Storfer, Adolf (ab 1938: Albert) Josef

Geb. 11.1.1888 in Botoşani/Rumänien (damals: Deés/Siebenbürgen), gest. 2.12.1944 in Melbourne/Australien.

 

S. stammte aus der mehrsprachigen Region im Nordosten Rumäniens: die Familiensprache war Ungarisch, daneben sprach er Rumänisch und Deutsch. Sein Abitur machte er in Cluj (Klausenburg), wo er bereits als Schüler eine sozialistische Zeitschrift herausgab, wegen der er vorübergehend inhaftiert wurde. Er studierte Jura, daneben aber auch Philosophie, Psychologie und vergleichende Sprachwissenschaft, zunächst in Cluj, dann in Zürich. Daneben war er journalistisch tätig. Das Studium führte er nicht zu Ende. Zeitweise arbeitete er für die Frankfurter Zeitung. In Zürich hatte er schon Verbindung zur neuen psychoanalytischen Bewegung (zu C. G. Jung), darüber schließlich Verbindung zu Freud in Wien, wohin er auch ging, um bei Freud eine Lehranalyse zu machen (nach 1918 abgeschlossen). Er arbeitete mit Freud eng zusammen und veröffentlichte auch psychoanalytische Werke (1911 »Zur Sonderstellung des Vatermordes«, 1914 »Marias jungfräuliche Mutterschaft. Ein völkerpsychologisches Fragment über Sexualsymbolik« u.a.).

Am Ersten Weltkrieg nahm er als Freiwilliger teil, zuletzt im Rang eines Leutnants. Bei Kriegsende organisierte er in seinem Regiment einen Soldatenrat. Nach dem Friedensschluß war er auf Seiten der ungarischen Revolution, zuletzt im Rang eines Majors in der Armee. Nach deren Niederlage mußte er vor den Horty-Truppen nach Wien fliehen. Dort war er wieder journalistisch tätig, baute vor allem aber mit Freud den Psychoanalytischen Verlag auf, dessen Leitung er seit 1925 hatte. Er war an der Herausgabe von Freuds Werkausgabe (1924-1928) beteiligt und gab die Zeitschriften Die psychoanalytische Bewegung und Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik heraus. Praktiziert hat er allerdings nie. 1932 kam es zu einem Konflikt mit Freud, der daraufhin seine Entlassung durchsetzte.

S. verlegte sich seitdem auf Sprachuntersuchungen, zu denen er auch eine Monographie veröffentlichte: »Wörter und ihre Schicksale«,[1] mit reichem Material, das er alphabetisch auf 543 Seiten präsentierte (vor allem auch mundartliche Formen, Parallelen in anderen Sprachen, vor allem Französisch). Recht systematisch führte er anhand von Wortgeschichten eine dynamische Bedeutungsanalyse durch, bei der die formale Etymologie zur Kontrolle dient (mit einer erstaunlichen Belesenheit in der einschlägigen Forschung), mit dem Akzent auf der Restrukturierung von Bedeutung, bei der sekundäre Motiviertheiten den Ausschlag geben (mehrfach mit Hinweis auf die Arbeiten von H. Sperber). Die offizielle Sprache erweist sich dabei als Zensurinstanz, wie er am Beispiel von Volksetymologien zeigt (Freuds Traumdeutung fungiert hier als analytisches Modell). Damit setzte er in gewisser Weise Freuds Überlegungen zur unbewußten Spracharbeit um. Im einzelnen gibt er durchaus auch formale Analysen, so zu den (verdunkelten) Diminutivbildungen (S. 532-543).[2]

Das Buch war ein ausgesprochener Markterfolg, vor allem auch in Deutschland, weil S. hier auch sprachliche Formen diskutierte, mit denen die nationalsozialistischen Verhältnisse zur Sprache kamen (Stichwörter wie Bonze, die Diskussion von Braunhemden, aber auch die Etymologie von Eigennamen wie Goebbels, Mussolini u.a.). Das führte allerdings dazu, daß die Partei den Vertrieb des Buches schließlich unterband (nachdem es zunächst sogar von Nationalsozialisten gelobt worden war).[3] S. setzte dieses Unternehmen mit einem Folgeband fort: »Im Dickicht der Sprache«,[4] der wiederum lexikalische Merkwürdigkeiten versammelt und erläutert, jetzt auch mit ausgiebiger Exzerpierung von Dialektwörterbüchern (ohne Quellenbelege, dafür aber öfters mit Verweisen auf die Fachdiskussion, insbes. auf Spitzer), mit systematischeren Abschnitten, die einen ironischen Kommentar zu den aktuellen Verhältnissen darstellen, etwa zu »pseudo-jüdischen Wörtern« (135-137), ausführlich über »Sprachmengerei« mit Beobachtungen zum Codeswitchen bei Auswanderern, zum Pidgin u.a. (S. 211-224).

Nach dem Anschluß mußte S. als Jude emigrieren. Nach vergeblichen Versuchen, in die USA oder in die Schweiz auszureisen, floh er 1938 nach Shanghai. Auf der Flucht verlor er sein letztes großes sprachanalytisches Werk (über Vornamen), das er wohl im Manuskript schon fertiggestellt hatte. In Shanghai war er journalistisch tätig und gab 1939 die »Gelbe Post« heraus.[5] Auch hier finden sich wieder sprachanalytische Glossen zu psychoanalytischen Fragen, wie zu dem Problem, ob und wie eine Psychoanalyse in chinesischer Sprache möglich sein sollte, und auch sprachliche Beobachtungen z.B. zu einem zentralen Thema seines Buchs von 1937, dem Pidgin. Als seine finanziellen Mittel erschöpft waren, mußte er seine Zeitschrift Ende 1939 verkaufen, wonach sie unter gleichem Namen, aber mit anderer Ausrichtung noch weiter erschien. Sie verstand sich bewußt als Emigrantenzeitschrift – vor allem auch im Kontrast zur daneben in Shanghai erscheinenden NSDAP-Zeitschrift. Das offizielle Deutschland reagierte darauf, indem es S. im August 1940 als Gegner ausbürgerte. Er arbeitete danach noch bei einem britischen Rundfunksender und wurde von den Engländern kurz vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941 nach Australien gebracht. Dort mußte er von Gelegenheitsjobs leben (u.a. der Arbeit in einem Sägewerk) und konnte seine sprachanalytischen/journalistischen Tätigkeiten nicht mehr aufnehmen. Er verstarb nach einer schweren Krankheit.

Q: DBE 2005; N. Henneberg, »Bohemien, Räuberhauptmann und Sprachforscher. Der vergessene Wiener Etymologe A. J. S.«, in: Die Horen 48 (4)/2003: 61-74; P. Rosdy, »A. J. S., Shanghai und die Gelbe Post«, Wien: Turja und Kant 1999; J. Kalmer, »Storfer und die Wiener Sprache« (zuerst in: China Daily Tribune v. 23.4.1946), repr. in: Rosdy (s.o.) : 22-23; F. Kreissler, „A. J. S. Ein Wiener Intellektueller in Shanghai«, in: P. Muhr u.a. (Hgg.), »Philosophie, Psychoanalyse, Emigration« (FS K. R. Fischer), Wien: Universitätsverlag 1992: 180-193.[Biographie und Bibliographie von C. Rothländer in:] http://www.padd.at/padd/Web_open/detailbiography.jsp?id=747&pid=747&lang=1&Blang=1&ne=747 (Oktober 2012).


[1] Berlin: Atlantis 1935.

[2] Entsprechend hat Kris das Buch auch als psychoanalytisches Werk besprochen (in: Imago 31/1935: 260).

[3] Eine Blütenlese der ungemein lobenden Besprechungen findet sich im Anhang des folgenden Buches (1937), in der Neuausgabe 2000: 302-303.

[4] Wien: Passer 1937.

[5] S. Rosdy (Q) sowie zum politischen Kontext Freyeisen 1999. Er begründete sie nur 4 Monate nach seiner Ankunft als halbwöchentliche Zeitschrift.