Stenzel, Julius    

Geb. 9.2.1883 Breslau, gest. 26.11.1935 Halle/S.

 

Nach dem Abitur 1902 in Breslau studierte S. an der dortigen Univ. Klass. Philologie: St. Ex. 1907, Promotion mit einer Dissertation (lateinisch verfaßt) zur griechischen Dichtung. Seit dem St. Ex. unterrichtete er an verschiedenen Gymnasien, seit 1909 auf einer festen Stelle in Breslau. Im Ersten Weltkrieg leistete er seinen Wehrdienst als Funker. 1920 wurde er an der U Breslau für Philosophie habilitiert und lehrte dort als Privatdozent neben seiner Schulstelle. 1925 o. Prof. für Philosophie U Kiel. Dort war er 1930 an der Relegation nationalsoz. Studierender aufgrund deren Störungen beteiligt, was die folgende Gegnerschaft des lokalen NS-Studentenbundes nach sich zog . 1933 wurde er aufgrund von studentischen Denunziationen suspendiert, nach der förmlichen Rehabilitation Ende des Jahres an die Univ. Halle/S. versetzt. [1]  Da S. mit einer „Nicht-Arierin“ verheiratet war, wäre er später auch Opfer der rassistische Verfolgung geworden. [2]

S. verfaßte zahlreiche Arbeiten in einem weit gesteckten Spektrum der griechischen Philosophie und der Philosophiegeschichte. Ein Schwerpunkt war dabei die griechische Mathematik, zu der er auf dem Intern. Mathematikerkongreß 1924 in Toronto einen Plenarvortrag hielt. Für die sprachwiss. Fachgeschichte sind seine theoretisch ausgerichteten Arbeiten wichtig, die sich eingehend auch mit den zeitgenössischen sprachwissenschaftlichen Arbeiten, bis hin in die Sprachtypologie und die Phonetik auseinandersetzen. Ausgangspunkt ist die griechische Philosophie, insbesondere Platon, an dessen Sprachbetrachtung S die Spannung von alltagsnaher Sprachpraxis mit ihrer konstitutiven Selbstreflexion zu einer formalen Modellierung analysiert, deren reine Form für ihn die Mathematik darstellt. Insofern gibt es Parallelen zu Husserls Unternehmung, auf die er auch explizit öfters zurückgreift.

Sein entsprechendes Arbeitsprogramm stellte er in seinem Habilitationsvortrag vor: "Über den Einfluß der griechischen Sprache auf die philosophische Begriffsbildung".[3]

Er präsentierte es explizit als Weiterführung von Humboldt: die sprachlichen Formen als Ressourcen für die Artikulation von Gedanken verstanden und insofern auch zu bewerten in Hinblick auf die in den grammatischen Formen symbolisierten kognitiven Strukturen: mit ihnen "arbeitet die Sprache der Begriffsbildung vor" (S. 162). Mit explizitem Verweis auf die damalige Sprachwissenschaft mit der Dominanz diachroner (etymologischer) Fragestellungen argumentierte er mit dem Konzept der Grammatikalisierung (einschließlich der Vorstellung von deren Zyklizität) und verwies auf die notwendige methodische Kontrolle (an Substitutionsmöglichkeiten in verschiedenen Kontexten), wobei er herausstellte, daß die Annahme von "Grundbedeutungen" zwar für die Analyse unerläßlich ist, in Hinblick auf die Sprachpraxis aber "imaginär" (S. 158). Relativ detailliert analysiert er die semantische Unterbestimmtheit von Medium (mit der Neutralisierung von Aktiv/Passiv-Oppositionen) und Aorist (aspektuell, nicht temporal  zu fassen) im Altgriechischen, als Schlüssel zur Ausbildung einer spezifischen philosophischen Reflexion (vor allem an Platon gezeigt).

Mit „Sinn, Bedeutung, Begriff, Definition. Ein Beitrag zur Frage der Sprachmelodie“ [4] führte er dieses Programm weiter. Dort differenzierte er die verschiedenen Ebenen der Sprachreflexion, die für ihn bei der „lebendigen Sprache“, also den Äußerungen der Sprachpraxis anzusetzen hat, mit deren Sinn als Grundbestimmung. Das ist zu unterscheiden von der kontextfreien Bestimmung sprachlicher Elemente, die die Definition von deren Bedeutung erlaubt, wie sie in Wörterbüchern zu fassen ist, aber auch die grammatischen Strukturen des Satzbaus. Diese formale Ebene ist den Äußerungen vorgängig und reguliert die Artikulationsmöglichkeiten der spontanen Sprache. Damit gibt sie auch Strukturen des Denkens vor, wie er auch hier vor allem auch für Elemente des (klassischen) Griechischen zu zeigen versuchte. Mit seiner strukturellen Analyse kritisierte er den unreflektierten Ausgang bei schulgrammatischen Kategorien in der zeitgenössischen Philosophie (z.B. bei der Rolle der „Copula“, S. 50-53). Den Horizont bildete für ihn die damalige Denkpsychologie (in diesem Text vor allem bei R. Hönigswald). Wie der Untertitel zeigt, hob er als Grundmoment der Analyse der „lebendigen Sprache“ die Analyse der prosodischen Strukturen (bei ihm: „Sprachmelodie“) heraus, die im Ausgang der Analyse von schriftsprachlichen Vorgaben ausgeklammert wird. Daß er sich im Feld der damaligen „Neuerer“ in der Sprachforschung plazierte, zeigt sich nicht nur in durchgängigen Verweisen auf Voßler, sondern z.B. auch auf E. Lewy (zu dessen geplanter / gescheiterter Habil.schrift zur Sprache des alten Göthe, S. 57).

Systematisch hat er dann seine Überlegungen in „Philosophie der Sprache“ entwickelt, [5] jetzt mit einem weitgespannten Verweis auf die zeitgenössische „linguistische“ Diskussion, angefangen bei Saussure (S. 13-14)[6]. Den Rahmen bildet auch hier Humboldt, mit dem grundlegenden Konzept der sprachlichen Formen als Artikulation von Gedanken, jetzt gewissermaßen gebrochen an der Husserlschen Modellierung mit einer „reinen Grammatik“ (S. 67). Durchgängig greift er zu typologischen Strukturvergleichen, um die Schranken einer schulgrammatisch beschränkten Sprachreflexion zu überschreiten (nicht nur zum Chinesischen, ausführlich zum Eskimoischen, Malaiischen u.a. – mit Finck als primären Gewährsmann). Die einzelsprachlichen Ausprägungen sind für ihn durch ihre Funktion für soziale Gemeinschaften definiert (auch hier mit Voßler als primärer Bezugspol), dabei mit der Spannung von letztlich biologisch verankerten Strukturen in der Phonetik gegenüber ihrer sprachspezifischen Ausprägung: hier mit der Diskussion strukturaler Modellierung bei Bühler gegenüber z.B. von Zwirners Phonometrie (aber z.B. auch mit einer Diskussion von Sievers‘ Schallanalyse). Dabei gleicht er seine Überlegungen mit einem breiten zeitgenössischen Spektrum ab, das von Diltheys Hermeneutik bis zu Cassirers „symbolischen Formen“ reicht.

Deutlicher noch als in den Frühschriften nutzte er hier gestalttheoretische Grundkonzepte, um grammatische Strukturen (z.B. Satz gegenüber einer Akkumulation von Wortformen) zu explizieren, auch hier wieder mit der Prosodie als Grunddimension der Analyse der „lebendigen Sprache“. Aber diese deskriptive Ebene ist bei ihm aufgehoben in einer analytischen Ausrichtung auf Fragen des Sprachausbaus: mit der Bestimmung der formalen Ressourcen als Voraussetzung für die Erstellung „höherer (kognitiver) Gebilde“, die die Ebene der Repräsentation von Anschaulichem überwindet. Ihre Leistung (in der Humboldtschen Traditionslinie: vor allem die einer reichen Flexion) liegt in der damit ermöglichten Verdichtung von Gedanklichem und der Artikulation von Sachverhalten, die die Schranken der Anschauung überwinden. Dabei dient ihm einerseits die Mathematik als analytische Folie, andererseits aber expliziert er mathematische (logische) Strukturen als nur partielle Symbolisierung von natürlich-sprachlichen (in der Antrittsvorlesung 1920 sprach er vom "natürlichen Leben der Sprache", a.a.O. S. 158), die allerdings in dieser Hinsicht deren Potentiale ausreizen – während sie gerade deren Leistungsfähigkeit durch die nicht formal vereindeutigte Interpretation der Symbole kappen. Vor dem Hintergrund seiner gräzistischen Arbeiten versteht es sich von selbst, daß auch der künstlerische Umgang mit den sprachlichen Ressourcen eine zentrale Rolle hier spielt (er expliziert sie in gewisser Weise als dessen Optimierung, S. 100ff.).

Während S. in den sprachtheoretisch orientierten deutschen Arbeiten der Nachkriegszeit noch eine zentrale Rolle spielte, ist er, soweit ich sehe, aus der jüngeren Diskussion völlig verschwunden, auch da, wo explizit von „Sprachphilosophie“ die Rede ist.

Q: Nachruf von W. Jäger in: Gnomon 12 / 1936: 108-112. Wikipedia (zuletzt abgerufen im Mai 2017) mit ausführlichen Verweisen.    


[1] S. dazu R. Uhlig (Hg.), Vertriebene Wissenschaftler der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel (CAU) nach 1933, Frankfurt /M.: Lang 1991: 32 – 33. Die Betroffenen von dieser relativ niedrigen Schwelle der Repression sind im Katalog nicht systematisch dokumentiert, s. dazu Maas (2016): 171 - 176. Das Beispiel S steht hier exemplarisch, weil er auch von der rassischten Verfolgung bedroht war, vor allem aber auch in Hinblick auf seine Position in der zeitgenössischen theoretisch orientierten Sprachforschung.

[2] Seine Witwe emigrierte 1939 mit ihrem Sohn in die USA; ihre Mutter nahm sich das Leben.

[3] publiziert in: Neue Jahrbücher für das klassische Altertum, Geschichte und deutsche Litteratur und für Pädagogik 24/ 1921: 152-164.

[4] In: Jahrbuch für Philologie 1/ 1925: 160 – 201 (als monographische Schrift nachgedruckt Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 1965) – also nicht zufällig in einem programmatisch verstandenen Sammelband der „Neuerer“, hgg. von Klemperer und Lerch.

[5] Zuerst im „Handbuch der Philosophie“, Abt. IV, publiziert (München: Oldenbourg 1934), nachgedruckt: Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 1964.

[6] Selbstverständlich (!) auf den französischen Text.