Thieberger, Richard

Geb. 3.3.1913 in Wien, gest. 16.5.2003 in Nizza.

 

Studium der Germanistik und Romanistik in Wien mit sprachwissenschaftlichem Schwerpunkt (u.a. bei E. Richter, N. S. Trubetzkoy u.a.). Promotion 1935 in Wien.[1]

Bereits 1934 ging er als Austauschassistent nach Frankreich, wo er zunächst in Reims als Gymnasiallehrer unterrichtete, seit 1937 als Lektor an der Universität Caen. In Reaktion auf den Anschluß Österreichs beantragte und erwarb er 1938 die französische Staatsbürgerschaft und legte auch noch eine französische Diplomprüfung ab, um in Frankreich in den regulären Lehrbetrieb einsteigen zu können. [2] 1939 wurde er zunächst noch zum französischen Wehrdienst eingezogen, nach der Entlassung ging er als rassistisch Verfolgter in den nicht besetzten Süden, wo er bis 1944 in Toulouse als Lektor an der Universität tätig war. Auch nach der deutschen Okkupation Südfrankreichs im November 1942 wurde er von der Universität im Amt gehalten. 1944 wurde er gegen den Zugriff der Gestapo versteckt und überlebte die restliche Zeit im Untergrund (mit Unterstützung kirchlicher Einrichtungen).

Nach dem Krieg war er zunächst wieder Lektor in Toulouse, wurde dann aber als französischer Besatzungsoffizier nach Deutschland geschickt, wo er gegen seinen Wunsch und seine Versuche, nach Frankreich zurückzukehren, tätig war, zunächst in Baden-Württemberg, wo er vor allem die Neugründung von Volkshochschulen betrieb, später in Rheinland-Pfalz, wo er nach seiner Agrégation 1951 in Paris für das Lehramt Deutsch seit 1952 im Dienst der französischen Botschaft in Mainz stand und in den Aufbau der neuen Universität Mainz einbezogen wurde.[3] Seit 1958 war er französischer Gastprofessor für französische Landeskunde am Dolmetscherinstitut in Germersheim. Erst 1964 konnte er wieder nach Frankreich zurückkehren, zunächst als Lehrer nach Straßburg, 1965 dann auch als Assistent an der Deutschen Abteilung dort. 1967 ging er nach Nizza, wo er 1970 zum Professor ernannt wurde, nachdem er 1968 in Paris an der Sorbonne mit einer Arbeit über die deutsche Novelle habilitiert hatte (doctorat d’État). In Nizza leitete er das germanistische Institut sowie das Sprachenzentrum (insbesondere die Abteilung Französisch für Ausländer) bis zu seiner Emeritierung 1982.

T. ist von seinem umfangreichen Werk her Literaturwissenschaftler bzw., wie vor allem seine zahlreichen kleineren Beiträge in Kultur­zeitschriften und Magazinen dokumentieren (die Bibliographie [Q] listet bis 1989 insges. 420 Titel auf!), Literaturkritiker, der sich von Frankreich aus schwerpunktmäßig mit der deutschen Gegenwartslite­ratur und ihrer Rezeption in Frankreich befaßt. Dabei steht für ihn allerdings (entsprechend der thematischen Orientierung an der Ge­genwartsliteratur!) die sprachliche Form in den literarischen Tex­ten im Vordergrund – und von daher auch das Problem des Überset­zens, das ihn zur Auseinandersetzung mit sprachwissenschaftlichen Ansätzen bringt. Zusammenfassendes Ergebnis dieser Überlegungen ist seine »Stilkunde«,[4] in der er sich um eine Integration von Sprach- und Literaturwissenschaft be­müht (explizit anknüpfend an R. Jakobson und Leo Spitzer) und recht ausführlich Grundbegriffe sprachwissenschaftlicher (strukturaler) Formanalyse diskutiert (bis hin zu konnotativen Analysen der Soziolinguistik). Die Arbeit bringt unter sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkten kaum Eigenständiges, sie ist (wohl auch T.s Selbstverständnis nach) an Literaturwissenschaftler und gegen eine Literaturbetrachtung gerichtet, die sich nicht um eine methodisch kontrollierte Formanalyse kümmert. Genauso verständnislos steht er aber einer Sprachwissenschaft gegenüber, die für literarische In­teressen nicht nutzbar ist (s. dort seine Kritik der Textlinguistik, S. 87).

Von seinem professionellen Aufgabenfeld her war er genötigt, methodisch-sprachwissenschaftlichen Fragen ein großes Gewicht beizulegen – und hier verstand er sich gegenüber einer vorwiegend literarisch ausgerichteten Auslandsgermanistik explizit als »angewandter Sprachwissenschaftler«, so sein Kommentar zu seinem eigenen Beitrag in dem von ihm hg. Band »Les langues vivantes dans l'enseignement supérieur«.[5] In seinem Beitrag dort: »Primauté à la prosodie« (S. 91-98), plädiert er gegen einen norma­tiv an der geschriebenen Sprache orientierten und für einen (kon­trastiv angelegten) Fremdsprachunterricht, der bei der gespro­chenen Sprache anzusetzen hat, die immer als situierte in ihrer Artikulation zu vermitteln ist. In kleineren Zeitschriftenbeiträgen nahm er auch zu sprachlichen, insbesondere normativen Fragen des Auslandsunterrichts Stellung (Aussprache des Deutschen, Besprechungen zu Handbüchern des Unterrichts u. dgl.).

Q: Christmann/Hausmann; Biographie in der FS (1989): 11*-13*; (Autobiographisches:) R. T., »Emigration und Germanistik in Frankreich«, in: W. Schmitz (Hg.), »Modernisierung oder Überfremdung«, Stuttgart: Metzler 1994: 3-22 (S. 9-22 Diskussionsbeiträge); Bibliographie in den »Kleinen Schriften«; A. Faure (Hg.), »R. T.: Gedanken über Dichter und Dichtungen«, Bern usw.: Lang 1982; FS: Z. Széll u.a. (Hgg.), »Études allemandes et autrichiennes: Hommage à Richard Thieberger«, Nizza: Faculté des Lettres et Sciences Humaines de Nice 1989. Auskünfte D. Candel u. J. Feuillet Apr. 2009 (Töchter von T.).

 


[1] Die Dissertation zum Hörspiel war mir nicht zugänglich. Sie steht im Kontext einer ganzen Reihe früher Arbeiten von T. zum Rundfunk.

[2] Mit einer mir nicht zugänglichen Diplomarbeit über Thomas Mann.

[3] Diese war eine französische Gründung, die nach dem Modell der französischen Ecoles Normales Supérieures (ENS) vor allem auf höhere Beamtenlaufbahnen abgestellt werden sollte (und daher die Verwaltungshochschule in Speyer und die Dolmetscher-Fachhochschule in Germersheim miteinbezog). Zu den Problemen dieser Gründung, die ihre (deutschen) Professoren vor den Entnazifizierungsverfahren rekrutierte (und daher viele später wieder entlassen mußte, angefangen bei dem Gründungsdirektor), s. Defrance 2000.

[4] Frankfurt usw.: Lang 1988.

[5] = Annales Fac. des Lettres et Sc. Humaines, Nice 36/1979.