Tedesco, Paul Maximilian

Geb. 5.5.1898 in Wien, gest. 17.12.1980 in New Haven.

 

T. studierte 1916-1921 vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität in Wien. 1920 promovierte er,[1] 1921 legte er das Staatsexa­men in Latein und Griechisch ab. Seitdem bereitete er als »Privat­gelehrter« seine Habilitation vor und veröffentlichte schon eine Reihe von Untersuchungen zum Mitteliranischen (vor allem in aus­ländischen Zeitschriften). Die geplante Habilitationsschrift hatte er schon 1921 veröffentlicht: »Dialektologie der westiranischen Turfantexte«,[2] in der er aus der komplexen Überlieferung der in Turfan (Nordwest-China) gefundenen Texte die Dialektverhältnisse rekonstruierte, die dadurch verkompliziert sind, daß es sich überwiegend um ostiranische (sogdische) Abschriften von westiranischen Vorlagen handelt. Er extrapoliert ein Bündel Isoglossen, das die westiranischen Dialekte zu differenzieren erlauben soll. Die ostiranischen Dialekte bildeten später seinen speziellen Arbeitsschwerpunkt, v.a. das Sogdische (zur Dialektgliederung s. noch »Les rapports sogdo-saces«).[3]

Ein zweimaliger Habilitationsversuch 1924 und 1926 an der Universität Wien scheiterte: trotz nachdrücklicher Un­terstützung des Antrags durch seinen Lehrer Geiger akzeptierte die Fakultät keine rein sprachwissenschaftliche Habilitation für die beantragte Venia in iranischer Philologie. Auch Trubetzkoys grund­sätzliches Eintreten für die nötige Trennung von Sprachwissen­schaft gegenüber Philologie fruchtete nicht.[4] Daß es nicht nur fachliche Einwände waren, wurde bei dem neuen Ver­fahren 1926 deutlich, bei dem die Gegenspieler (unter Geigers Pro­test) sehr stark ad personam argumentierten (»unsympathisch«, »Ehr­geiz« – antisemitische Argumente finden sich nicht explizit). T. wurde auferlegt, noch eine nichtsprachwissenschaftliche (literari­sche und/oder kulturgeschichtliche) Arbeit vorzulegen.

T. hatte 1924 eine Lehrerstelle für Latein und Griechisch in Wien angetreten, die er bis zu seiner Entlassung aus rassisti­schen Gründen 1938 innehatte. 1936-1938 war er für Forschungszwecke beurlaubt, bei denen er sich in die Slawistik einarbeitete, ein neues Forschungsgebiet, von dem er sich vermutlich bessere »Brotperspektiven« versprach als von der Iranistik. 1938 erhielt er durch die Vermittlung des Sanskritisten Edgerton eine Forschungsstelle am Institute for Advanced Studies in Princeton und konnte daher mit einem non-quota-Visum in die USA einreisen[5] (seine Familie ist zum größten Teil in Konzentrationslagern umgekommen). Das bereits erworbene internationale Renommee (an Rezensionen der führenden Indogermani­sten/Iranisten der Zeit wie Meillet, Grierson u.a. abzulesen) gab T. eine relativ gute Startposition in den USA, die er auch durch Mitgliedschaften z.B. in der LSA abstützte. Obwohl er in seinen Arbeiten im traditionellen »junggrammatischen« Rahmen blieb, fand er Unterstützung auch bei den jüngeren »harten« Struk­turalisten,[6] arbeitete in Princeton aber vor allem mit Herzfeld zusammen. Seit 1943 war er an der Yale University (wohin ihn Edgerton holte): 1952 als Assoc. Prof. für indoiranische und slawische Sprachwissenschaft, 1960 als full Prof. für Sanskrit und vgl. Sprachwissenschaft. 1966 wurde er emeritiert.

T.s Spezialgebiet war die sprachliche (dialektale) Vielfalt des Iranischen, von den östlichen Varietäten bis hin zum Kurdischen. Er arbeitete dazu strikt sprachwissenschaftlich, ohne den bei Iranisten üblichen Schwerpunkt bei der Kulturgeschichte und darauf bezogenen »hochkulturellen« Texten (für einen Iranisten untypisch ist es, daß er nie einen Text edierte). Schon seine Dissertation galt (ausweislich der allein erhaltenen Gutachten) v.a. den neuiranischen Dialekten,[7] später hatte er seinen Schwerpunkt bei den mitteliranischen Varietäten, v.a. dem Sogdischen, als dessen moderner Nachfolger er das Yaghnobi bestimmte (gesprochen in Tadschikistan). Den Horizont seiner Arbeiten bildete die traditionelle Laut- und Formenlehre, zum letzteren etwa »Ostiranische Nominalflexion«[8] mit der Bestimmung des Status des Yaghnobi. Seine Arbeiten sind charakterisiert durch eine ri­gide formale etymologische Analyse (deren »junggrammatische« Stringenz bei Fachkollegen wie Henning nicht immer unwidersprochen blieb), die sich auf eine umfassende Kontrolle der philologisch gesicherten Quellenauswertung stützt. Er betrieb die Rekonstruktion rein formal, allerdings bemüht um eine Kontrolle der semantischen Entwicklungen, wodurch er sich von junggrammatischen Vorgängern abgrenzte. Dadurch blieb sein Analysehorizont strikt genetisch, wie v.a. bei seinen Arbeiten zum Indo-Iranischen deutlich ist, bei denen er die Sprachkontakte auf dem indischen Subkontinent ausblendet (was ihm Kritik von Fachgenossen eingebracht hat).

In diesem Sinne publizierte er regelmäßig auch in Language, wobei der thematisch sich auswei­tende Horizont der Aufsätze auch recht direkt die Verschiebung in seinem Lehrauftrag spiegelt, s. z.B. »Sanskrit milati ›to unite‹«,[9] der die Klärung eines etymologischen Problems im Sanskrit in mitteliranischen und neuindischen (dialektalen) Ent­sprechungen findet; »Persian čīz and Sanskrit kím«,[10] ebenso mit extensiver Heranziehung auch slawischer Par­allelen (also im Horizont der ganzen Satem-Gruppe), »Sanskrit dehí ›give‹«,[11] ebenso, mit dem Fokus auf der »internen Re­konstruktion«, insbes. den verschiedenen Schichten der indischen Überlieferung, vom Ṛgveda bis zu den neuindischen Mundarten.

Erst spät publizierte er auch zu dem in Wien schon angegangenen Arbeitsgebiet der Slawistik. Auch hier legte er wieder detaillierte materialreiche Studien vor, etwa »Slavic ne-presents from older je-presents«.[12] Hier analysierte er den Umbau der verbalen Stammbildung in den slawischen Sprachen, ausgehend von der systematisch ausgewerteten kirchenslawischen Überlieferung, wobei er für die Frühzeit Gemeinsamkeiten mit dem Indo-Arischen ansetzt (die mit ye erweiterten Stämme), im Gegensatz zu den später dominanten Nasalstämmen, wobei er die Umbildung im Horizont der Herausbildung des slawischen Aspektsystems analysiert. In diesem Fall macht er nun, anders als bei seinen indo-iranischen Arbeiten, ausdrücklich den Sprachkontakt als entscheidenden Faktor aus, hier den Einfluß des Germanischen auf die slawischen Sprachen.

Q: BHE; Habilitationsakte T.s im Univ. Archiv Wien; R. Schmitt, »P. T., einer der Pioniere iranistischer Turfanforschung«[13] (mit einem Schriftenverzeichnis); Hinweise von K. H. Menges.



[1] Die ungedruckte Dissertation »Das iranische Partizipialpräteritum« ist in Wien weder in der Zentralbibliothek noch in den Instituten vorhanden.

[2] Le Monde Oriental 15/1921: 184-258.

[3] In: Bull. Soc. Ling. Paris 25/1924: 52-63.

[4] Das ist umso bemer­kenswerter, als in parallelen Fällen die Fakultät keine solchen Bedenken hatte: zu den entschiedensten Gegnern von T.s »fachlich zu enger« Habilitation gehörte Kretschmer, der im parallelen Ver­fahren von Pfalz zu den entschiedenen Befürwortern gehört hatte, die Pfalz eine literaturwissenschaftliche Qualifikation ersparten (A. Pfalz [1885-1958]: Germanist/ Dialektologe an der Wiener Universität und der Akademie, wo er u.a. das Phonogrammarchiv aufbaute. Als NS-Aktivist, der schon vor 1938 aktiv war, hatte er nach 1945 Berufsverbot).

[5] Edgerton bescheinigte ihm, einer der »brillantesten« Sprachwissenschaftler überhaupt zu sein, was ausnahmsweise eine Förderung durch die Rockefeller Stiftung möglich machte, die generell einen vorherigen akademischen Status verlangte (im Gegensatz zu einer nur schulischen Position wie bei T.).

[6] Er dankt z.B. 1943 G. L. Trager für Hilfe bei der engli­schen Fassung seines Aufsatzes, s. Lg. 19/1943: 1.

[7] Allerdings war er vermutlich nie im Iran zu eigenen Forschungen, stütze sich also nur auf publizierte Quellen, so auch R. Schmitt (pers. Mitteilung).

[8] In: Z. f. Indologie und Iranistik 4/1926: 94-163.

[9] In: Lg. 19/1943: 1-18.

[10] In: Lg. 21/1945: 128-141.

[11] In: Lg. 44/1968.

[12] In: Lg. 24/1948: 346-387.

[13] In: Iranistik 2 (Teheran) 2003/2004: 1-15.