Tietze, Andreas

Geb. 26.4.1914 in Wien, gest. 22.12.2003 in Wien.

 

Nach dem Abitur 1932 studierte er in Wien und Paris Geschichte, Slawistik und Balkanologie, verbunden mit einem breiten Sprachstudium, insbesondere auch Türkisch, Arabisch und Persisch. Zu seinen Lehrern in den sprachlichen Fächern gehörte Trubetzkoy. 1937 promovierte er in Wien mit einer agrarhistorischen Arbeit im Fach Geschichte. Bereits vor Abschluß des Promotionsverfahrens hatte er 1936-1937 gemeinsam mit seinem Freund R. Anhegger zwei Studienreisen in die Türkei unternommen.[1]

Sowohl als politischer Gegner der sich abzeichnenden Faschisierung der Gesellschaft (T.s Familienhintergrund war sozialdemokratisch, T. selbst war in der sozialistischen Bewegung aktiv) wie auch vor der drohenden rassistischen Verfolgung[2] wanderte er nach der Promotion noch 1937 in die Türkei aus, wo er durch die Vermittlung von Auerbach in Istanbul 1938 eine Stelle als Dozent für Deutsch erhielt (später, nach 1953, vertrat er dort auch das Fach Englisch). Auch im Exil blieb T. politisch aktiv, u.a. im Free Austria Movement (wie auch sein enger Kollege Weiner in Istanbul).[3] In der Türkei arbeitete er eng mit anderen Emigranten zusammen, außer mit seinem Freund Anhegger v.a. auch mit H. Ritter, mit dem gemeinsam er u.a. die Neubearbeitung eines Deutsch-Türkischen Wörterbuchs (1942) unternahm, später fortgesetzt mit der Arbeit an Englisch-Türkischen Wörterbüchern. Mit Ritter arbeitete er auch gemeinsam zu dessen turkologischen Studien, insbesondere zum Schattenspiel.

Weniger als für die meisten anderen Emigranten war für T. das Leben in der Türkei ein Exil. Er war in der Sprache so zuhause, daß er deutsche Literatur ins Türkische übersetzte. Nicht zuletzt fungiert er auch als Mittler gegenüber anderen Emigranten, u.a. mit seinem »Türkischen Lehrbuch für Ausländer«.[4] Für seine Integration spricht auch, daß er anders als die meisten Schicksalsgenossen nach dem Kriegseintritt der Türkei nicht interniert bzw. aufs Land verbannt wurde (für die Behörden war er in Istanbul unabkömmlich).[5] Obwohl die Eltern sich in den USA um seine Einreise nach dort bemühten und ihm auch wiederholt ein Visum verschafft hatten, wanderte er zunächst nicht aus; vielmehr heiratete er 1952 auch eine Türkin.

Erst 1952-1953 absolvierte er einen Forschungsaufenthalt in den USA (in Urbana, Universität Illinois), 1958 emigrierte er schließlich in die USA nach Los Angeles, wo er an der UCLA seit 1958 eine associate Professur für Türkisch und Persisch hatte, seit 1960 dann eine reguläre Professur für Türkisch. 1971-1972 hatte er eine Gastprofessur in Wien, wohin er 1973 remigrierte, um eine Professur für Turkologie wahrzunehmen.

Seine Arbeiten weisen ihn in der Bandbreite der traditionellen Philologie aus, mit einem historischen Schwerpunkt. Explizit deskriptive Arbeiten unternahm er in Hinblick auf die praktischen Anforderungen des Hochschulunterrichts, so vor allem in seinen Sprachlehrbüchern, angefangen bei seinem o.g. schon in der Türkei verfaßten Türkisch-Lehrbuch, später dann in den USA Lehrwerke mit Übungstexten und ausführlichen sprachlichen Erläuterungen: »Turkish Literary Reader«, [6] »Advanced Turkish Reader«.[7] Dabei stehen die sachlichen Erläuterungen zu diesen Texten im Vordergrund, deren Ziel es ausdrücklich war, den Zugang zur Fachprosa zu eröffnen. Systematischer behandelt er in den Anmerkungen die verschiedenen Stilregister im Türkischen, die vor allem auch durch fremdsprachliche Einschüsse bestimmt sind (traditionell durch arabisch-persische Lehnwörter, modern v.a. französische). Hier gibt er systematischere Hinweise etwa zu den Mechanismen von Wortableitungen. Bei seinen späteren Arbeiten zum Türkischen stehen syntaktische Fragen im Grenzbereich von Syntax und Stilistik im Vordergrund (zum freistehenden Genitiv, zur erlebten Rede u. dgl.), die seine Zugehörigkeit zu der kulturanalytisch orientierten Sprachforschung der Vorkriegszeit zeigen.[8]

Ansonsten standen bei ihm von seinen historischen Ausgangspositionen aus sprachgeschichtliche Fragen im Zentrum, also insbesondere das osmanische Türkische, das er auch in seinen späteren Wiener Lehrveranstaltungen systematisch vermittelte,[9] in Verbindung mit den vielfachen Lehnbeziehungen, Sprachkontakten und ihren Spuren im Türkischen. In diesem Sinne waren für ihn selbstverständlich Sprachbundgesichtspunkte leitend, die er vielleicht auch schon in Wien bei seinem Lehrer Trubetzkoy kennengelernt hatte, so beim türkeitürkischen Azeri, »Persische Ableitungssuffixe im Azerosnamischen«,[10] wo er im Sinne der Sprachbundanalyse die produktiven grammatikalisierten Elemente untersucht und in einer systematischen Quellenauswertung dokumentiert, vor allem aber auch sprachlich heterogenen Beziehungen zum Armenischen, Griechischen, Slawischen, abgesehen von den Bildungseinflüssen des Persischen und Arabischen.

In diesem Feld veröffentlichte er seit den 50er Jahren eine Reihe von umfangreich dokumentierten Studien zum Lehnwortschatz im Türkischen, bei denen er systematisch die bildungssprachlichen Verhältnisse, bestimmt von mehrsprachigen Schreibern, für die die strukturellen Verhältnisse der Gebersprachen transparent waren, von alltagssprachlichen Schichten unterscheidet, die er in dialektalen Formen aufsucht, die seit den 40er Jahren in der Türkei dokumentiert wurden. Dazu gehören auch seine Editionen der ausgewerteten Quellen, bes. auch volkskundlicher Art (Rätsel, Sprichwörter u. dgl.). Dabei arbeitete er auch mit Spezialisten für diese Sprachen zusammen, so z. B. mit dem Iranisten Gilbert Lazard in seiner Studie: »Persian loanwords in Anatolian Turkish«.[11]

Der Wortschatz wurde dabei ein systematisches Forschungsfeld, dem er auch in der literarischen Überlieferung systematischer nachging. So in Verbindung mit seiner Herausgabe von literarischen Werken: »Mustafa Ali’s Description of Cairo of 1599«[12] und »Mustafa Ali’s Counsel for Sultans«,[13] sowie editorische Arbeiten auch zu sprachlich andersgearteten Quellen: Armenisch, Judentürkisch (überliefert in hebräischer Schrift), bis hin zu türkischsprachigen Minderheiten wie den Abdal: »Die Abdal (Äynu) in Sinkiang«.[14]

Das Gegenstück zu diesen deskriptiven Arbeiten ist für T. die Auseinandersetzung mit der normativen Sprachpflege in der Türkei, vgl. »Die Erfassung des türkischen Wortschatzes und ein türkischer Roman von 1871-1872«.[15] Hier baute er ein großes Unternehmen zu einem etymologischen Wörterbuch des Türkischen auf, das diese verschiedensprachigen Schichten im Wortschatz erschließen soll. Dazu diente auch seine systematische Dokumentation der turkologischen Forschungen, die er seit 1975 in seinem Turkologischen Anzeiger dokumentierte, von 1975-1983 der Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes beigebunden, für die er in dieser Zeit als Herausgeber fungierte.

Ein eigenes spezielles Forschungsinteresse galt dem nautischen Wortschatz, in dem sich die großräumigen Wirtschaftsverbindungen am deutlichsten spiegelten. Dazu hatte er früh begonnen, auch ältere Quellen auszuwerten, s. etwa »Die Geschichte vom Kerkermeister-Kapitän«,[16] mit dem exzerpierten nautischen Vokabular, S. 204-210. Systematisch bearbeitet hat er diesen Gegenstand dann bei seinem Forschungsaufenthalt in Urbana gemeinsam mit den beiden anderen Emigranten Henry und Renée Kahane (H. Kahane, R. Kahane), mit denen er das große lexikalische Handbuch erstellte: »The lingua franca in the Levant«.[17] Den Abschluß dieser lebenslangen Arbeit bildet das große etymologische Wörterbuch des Türkischen »Tarihi ve etimolojik Türkiye Türkçesi lugati«, von dem Band 1 (A-E) noch zu seinen Lebzeiten erscheinen konnte.[18] Dazu gehört auch die historische Aufarbeitung der türkischen Lexikographie »Die Lexikographie der Turksprachen I: Osmanisch-Türkisch«,[19] bemerkenswert vor allem durch die Hervorhebung des Beitrags von Vertretern von Minderheiten wie bes. der Armenier.

Auch später hielt er seine historischen Interessen durch, mit dem ursprünglichen Schwerpunkt auf dem Balkan, dessen osmanische Quellen er als Grundlage für eine historische Erforschung des Türkeitürkischen herausstellte: »The Balkans and Ottoman Sources – Ottoman Sources and the Balkans«.[20] Nach seiner Emeritierung 1984 lehrte er in Wien und auch in Istanbul weiter.

Q: BHE; Hanisch 2001; Ellinger; Interview mit T. am 30.5.1985 in Wien. Hinweise von M. Egger, der in Graz an einer Dissertation über T. arbeitet.[21] Nachrufe: H. Anetshofer-Karateke, in: Österreichisch-Türkisches Wissenschaftsforum (OTW) v. 4.2.2004 (s. www.otw.co.at/otw/index.php/g/a/150, Jan. 2009); R. Jaeckel, in: UCLA International Institute v. 19.6.2004 (http://www.international.ucla.edu/article.asp?parentid=12112, Jan. 2009); M. Koehbach mit nicht vollständigen Literaturhinweisen in: Wiener Z. Kunde des Morgenlandes 94/2004: 9-23; außerdem eine Bibliographie mit der sprachwissenschaftlichen Arbeit bei Hazai 1978 (s.o.). Festschriften: A.A. Ambros u.a. (Hgg.), in: Wiener Z. Kunde des Morgenlandes 76/1986 (mit Schriftenverzeichnis) und I. Baldauf u.a. (Hgg.) »Armağan«, Prag: enigma corporation 1994; in beiden FS überwiegend literarisch und historisch orientierten Beiträgen (Ausnahme: 1994 der Beitrag von Menges, s. bei diesem).



[1] Zu dem dazu überlieferten Reisebericht, der ein Interesse an der kemalistischen Modernisierung der türkischen Gesellschaft zeigt, s. E.J. Zürcher, »Two young Ottomanists discover Kemalist Turkey: The travel diaries of Robert Anhegger and Andreas Tietze«, in: J. o. Turkish Studies 26/2002: 359-369.

[2] Seine Eltern konnten in die USA emigrieren; andere Familienmitglieder kamen in der Shoah um.

[3] Allerdings war er später relativ distanziert diesen politischen Aktivitäten gegenüber. In dem Gespräch mit ihm 1984 in Wien (Q) wollte er sich dazu nicht mehr äußern.

[4] Istanbul: Marmara Basımevi 1943. Mitautorin war Sura Lisie, die Ehefrau seines Freundes Anhegger.

[5] Sonst waren nur prominente Professoren von der Verbannung ausgenommen.

[6] Bloomington: Indiana UP 1963.

[7] Bloomington: Indiana UP 1973.

[8] S. die Würdi­gung bei György Hazai, »Kurze Einführung in das Studium der türki­schen Sprache«, Wiesbaden: Harrassowitz 1978: 68-69, der in diesem Sinne auch T.s Indifferenz gegenüber den theoretischen Diskussionen der Sprachwissenschaft betont, dort S. 100.

[9] S. dazu Koehbach (Q).

[10] In: Wiener Z. Kunde des Morgenlandes 59-60/1963-1964: 154-200.

[11] In: Oriens 20/1967: 125-168.

[12] Wien: Verlag der Österreichischen AdW 1975.

[13] Wien: Verlag der Österreichischen AdW 1979-1982.

[14] Wien: Verlag der Österreichischen AdW 1994.
Abdal (wörtlich: »Bettler«) ist der abwertende Terminus für diese Minderheit bei den Uiguren (in Sinkiang die Mehrheit). Sie selbst bezeichnen sich als Ainu, was auch in sprachwissenschaftlichen Arbeiten als Bezeichnung üblich ist.

[15] Hier in der Festschrift für seinen Freund Anhegger (J.L. Bacqué-Grammont u.a. [Hgg.], »Türkische Miszellen«, Istanbul: Ed. Divit Press 1987), auf der Basis eines von diesem herausgegebenen Romans.

[16] In: Acta Orientalia 19/1941: 152-210.

[17] Urbana: University of Illinois Press 1958 – das Werk war schon 1953 am Ende seines Aufenthaltes dort weitgehend druckfertig gewesen; s. dazu bei H. Kahane.

[18] Istanbul – Wien: Simurg Kitapçilil 2002.

[19] In: F.J. Hausmann u.a. (Hgg.), »Wörterbücher. Ein internationales Handbuch zur Lexikographie«, Berlin usw.: de Gruyter 1991: 2399-2407.

[20] In: H. Birnbaum/S. Vryonis (Hgg.), »Aspects of the Balkans«, Den Haag: Mouton 1972.

[21] »Wissenschaftsemigration in die Türkei von 1938 bis 1958 am Beispiel der Lebensgeschichte des Turkologen Andreas Tietze (1914 - 2003)«, Exposé zur Dissertation Graz 2011.