil ersetzt).

[32] Paris: Maisonneuve 1933: 109-113. Bereits auf dem 1. Kongreß 1928 hatte er eine areale Gruppierung nach formalen Merkmalen (einen Sprachbund) einer genetischen (»etymologischen«) Sprachfamilie gegenübergestellt, s. Akten 1929: 17-18. Bemerkenswerterweise trifft sich hier sein Anliegen mit dem der deutschen Sprachtypologen Finck und  E. Lewy.

[33] S. Hjelmslevs Kritik in seinem Nachruf auf T. (Q). Porzeziński (1870-1929) repräsentierte seinerseits die traditionelle russische Schule von Fortunatov (1848-1914).

[34] Vgl. damit das psychophysikalische Forschungsprogramms von Boas.

[35] Einen bemerkenswert klaren Versuch der Überwindung der psychologistischen frühen Konzeption lieferte er in einer brieflichen Auseinandersetzung 1932 mit dem dänischen Phonetiker Forchhammer, s. Jakobson, Briefe 1975: 457-462. Eine systematische Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Diskussion in Reaktion auf seine programmatischen Positionsnahmen findet sich in »Über eine neue Kritik des Phonembegriffs«, in: A. ges. Phon. I, 3/1937: 129-153, zu Roloff und Bühler dort z.B. S. 134 -135.

[36] In: Trav. Cercle Ling. Praque 1/1929: 39-67.

[37] Gerade in dieser Hinsicht hebt er die Übereinstimmung mit Sapir hervor (S. 66 FN).

[38] In: Trav. Cercle Ling. Praque 8/1939: 22-26 und 343-345.

[39] In: Trav. Cercle Ling. Praque 8/1939: 5-21.

[40] In den Akten, Paris 1933: 111. Vergleichbar in der Absicht also mit Bloomfields später durchgeführtem Projekt eines sprachwissenschaftlich konstruierten Lehrbuchs für den Anfangsunterricht (postum herausgegeben von C. L. Barnhart, »Let’s read«, Detroit: Wayne State UP 1961).

[41] Zuerst Brünn 1935, Nachdruck Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1958.

[42] Seine versuchte Rekonstruktion der slawischen Verhältnisse fand zunächst allerdings wenig Anklang, s. z.B. die Kritik von E. Hermann in: Göttingische Gelehrte Anzeigen 187/1925: 202.

[43] Das macht die Ambivalenz seiner eurasischen Konzeption aus. Sie stand gegen eine lineare Wertskala der verschiedenen Kulturen, die das westeuropäische Modell an die Spitze stellte und alle anderen Kulturen in einer relativen Rückschrittlichkeitsdistanz zu ihr positionierte – insofern ein durchaus entsprechendes Konzept zu dem, das sich auch bei Boas in der Ablehnung des Evolutionsdenken im 19. Jahrhundert findet. Andererseits aber zeichnete er Eurasien durch einen christlich-orthodoxen Kern aus, der es z.B. auch von den westslawischen Gemeinschaften (katholisch bzw. protestantisch) abgrenzte, vor allem aber von den Gemeinschaften in dem russischen Großreich, die sich z.B. muslimisch geprägt der Orthodoxie nicht unterordneten. Insofern war T. auch nicht »Panslawist«: die westlichen Slawinen sind für ihn ebenfalls romano-germanisch geprägt, allen voran das katholische Polen als dominierender Faktor im »kleinrussischen« Raum (insbes. der Ukraine). Der Anfang war die durch Peter I. (1672-1725) bewerkstelligte Öffnung nach Westen mit der Verlagerung der Hauptstadt nach Petersburg – das wirkliche Rußland hat für T. seinen Kern im vorpetrinischen Moskau, s. die ausführlich kommentierte Ausgabe der entsprechenden Schriften in P. Sériot (Hg), »N. S. Trubetzkoy. L’Europe et l’humanité«, Liège: Mardaga 1996.

[44] In: Trav. Cercle Ling. Prague 4/1931: 160-163. Gerade auch die neuere theoretisch orientierte Phonologie geht wieder explizit auf T.s Konzept der Morphophonologie zurück, s. etwa den Konferenzband R. Singh (Hg.), »Trubetzkoy’s Orphan«, Amsterdam usw.: Benjamins 1994.

[45] In: Festschrift Bally, Genf: Georg 1939: 75-82.

[46] Mit A. Pfalz (1885-1958) arbeitete er in der Phonogrammkommission der Akademie der Wissenschaften zusammen. Als Dialektologe hatte Pfalz allerdings selbst auch eine Protophonologie praktiziert (mit den von ihm sog. »Reihenschritten« in der diachronen Entwicklung). Ansonsten war er illegaler NS-Aktivist vor dem Anschluß, der nach 1945 nicht entnazifiziert wurde.

[47] O. Spann (1878-1950) war von 1919 bis 1938 Professor für Philosophie in Wien, wo er eine »ganzheitliche« Gesellschaftstheorie entwickelte. Sein Denken war vor allen Dingen gegen den Liberalismus gerichtet, als dessen extreme Ausdrucksform er den Marxismus verstand. Auch das Rassenkonzept nahm er in seine elitäre Gesellschaftskonzeption auf. Mit dieser elitären Konzeption war er für die Nationalsozialisten allerdings ein Gegner, und so wurde er 1938 entlassen, von der Gestapo mißhandelt und schließlich in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Nach 1945 bemühte sich Spann vergeblich, wieder regulär eingestellt zu werden; 1949 wurde er pensioniert.

[48] In: Evrazijskie tetradi (»Eurasische Chronik«) 5/1935: 43-54, nachgedruckt in R. Jakobson »N. S. T.’s Letters and Notes«, Den Haag: Mouton 1975: 467-474, zu dem Entstehungshintergrund Poljakov, Q: 402-403.

[49] So scheiterte denn auch schon 1937 eine mögliche Berufung nach München an »erheblichen politischen Bedenken« gegen ihn.

[50] S. dazu auch Kowall.